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Erste Ansätze des Babys sich umzudrehen: als würde es sich selbst umblättern wollen. Sein Körper, übervoll mit ihm selbst, unterzieht sich einer höchst langsamen Findung. Und wir, die täglichen Betrachter, stoßen auf einen Gedanken, der hier gar nicht herzugehören scheint: das Baby ist ganz und gar in Sprache gehüllt. So dicht und lückenlos, dass wir sogar glauben wollen, es kommt aus der Sprache. Und damit nicht genug: es ist Sprache. Zu unserer Bestätigung  schmatzt unser Baby mehrmals (wir sind durchaus eigensinnig in unserer Deutung).

The baby’s first attempts to roll over: as if trying to turn a page that is himself. His body, filled to the brim with himself, submits itself to an extremely slow discovery. And we, the daily observers, strike upon a thought that doesn’t seem to belong here at all: The baby is altogether wrapped in language. So densely and thoroughly that we are almost tempted to think he originates in language. And not just that: He is language. Our baby confirms our finding with several smacks of his lips (we are quite obstinate with our interpretation).

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Als lebte man zwei Leben: eines als Baby und eines danach. Dass wir selbst einst Baby waren – nur die Erzählungen der Anderen lassen es uns glauben. Die eigene Erinnerung versagt, ist das falsche Mittel, sich den Babyzustand wach zu rufen. Das Baby ist sich selbst gleich, seine Gegenwärtigkeit ist vollkommen. Setzt die Erinnerung in unserem Leben ein, scheinen wir uns von uns zu trennen und unsere Präsenz wird schwach oder versiegt. Kommt unser Baby auf die Welt, beginnt unsere Wiedergeburt (als Baby). Und eine andere Art von Erinnerung findet uns. Eine Erinnerung, die sich an nichts erinnert und doch so genannt werden will. Sich so zu erinnern, sich so an nichts zu erinnern, ist nicht ungefährlich, lächelndes Baby!

As if one were living two lives: one as a baby and one afterwards. That we ourselves were once a baby – only other people’s stories can make us believe that. One’s own memory fails, is the wrong means to awaken the condition of babyhood in oneself. The baby equals itself, his presence is perfect. As soon as memory enters our life, we seem to divide ourselves from ourselves and our presence grows weak or dries up. As soon as our baby comes into the world, our rebirth (as a baby) begins. And a different kind of memory finds us. A memory that remembers nothing and yet wants to be known by that name. To remember like this, to remember nothing like this, is not without danger, smiling baby!

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Etwas über das Baby zu sagen, das wahr ist (also etwas, das von einer Dauer ist, die nicht ausleiert, schrumpft, versickert). Ein verständlicher Wunsch, der mir gleich mit dem nächsten Atemzug rätselhaft, dann leer vorkommt. Ich habe Lust, angesichts meines Babys streng zu mir zu sein: meinen Gedanken ist es ein sattes, zufriedenes Unglück, das ich unbedingt nähren muss wie es selbst. Am besten ist es, mich in der hinter den Berg gleitenden Sonne zu blenden und gemeinsam mit ihrem Untergang die Augen zu schließen: wie kann etwas unwahr sein?

To say something about the baby that is true (meaning something that lasts, that does not wear out, shrink, dissolve into nothing). An understandable wish, which immediately strikes me as puzzling, then empty. In view of my baby, I feel like being strict with myself: He makes of my thoughts a well sated, contented failure, which I must nurture at all costs, as I nurture him. The best thing to do is to let the sun blind me as it glides behind the mountain, and to shut my eyes in concert with its setting: What is there that could be untrue?

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Unverwandt fragen wir das Baby (fast ist es so, als würden wir es zur Rede stellen): wie macht das Wasser das bloß, sich mit sich selbst zu verbinden und verbunden zu bleiben? Und das erst: wenn die Verbindung abreißt, hat es sie, viel viel weniger als einen Augenblick später, schon wieder hergestellt. Und das Wasser hier und das dort drüben ist genauso voneinander geschieden wie es sich gleicht. Wie macht es das? Und das mit seiner Bewegung und Ruhe: wie die eine in der anderen steckt, aus ihr hervorgeht und wieder in sie zurückfällt. Und überhaupt: es hat nichts gegen seine Ufer und überspült sie ein ums andere Mal ohne Wehmut, ohne Zorn, ohne Vorsatz. Wie macht es das? Das Baby liegt nah am Wasser, aber es schaut es nicht an (fast ist es so, als wäre ihm das Wasser gleichgültig).

With steady persistence we ask the baby (almost as if we were taking him to task): How in the world does water manage to bond with itself and remain bonded? And then this: When the bond is severed, it takes much much less than a moment to reestablish. And the water here and the water there is just as separate as it is the same. How does it do that? And the way movement and stillness behave in it: how each includes the other, emerges from the other, how both collapse into each other. And on top of that: It has nothing against its shores and overruns them again and again without wistfulness, without anger, without intent. How does it do that? The baby lies near the water, but doesn’t look at it (it’s almost as if it doesn’t care about water at all).

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So kommt es uns vor (als wir die Füße des Babys kurz in den kühlen See eintauchen): ohne Bedürfnisse würden wir zugrunde gehen. Ihr Nichterfüllung allein genügt dafür nicht. Mit der Nichterfüllung kann man leben. Aber ohne etwas zu wollen nicht. Warum sonst sind wir auf die Welt gekommen, wenn dahinter nicht das Bedürfnis nach Geburt steckte? (Und während das Baby sich von uns halten lässt, spüren wir die Hände, die schon so lange nach uns greifen.)

This is how it seems to us (as we briefly dip the baby’s feet into the cool lake): Without needs we would perish. Their non-fulfillment alone would not be sufficient for that. One can live without having one’s needs fulfilled. But not without wanting something. Why did we come into the world if not to fulfill a need to be born? (And while the baby allows itself to be held by us, we feel the hands that have been reaching for us for so long.)

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Heimatlos wie es ist, ist das Baby überall zuhause (unseren jahrhundertelangen, glücklosen Versuch, Heimat zu erwerben, überspringt es). Oben auf dem Pass, den wir gerade überqueren, berührt seine Hand die frühlingshafte Weichheit des Schnees. Es versucht ihn zu greifen. Was an seinen Fingern hängen bleibt, sind Tränen. Es sieht uns an, als würde es sich dieser Poesie verweigern: hier bin ich.

Homeless as he is, our baby is at home everywhere (skipping our centuries-old, fruitless attempt to acquire a homeland). Up here on the pass we are crossing right now, his hand touches the vernal softness of the snow. He tries to grasp it. What clings to his fingers are tears. He looks at us as if refusing this poetry: Here I am.

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Es gefällt uns eitel zu sein. Wir sonnen uns im Glanz des Babys. Eine goldene Leere, der wir uns mit Leichtigkeit hingeben, schenkt uns Zufriedenheit. Es ist keine Kunst, eitel zu sein, kein Vermögen, keine Aufgabe, kein Streben. Wir machen keine Religion aus unserer Eitelkeit, sie braucht kein bißchen Glauben. Sie ist, wie sie ist oder ganz anders (jedenfalls sind wir gewiß zu eitel, als dass wir das entscheiden wollten). Jetzt leuchtet das Baby. Ein rätselhaftes Leuchten ohne Schwankung.

We take pleasure in being vain. We bask in our baby’s radiance. A golden emptiness, to which we abandon ourselves with ease, provides us with satisfaction. Being vain takes no skill, no talent, no effort, no striving. We don’t make a religion of our vanity, it requires no faith. It is the way it is, or maybe it’s totally different (we’re probably too vain to decide one way or the other). Now the baby is glowing. A mysterious, unvarying glow.

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Ganz und gar im Tun ist die Zeit verloren. Es ist wie ein Befehl: kommt nicht zur Ruhe! Eine Übung, die uns deshalb soviel Freude bereitet, weil sie dem widerspricht, was wir als eine richtige Übung betrachten. Tag der Organisation, Planung, Vorbereitung – alles für unser Baby. Notwendige Dinge, unaufschiebbare Dinge. Keine Zeit durchzuatmen: damit können wir die Zeit überlisten. So, in allem Gleichmaß unserer Seele gestört, schimmert ein unbekannter Friede.

Time is lost in a whirlwind of action, completely and utterly. It’s like a command: Don’t come to rest! A practice that gives us such pleasure because it is the opposite of what we would consider true practice. A day of organization, planning, preparation – all for our baby.  Necessary things, things that cannot be delayed. No time for a deep breath: in this way we cheat time. Thus, in the disturbed symmetry of our souls, ther shines an unknown peace.

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Während wir Fotos von unserem Baby machen (mit ihnen werden wir unserem Kind später einmal etwas beweisen), wird uns bewusst, dass das Baby unser Selbstauslöser ist. Wir könnten auch sagen: unser Selbstlöser. Und genauso gut: unser Selbstauflöser. Betrachten wir das Baby, sehen wir uns (in seinem nicht mehr wie anfänglich ganz und gar flüssigen Blick), doch nicht wie in einem Spiegel, nicht wie auf einem Foto, bildlos. Es ist ganz einfach: wir sehen uns selbst, aber nicht so wie wir uns selbst sehen.

While taking pictures of our baby (we will use them to prove something to our child later on), we realize it’s the baby who trips our shutter: he is our self-timer. We could also say he is our self-release; or our self-dissolution. When we look at the baby, we see ourselves (in his gaze, which is no longer totally liquid, as it was in the beginning), but not as if in a mirror, not as if in a photograph, imageless. It is quite simple: We see ourselves, but not as we see ourselves. 

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Egal, wo das Baby liegt, es liegt immer in unserer Mitte. Die Mitte selbst kennt keinen Ort: so kann das Baby sogar unsere Mitte sein. Das wollen wir uns nicht näher erklären. Lieber blicken wir hinüber zu den Bergen. Ein wenig Schnee ist gefallen. Auf einem Sattel zwischen zwei Gipfeln liegt ein weißes Bündel; man kann sogar das Köpfchen erkennen. Und das Bändchen des Seidenmützchens. Wir sehen solange dorthin, bis wir zu schwärmen beginnen: es ist phantastisch!

No matter where the baby lies, it always lies at our center. The center itself knows no place: Thus the baby can even be the center of ourselves. We don’t care to explain this to ourselves. We prefer to look over to the mountains. Some snow has fallen. On a saddle between two peaks lies a white bundle; you can even make out the little head. And the strap of the little silk cap. We keep looking until our speech starts brimming over: it’s fantastic!