Das sechste Jahr

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Die Entfernung wächst mit.

Entfernung ist eines der vielen sonderbaren Worte, die ihr Gegenteil wie einen Schatten stets mit sich führen (vielleicht stützt und bewegt auch umgekehrt der Schatten den Vordergrundsinn des Wortes). So wie wir (du, ich) die Größe unseres Sohnes (aktuell 1,16 m) messen können, so wie wir sein Alter zählen (aktuell 5 ¾), so können wir, wenn auch nie ganz so eindeutig, seine Entfernung zu uns messen. Sicher ist: er entfernt sich von uns, nicht täglich ein Stück mehr, nicht kontinuierlich, doch immer wieder gibt es diesen Sprung, der ihn aus unserem Blickfeld führt, in eine Weite, die uns staunen macht, erfreut, beunruhigt. Wo geht er eigentlich hin, wenn er sich entfernt? In den Ferien verlässt er unser gemietetes Haus an der Rance mit mehrere Postkarten in der Hand und der deutlichen Mitteilung, dass er nun zum Briefkasten zu laufen beabsichtige. Er geht die kleine, enge Straße mit dem kaputten Belag entlang, zielstrebig und wie es scheint, selbst in einer Art Sinnen versunken, über die Dimension seines Sichentfernens. Zugleich ist er entschieden, deutlich entschlossen, unbeirrbar in seiner Absicht. (Ich trete, als er sich schon ein gutes Stück entfernt hat, vors Haus, um ein Foto dieses Ausflugs zu machen. Das Foto soll ihn festhalten in seinem Fortgehen, und auch seine Entschlusskraft dokumentieren – vielleicht will ich uns die Wahrheit dieser Augenblicke beweisen, denn die Klarheit des Fortgehens unseres Sohnes könnte uns ein Vorbild sein für zweifellose, notwendige, gut gespürte Entscheidungen, die das Leben von uns fordert). So geht er dahin, vorüber an violett blühenden Stockrosen, doppelt so groß wie er selbst, an ausladenden, urmütterlichen, zartrosanen Hortensien, geht in angemessenem Tempo mit seinen braunen Flip-Flops, die wir am Strand in St. Lunaire gekauft haben und verschwindet am Ende der sanft gebogenen Straße hinter der letzten Hausecke. Nun ist er fort, außer Sicht. Wirft wahrscheinlich die Postkarten in den Briefkasten ein. Es ist ein Moment des Getrenntseins, der für sich steht und gewissermaßen absolut ist. Jeder lebt für sich allein bei aller gedachten und erlebten Verbundenheit. Ein Schreck fährt mir durch die Glieder, ein wohliger Schreck, ein glücklicher Schreck, der immer die Momente kleiner Erkenntnisse begleitet: ein bißchen Wahrheit, nichts sonst. Auf diese Weise erfrischt, sehe ich unseren Sohn zurückkehren. Er ist verändert, denke ich sofort, obwohl ich, da er noch weit entfernt ist, keine Züge in seinem Gesicht unterscheiden kann. Er kommt langsamer zurück, als er fortgegangen ist. Eine durchsichtige Traumwolke umhüllt ihn, es sieht so aus, als könnte sie ihn vom geraden Weg abbiegen und in irgendeinen Vorgarten treten lassen. Er spricht mit sich oder er singt ein Lied, nein, am ehesten sieht es nach halblautem Gemurmel aus, halbsinnvollem Zeug, nach Gedanken, die sich halb im Kopf, halb draußen im Freien befinden (wieder mache ich Fotos von ihm, nicht ganz ohne Schuld- und Schamgefühl, darüber, diese Intimität und dieses schwebende Beisichsein ohne Erlaubnis festzuhalten. So verführerisch die Fotografie ist, eigentlich ist sie doch nichts als eine große Unverschämtheit, – was meinst du?). Schon sehr weit vorangekommen, erblickt er mich. Lächelt. Fühlt er sich ertappt? Ein bißchen. Dann freut er sich, winkt mit beiden Armen und erzählt mir etwas von einer Pflanze, die unter dem quadratischen Gullygitter wächst, die in einem dunklen Schacht wurzelt, wo es keine Erde gibt, die sie hält und an der sie sich festhalten kann. Ihr Blütenköpfchen stößt fast an das Eisen des Gitters, aber es kann doch jetzt nicht mehr weiterwachsen, die Abstände im Gitter sind zu eng. Oder, Mama? Du bist dazugekommen, dir gilt diese Frage, du bist die, bei der unser Sohn stets seine Fragen nach den Welträtseln mit einem nachgestellten: oder, Mama? enden lässt. Die an mich gestellten Fragen enden mit einem simplen Fragezeichen und ich frage mich nun selbst, ob denn der Abstand zu uns, zu dir, zu mir, zum gleichen Zeitpunkt der gleiche ist, oder ob es einen Unterschied gibt, ob wir unterschiedliche Trabanten sind, die unseren Sohn in unterschiedlichen Entfernungen umkreisen. Entfernen am Ende wir uns von unserem Sohn und so sehr wir uns zu ähneln glauben, doch mit unterschiedlichem Tempo und unterschiedlichem Vorankommen. Wir wollen am liebsten unserem Sohn die Bürde und Pflicht und Freunde und Furcht des Sichentfernens zurechnen, und vergessen dabei unsere eigene Bewegung. Wir wollen es der Entwicklung unseres Kindes zurechnen, und vergessen dabei unsere eigene. Morgen geh ich wieder zum Briefkasten, sagt es. Ich könnte auch mal zum Bäcker gehen. Willst du mitkommen?

 

 

Das fünfte Jahr

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Das Urteil fällt

Alle Kinder. Alle einundzwanzig Kinder aus der Kindergartengruppe (der Blauen Gruppe) gehören dazu. Der Fluch der Ausgrenzung bleibt noch unausgesprochen. Was immer jedes Kind tut, es gehört dazu. Das Tun jedes Kindes wird wahrgenommen, aber es hat nichts mit seiner Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zur Gruppe zu schaffen. Auch nicht, was jedes Kind spricht oder nicht spricht, oder wie es spricht, oder in welcher Sprache. Alles wird wahrgenommen als das, was es ist. Die meisten Dinge, die die anderen Kinder tun, werden, wenn überhaupt etwas darüber berichtet wird, mit großem Gleichmut erzählt. Ja, das war schon lustig, was der Soundso gemacht hat, ja, und das Andere war verboten und das Dritte war schön. So geht es zu in der Welt: manches ist erlaubt, manches verboten, aber daraus leitet sich nichts ab, kein Gut und Böse, keine Bewertung, die Folgen für den Täter hätte. Oder die Täterinnen, die drei ältesten Mädchen, die ständig etwas aushecken und immer wieder den Kleineren etwas anschaffen. Es gibt eben die, die anschaffen und die, denen angeschafft wird. Aber daraus leitet sich nichts ab, kein Besser, kein Schlechter. Es geht um Vollständigkeit. Vollständig heißt alle. Alle Dinge, alle Kinder, die ganze Welt. Dann ist die Welt vollkommen. An ihr selbst ist die Welt immer vollkommen, sie kann gar nicht anders als vollkommen sein. Die Welt fühlt wie ein Kind: Alles, was ich bin und sein kann, gehört zu mir. Es fängt ganz einfach an. Wir blättern ein Album mit Tieren durch oder eine Schuhbeilage in der Tageszeitung. Unser Sohn möchte jedes einzelne Tier (oder jeden einzelnen Schuh) betrachten und etwas dazu sagen. Dieses Tier hat große Ohren, dieses Tier sieht wild aus, wie heißt dieses Tier? (Dieser Schuh ist spitz, dieser Schuh hat keine Schuhbänder, wie heißt dieser Schuh?) Überspringen und weiterspringen ist nicht erlaubt. Kein Tier, kein Ding wird ausgespart (was wir nur zu gern tun würden. Wir – du, ich: darin unterscheiden wir uns überhaupt nicht – möchten immer auswählen, vorsortieren, unseren Zwecken gemäß; die vollständige Betrachtungsweise ist uns ziemlich fremd, auch, weil sie reine Zeitverschwendung ist), alles, alles, alles ist gleich wichtig oder gleich unwichtig. Das Interesse unseres Kindes ist ungeteilt, was nicht bedeutet, es sei beliebig. Dieses Tier mag ich gern, dieses Tier mag ich noch lieber. Und das gilt auch für die Kinder im Kindergarten: Der Soundso ist schon nett, aber er ist nicht mein Freund. Doch wer nicht Freund ist, gehört genauso dazu, ist fester Teil der Gruppe. Selbst, wenn unser Sohn auswählt, verliert er nicht den Blick für die Vollständigkeit. Wir (die Naiven) denken, trifft unser Junge seine Wahl, dann ist das ein Tun, das unserem Wählen ähnlich oder gar gleich ist (so denken wir im Übrigen fast immer: Erkennen wir sein imitierendes Tun, glauben wir sogleich, der Modus seines Tuns sei der gleiche, in dem wir handeln; die Unschuld des Kindes nicht aus dem Blick zu verlieren, ist eine große Herausforderung, eine noch größere, sie überhaupt in den Blick zu bekommen). Erst fiel es unserem Kind schwer, zu wählen. Wieso das Eine wählen und nicht das Andere? Wählt man das Eine, verliert man dann nicht alles Andere? Ist das nicht ein unnatürliches Vorgehen? Eine Freundin besucht unseren Sohn. Am Ende des Nachmittags darf sie sich etwas von Dingen ihres Freundes aussuchen, ausleihen und mit nach Hause nehmen. Diese Wahl dauert. Und dauert. Und dauert, denn es bedarf auch noch der Zustimmung unseres Sohnes zu dem, was sie auswählt. Wieder hat es den Anschein, jede Wahl will wohlüberlegt sein. Wichtig ist die Verhandlung zwischen den beiden. Kann ich das? Das nicht! Wills du das? Das nicht! Vielleicht aber ist die Wahl, die Auswahl nur eine Rücksichtslosigkeit den anderen Dingen gegenüber, und fällt deshalb so schwer. Würde die Freundin nicht am liebsten alles ausleihen? Und fällt es dem Verleiher nicht deshalb so schwer, etwas herzugeben, weil damit die Ganzheit seines Besitzes zerstört wird? Da fällt uns unser Meister, das Baby, wieder ein. Er ist immer noch aktiv. Sein in Allem-Zuhause-Sein ist die am höchsten entwickelte Seinsweise, von der Abschied zu nehmen ebenso schmerzhaft, wie unabdingbar zu sein scheint. Das Baby urteilt nicht. Urteilen macht einsam. Die Gegenwart urteilt ununterbrochen. Das bringt nicht zusammen. Keiner darf und soll sein, wie er ist. Das Baby kümmert es nicht, wie jemand ist. Die Kinder kümmert es schon, aber ihr Urteil ist eher ein betrachtendes. So und so ist der also, interessant. Urteilen heißt in diesem Fall: sehen, wie sich jemand oder etwas verhält. (Aber es ist doch notwendig, urteilen zu lernen, denken wir, du, ich, wie sonst könnte man sich zurechtfinden in der Welt, wie sonst etwas erreichen? Bei Georg Steiner lesen wir: Echtes Lehren hat man als imitatio eines transzendenten oder, genauer, göttlichen Enthüllungsaktes angesehen … – verwunderlich – oder gerade nicht? -, dass auch der kluge Lehrer Georg Steiner die Lehrerschaft von Baby und Kind in keinster Weise bedenkt. Es ist gerade so, als würde der Lehrer wie ein Sonnenstrahl durch den lange bewölkten Himmel stoßen, wenn ein langer Teil des Lebens schon vorbei und die große Vernuft erwacht ist. Wir blicken auf unseren Sohn. Der Lehrer ist da, nicken wir uns zu. Der vollkommen uneitle Lehrer, der in seinem Tun und Sprechen seine alte Meisterschaft verrät. Der nicht lehrt, indem er lehrt.) Das ist blöd, ruft unser Sohn und auch seine Lieblingsfreundin ruft: das ist blöd! Wir haben nicht mitbekommen, worum es geht. Das ist blöd, das ist blöd, das ist blöd, rufen die beiden im Chor. Und dann lachen sie, lachen und lachen, als gäbe es nichts Lustigeres als solch ein lautes, plumpes, gemeines Urteil.

 

 

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Du, das Tier und ich.

Der Zoo ist vielleicht der einzige Ort, an dem wir Klarheit über uns erhoffen können. Und die Klarheit wächst, in dem Maß, indem die Besucher des Zoos weniger werden. Überhaupt: zuviele Menschen verstellen schnell den Blick (in der Menge badend ist es nahezu unmöglich, einen klaren Kopf zu behalten). Es ist Winter und schon Nachmittag (wir haben sehr getrödelt, eigentlich wollten wir unseren Zoobesuch früher beginnen, doch hatten wir schon im Trödeln den Eindruck, dass es ein sinnvolles Trödeln sei, das uns sogar nützen könnte). Wir beginnen beim Maushaus. Sehr hübsche schwarze Mäuse mit langen Schwänzen sehen wir (unser Sohn, ich), die zu dieser lichtschwachen Nachmittagsstunde munter unterwegs sind, in ihrer wohl gestalteten Mäusewelt mit Häuschen und Wippen und Brücken und Rampen und reichlich Knabbernahrung. Die Mäuse bewohnen einen ehemaligen Kiosk mit großen Glasscheiben, für die Kinder gibt es zurechtgesägte Baumstämme, auf denen sie stehen oder knien für den richtigen Überblick. Die noch zahlreichen Betrachter des Mäuselebens sind entzückt über die süßen, flinken, eifrigen Wesen mit den Zitterschnauzen in ihrem idyllischen Diorama und auch unser Sohn spricht durch die Glasscheibe zu einer Maus und klopft mit dem Finger an die Scheibe, um sie auf sich aufmerksam zu machen (so sind wir Menschen, wir wollen, dass die Tiere uns sehen, dass sie Kontakt mit uns aufnehmen, dass sie uns erkennen und beschnuppern und bestaunen: sollen sie uns doch bitte für einige der ihren halten, auch wenn wir so gar nicht mausartig aussehen, wir wollen nicht die ganz anderen Lebewesen sein. – Das mit den Tieren ist wirklich eine ernste Angelegenheit, sagst du später, als wir dir von unserem Zoobesucht berichten). Nach einiger Zeit ist es genug mit den Mäusen, die Betrachtung von Mäusen erschöpft sich wie die Betrachtung von Gemälden, wir können nicht zu lange bei nur einer Spezies, bei nur einem Bild verweilen. Es gibt noch soviel anderes. Unser Junge wechselt schnell seine Absichten. Den Strauß will er sehen, fünf Schritte später die Elefanten, dann die Flamingos und was ist mit dem Spielplatz und der großen Hängebrücke? Den Strauß, den wir in der Nähe des Zebras vermuten, finden wir nicht. Im Elefantenhaus steht ein Elefant allein in der Ecke, während die anderen Tiere mit dem Rüssel Reste aus einem hoch hängenden Futterkorb ziehen. Haben Elefanten Zähne und überhaupt einen Mund? Ja, über einen großen Backenzahn können wir im Infobereich mit der Handfläche streichen. Wir sind glücklich darüber. Auch die anderen Besucher sind glücklich, bei den Tieren sind alle Menschen glücklich. Die Menschen lieben die Tiere. Lieben Elefantenzähne. Wir treten aus dem Elefantenhaus, es dämmert. Wir sehen ein Tier, das wie ein Pferd aussieht (vielleicht ein Einhorn? sage ich, Einhörner gibt`s gar nicht in echt, sagt er). Unser Junge läuft über die Hängebrücke, klettert ein paar Mal über ein mit dicken Tauen verbundenes Gerüst. Wie ein Affe, rufe ich. Die Affen, ruft unser Kind, die Affen, wir müssen noch zu den Affen! Es ist schon fast dunkel, als wir die Welt der Affen betreten. Und die Menschen, gerade noch so zahlreich, sind wenige geworden. Wir bleiben nur kurz bei den kleineren Affen, den Blaumaulmeerkatzen und Listzäffchen, denn unser Sohn will weiter, zu den größeren Affen, zu den richtigen Affen. Da sind sie: Die Orang-Utans. Da sind sie, hinter den riesigen Glasscheiben. Außer uns befindet sich nur noch ein Paar im Haus, das sich lächelnd Hinweise zuruft, was dieser, was jener Affe gerade tut, die unzählige Fotos schießen, wieder freudig lächeln, sich dann umarmen und nach Hause gehen. Jetzt sind wir allein mit den Affen. Jetzt kann sich alles klären. Keine Meinung ist im Raum, kein Gedanke, leise Gefühle nur und leichtes Sehen. Ein großer Orang-Utan, es könnte, laut Schautafel, Sitti oder Matra sein, zieht sich einen Jutesack erst über den Kopf, dann klettert sie ganz hinein. Kullert auf dem Rücken durchs Stroh. Stroh, das ein anderer Affe mit Händen und Füßen auf einen Haufen schaufelt. Zwei kleine Tiere turnen an den Gerüsten, hängen an den Seilen, jagen sich, liebkosen sich. So sind Affen. Und immer haben sie etwas zu essen in der Hand oder im Fuß, knabbern daran, spucken Schalen aus. Es ist wie unser Essen-to-go. Bei allem, was sie tun, essen die Affen. Es wirkt sehr gemütlich, da zu knabbern, dort zu kauen und dabei an einem Arm zu hängen, zu schaukeln und dann federnd auf einen Mitaffen zu springen. Es ist schön, allein mit den Tieren zu sein. Es ist, als könnten wir vergessen, dass wir Menschen sind. Als würde uns das am meisten fehlen: zu vergessen, Mensch zu sein. Aber es gibt keine Tür, die uns den Weg in den Käfig öffnet. Wir stehen, was die Tiere betrifft, ewig draußen vor der Glasscheibe. Sonderbare Notwendigkeit des Käfigs, denke ich und blicke auf unseren Sohn, der nur den Orang-Utan mit dem Jutesack begeistert betrachtet. Wie er sich im Sack versteckt und sich den Sack wieder vom Körper zieht. Immer wieder aufs Neue. Unser Sohn sitzt auf der Bank vor der Glasscheibe und schaut. Er sitzt gerade, die Hände miteinander verbunden, er lacht und ist so präsent, dass er dadurch gleichsam verschwunden ist. Oder vielmehr, ganz und gar da ist. Ist uns eigentlich klar, dass der Beobachter das Beobachtete ist? heißt es bei Krishnamurti. Wie könnten wir etwas über den Menschen erfahren, wenn wir immer nur Mensch sein und bleiben wollen? Bei Nietzsche heißt es: Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgendein Affe. Dies nicht diffamierend denkend, ist es auf eine heitere Weise erhellend. Unser Sohn – leuchtet er nicht, während er den Orang-Utan mit seinem Sack beobachtet? Strahlt nicht sein Gesicht so sehr, dass es ein Loch in die Trennscheibe brennt? Wird uns ein Affe nach Hause begleiten? Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Oh Nietzsche, wie gut, dass ihr Philosophen euch irrt. Wolltest du nicht schreiben: Was ist der Affe für den Menschen? Eine Freude und ein Glück.? Ruhig und stumm machen wir uns auf den Heimweg. Wir sind die Einzigen. Es ist schon ganz dunkel geworden. Und es ist überraschend dunkel, denn es gibt hier kein Wegelicht, keine beleuchteten Wegweiser. Wird es dunkel im Tierpark, wird es wirklich dunkel. Vielleicht stehen da überall im Dunkel Tiere. Die uns sehen. Und denken: Jetzt gehen sie wieder, die Menschen. Sie werden wiederkommen. Um sich Klarheit zu verschaffen. – Was für ein heimeliger Heimweg. (Die warme Pfote meines Sohnes in meiner: klein, weich, deutlich. – Wie war`s? fragst du, als wir zur Tür hereinkommen. Wir sagen, gut. Später, beim Schlafengehen fragt dich unser Sohn: Mama, warum essen wir Tiere? Rasch antwortest du: aus Liebe, nur aus Liebe.)

 

 

 

 

 

 

 

 

Das fünfte Jahr

 

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Zeitloses Kind

Wir haben die Zeit verloren. Nicht aus den Augen. Aus dem Körper. (Das klingt wie ein Gleichnis, sagst du. Darauf weiß ich nichts zu antworten.) Tatsächlich, irgendwann sind wir ins fünfte Jahr gewechselt, aber selbst die Feier des Geburtstags unseres Kindes (der auch schon lange zurück liegt) konnte uns nicht wirklich von der Wirklichkeit des Voranschreitens der Zeit überzeugen. Ehrlich gesagt, sind wir auch ein bißchen unwillig gegenüber dem Fluss der Zeit, denn auch wenn wir nichts gegen das Fließen einzuwenden haben, so sind wir doch nur Zuseher, die den vielen glücklichen Momenten, die auf dem Wasser davontreiben mal staunend, mal fragend, mal rätselnd, auch ein wenig traurig hinterherwinken können. Aber es geht weiter und dort über dem Fluß, in der tief stehenden Sonne, die so gut versteht, den Raum zu weiten, sind schon die neuen Momente entstanden, flirrend sich sammelnd, bevor wir sie erleben. Unser Sohn wächst. Innerlich und äußerlich. Das gestrige Entzücken darüber ist schon dem heutigen gewichen und das morgige ahnen wir schon. Wie die Wehmut unseres Entzückens. Schwer zu glauben, dass sich nichts festhalten lässt. Schon gar nicht ein kleines Kind. Es ist jetzt so groß und geschickt, dass es sich fast jedem Griff entwindet. Wir spielen Fangen und Raufen und Ungeheuer, und das Bein, das wir eben noch festhielten, schwingt sich schon wieder von hinten über unsere Schulter. Wir argumentieren (die neuen Stiefel haben Reißverschlüsse, die man, bevor die Schuhe ausgezogen werden, öffnen soll, denn sonst nehmen sie Schaden), aber kaum haben wir uns geäußert, schon wird unser Argument zur Schlinge, die unsere Zunge bindet (so geht es leichter, wenn ich die Matschhose anhabe, sagt unser Sohn, und wenn du, Papa dein Schuhband nicht aufmachst, mache ich meinen Reißverschluß auch nicht auf). Groß und geschickt, nicht auf den Mund gefallen, oft sinnierend, dann durchleuchtend, prüfend: Was hat die Erwachsenenwelt zu sagen? Macht das Sinn? Oder versteckt sich nicht in allem, was wir sagen, ein uns selbst verborgener Sinn? Die Kinder treiben sich in archetypischen Welten herum (sie sind Kämpfer und Prinzessinnen, Könige und Einhörner, Zwerge und Riesen) und deren Inhalte verknüpfen sie problemlos mit der rationalen, bewußten, oft genug überbewußten Erwachsenenwelt. Sie liefern uns einen interessanten Fingerzeig, dass wir auf der Oberfläche des Seins leben, bewusstlos darüber, doch nicht ohne Ahnung. Wir leben auf der Erde, fühlen uns sicher, getragen, standfest, aber wir haben so gut wie keine Vorstellung darüber, wie es im Inneren dieser Erde aussieht und wie es sich dort anfühlt. Es fällt uns leichter, nach Lichtjahre entfernten Sternen zu greifen, als in den Boden unter uns. Unser Sohn ist so viel kleiner als wir (ja, manchmal denken wir, ist er nicht unglaublich klein?), so viel näher der Weltkugel, die wir bewohnen und bewandern und so viel weniger interessiert am Blick nach oben. Unser Sohn wirft sich auf den Boden, aus Quatsch, er fällt oft, gut, leicht, rutscht auf den Knien, hockt sich hin mitten auf dem Gehsteig. Zwischen oben und unten scheint es einen speziellen Raum zu geben, einen Kinderraum, den die Kinder nur mit den Tieren teilen, hier in der Stadt: den Hunden, den Krähen und Tauben, den Mardern. Aber auch dem Land ist dieser Raum bewohnt von Tier und Kind. Auch, wenn unser Kind steht, bewohnt es diesen Raum. Das ist etwas, das im Blick zu behalten, wir uns geradezu zwingen müssen. Ein Kind lebt, allein durch seine Körpergröße bedingt, in diesem speziellen Raum. (Kannst du das verstehen? Kannst du dich in diesen Raum einfühlen? Kannst du dir vorstellen, dass du darin haust? – Es ist möglich, sagst du, und nach einer Weile, es ist nicht möglich. Du zögerst: vielleicht doch, wenn ich mich, die Zeit verlierend, erinnere. – Das klingt wie ein Gleichnis.) Es ist der Raum, den das Baby (unser Meister!) zurückgelassen hat! Der Raum, den wir gleichsam mit dem Baby zusammen in den Armen gehalten haben, den wir auf die Wickelkommode legten oder auf das Bettchen. Und den das Baby wieder mit hinunter auf den Boden genommen hat, von wo aus es anfing zu krabbeln, sich zu erheben und zu laufen. Wir dachten, es läuft doch in unserem Raum, aber das war ein Irrtum. Es tummelte sich und tummelt sich weiterhin ganz dicht über diesem „im Felde der dunklen Vorstellungen liegenden Schatz, der den tiefen Abgrund der menschlichen Erkenntnisse ausmacht, den wir nicht erreichen können“. Kein größerer Geist als Immanuel Kant hat davon gesprochen (wie stellen wir uns diesen Kant vor? Als ein superschlaues Kind, dessen scharfer Verstand uns Erwachsene darüber täuscht, worüber er jede Gehirnzelle fletschend wacht: der Schatz der Erkenntnis, der in der Tiefe liegt). Ist es nicht so, dass es etwas ganz Anderes ist, wenn man liegend oder an der Kante des Kraters hockend in einen Abgrund blickt, als wenn man stehend (oder auf Knien) in dieses tiefe Loch hineinblickt? Unser Kind hat nie ein Schwindel am Abgrund erfasst, auch dann nicht, wenn wir längst eine zitternde Sorge in uns bemerkt haben (erinnerst du dich an die hohe Ufermauer an diesem dunklen Bergsee, auf der unser Sohn mit Leichtigkeit dahinlief, während uns der Schweiß ausbrach (ach, dir brach gar kein Schweiß aus)? Unschwindelig ist unser Kind, weil ihm der Abgrund kein Abgrund ist. Weil er die Tiefe nicht kennt, scheut er sie nicht. Weil er die Tiefe nur zu gut kennt, ist sie ihm keine. Wir können uns zu unserem Kind auf den Boden setzen oder legen, aber den Schwindel werden wir so nicht wieder los. Das, was uns Gereifte trägt, ist Abgrund oder verschlossen oder beides. Auf ewig wie es aussieht. Der im Felde der dunklen Vorstellungen liegenden Schatz – wir sehen sein Leuchten nicht. Furchtlos spielt unser Sohn mit ihm; sieht es nicht oft so aus, als würde etwas durch seine Hände gleiten, abgelegt und wieder aufgenommen werden, das wir nicht sehen können? Eigenartige Dinge, die keine Zeit zu kennen scheinen, keiner Zeit unterworfen sind. Kleine glitzernde Ewigkeiten, die geräuschlos in den Boden sinken, wie sie geräuschlos aus ihm heraufgetaucht waren. (Wie groß er geworden ist, denken wir, wie groß. Was ist die wahre Größe anderes als einer der im Felde der dunklen Vorstellungen liegenden Schätze? Wie groß er geworden ist, denken wir wieder, und wie wenig uns die Zeit nützt und hilft, das zu begreifen.)

 

 

Das vierte Jahr

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Mama! und die Parallelwelt

Der Mamaruf. Kein Ruf ist lauter, kräftiger, willentlicher, zwingender, wirkungsvoller. Selbst wenn er geflüstert wird. Es gibt sogar den stummen Mamaruf (vielleicht ist das der lauteste, was meinst du, was hörst du?). Es ist auch der selbstverständlichste Ruf, ein Ruf der Einvernehmen, Einigkeit, Einssein ausdrückt. Ein großer Liebesruf, stark, kraftvoll und darin zärtlich und sanft: Kammermusik. Und dieser Ruf ist ein Befehl, ein unbedingtes Wollen, ein Ruf, der gleichsam körperlich von Raum zu Raum eilt, der größte und kleinste Distanzen überwindet und der sich nur gewaltsam überhören lässt. Unser Sohn, der längst in der Parallelwelt lebt (die sich wie ein Zwilling an unsere Welt kuschelt), ist ein großer Freund des Mamarufs. Mama! das ist der geworfene Anker, der sicheren Grund sucht und findet. Unsere Welt ist nicht die Welt unseres Kindes. Wir würden das Gegenteil nur zu gerne glauben, und unsere eigene Engheit und vernünftige Beschränktheit als Zeichen unserer Reife ausgeben. Ein Stuhl ist ein Stuhl, glauben wir, wissen wir in großer Selbstgewissheit. In der Parallelwelt unseres Kindes ist ein Stuhl kein Stuhl. Gestern war er eine Kutsche, heute ist er ein Turm, morgen ein Flugzeug. (Lächeln wir nicht darüber! Was meinst du?) Die Parallelwelt nennen wir auch die Welt der Fantasie. So sind sie eben die Kinder, sie denken sich etwas aus und unterwerfen jedes Ding und jedes Wesen ihrer unendlichen Vorstellungskraft. Sie bauen die Schöpfung um, diese großartigen Umschöpfer. Sie brauchen das, um sich zu entwickeln, um sich unsere Welt anzueignen. Ehrlich gesagt, nein, wir glauben gar nicht, was wir über die Kinder denken, aber wir müssen etwas denken, denn sonst würde uns die Parallelwelt Kopfzerbrechen bereiten. Ja, die Parallelwelt zerbricht unseren Kopf. Dieser Welt, die um so viel großzügiger, freier, unbeschwerter, mutiger ist als unsere Welt, trauen wir nicht. Mühsam haben wir unserer Welt uns erschlossen (und erschließen sie uns immer noch), da können wir keine Parallelwelt brauchen, die, wenn sie lustig ist, unsere Sicherheiten umwirft und umkehrt, in der die Kinder glauben, was sie wollen und von ihrem eben Geglaubten wieder abfallen, wann immer es ihnen passt. Wir blicken schon gerne hinüber in die Parallelwelt, in der der Stuhl sein Stuhlsein verlieren kann, aber noch lieber kehren wir in unserer Welt zurück (in der wir sicher sind, dass der Stuhl, auf den wir uns gleich setzen werden, uns trägt und nicht etwa gleich zum Mond schießt). Und wir sehen auch, dass das Spiel unserer Kinder (ist es ein Spiel, woher genau wissen wir das?) sich an unser Tun anlehnt. Dass die Kinder reisen und bauen und kaufen und erkranken und gesunden und Babys herumtragen und zur Schule gehen und in die Arbeit. Es mag so sein, dass sie sich im Spiel, in Nachahmung sich (unsere) Welt aneignen, doch wenn wir uns an unseren alten Meister (das weise Baby) erinnern, dann fällt uns auf, dass wir auch hier unsere Blickrichtung umdrehen können (ja, müssen, wollen wir lebendig bleiben). Was wir in der Parallelwelt sehen, ist die Illustration und Verdeutlichung unseres Reiches, aber noch vielmehr ermöglicht uns der Blick dorthinein, dorthinüber eine Erinnerung an den Reichtum und auf die Freiheit der Gestaltung des Lebens, der uns wehmütig an unseren Verlust von beidem denken lässt. Vielleicht ist es wie bei den Hunden und deren Verhältnis zum Menschen. Sagt man nicht, der Hund verstehe den Menschen weit besser, als der Mensch den Hund? Verstehen uns die Kinder nicht viel besser als wir sie? Bemühen sie sich nicht viel mehr unserer Welt zu verstehen (ja, morgens müssen wir uns anziehen und dann müssen wir los, spätestens um viertel vor acht, ja, ja, so ist es wohl) als umgekehrt? Und es ist ihnen kein Problem in ihrer Parallelwelt zu bleiben und leicht zwischen den Welten hin und her zu switchen, was uns gar nicht leichtfällt, was uns immer Mühe macht. Mama! Das ist ein Switchruf. Die Kinder können die Welten wechseln, zwischen ihnen hin und herspringen, weil sie diesen Ruf in sich tragen und ihn bei Verlangen ausstoßen, ohne dass sie jemand daran hindern könnte (würdest du manchmal gerne Mama! rufen? Ich schon). Mama!: das ist auch ein Weckruf, der uns aufweckt (und auch uns Väter mit dem ganz anderen und doch so ähnlichem Papa!ruf – manchmal ruft unser Sohn, obwohl du fort bist, seinem Vater Mama! zu und bemerkt kaum seinen Irrtum und ich als Ungerufener verstehe diesen Ruf sofort und folge ihm), der uns rät, uns hinüberzuwenden in die Parallelwelt, uns dorthin zu neigen (einer Neigung zu folgen, die höchst gezähmt in uns schlummert, ach wie gerne würden wir die Dinge verwandeln!), wo die Freiheit noch frei ist, sich ihrer selbst zu gefallen. (Oder wir beginnen damit, ersteinmal die Schuhe und die Socken auszuziehen und barfuß zu laufen. Wie die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die uns beide jüngst mit ihrem Spiel entzückt hat. Mit ihrem Barfußspiel und dem wallenden weißen Kleid. Mit den Bewegungen beim Spiel, die so plötzlich sie sich drehen ließen oder fester mit den bloßen Füßen den Boden suchen. Und dann noch Schönbergs Violinkonzert. Schönberg: der Name klingt wie eine Chiffre, wie etwas Verzaubertes und wie eine Täuschung. Schönberg: das ist komplizierte Musik, Kopfmusik, Herausforderungsmusik, totale Erwachsenenmusik. Aber an diesem Abend mit Patricia Kopatchinskaja ist Schönberg Musik aus der Parallelwelt. Wo alles alles andere sein kann. Wo ein Spiel ernst ist ohne das Vergnügen zu verlieren. Höchst lebendige Musik, die die Empfindungen des Hörers springen lässt. Und seinen Verstand Freude finden an der Verknotung. Und ebenso an der Entknotung. We need to remember us as we were as children, sagt die Geigerin: pure and daring. Mama! Kein Ruf klingt reiner. Ist das nicht verwegen?)

 

 

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Warum?

 

Warum tun wir, was wir tun? Warum ist etwas so, wie es ist? Unser Sohn ist in der Warum-Welt angekommen (wirklich? Manchmal schimmert eine unschuldige Ironie durch seine Fragen, eine Nüchternheit und Interesselosigkeit, die uns an der Ernsthaftigkeit seines Fragens zweifeln lässt; oder sie so übersteigert, dass wir, die im Grunde Antwortlosen, uns hilflos fühlen). Papa, warum schneidest du die Banane auseinander? Warum gehst du jetzt ins Wohnzimmer? Warum ist der Eiswürfel kalt? (Manchmal holt er sich einen aus dem Tiefkühlfach und wirft ihn in sein Wasser, fischt ihn, angerundet und glasig geworden bald wieder heraus, um ihn sich in den Mund zu stecken und dann in die Backe zu schieben.) Ja, warum ist alles so, wie es ist und warum tun wir, was wir tun? Wir geben Antwort, redlich, unredlich, ehrlich, fantasierend. Unser Sohn scheint zu glauben, wir wüssten alles. Nein, er testet nur, was wir alles nicht wissen. Nein, er übt bloß das Fragen. Nein, sein Fragen ist ihm notwendig wie jeder Atemzug. Und darin und dabei gibt es keine Mäßigung. Manchmal kommt uns das Fragen wie das Dasein selbst vor. Wir sind Fragende, ewig Fragende. Fragt unser Sohn im Außen, so haben wir (du, ich) längst zur Gewohnheit gefunden, im Inneren zu fragen. Ist unser Herz nicht in Wahrheit ein Fragezeichen? Und trägt unser Sohn es nicht auf der Zunge? Irgendwann sind wir zu heimlichen Menschen geworden, die sich bedenken, bevor sie fragen, wie wir jede Frage lieber aus einer Überlegung herauswachsen lassen und weniger aus der Spontaneität zu stellen gewohnt sind. Ist das Fragen unseres Kindes überhaupt verwandt mit unserem eigenen Fragen? Ist es nicht ganz anders, wenn man einfach fragt, wie es kommt? Nicht denkt, nicht sinniert, nicht innehält, nicht wartet? Wenn man die Frage sich selbst stellen lässt. So kommt uns unser Sohn vor. Er sieht etwas und zwischen dem Sehen dieses Etwas und dem Entstehen der Frage scheint keine Zeit vergangen zu sein. Oder ist doch eine Zeit vergangen, so diente diese Zeit nicht dem Überlegen, sondern allein dem weiteren Anschauen. Die Frage ist so eng verbunden mit dem Ding oder der Sache, die sie hervorkitzeln, dass wir glauben, dass eigentlich das Ding oder die Sache die Frage stellt und sich dabei des Kindermundes bedient. So spricht unser Kind aus dem Innersten des Dings oder der Sache heraus, als wäre die Frage ein Gedanke, den das Ding oder die Sache selbst gerade gefasst hätte. Nicht vorstellbar, dass Dinge und oder Sachen fraglos und unbefragt in der Welt sein könnten. Alles, ausnahmslos alles, lässt das Fragen entstehen, würde es das nicht tun, existierte es nicht. Warum liest du dieses Buch, Papa? Unser Sohn bringt das Buch (trägt es wie ein Tablett) aus dem Flur (wo es liegengeblieben ist) ins Wohnzimmer. Die Antwort fällt mir leicht, sie ist ehrlich, einfach, klar: Weil es mir ein guter Freund empfohlen hat. Kurzes Nachdenken, dann die Frage: Und warum liest du es? Soll ich meine Antwort wiederholen? Geht nicht, schon hat mich die erneute Frage infiziert. Warum lese ich dieses Buch, hundertdreißig Seiten lang bereits, und werde es auch zu Ende lesen? Es trägt den Titel: Das Buch vom Es. Der Verfasser Georg Groddeck beschreibt darin in fiktiven Briefen an eine Freundin, dass wir Menschen nicht von unserem Bewusstsein durchs Leben geführt und gelenkt werden, sondern vom Es, einer großen unbewussten Macht. Einer ebenso witzigen wie sonderbaren wie hemmungslosen Macht, die einigen Schrecken zu verbreiten in der Lage ist. Es ist sehr interessant, antworte ich unserem Sohn und betone das Es am Anfang mit einem in die Länge gedehnten E. Wie heißt das Buch? Ich antworte korrekt. Was ist Es? Fast hätte ich irgend so etwas geantwortet: Das, was du mehr als ich bist, dem du näher stehst als ich, das du viel besser verstehst als ich. Es: das ist bei Groddeck die Kraft, von der wir gelebt werden. Wir leben nicht selbst (wie wir denken und glauben und hoffen), sondern durch ein Drittes, das größer und weit mächtiger ist als wir es je sein könnten. Blicke ich auf meinen Sohn, dem ein Warum auf den Lippen klebt, das sich gleich lösen und zu mir eilen wird, so kommt mir vor, als würde ein Es vor mir stehen, als könnte ich ein Es entdecken, erblicken, deutlich sehen, und damit genau das sehen, was eben nicht und auf keinen Fall sichtbar ist in unserer treu in Sichtbares und Unsichtbares eingeteilten Welt. Unser Kind, ein Es (hier schillert der Meister durch, Babybuddha, der sich soweit zurückgezogen hat, hinter das Ich, durch all das kindliche Ichgeschrei in die Verborgenheit geraten; bist du auch dieser Ansicht, du siehst aus, als würdest du befürchten, solche Gedanken könnten dein Kind zum Verschwinden bringen? Nein? Du schüttelst den Kopf). Ein Es: wie wunderbar. Bei Groddeck heißt es: „Das Leben beginnt mit dem Kindsein und geht auf tausend Wegen durch das Mannesalter hin nach dem einen Ziel, wieder Kind zu werden, und nur der einzige Unterschied ist zwischen den Menschen, ob sie kindisch werden oder kindlich.“ Ich möchte glauben, dass wir (du, ich) uns zu einem Es zurückentwickeln, zu einer Kindlichkeit, die uns (unser Es) sichtbarer werden lässt, als wir es heute sind. Es könnte sich dann das Geheimnis der Warum-Frage offenbaren, die vielmehr als zum Ich frage  zum Es fragt zu gehören scheint und wenn wir das Es fragt als das eigentliche Fragen betrachten sollen, könnte in ihm der Schlüssel zur Erkenntnis der Dinge und Sachen liegen. Eine Art Euphorie ergreift mich (und ein wenig auch dich). Eine Stille, die das Gedachte unausgesprochen bewahren und behüten möchte. In diese Stille bohrt sich eine Frage. Eine Warum-Frage. Warum antwortest du nicht, Papa? fragt unser Sohn (und klatscht dabei in die Hände).

 

 

 

 

Das vierte Jahr

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Neinmacht.

 

Nein! Das stärkste Wort unserer Sprache, das am häufigsten genutzte, das wichtigste Wort! Diese Erkenntnis verdanken wir dir, unserem Sohn. Erst durch unseren Jungen ist das Nein wirklich in unser Bewusstsein getreten. Nicht, dass wir es nicht häufig benutzt hätten, zur Feindesabwehr, zum Ausdruck von Empörung und Erstaunen, um unsere Entschlossenheit und unseren Willen kundzutun – aber dennoch ist uns die Dimension dieses Wortes, wohl auch durch seinen gewohnheitsmäßigen Gebrauch, entgangen. Seine Dimension als Baustein der Existenz. Mag das Leben auch mit einem großen Ja beginnen, das Nein ist Erzieher und Lehrmeister und Ichschöpfer. Und wir (du, ich, auch ein paar Andere) sind die notwendigen Statisten, die dem kindlichen Nein erst seine Wucht ermöglichen. Es hat eine Zeitlang gedauert, bis uns deutlich wurde, dass das Nein unseres Sohnes nur vordergründig uns meint, in Wahrheit aber ein selbstbezügliches Werkzeug ist, ebenso raffiniert wie rücksichtslos. Tatsächlich sind wir oft in die Falle getappt und tappen immer noch hinein, zu glauben, dass das Nein unseres Kindes wirklich uns gelte, sogar, dass es gegen uns gerichtet sein könnte, womöglich sogar absichtsvoll. Natürlich sind wir ins Neinsagespiel (aber es ist kein Spiel) tief verwickelt, denn wenn unser Vorschlag, heute die rote Hose anzuziehen, mit größter Vehemenz und geradezu empört abgelehnt wird, mit einem so schneidenden nein!, das keine Wiederholung braucht, um unmißverständlicher zu tönen, können wir leicht auf den Gedanken kommen, wir würden eine Hauptrolle in diesem Interjektionszauberzirkus spielen und dem Irrtum verfallen, die Stoßrichtung des Neins würde zu uns zeigen, uns meinen, uns (dich, mich), uns als Personen. Ja, es ist ein Zauberzirkus, denn wir sind gemeint, aber nur als Pappfiguren, und das gefällt uns gar nicht, wollen doch auch wir vollwertige Schauspieler sein, wenn wir schon auf der Elternkinderbühne Tag für Tag (und manchmal nachts) unsere Auftritte haben. Wir sind sozusagen Pappfiguren mit Substanz und unsere größte Aufgabe scheint zu sein, nicht auf uns selbst hereinzufallen. Das Kind braucht uns, wir sind die Wand gegen die es seinen Neinball donnert, wir müssen echten Widerstand bieten, ohne uns von der Echtheit verführen zu lassen, das situative Nein unseres Sohnes (nein, nicht dahin, dorthin oder nein, keine Nudeln) nur auf eben diese Situation hin zu interpretieren. Das Nein schafft den Raum für das Gelingen einer guten Beziehung zu unserem Sohn. Es gräbt Schneisen durch den Wald und das Gestrüpp ewiger Verwicklung. Hätten wir nicht unseren Körper, würden wir unsere Einzigartigkeit glatt vergessen. Was uns nicht alles kümmert und besorgt, wozu wir eine Meinung haben und ein Urteil fällen. Das wenigste nur geht uns etwas an und das vielleicht auch nichts. Wie wohltuend dieses kindliche, unverkrampfte, freimütige Nein, ein kühles Lüftchen in der Wüstenhitze des Allesineinem und Einerinallem und Eineinallem (du, ich – wir sind auf unterschiedlichen Gebieten empfänglich für das menschliche Durcheinander, aber das ist ein anders Thema). Unser Kind kühlt uns, indem es uns jeden Tag mit Neins bombardiert, ohne den Verlust unserer Liebe zu fürchten. Auf so eine Idee kommt es nicht, wenn das Nein sein Ich bildhauert. Es ist furchtlos, ohne Angst, mutiger als mutig, verwegen und unnachgiebig: sein Nein spricht aus ihm, aus seiner Tiefe, die keine Überlegung kennt, die reiner Dienst am Leben ist. Das Nein verschafft unserem Kind einen Raum, seinen Raum, seinen eigenen Raum, in dem und durch den es zur Erscheinung drängt. Oh, ja, unser Kind erscheint uns! Diese Epiphanie verdankt sich dieser unnachgiebig wirkenden Neinkraft, die nun durchaus uns gilt, die wir mehr als jede andere Kraft benötigen, denn letztlich sind wir doch Ungläubige oder einfach schwer von Begriff. Auf, werde licht denn es kommt dein Licht / und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir heißt es im Buch des Propheten Jesaja – und tatsächlich geht uns ein Licht auf, wenn wir in unserem dauerneinsagenden Sohn den (fast schon alten) Meister entdecken, wiederentdecken, der uns in Staunen versetzt, indem er sich vor uns hinstellt (vielleicht im Neinsagen einen Schritt zurück tritt, um uns mehr Platz zum Schauen und Erkennen zu geben, der schlaue Kerl) und sich in all seiner Pracht offenbart. Kein Wunder, dass wir erschrecken. Dass wir erschrecken und – eine Folge des Erschreckens – das Nein unseres Kindes mißverstehen. Und wenn wir mißverstehen, beginnen wir zu denken und zu reimen, als würde uns die Reife fehlen diese tägliche Epiphanie zu ertragen, zu spüren, zu erleben. Dann wird das Nein zum Konflikt und die schöne Erscheinung zur inneren Leere. Aber jetzt, fragen wir uns, jetzt haben wir es verstanden? Haben wir, sagts du, haben wir, sage ich. Und wir stimmen ein: Das ist unser geliebter Sohn, an dem wir Gefallen gefunden habe. Nun geschieht das Wunder: das Nein (das von uns in seiner Wahrheit erkannte Nein) verwandelt sich. Aus dem Mund unseres Kindes tönt ein volles Ja (und sein Mund bleibt offen). Das ist unser Lohn.