Das sechste Jahr

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Die Entfernung wächst mit.

Entfernung ist eines der vielen sonderbaren Worte, die sein Gegenteil wie einen Schatten stets mit sich führen (vielleicht stützt und bewegt auch umgekehrt der Schatten den Vordergrundsinn des Wortes). So wie wir (du, ich) die Größe unseres Sohnes (aktuell 1,16 m) messen können, so wie wir sein Alter zählen (aktuell 5 ¾), so können wir, wenn auch nie ganz so eindeutig, seine Entfernung zu uns messen. Sicher ist: er entfernt sich von uns, nicht täglich ein Stück mehr, nicht kontinuierlich, doch immer wieder gibt es diesen Sprung, der ihn aus unserem Blickfeld führt, in eine Weite, die uns staunen macht, erfreut, beunruhigt. Wo geht er eigentlich hin, wenn er sich entfernt? In den Ferien verlässt er unser gemietetes Haus an der Rance mit mehrere Postkarten in der Hand und der deutlichen Mitteilung, dass er nun zum Briefkasten zu laufen beabsichtige. Er geht die kleine, enge Straße mit dem kaputten Belag entlang, zielstrebig und wie es scheint, selbst in einer Art Sinnen versunken, über die Dimension seines Sichentfernens. Zugleich ist er entschieden, deutlich entschlossen, unbeirrbar in seiner Absicht. (Ich trete, als er sich schon ein gutes Stück entfernt hat, vors Haus, um ein Foto dieses Ausflugs zu machen. Das Foto soll ihn festhalten in seinem Fortgehen, und auch seine Entschlusskraft dokumentieren – vielleicht will ich uns die Wahrheit dieser Augenblicke beweisen, denn die Klarheit des Fortgehens unseres Sohnes könnte uns ein Vorbild sein für zweifellose, notwendige, gut gespürte Entscheidungen, die das Leben von uns fordert). So geht er dahin, vorüber an violett blühenden Stockrosen, doppelt so groß wie er selbst, an ausladenden, urmütterlichen, zartrosanen Hortensien, geht in angemessenem Tempo mit seinen braunen Flip-Flops, die wir am Strand in St. Lunaire gekauft haben und verschwindet am Ende der sanft gebogenen Straße hinter der letzten Hausecke. Nun ist er fort, außer Sicht. Wirft wahrscheinlich die Postkarten in den Briefkasten ein. Es ist ein Moment des Getrenntseins, der für sich steht und gewissermaßen absolut ist. Jeder lebt für sich allein bei aller gedachten und erlebten Verbundenheit. Ein Schreck fährt mir durch die Glieder, ein wohliger Schreck, ein glücklicher Schreck, der immer die Momente kleiner Erkenntnisse begleitet: ein bißchen Wahrheit, nichts sonst. Auf diese Weise erfrischt, sehe ich unseren Sohn zurückkehren. Er ist verändert, denke ich sofort, obwohl ich, da er noch weit entfernt ist, keine Züge in seinem Gesicht unterscheiden kann. Er kommt langsamer zurück, als er fortgegangen ist. Eine durchsichtige Traumwolke umhüllt ihn, es sieht so aus, als könnte sie ihn vom geraden Weg abbiegen und in irgendeinen Vorgarten treten lassen. Er spricht mit sich oder er singt ein Lied, nein, am ehesten sieht es nach halblautem Gemurmel aus, halbsinnvollem Zeug, nach Gedanken, die sich halb im Kopf, halb draußen im Freien befinden (wieder mache ich Fotos von ihm, nicht ganz ohne Schuld- und Schamgefühl, darüber, diese Intimität und dieses schwebende Beisichsein ohne Erlaubnis festzuhalten. So verführerisch die Fotografie ist, eigentlich ist sie doch nichts als eine große Unverschämtheit, – was meinst du?). Schon sehr weit vorangekommen, erblickt er mich. Lächelt. Fühlt er sich ertappt? Ein bißchen. Dann freut er sich, winkt mit beiden Armen und erzählt mir etwas von einer Pflanze, die unter dem quadratischen Gullygitter wächst, die in einem dunklen Schacht wurzelt, wo es keine Erde gibt, die sie hält und an der sie sich festhalten kann. Ihr Blütenköpfchen stößt fast an das Eisen des Gitters, aber es kann doch jetzt nicht mehr weiterwachsen, die Abstände im Gitter sind zu eng. Oder, Mama? Du bist dazugekommen, dir gilt diese Frage, du bist die, bei der unser Sohn stets seine Fragen nach den Welträtseln mit einem nachgestellten: oder, Mama? enden lässt. Die an mich gestellten Fragen enden mit einem simplen Fragezeichen und ich frage mich nun selbst, ob denn der Abstand zu uns, zu dir, zu mir, zum gleichen Zeitpunkt der gleiche ist, oder ob es einen Unterschied gibt, ob wir unterschiedliche Trabanten sind, die unseren Sohn in unterschiedlichen Entfernungen umkreisen. Entfernen am Ende wir uns von unserem Sohn und so sehr wir uns zu ähneln glauben, doch mit unterschiedlichem Tempo und unterschiedlichem Vorankommen. Wir wollen am liebsten unserem Sohn die Bürde und Pflicht und Freunde und Furcht des Sichentfernens zurechnen, und vergessen dabei unsere eigene Bewegung. Wir wollen es der Entwicklung unseres Kindes zurechnen, und vergessen dabei unsere eigene. Morgen geh ich wieder zum Briefkasten, sagt es. Ich könnte auch mal zum Bäcker gehen. Willst du mitkommen?