Das vierte Jahr

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Mama! und die Parallelwelt

Der Mamaruf. Kein Ruf ist lauter, kräftiger, willentlicher, zwingender, wirkungsvoller. Selbst wenn er geflüstert wird. Es gibt sogar den stummen Mamaruf (vielleicht ist das der lauteste, was meinst du, was hörst du?). Es ist auch der selbstverständlichste Ruf, ein Ruf der Einvernehmen, Einigkeit, Einssein ausdrückt. Ein großer Liebesruf, stark, kraftvoll und darin zärtlich und sanft: Kammermusik. Und dieser Ruf ist ein Befehl, ein unbedingtes Wollen, ein Ruf, der gleichsam körperlich von Raum zu Raum eilt, der größte und kleinste Distanzen überwindet und der sich nur gewaltsam überhören lässt. Unser Sohn, der längst in der Parallelwelt lebt (die sich wie ein Zwilling an unsere Welt kuschelt), ist ein großer Freund des Mamarufs. Mama! das ist der geworfene Anker, der sicheren Grund sucht und findet. Unsere Welt ist nicht die Welt unseres Kindes. Wir würden das Gegenteil nur zu gerne glauben, und unsere eigene Engheit und vernünftige Beschränktheit als Zeichen unserer Reife ausgeben. Ein Stuhl ist ein Stuhl, glauben wir, wissen wir in großer Selbstgewissheit. In der Parallelwelt unseres Kindes ist ein Stuhl kein Stuhl. Gestern war er eine Kutsche, heute ist er ein Turm, morgen ein Flugzeug. (Lächeln wir nicht darüber! Was meinst du?) Die Parallelwelt nennen wir auch die Welt der Fantasie. So sind sie eben die Kinder, sie denken sich etwas aus und unterwerfen jedes Ding und jedes Wesen ihrer unendlichen Vorstellungskraft. Sie bauen die Schöpfung um, diese großartigen Umschöpfer. Sie brauchen das, um sich zu entwickeln, um sich unsere Welt anzueignen. Ehrlich gesagt, nein, wir glauben gar nicht, was wir über die Kinder denken, aber wir müssen etwas denken, denn sonst würde uns die Parallelwelt Kopfzerbrechen bereiten. Ja, die Parallelwelt zerbricht unseren Kopf. Dieser Welt, die um so viel großzügiger, freier, unbeschwerter, mutiger ist als unsere Welt, trauen wir nicht. Mühsam haben wir unserer Welt uns erschlossen (und erschließen sie uns immer noch), da können wir keine Parallelwelt brauchen, die, wenn sie lustig ist, unsere Sicherheiten umwirft und umkehrt, in der die Kinder glauben, was sie wollen und von ihrem eben Geglaubten wieder abfallen, wann immer es ihnen passt. Wir blicken schon gerne hinüber in die Parallelwelt, in der der Stuhl sein Stuhlsein verlieren kann, aber noch lieber kehren wir in unserer Welt zurück (in der wir sicher sind, dass der Stuhl, auf den wir uns gleich setzen werden, uns trägt und nicht etwa gleich zum Mond schießt). Und wir sehen auch, dass das Spiel unserer Kinder (ist es ein Spiel, woher genau wissen wir das?) sich an unser Tun anlehnt. Dass die Kinder reisen und bauen und kaufen und erkranken und gesunden und Babys herumtragen und zur Schule gehen und in die Arbeit. Es mag so sein, dass sie sich im Spiel, in Nachahmung sich (unsere) Welt aneignen, doch wenn wir uns an unseren alten Meister (das weise Baby) erinnern, dann fällt uns auf, dass wir auch hier unsere Blickrichtung umdrehen können (ja, müssen, wollen wir lebendig bleiben). Was wir in der Parallelwelt sehen, ist die Illustration und Verdeutlichung unseres Reiches, aber noch vielmehr ermöglicht uns der Blick dorthinein, dorthinüber eine Erinnerung an den Reichtum und auf die Freiheit der Gestaltung des Lebens, der uns wehmütig an unseren Verlust von beidem denken lässt. Vielleicht ist es wie bei den Hunden und deren Verhältnis zum Menschen. Sagt man nicht, der Hund verstehe den Menschen weit besser, als der Mensch den Hund? Verstehen uns die Kinder nicht viel besser als wir sie? Bemühen sie sich nicht viel mehr unserer Welt zu verstehen (ja, morgens müssen wir uns anziehen und dann müssen wir los, spätestens um viertel vor acht, ja, ja, so ist es wohl) als umgekehrt? Und es ist ihnen kein Problem in ihrer Parallelwelt zu bleiben und leicht zwischen den Welten hin und her zu switchen, was uns gar nicht leichtfällt, was uns immer Mühe macht. Mama! Das ist ein Switchruf. Die Kinder können die Welten wechseln, zwischen ihnen hin und herspringen, weil sie diesen Ruf in sich tragen und ihn bei Verlangen ausstoßen, ohne dass sie jemand daran hindern könnte (würdest du manchmal gerne Mama! rufen? Ich schon). Mama!: das ist auch ein Weckruf, der uns aufweckt (und auch uns Väter mit dem ganz anderen und doch so ähnlichem Papa!ruf – manchmal ruft unser Sohn, obwohl du fort bist, seinem Vater Mama! zu und bemerkt kaum seinen Irrtum und ich als Ungerufener verstehe diesen Ruf sofort und folge ihm), der uns rät, uns hinüberzuwenden in die Parallelwelt, uns dorthin zu neigen (einer Neigung zu folgen, die höchst gezähmt in uns schlummert, ach wie gerne würden wir die Dinge verwandeln!), wo die Freiheit noch frei ist, sich ihrer selbst zu gefallen. (Oder wir beginnen damit, ersteinmal die Schuhe und die Socken auszuziehen und barfuß zu laufen. Wie die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die uns beide jüngst mit ihrem Spiel entzückt hat. Mit ihrem Barfußspiel und dem wallenden weißen Kleid. Mit den Bewegungen beim Spiel, die so plötzlich sie sich drehen ließen oder fester mit den bloßen Füßen den Boden suchen. Und dann noch Schönbergs Violinkonzert. Schönberg: der Name klingt wie eine Chiffre, wie etwas Verzaubertes und wie eine Täuschung. Schönberg: das ist komplizierte Musik, Kopfmusik, Herausforderungsmusik, totale Erwachsenenmusik. Aber an diesem Abend mit Patricia Kopatchinskaja ist Schönberg Musik aus der Parallelwelt. Wo alles alles andere sein kann. Wo ein Spiel ernst ist ohne das Vergnügen zu verlieren. Höchst lebendige Musik, die die Empfindungen des Hörers springen lässt. Und seinen Verstand Freude finden an der Verknotung. Und ebenso an der Entknotung. We need to remember us as we were as children, sagt die Geigerin: pure and daring. Mama! Kein Ruf klingt reiner. Ist das nicht verwegen?)

 

 

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