DAS ACHTE JAHR

 

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Wir testen. Alle. Alles.

Was ist eigentlich ein Test, Papa?

Viele Fragen stellt unser Sohn zur Zeit. An dich. An mich. Er bringt uns in Versuchung, immer zu antworten. Dabei bemerken wir unsere Neigung, glauben zu wollen, wir hätten nicht auf alles, doch auf ziemlich vieles eine Antwort. Ein Test also. Was ist ein Test? Da kommt schon seine eigene Antwort angeflogen. Mit dieser denkenden Kinderstimme, die ganz anders klingt als unsere denkende Erwachsenenstimme. 

Ein Test kann positiv sein. Oder negativ. Negativ ist besser. Oder? 

Kommt drauf an, sage ich. 

Überall Tests. Wenn unser Sohn, ein 2-Euro-Stück mopst, das herumliegt und als sein eigenes ausgibt. Wenn er testet, wieviel Zug das Kabel seiner Tischlampe verträgt. Oder was geschieht, wenn man den Schlauch aus dem Waschbecken in der Küche verkehrt herum in die Armatur steckt. Es gibt Testresultate, die negativ sind, was gar nicht positiv ist. Und die positiven Resultate können ganz schnell negative Folgen zeitigen. Und dann hängt doch alles von der Perspektive ab (was meinst du?). 

Es ist ein modernes Wort, sage ich. 

Was ist ein modernes Wort, Papa? 

Man prüft etwas, sage ich. 

Zum Beispiel, ob jemand gesund ist oder krank, oder?

Wenn es so einfach wäre. Die Oma war gesund, aber der Test ergab, dass sie krank war. Aber sie wusste es nicht, also war sie eine dumme Gesunde oder eine dumme Kranke, die jetzt wieder gesund ist. Aber das antworte ich nicht, ich möchte eine ernste, reelle Antwort geben. Ein Test ist wie eine Frage. Bei Ludwig Wittgenstein heißt es: „Der Sinn einer Frage ist die Methode ihrer Beantwortung. Sage mir, wie du suchst und ich werde dir sagen, was du suchst.“ Ein Test ist im Grunde ein Spiel, denke ich. Aber das sage ich nicht. Wir kommen an einem Vorgarten vorüber, in dem kleine blaue Blümchen blühen. 

Ich deute auf eines der Blümchen und sage: Es gibt keinen Test dafür, daß das blau ist. 

Unser Sohn überlegt kurz. Du redest Quatsch, Papa. Und dann: Der Ludwig hat die Flüssigkeit vom Test auf den Boden geschüttet. 

Wollte er den Boden testen? Keine Antwort. 

Es war aber nicht so schlimm. 

Ich wusste gar nicht, dass ihr einen Ludwig in der Klasse habt. Doch haben wir. 

Soll ich dich mal testen, Papa?

Es folgt ein Test, den ich nicht begreife. Ich muss nach rechts blicken und raten, welches Sammelbildchen unser Sohn in der Hand hält. Es ist unmöglich.

Ein unmöglicher Test, sage ich.

Nein, streng dich an Papa, du musst dich richtig anstrengen. Und nach einiger Anstrengung und vielen Versuchen, ist meine Antwort erfolgreich. Ein Wunder. Also gibt es auch Testwunder.

Dann wirft unser Junge den Fußball in den Einkaufskorb, obwohl er ihn tragen sollte. Im Einkaufskorb liegen zwei Schalen Erdbeeren. Jeder Test ist ein Versuch und die Versuchung, ihn auszuführen. Das Resultat fällt unterschiedlich aus. Und seine Bewertung sollte man bleiben lassen. Die Erdbeeren sind nicht zermatscht, weil der Ball an einem querliegenden Lauch gestoppt hat. 

Papa, was heißt eigentlich positiv? Und was heißt negativ? 

Das ist wie bei der Batterie in deiner Eisenbahn. Positiv ist da, wo der Hubbel ist, negativ auf der glatten Seite. Es braucht beide Seiten, damit die Batterie Strom machen kann.

Das stimmt nicht. Negativ ist da, wo der Hubbel ist und positiv auf der glatten Seite. 

Du irrst dich.

Tu ich nicht. Ich mach die Batterie immer andersrum rein wie du.

Deswegen funktioniert die Eisenbahn bei dir nicht.

Tut sie schon.

Nach einigem Nachdenken:

Positiv und negativ sind nämlich das Gleiche. Man kann es machen, wie man will.

Aber nicht bei der Batterie. Da kann man positiv und negativ nicht austauschen.

Okay. Aber sonst schon, oder?

Ja, irgendwie schon, denke ich, aber ich verfolge den Gedanken nicht weiter. Unser Sohn zieht jetzt überall, wo er welche entdeckt und mit der Hand hinreicht, die Sticker ab. Er sammelt Sticker in einem speziellen Album. Es gibt unendlich viele Sticker, die auf Zeitungskästen, Verkehrsschildern, Laternenpfählen, Stromkästen, U-Bahn-Liften usf. kleben. Die Welt ist voll mit Stickern.

Und noch einer, sagt unser Sohn und popelt einen Sticker eines Fußballvereins ab, den er schon zwanzig Mal hat. 

Kannst du den einstecken? Ich klebe ihn mir auf die Brust. Er wellt sich und hält nicht besonders gut. Zweimal fällt er ab und ich muss ihn aufheben.

Papa, ich will gar nicht testen.

Ist es schlimm?

Schlimm ist es nicht, aber blöd. Pause. Testen ist überhaupt blöd.

Undenkbar ist die gegenwärtige Welt ohne Tests. Tests sind überall. Alles kann man testen. Auch die Kinder. Was geschieht mit den Kindern, wenn sie getestet werden? Wirkt das Testen in ihr weiteres Leben hinein? Natürlich.

Vor dem Schlafengehen reden wir darüber (du, ich). Ein gesundes Kind zu testen ist verrückt. Aber vielleicht ist es dann doch nur eine Verrücktheit der Erwachsenen mehr, an deren Sinn sie glauben. Du sagst: Der Test ist der Wunsch nach der Befragung des Orakels. Wir sind so verbittert ungläubig, dass wir den Test anflehen, uns eine Wahrheit preiszugeben, die wir schon längst verloren haben. Der Test ist eine Selbsttäuschung, ein Akt der Verzweiflung, der sich als Vernunft ausgibt. Der Test selbst ist eine Krankheit. Wir schweigen. Dann: Den Schlaf kann man nicht testen. Doch, es gibt Mediziner, die den Schlaf testen. Nein, sie glauben nur, dass sie den Schlaf testen. 

In dieser Nacht kommt unser Sohn ins Bett. Vielleicht dämmert es schon. Wir drei teilen unsere Wärme. In meinem Kopf schwirrt das Wort Test herum wie ein Propeller des Ahorn. Der Test trudelt zum Boden und bleibt auf dem Asphalt liegen.

 

We are testing. Everyone. Everything.

What is a test, Daddy?

Our son is asking a lot of questions at the moment. Of you. Of me. He’s tempting us to always have an answer. That makes us notice our tendency to believe that we have an answer, not necessarily for everything, but for a lot of things. A test, then. What is a test? No sooner is the question asked than his own answer comes sailing in. With a thinking child’s voice that sounds very different from our thinking adult’s voice.

A test can be positive. Or negative. Negative is better. What do you think?

Depends, I say.

Tests everywhere. When our son swipes a 2 Euro coin that’s lying around in the house somewhere and claims it’s his. When he tests the strength of a lamp cord by tugging at it. Or when he puts the wrong end of the hose from the kitchen sink into the faucet to see what happens. Some test results are negative, which is not at all positive. And the positive results can quickly lead to negative consequences.

And then it all depends on one’s perspective (what do you think?).

It’s a modern word, I say.

What’s a modern word, Daddy?

Test. It means you’re checking something.

You mean like someone’s temperature? To see if they’re sick or not?

If only it were that simple. Grandma was healthy, but according to the test, she was sick. But she didn’t know it, so she was a foolish healthy person or a foolish sick person who is now healthy again. But I don’t say that to my son. I want to give him a serious, realistic answer. A test is like a question. Ludwig Wittgenstein says: “The meaning of a question is the method of answering it. Tell me how you are searching, and I will tell you what you are searching for.” 

A test is basically a game, I think. But I don’t say that. We are passing a front yard in which small blue flowers are blooming.

I point to one of the flowers and say: There is no test that proves this is blue.

Our son thinks for a moment. You’re not making sense, Dad. And then: Ludwig poured the liquid from the test onto the floor.

Was he trying to test the floor? No answer.

But it wasn’t that bad.

I didn’t know you have a Ludwig in your class.

Do you want me to test you, Daddy?

What follows is a test that I do not understand. I have to look to the right and guess which card in his collection of picture cards our son is holding in his hand. It is impossible.

An impossible test, I say.

No, try harder, Daddy, you have to really try. And after some effort and many attempts, my answer is successful. A miracle. And so there are test miracles too.

Then our boy tosses the soccer ball into the shopping basket even though he was supposed to be carrying it. There are two bowls of strawberries in the shopping basket. Each test is an attempt and the temptation to carry it out. The results vary.  And it’s not a good idea best not to draw conclusions from them.

The strawberries are not smashed because the ball was stopped by a leek that lay across them.

Daddy, what does positive mean? And what is negative?

That’s like the battery in your train. Positive is where the bump is, negative is the smooth side. Both sides are needed in order for the battery to make electricity.

That’s not true. Negative is where the bump is and positive is the smooth side.

You’re wrong.

I’m not. I always put the battery in the other way around.

That’s why the train doesn’t work when you do it.

But it does work.

After some reflection:

It’s because positive and negative are the same. You can do it any way you want.

But not with a battery. There you can’t switch positive and negative.

OK, but otherwise you can, no?

Yes, in a way, I think, but I don’t pursue the thought any further.

Our son has been pulling off stickers wherever he finds them and can reach them with his hand. He is collecting stickers in a special album. There are an infinite number of stickers sticking to newspaper boxes, traffic signs, lamp posts, power boxes, subway elevators, etc. The world is full of stickers.

And another one, our son says, pulling off the sticker of a soccer club that he has already had twenty times.

Can you put that away? I stick it on my chest. It curls up and doesn’t hold particularly well. It falls off twice and I have to pick it up.

Daddy, I don’t want to be tested.

Is it bad?

It’s not bad but it’s silly. Silence. Tests are silly.

The present world is unthinkable without tests. There are tests everywhere. You can test everything. Children too. What happens to children when they are tested? Do the tests have an effect on the rest of their life? Of course they do.

We talk about it before going to sleep (you and I). Testing a healthy child is crazy. But maybe it’s just one more crazy thing the adults believe in. You say: The test is the desire to consult an oracle. We are so bitterly unbelieving that we beg the test to reveal to us a truth we have long since lost. The test is a self-deception, an act of desperation masquerading as reason. The test itself is a sickness. We fall silent. Then: Sleep can’t be tested. Yes it can, there are doctors who test sleep. No, they just think they can test sleep.

On this night, our son joins us in bed. Maybe dawn is breaking already. The three of us share our warmth. The word “test“ is buzzing around in my head like a maple’s propeller-like seedpod. The test spins to the ground and remains lying on the pavement.

 

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