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Corona, Corona, Corona, wir fahr`n mit der Oma nach Verona.

 

Die Kreativität der Kinder ist groß und ganz anders als das allgemeine absichtsvolle künstlerische Bemühen frei und bereit für jeden Sinn und Unsinn. Es ist moralisch unverantwortlich und es hat keine Mission. Aufklären sollen die Erwachsenen, im Grunde machen sie ja den ganzen Tag nichts anderes und kommen nie damit zu Ende. Ist das jetzt wegen der Corona-Krise? fragt unser Sohn angesichts eines verschlossenen Türchens zum Spielplatz (es wäre ein Leichtes darüberzuklettern). Ja, das ist wegen der Corona-Krise. Es ist noch früh am Tag und ziemlich kühl und es sind kaum Menschen auf den Wegen. Es wäre durchaus möglich, mit den anderen Kandidaten, die momentan noch nicht sichtbar sind, die Benutzung des Spielplatzes eigenverantwortlich zu regeln, aber zur Zeit wird uns das nicht zugetraut. Ja, natürlich, wir alle sind wie Kinder: reiche ihnen den Finger und sie greifen gleich nach der ganzen Hand! Wenn wir den Spielplatz betreten würden, wie schnell gerieten wir außer Rand und Band in unserer kindischen Sorglosigkeit. Deshalb sorgt jetzt der Staat für uns, sein pädagogisches Konzept stammt aus den Tiefen des neunzehnten Jahrhunderts, aber halt!, bevor wir Väterchen Staat schelten, aus denselben Tiefen kommt auch Adalbert Stifter. Unser Sohn trägt viel von Stifter in sich, ich selbst lese ihn gerade (und da wir viel, viel Zeit haben, lese ich dir einiges von Stifter vor, während von draußen aus der verstummten Großstadt eine große Ruhe hereindringt, ruhiger noch als die in unserem Wohnzimmer und unser Lesen sanft begleitet). Es gibt Interessanteres als Spielplätze. „Als Knabe trug ich außer Ruten, Gesträuchen und Blüten, die mich ergötzten, auch noch andere Dinge nach Hause, die mich fast noch mehr freuten, weil sie nicht so schnell Farbe und Bestand verloren wie die Pflanzen, nämlich allerlei Steine und Erddinge“ heißt es bei Stifter. Die Steine. Im Zimmer unseres Sohnes befindet sich bereits eine große Sammlung von Steinen, eigentlich eine Ansammlung, denn dicht gedrängt verwahrt unser Kind sie in einer flachen Holzschale oder in Säckchen, wenn er mit ihnen nicht gerade Muster auf den Teppich legt oder Grenzen um den Stall herum baut. Und schon hat er wieder einen Stein gefunden mit seinem Kennerblick, ein spitzer, länglicher Stein, der sich unter der Buchenhecke, die den Spielplatz umrundet, befand. Schnell verschwindet der Stein in seiner Jackentasche, diesen Schatz teilt er erstmal mit niemandem. Andere Erddinge sind halb vergrabene Kronkorken (manche aus purem Gold), ominöse Plastikteile (dreifach gebogen – was ist das denn? ruft unser Sohn fast empört) oder eine alte, fast schwarze Kastanie aus dem letzten Jahr, die einen kräftigen, blassen Trieb aus sich selbst heraus hat keimen lassen. Während wir sammeln (nein, unser Sohn sammelt und manches vom Gesammelten muss ich in meinen Taschen aufbewahren, dabei bleibt mir Zeit, ein, zwei Sätze aus einem Buch zu lesen oder in den Himmel zu blicken), summen wir. Wir sind wie die ersten Bienen, die auf den strammen Leberblümchen und Buschwindröschen ihrem schaukeligem Geschäft nachgehen und dabei einem ähnlichen Vergnügen frönen. Zuerst summen wir, dann singen wir. Einer von uns beiden wird angefangen und den anderen verführt haben oder wir haben beide gleichzeitig angefangen mit unseren Stimmen zu spielen – schon ist es nicht mehr zu entscheiden. Corona, Corona, Corona. Die Oma, die Oma, die Oma. Verona, Verona, Verona (dort waren wir letztes Jahr und haben einen Gummiball gekauft, höchst bunt, mit verfließenden Farben, den ich in meinen Rucksack gestopft habe). Irgendwann finden wir in unserem Gesumme und Gesang zu einer Melodie, einer leichten Melodie, die unser neues Liedchen unbeschwert begleitet. Wir geben unsere Suche am abgesperrten Spielplatz auf (wie stark wir uns von einem flatternden, rotweißen Plastikband beeindrucken lassen) und wandern weiter über die Wiesen, beobachten die Polizeiautos, die langsam die Wege im Park entlangfahren, da und dort stehen bleiben und die Ungehörigen, die allein, an einen Baum gehockt, rasten, vertreiben. Wegen Corona, sagt unser Sohn. Ja, wegen Corona, sage ich. Corona, Corona, Corona – es singt sich leicht dieses Wort, das gerade die ganze Welt bedeutet. Die Macht ist wirklich sehr launisch und ihr Anlass so klein, so klein. Was ist Corona eigentlich? Gute Frage, was ist es eigentlich? Wir suchen einen Ort, um Ball zu spielen. Neulich sind wir schon einmal auf dem Kirchplatz vertrieben worden, jetzt spielen wir gut verborgen hinter einer Baumgruppe. Wir fahr`n mit der Oma nach Verona, jetzt ist unser Lied fast komplett. Die Melodie üben und verfeinern wir auf dem Heimweg. Wie zwei Könige laufen wir singend über die Gehwege, die uns allein gehören. Voller Demut und Achtung gehen uns die Menschen aus dem Weg oder wechseln gar die Straßenseite. Manche tragen Masken über dem Gesicht, um uns mit ihrem Atem nicht die frische Frühlingsluft zu verderben. Ja, wir laufen sogar in der Mitte der Straße und kaum hat man uns erblickt, ruht der verbliebene Verkehr, schüchtern und schuldbewußt drücken sich die wenigen Autos zitternd an den Straßenrand. Corona, Corona, Corona. Als wir zu Hause ankommen, blicken wir in den Himmel, weil unser Sohn etwas entdeckt hat. Ein Bussard, ruft er, ein Bussard, wo? rufe ich. Doch, doch, doch, ruft unser Sohn, aber ich sehe nur den makellosen blauen Himmel, rein, wie ich ihn noch nie erblickt habe. Unser fertiges Lied singen wir dir vor: Corona, Corona, Corona, wir fahr`n mit der Oma nach Verona. (Kurz, sagst du am Abend, bist du über unser Lied erschrocken, dann hat es dir ganz besonders gut gefallen. In den Zeiten von Corona schläft unser Sohn nicht besser, nicht schlechter in seinem Hochbett. So stehen wir für einen Moment beruhigt an seiner Seite, dann legen wir uns selbst schlafen. Bevor wir die Augen schließen, noch ein bißchen Stifter: „Die Familie ist es, die unseren Zeiten not tut, sie tut mehr not als Kunst und Wissenschaft, als Verkehr, Handel, Aufschwung, Fortschritt, oder wie alles heißt, was begehrungswert erscheint.“ Wir sehen uns an, denken an unseren Sohn, und lachen so ausgiebig wie nie zuvor in unserem Leben und – es muss ein Wunder sein – schlafen lachend ein.)