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Die Krise geht in die Schule

Die Krise entwickelt sich wie sich ein Kind entwickelt. Wohin führt das alles, welchen Weg geht das Kind? Wir (du und ich) können ahnen und unken, hoffen und bangen. Niemand weiß, was morgen geschieht. Wir können unseren eigenen Maßnahmen glauben, glauben, dass sie die Zukunft positiv beeinflussen. Eines Tages könnte wir dann unser Kind betrachten und zu uns sagen: Siehts du, das haben wir gut gemacht, deshalb und deshalb und deshalb ist es so und so und so geworden. An allem, was unser Kind eines Tages geworden sein wird, können wir uns einen hohen Anteil anrechnen. Wie die Menschen in der Krise: Wir haben das und das und das getan, deshalb ist es jetzt so, wie es ist, wir haben es richtig gemacht. Möglicherweise ist die Krise ein Kind, denken wir (denkst du, denke ich – tatsächlich: manchmal fassen wir den gleichen Gedanken zur gleichen Zeit), ein Kind, das uns die nächsten Jahre, Jahrzehnte noch sehr beschäftigen wird. Und immer wieder wird es etwas tun, das wir ganz und gar nicht begreifen können und uns höchst gefährlich und nicht im Geringsten förderlich erscheint. Die Krise ist ein Kind, das ewige Kind. Wir blicken auf unser Kind, das gerade mit einer Freundin zusammen das Bett mit allen verfügbaren Stiften angemalt hat. Das Holz, die Matratze, das Bettzeug. Ach ja, und die Tür haben sie auch noch bunt gemacht. Brauchen wir vielleicht einen Experten? Der unser Kind erkennt, erforscht, gerne mit Zahlen spielt und seine Schlüsse zieht, die zu geeigneten Maßnahmen führen? Maßnahmen, die unser Kind und seine Freundin in Zukunft auf Papier malen lassen werden und uns damit ersparen, Bett- und Bettzeug mühsam zu säubern? Wir sind uns einig: Mit so einem Experten würde unser Kind ganz schnell ein langweiliges und unlebendiges Kind werden. Würden wir einen Experten zu Rate ziehen, würden wir uns genauso gnadenlos verhalten wie die Experten, die die Krise vorgeblich (was wissen wir schon über ihre kindischen Motive?) zu entschärfen versuchen. Würden wir uns an einen Experten halten, würden wir nur unsere Putzfaulheit und damit unseren Egoismus nähren. Es tut uns gut, für das sinnlose, aber genauer besehen, recht hübsche Tun unseres Kindes und seiner Freundin geradezustehen. Ein Experte würde am Ende unser Kind abschaffen wollen. So wie der Experte Oma abgeschafft hat. Können wir Oma besuchen? fragt unser Sohn. Können wir nicht. Oma ist nunmal sehr alt und lebt in einem Heim und da darfst du nicht hinein. Die Oma, die ja am Leben ist, wird allmählich zur Erinnerung. Das letzte Mal, da trugen die Bäume noch keine Blätter, haben wir der Oma gewunken, zum Balkon hinauf und sie hat zu uns heruntergewunken. Als wir das nächste Mal auf dem Weg standen, der an ihrem Heim entlangführt, wußten wir zwar, dass sie wieder auf dem Balkon steht, aber so sehr wir uns auch bemühten, durch das Blättermeer war sie nicht zu entdecken. An der Pforte durften wir eine Schale Erdbeeren abgeben, eine Mitarbeiterin im Heim huschte heraus und unser Sohn hielt ihr die Schale hin. Leben wir am Ende in einem Märchen? Während wir von der Oma, die wir nicht besuchen durften, nach Hause radelten und uns Zaubersprüche ausdachten, wie im Märchen, Zaubersprüche, die den elenden Bann, der sie gefangen hält, vielleicht lösen können, verging die Zeit und mit ihr wehte es die Oma aus unseren Gedanken. Jetzt, da die Krise sich etabliert hat (und dabei so tut, als wäre sie weniger da), merken wir, dass wir ihr nicht hinterherkommen, wie wir der Entwicklung des Kindes nicht hinterherkommen (der Entwicklung unseres Sohnes, der sich auch etabliert hat und dabei so tut, als wäre er immer so, wie er jetzt gerade ist). Ach, die Oma, seufzen wir. Einer von uns (du, ich) durfte zu ihr und neulich durfte dann einer von uns beiden zu ihr, zusammen mit unserem Sohn und es war wieder wie im Märchen. Drei Tische im hauseigenen Café trennten uns, wir Besucher trugen Masken und wir schrien, damit wir unsere Worte verstehen konnten. Eine Stunde Zeit wurde uns erlaubt. Soviel Zeit reicht auch vollkommen aus, um heiser zu werden. In Märchen geht es grausam zu, herzlos, ohne Mitgefühl, die böse Schwiegermutter heutzutage heißt Vernunft. Es ist geboten, sie solange anzubeten, bis das eigene Denken endgültig in der Wüste der Allgemeinheit vertrocknet ist. Und die Zeit rast dahin (wirklich, es kann einem vorkommen, dass der Zeit an sich ein Rasen, ein Wahnsinn innewohnt): Schon ist die Krise so groß geworden, dass sie eingeschult werden kann. Im ersten Jahr dieses neuen Abschnitts wird sie verpflichtet, eine Maske zu tragen. Oder ist es nur unser Kind, das eine Maske trägt? (Gut, dass alles, was sich Menschen ausdenken, ins Spiel einfließen kann, in dieses ewige Spiel, dass man, ohne zu Zögern, das Leben nennen kann. Man sollte diese kleine Wahrheit aber nicht den Menschen auf der Straße zurufen, die mit großem Ernst ihre Maske über ihren Mund und ihre Nase legen, mit einer Heiligkeit und Demut, die von früher stammen muss, als es noch Religionen und Gottgläubige gab.) Was die Erwachsenen tun, tun auch die Kinder, allerdings diskutieren sie nicht über die große Krise, weil diskutieren das absolut Langweiligste ist, was man in der Welt tun kann (viel langweiliger als Klettern, mit Kissenwerfen oder Lego City, das unser Sohn bei einem Kindergeburtstag entdeckt hat). Die Krise entwickelt sich (sie wird noch viele Jahre brauchen) und unser Kind entwickelt sich (es wird noch viele Jahre brauchen). Unser Sohn entwickelte sich in der Krise, mit der Krise und ohne die Krise. Abends, wenn das Kind schläft, suchen wir Trost, denn die Krise kostet Kraft und Nerven. Den besten Trost bietet die Literatur, die einzige Kunst, die die Krise (und ihre Handlanger) nicht so leicht zugrunde richten kann, wahrscheinlich, weil sie nur aus ein bißchen Papier besteht. Lesen wir also Polgar, Trost in Krisenzeiten: … Vorteile der Krise für das Privatleben: Die persönlichen Gründe zur schlechten Laune lassen sich mühelos hinter den allgemeinen verstecken … Der Egoismus entledigt sich seiner Verschleierungen. Man trägt ihn heute nackt … Das Falsche und das Brüchige vieler sogenannter Lebensfreuden wird offenbar. Es zeigt sich in den meisten Fällen, daß Vergnügen kein Vergnügen ist. Und die Steigerung der Lebensangst hat Minderung der Todesangst zur Folge … Niemand kann mehr über sich selbst bestimmen: das bedeutet große Ersparnis an Entschlußkraft und geistigem Aufwand. Der Wirkungs-Radius des freien Willens ist auf ein Winziges zusammengeschrumpft, du lebst weniger, als du gelebt wirst, bist also nur mehr zu lächerlich geringem Teil dir selbst für dein Schicksal verantwortlich … So hat der Mensch endlich Ruhe vor sich selber … Während wir also jeden Abend vor dem Einschlafen, gerade noch im Wachen, eine Runde Lachen einlegen, lacht unser Sohn im Schlaf. Wir haben es eben deutlich gehört. Ein hohes, klingelndes Lachen, das nur aus Freude besteht.

The crisis goes to school

The crisis develops the way a child develops. Where is this all leading, what course is the child going to take? We (you and I) have presentiments, hopeful and fearful ones. No one knows what will happen tomorrow. We can believe in our own approaches, trusting that they will have a positive influence on the future. Eventually, some day, we can look at our child and say to each other: You see, we did a good job, this and that is why things turned out this and that way. Our part in whatever becomes of our child is considerable. People in a crisis reckon the same way: The reason things are as they are right now is because we did this and that: we did the right thing. Maybe the crisis is like a child, we think (I think, you think – actually, truly: sometimes we come up with the same thought at the same time), a child that will be our concern for years and decades to come. And again and again it will do something that is utterly incomprehensible to us and that strikes us as highly dangerous and not at all promising. The crisis is like a child, the eternal child. We look at our child, who has just painted the bed, in collaboration with a little girl who is his friend, using every available crayon. The wood, the mattress, the linen. Ah yes, and they’ve painted the door as well. Should we consult an expert? Someone who can understand and study our child, a person who likes to play with numbers and draw conclusions, which would lead to appropriate measures? Measures that will lead our child and his friend to paint on paper in the future, and spare us the arduous labor of cleaning the bed, the linen, the door. We agree: with that kind of expert, our child would very quickly turn into a boring and wooden child. If we consulted an expert, we would be acting as ruthlessly as the experts who are allegedly (what do we know about their childish motives?) seeking to mitigate the crisis. If we consulted an expert, we would only be feeding our aversion to cleaning and polishing and hence our egoism and our sloth. It’s good for us to stand up for the senseless but on closer inspection quite lovely behavior of our child and his friend. An expert would ultimately aim at getting rid of our child. Just like the expert who got rid of Grandma. Can we visit Grandma? our son asks. We can’t. Grandma is very old by now and is living in a retirement home and you’re not allowed in there. Grandma, who is alive, is gradually turning into a memory. The last time, that was before the trees had sprouted their new leaves, we waved to Grandma and she waved down to us from her balcony. When we stood there the next time on the path that leads to her retirement home, we knew that she was standing on the balcony, but no matter how hard we tried, we could not make her out through the sea of leaves. We were only permitted to leave a bowl of raspberries for her at the gate. An employee came out in a hurry and our son held out the bowl to her. Could it be that we are living in a fairy tale? As we rode back home on our bikes from the grandmother we were not allowed to visit, making up hexes and charms to break the miserable spell that is holding her captive, time passed, and with it Grandma slipped out of our thoughts. Now that the crisis has taken root (pretending at the same time that it has diminished), we notice that we cannot keep up with it, just as we cannot keep up with our son’s development (who has also taken root and is also acting as if he were always the way he is now). Ach, Grandma, we sigh. One of us (you, I) was allowed to visit her and recently one of the two of us was allowed to see her together with our son, and it was once again like a fairy tale. Three tables in the home’s common room separated us, we visitors were wearing masks and we shouted to make our words heard. We were granted an hour. That is enough time to shout yourself hoarse. Life in a fairytale is cruel, heartless, devoid of compassion. The evil stepmother in our days bears the name of Reason. We are commanded to worship her until our own thinking has finally dried up in a desert of common agreement. And time is racing (at breakneck speed, and sometimes it seems that time itself is the rageful progress of a kind of madness): By now the crisis has grown to a point where it can be sent to school. During the first year of this new chapter it is obliged to wear a mask. Or is it just our child who is wearing a mask? (Good that everything people come up with can flow into the game, the eternal game which we can all without hesitation call life. But it is better not to proclaim this small truth to people on the street, who are very earnestly covering their noses and mouths with masks, with a piety and humility that must come from earlier times when there were still religions and believers in God.) What adults do, the children do as well, with the difference that children do not discuss the great crisis, because discussing anything is the most absolutely boring thing in the world (much more boring than climbing, throwing pillows, or Lego City, which our son discovered at a birthday party). The crisis is developing (it has many years to go), and our child is developing (with many years ahead of him). Our child has developed in the crisis, with the crisis, and without the crisis. In the evening, when our child sleeps, we seek consolation, for the crisis takes effort and frays one’s nerves. The best consolation comes from literature, the only art that the crisis (and its minions) cannot easily ruin, probably because it only consists of marks on a piece of paper. So let us read Alfred Polgar, Consolation at a time of Crisis: . . . Advantages of the crisis for private life: Personal reasons for a bad mood can be effortlessly hidden behind the general reasons . . . Egotism sheds its disguises. These days it is worn nakedly . . . The falseness and brittleness of many a pleasure becomes apparent. Most amusements, it turns out, are not amusing. And the increased fear of life leads to a diminution of the fear of death . . . No one can determine himself any longer: this entails a great saving in resoluteness and mental effort. The effective scope of free will has shrunk down to a minuscule range, you’re not so much living as being lived, so you are responsible for your own fate to a ridiculously small degree . . . Thus man is at long last left in peace from himself . . . And so, as we put in a round of laughter before falling asleep every evening, still barely awake, our son laughs in his sleep. We just heard it again, very clearly. A high, ringing laugh that consists of nothing but joy.

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