120

Wir vergleichen das Erwachen. Wir vergleichen: allein erwachen, zu zweit erwachen, zu dritt erwachen. Allein erwachen: der Widersinn ist augenfällig. Oft genug hat es jeder von uns getan, ohne Erfolg. Allein erwachen ist Erwachen in den Tag. Zu zweit erwachen: wir spüren sogleich den Fortschritt. Oft genug hat jeder von uns es getan, mit Erfolg. Zu zweit erwachen ist Erwachen in die Nacht. Zu dritt erwachen: ist der Beginn des Erwachens und sein Ende. Wir sind noch nicht sehr geübt darin. Unser Baby ist uns weit voraus (und an manchem Morgen glauben wir, es wartet mit dem Öffnen seiner Augen, bis wir erwacht sind).

We compare awakenings. We compare: awakening alone, in twos, in threes. Awakening alone: the absurdity is self-evident. Each of us has done it often enough, without success. Awakening alone is awakening into the day. Awakening in twos: immediately we feel progress. Each of us has done it often enough, with success. Awakening in twos is awakening into the night. Awakening in threes: is the beginning of awakening and its end. We have not had much practice in this yet. Our baby is far ahead of us (and there are mornings when we think he is holding back with opening his eyes until we have awakened).

119

Vorfreude (an einem Tag wie heute überkommt sie uns, während wir nichts Besonderes tun, den Tag mit unserem Baby mit gleichbleibender Freude begehen, mit Besorgungen da und dort und Gesprächen auf der Straße, mit auf der Decke sitzen im Halbschatten, ohne Socken, und das Baby nach seinen Socken greift und sie wieder verliert und in den Mund nimmt und darauf herumkaut – da plötzlich wird aus unserer Freude Vorfreude, so dass wir uns freuen auf nächste Woche und nächsten Monat und nächstes Jahr und das Jahr danach und so fort, auf alles, was kommt mit unserem Baby, und dann staunen wir, wie die Freude des Augenblicks die Vorfreude des nächsten und übernächsten und weit entfernten Augenblicks herausruft, staunen, weil wir denken, es müsse umgekehrt sein, die Vorfreude müsse der Freude vorangehen und dann würde ihr die Nachfreude folgen – und so geraten wir in die Wirbel der Zeit, die uns schon bald unser erstes Wort an der richtigen Stelle zerreißen).

Anticipation (on a day like today it overcomes us, while we are doing nothing special, passing the day in a state of steady joy with errands here and there and conversations in the street, with sitting in half-shade on the blanket, without socks, and the baby reaches for his socks and immediately drops them and puts them in his mouth and starts chewing on them – when suddenly our joy turns into anticipation, a foretaste of next week and next month and next year and the year after and so on, of everything that may come along involving our baby, and then we are amazed that the joy of the moment evokes anticipation of the next moment and the moment after and moments far in the future, amazed because we think it should be the other way around, anticipation should precede joy, which in turn would precede a posticipation – and already we are in the whirls of time, which soon tear our first word into pieces).

118

Der Eindruck täuscht nicht: wir sehen dem Werden unseres Babys zu. Heißt das, es entwickelt sich? Bedeutet Entwicklung nicht, daß das, was da ist, sich entwickelt? Wie das? Was da ist, was so vollkommen da ist, wie könnte es sich noch entwickeln? Also muss das Werden, dem wir zusehen, etwas Anderes sein. Gut, dass wir (das Baby, du, ich) es nicht eilig haben.

The impression is not deceptive: we are observing the baby in the process of becoming. Does that mean he is developing? Does development not mean that what is there is developing? How can that be? How can that which is there, which is so completely there, still develop? So the process of becoming which we are observing must be something else. A good thing that we (the baby, you, I) are not in a hurry.

117

So wie unser Baby jetzt daliegt und uns ansieht (lässig, als könnte es nur so daliegen und nur so blicken), meinen wir, es wartet ab: wie wir beide (du, ich) uns wohl entwickeln werden. Was uns noch alles wird widerfahren auf dem gemeinsamen Weg. Wie wir uns dabei fühlen werden. Wir nutzen die Zeit (während unser Baby so daliegt und so blickt), um vorsichtig zu fragen, ob es sich uns ausgesucht hat und wie wir uns diese Wahl vorzustellen haben. Bei der Beantwortung wollen wir weder eine Absicht noch den Zufall bemühen. Dies kommt uns sehr einfach vor, und als unser Baby den Kopf dreht und woanders hin blickt, haben wir die Antwort schon gefunden.

The way our baby lies there now and the way he is looking at us (casually, as if he could only lie there like this and could only look at us in just this way), it seems to us that he is waiting to see how the two of us (you, I) will develop. What kinds of things will befall us on our shared path. How we will feel when these things come to pass. We use this time (while our baby lies there like that and gives us that look) to ask him carefully whether he picked us and how we should conceive of that choice. For an answer, we don’t want to employ either intention or chance. This seems very simple to us, and when our baby turns his head and looks somewhere else, we have already found the answer.

116

Es ist die makellose Lebendigkeit unseres Babys, die jeden, auch den blassesten Schattenwurf verhindert. Tatsächlich ist das Baby selbst Licht und stets, wenn wir uns ihm nähern (ob wirklich oder gedacht) fühlen wir uns mehr im Hellen. Und doch gibt es für einen Moment eine winzige (gerade deshalb) unerträgliche Ahnung von Tod, die in seiner Gegenwart in uns überfließt. Es ist keine Befürchtung, die uns ungute Gedanken über die Zukunft verursacht, es ist etwas absolut Gegenwärtiges, das uns erschreckt. Es könnte einer kleinen, unbedeutenden Geste des Babys entsprungen sein. Mehr können wir darüber nicht wissen: wir werden wieder darauf stoßen.

It is the impeccable aliveness of our baby that prevents him from casting even the palest hint of a shadow. Indeed the baby himself is nothing but light, and always when we approach him (whether in reality or in thought) we feel ourselves to be more in the light. And yet there is a moment when there is a tiny (and precisely for that reason) unbearable presentiment of death that floods us in his presence. What frightens us is not an anxiety that sets off unpleasant thoughts about the future; no, it is something absolutely present. It may have sprung from a small, insignificant gesture on the baby’s part. That is all we can know about it: we will encounter it again.

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Seit das Baby bei uns ist, fühlen wir uns das erste Mal berechtigt zu philosophieren (mangelnde Berechtigung hat uns allerdings früher nie daran gehindert, es dennoch zu tun). Philosophieren? Wir könnten es auch nachdenken nennen. Oder empfinden. Oder schreiben. Oder kreisen, vagabundieren, spähen, stolpern, hinfallen, auffliegen. Bei all diesem Tun fühlen wir uns jedenfalls im guten Recht. Das gute Recht kann nur alt sein, uralt, älter womöglich als uralt. Wir fragen uns, wer von uns dreien (du, ich, das Baby), am ältesten ist.

For the first time, ever since the baby joined us, we feel justified in philosophizing (which is not say that a lack of justification ever stopped us in the past). Philosophizing? We  could also call it reflecting. Or feeling. Or writing. Or turning in circles,  drifting about, stumbling, falling, taking flight.  We feel perfectly entitled to all these activities. Such perfect entitlement can only be old, ancient, possibly older than ancient. We ask ourselves who, of the three of us, is the oldest.

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Im Gewusel mit den Anderen (Mamas, Papas, Babys) steht unsere Einzigartigkeit auf dem Prüfstand. Was wir dabei genießen, ist die Sicherheit, dass keiner unserer Glaubenssätze sicher ist. Wer sind wir schon (du, ich, das Baby)? Der Vergleich ist uns so wesentlich wie der Lidschlag – nur selten kommt er uns zu Bewusstsein (und dann wissen wir gar nichts mit ihm anzufangen oder wir übertreiben ihn ohne Ende). Nein, nein, nein, wir sind nicht einzigartig, rufen wir trotzig (während wir in die Sonne blinzeln und über unserem Baby den kleinen blauen Schirm mit dem hohen Sonnenschutz aufspannen). Ist es sehr unverschämt zu behaupten, dass von uns dreien nur zwei einen Schatten werfen?

In the seething mass of the others our uniqueness is put to the test. The pleasure in that, for us, is that not one of our articles of faith is secure. What do we amount to (you, I, the baby)? The comparison is as essential for us as the batting of an eyelid – we rarely notice it (and when we do, we don’t know what to make of it or we exaggerate it endlessly). No, no, no, we are not unique, we defiantly exclaim (while blinking in the sun and shielding our baby with a little blue parasol). Is it outrageous to claim that among the three of us only two cast a shadow?