113

Wir brauchen nichts (etwas Unwahreres lässt sich nicht behaupten, was die Freude an dieser Behauptung nicht im Geringsten mindern kann). Wir brauchen nichts – und schon bei der ersten Wiederholung beweist sich uns nun die Wahrheit dieser Behauptung: was wir brauchen, ist nicht das, was wir brauchen. Wir brauchen Kontakt, das ist alles, was wir brauchen. Wenn wir etwas brauchen – gleich was – verlieren wir den Kontakt. Aber wie, fragt unser Baby, ist es überhaupt möglich, den Kontakt zu verlieren (in fassungsloser Empörung blickt es uns an und greift fest nach unseren Nasen)?

We need nothing (which is as untrue a claim as it is possible to conceive, but that doesn’t at all diminish the pleasure of claiming it). We need nothing – and already the first repetition establishes the truth of this claim: what we need is not what we need. We need contact, and that is all we need. As soon as we need something – no matter what – we lose contact. But how, our baby asks, how can you possibly lose contact (looking at us with perplexed indignation and firmly grasping for our noses)?

112

Wir staunen und freuen uns darüber, dass wir das Leben mit dem Baby auf so einfache Weise zustandebringen. Immer wieder sagen wir uns, wir haben nie gelernt mit einem Baby zu sein, und können es doch. Noch nie, sagen wir uns, haben wir ein Baby kennengelernt, und haben doch keine Schwierigkeiten unser Baby kennenzulernen. Das erste Mal in unserem Leben, sagen wir uns, sind wir etwas vollkommen Neuem ausgesetzt, und doch fällt uns unser Umgang damit leichter, als aller Umgang mit Bekanntem und Vertrauten, Unbekanntem und Unvertrauten. Also, folgern wir, muss etwas in uns sein, das keine Bildung, Formung, Mühe, kein Wissen und kein Denken würde verbessern können. Am besten nennen wir es Baby.

We are amazed and glad that living with our baby has turned out to be so simple. We keep telling ourselves that we never learned how to be with a baby, and yet we know how. We never got to know a baby before, we tell ourselves, and yet we got to know ours without any difficulty. For the first time in our life, we tell ourselves, we were confronted with something completely new, and yet dealing with it was easier for us than dealing with anything known and familiar or unknown and unfamiliar. Therefore, we conclude, there must be something in us that could not be improved by training, education, effort, knowledge, and thought. Maybe we should call it Baby. 

111

Die Gegenwart unseres Babys (unseres Lehrers) ist uns doch zur Gewohnheit geworden. Wir haben nicht bemerkt, als es geschah. Haben nur gemerkt, dass es geschah. Jetzt ist alles anders, denken wir. Um gleich hinterher zu denken: jetzt ist gar nichts anders. Nur die Gewohnheit ist dazugekommen. Wo kam sie her? Für einen Moment haben wir das Baby (unseren Lehrer) vergessen. Da kam sie her.

The presence of our baby (our teacher) became a habit for us after all. We didn’t notice it as it was happening. We only noticed that it happened. Now everything is different, we think. A thought that is immediately followed by another thought: Nothing has changed. It’s just that now habit is part of the mix. Where did it come from? For a moment we forgot the baby (our teacher). That’s where it came from.

110

Wir können keine Hilflosigkeit an unserem Baby beobachten (oft genug hören wir von der Hilflosigkeit der Babys reden, wie von einer Selbstverständlichkeit, einer allgemeinen Wahrheit, doch diese Rede kommt uns nur vor wie der Ausdruck einer Hilflosigkeit). Ist das Baby einmal hilflos, ist dies immer auch und zugleich unsere Hilflosigkeit. Sind doch wir drei (das Baby, du, ich) ein Gefüge. Denn alles, was einem in einem Gefüge geschieht, geschieht allen. Und alles, was allen in einem Gefüge geschieht, ist nicht länger das, was einem allein geschieht. (Dies ist nun unser hilfloser Versuch uns zu erklären, dass die Hilflosigkeit niemals zu beobachten, sondern immer ein Dazugedachtes ist: In Wirklichkeit ist die Hilflosigkeit selbst das Dazugedachte.)

We cannot discern any helplessness in our baby (often enough we hear talk of the helplessness of babies, as if this were a universal, self-evident truth, but such talk only strikes us as an expression of helplessness). If the baby is ever helpless, it is always also and at the same time our helplessness. After all, the three of us (the baby, you, I) are joined together as one. For whatever happens to any one joined with others as one, happens to all. And whatever happens to all who are joined together as one is no longer what happens to one alone. (This now is our helpless attempt to explain to ourselves that helplessness can never be observed but is always imputed. In reality helplessness itself is what is imputed.)

109

Irgendetwas zieht uns in die Kirchen (wir sehen viel mehr Kirchen als früher, als wir ohne Baby reisten). Das Baby füllt die Kirche, ganz anders als wir, die wir uns dort verschwindend vorkommen (und ganz anders als die Touristen, die Kirchenliebhaber, selbst als die Gläubigen und Priester). Einmal legen wir vor dem Hochaltar unser Baby ab, geblendet von goldenen Strahlen, zwischen denen Engelsköpfchen schwirren, geblendet von der Madonna im goldenen Gewand, auf deren Schoß unser Baby sitzt, die rechte Hand zum Segen erhoben (wir vergessen zu denken, unser Baby kann noch gar nicht sitzen). Dann hören wir die Stimme des Babys, von dort oben auf uns herab fallend: kommt, lasst uns weiter ziehen.

Something is drawing us into the churches (we see many more churches than we used to when we traveled without a baby). The baby fills the church very differently from us who feel dwarfed there (and utterly unlike the tourists, the church lovers, even the believers and the priests). At one point we deposit the baby in front of the high altar, dazzled by the golden rays with little angels’ heads whirring among them, dazzled by the Madonna in her golden garment, on her lap our baby with his right hand raised in a gesture of blessing (we forget that our baby can’t sit up yet). Then we hear the baby’s voice coming down to us from above: Come, let us move on.

108

Was hat unser Baby vor einem Monat gemacht? Wir wissen es nicht mehr. Befragen unsere Aufzeichnungen, Bilder, Filme – aber sie helfen uns nicht. Sie bestätigen uns nur darin, dass wir es vergessen haben. Dass das, was wir erinnern, nichts mit dem zu tun hat, was an diesem einen Tag vor einem Monat geschah. Alles verloren, jammern wir, verloren das Echte, verloren der ganz besonderen Moment. Gerührt blicken wir auf das Baby (das Stück Banane, halb in seinem Mund, halb außerhalb seines Mundes, im silbernen Speichelglanz), vernehmen das zeitlose Gefühl des Augenblicks und schwören uns (unter großem Gelächter): nie werden wir diesen Moment vergessen!

What did our baby do a month ago? We longer know. We consult our notes, photos, films – but they don’t help us. They only confirm our forgetting. For what we remember has nothing to do with what happened on that one day a month ago. It’s all lost, we lament, the genuineness, that utterly special moment, lost. Moved, we look at the baby (the piece of banana half inside, half outside his mouth, in a silver gleam of saliva), notice the timeless quality of the moment, and swear (while laughing out loud): never will we forget this moment!

107

Und das Baby? (Unsere Fragerei erwidert es mit Aufmerksamkeit. Die gleiche Frage gefällt ihm. Dem Wohlklang unserer Stimmen scheinen unsere Wiederholungen nichts anhaben zu können. Mit Bewunderung und ohne Lidschlag lauscht es ihnen. Ihr wollt euch selbst verzaubern, sagt es mit den Augen. Ihr versteht euch viel viel besser, wenn ihr euch wiederholt. Hier bei mir, an meinem Ort, könnt ihr euch am besten wiederholen. Jeder Zauber braucht Wiederholung. Und das ist es doch, was ihr sucht: Zauber.)

And the baby? (Our constant questions elicit his alert attention. He appreciates the question. Our repetitions don’t seem to have impaired the melodiousness of our voices. He listens with admiration and without batting an eye. You are trying to cast a spell on yourselves, he says with his eyes. You understand yourselves much, much better when you repeat yourselves. Here, where I am, is the best place for you to repeat yourselves. Every magic spell needs repetition. And that is what you are looking for isn’t it? Magic.)