Das siebte Jahr

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Wir summen (und winken)

Vielleicht verwandelt sich in dieser Epoche gerade das allgemeine Gerede in ein allgemeines, der Gesundheit dienende Gesumme. Wer summt, steckt nicht an. Wozu braucht es Sinn und Bedeutung der Worte und Sätze, wenn die einzig relevante Sprache die der Wissenschaft ist mit ihren Zahlen und Formeln und sich allein mit ihr die Wahrheit zum Ausdruck bringen lässt? Dieser Verwandlung von der sprechenden in die summende Gesellschaft stehen allerdings die Kinder entgegen. Sie können einfach nicht den Mund halten, sie sind geradezu süchtig nach Sprache, nach Wörtern, die über ihre Lippen gleiten, sie müssen Fragen stellen, sie müssen Ideen verbreiten, Wörter verbiegen und die verbogenen Wörter dann ständig wiederholen, bis sie vor Lachen auf den Boden fallen, wo sie sich herumkugeln, bis sie schweratmend plötzlich verstummen; aber wir wissen, gleich geht es wieder von vorne los. Es heißt nicht mehr: Lasset uns singen!, jetzt heißt es Lasset uns summen! Eine kleine, maskenbewehrte, weihnachtliche Andacht bringt uns in die neue Zeit. Wir summen Klassiker (die Kinder dürfen echte Kerzen an einem echten Baum mit echten Streichhölzern anzünden und wir kommen uns dabei vor wie dreifache Verschwörer. Zum Summen nehmen wir die Maske ab, davor leisten wir vor der neuen Göttin, unserer Lieben Technograzia, den Eid, die Lippen auf keinen Fall auch nur einen Spalt breit zu öffnen), – es ist eine Freude. Das Gesumme ist Verlautbarung zwischen Melodie und Text, ein zwischen beiden hin- und herschwankendes Tönen, das sich letztendlich dafür entscheidet, sich selbst und alle anderen (und mit allen anderen, sich selbst und alle anderen) zu wiegen. Über die Festtage kommen wir immer wieder zum Summen zurück. Unser Sohn möchte etwas sagen, ich hebe die Hand und mache das neue Zeichen, das das Sprechen zum Summen verführt (bei diesem Zeichen müssen die Reihen der Finger fest geschlossen sein und der Daumen lehnt sich an die Fingersäulen wie ein Bittender, Flehender, der auch dazugehören will). Wir laufen den winterlichen Fluss entlang, an dem die Menschen der Stadt zahlreich unterwegs sind. Wir wollen uns ein Kunstwerk ansehen, eine Brücke, der die Mitte fehlt. Sie führt scheinbar auf eine Insel, bricht aber ihr Führen einfach in der Luft über dem Wasser ab. Drüben auf der Insel erblickt man den Rest der Brücke, auf dem man, wäre die Brücke eine ganze Brücke, ankommen würde. Ein rätselhaftes Werk, das wir uns summend zu erschließen versuchen. Unser Sohn steht vor mir und stellt eine Frage. MMMMMMMMMMMMHHHHHMMMHH. War es überhaupt eine Frage? Nicht eher eine Feststellung? Ich frage zurück. MMHHMMHHMMMM. Er sagt: MMH HMM. Ich sage: HMMMM HMHMHMHHH. So unterhalten wir uns eine Zeitlang, während wir flußaufwärts über die Autobrücke zur Insel laufen, hinuntersteigen und uns auf das hölzerne Brückenreststück stellen. MMH, sagt unser Sohn. MMH, antworte ich. Auch in der Schule wurde zuletzt gesummt statt gesungen und unser Kind stellt sehr ausdrucksstark summend fest, wenn man summt, kann es genauso gut singen sein wie sprechen. Bei jemandem, der summt, kann man also nie entscheiden, ob er einem etwas sagen oder ob er einem nur ein Lied vorsingen möchte. Auf diesem Spaziergang werden wir flugs zu meisterhaften Summern, es erstaunt uns selbst, wie leicht es uns fällt (und wir schummeln nur ganz, ganz selten). Wir entschließen uns, zum Weihnachtsfest zur Oma zu fahren und unsere neue Kunst auszuprobieren. Die Oma ist in Quarantäne, obwohl sie gesund (negativ) ist, aber jemand auf ihrer Etage (es ist die dritte) ist positiv – so sind die neuen Regeln (die Gesunden büßen für die Kranken mit. – Oder sind wir alle krank? Und nur die Kranken sind in Wirklichkeit gesund? War es nicht immer schon ein Irrtum zu glauben, wenn man kein Halskratzen hat, kein Fieber, keinen Schnupfen, oder noch viel schlimmeres und sich auch sonst pudelwohl fühlt, man sei gesund? Ist nicht die eigene Gesundheit der größte Irrtum? Sollten wir uns nicht endlich von dem Irrglauben und der Wahnvorstellung befreien, wir selbst könnten beurteilen, ob wir gesund sind?). Die Oma tritt wieder auf ihren Balkon, die Aussicht auf uns ist gut, denn die Bäume sind blattlos. Aus dem Frühjahr haben wir ja schon Erfahrung im Winken, wir winken hinauf zur Oma und sie winkt zu uns hinunter. Dann summen wir los. Die Oma schüttelt den Kopf, ruft etwas, dann schütteln wir den Kopf und zeigen auf unsere geschlossenen Lippen. Das Summen nach oben ist schwer, in der Höhe scheint das Summen sich zu verlieren, das ist natürlich schade. Aber wir leben in findigen Zeiten, es gibt für alles eine technische Lösung. Wir rufen sie auf dem Handy an, das hat sie immer in der Tasche ihres Rollators. Und jetzt kann sie uns verstehen, wir summen durchs Handy hinauf an ihr Ohr, bis sie endlich sagt: Was macht ihr denn für einen Quatsch! Wir lachen alle drei und dann winken wir noch einmal und ziehen schließlich wieder unserer Wege und die Oma geht zurück in ihre Quarantäne. Wenn unser Sohn den herrlichen Hölderlin kennen würde, könnte er nun noch rasch zu MEINER VEREHRUNGSWÜRDIGEN GROSSMUTTER hinaufsummen: Vieles hast du erlebt, du teure Mutter! und ruhst nun / Glücklich, von Fernen und Nahen liebend beim Namen genannt, / Mir auch herzlich geehrt in des Alters silberner Krone … Aber diese alte Dichtkunst könnte nicht durch die Mauern der unbedingt notwendigen Quarantäne dringen, weder gesummt, noch gesprochen, noch gebrüllt (die Quarantäne ist ein heiliger Ort, bietet einzig den Schutz, den ehemals die Kirche geboten hat und die Politiker sind ihre im grellen Scheinwerferlicht herumspukenden Priester, die mehr noch als das Lachen das Singen verabscheuen). In der Dunkelheit kehren wir zurück nach Hause, durch unsere ruhige, fast ausgestorbene Stadt, die geheimnisvoll wirkt und verwunschen. (Als du unseren Sohn ins Bett gebracht hast, summe ich dir etwas vor. MMMHHMMMHHMMM HMM HMM HMMHH. Was habt ihr beide heute gemacht? fragst du. Ich summe es. Aha, sagst du. Es geht eine Zeitlang so hin und her, du fragst, ich antworte summend. Dann beginnst auch du zu summen. Bald summen wir gemeinsam und nach einigem Vergnügen daran, wird das Gesumme uns so lieb und schließlich zu einer großen Lust. Vor dem Schlafengehen, schauen wir noch einmal nach unserem Kind. Wir dachten es uns schon: es summt im Schlaf wie eine Biene, die in einer Blüte hängengeblieben ist. Bevor wir das Licht löschen, summen wir noch zwei Sprüche: Wollt ihr nicht verstummen / müsst ihr summen. Und: Wer summt, irrt nicht. Statt eines Kusses winken wir uns heute zu, bevor wir schlafen).

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