Das fünfte Jahr

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Das Urteil fällt

Alle Kinder. Alle einundzwanzig Kinder aus der Kindergartengruppe (der Blauen Gruppe) gehören dazu. Der Fluch der Ausgrenzung bleibt noch unausgesprochen. Was immer jedes Kind tut, es gehört dazu. Das Tun jedes Kindes wird wahrgenommen, aber es hat nichts mit seiner Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zur Gruppe zu schaffen. Auch nicht, was jedes Kind spricht oder nicht spricht, oder wie es spricht, oder in welcher Sprache. Alles wird wahrgenommen als das, was es ist. Die meisten Dinge, die die anderen Kinder tun, werden, wenn überhaupt etwas darüber berichtet wird, mit großem Gleichmut erzählt. Ja, das war schon lustig, was der Soundso gemacht hat, ja, und das Andere war verboten und das Dritte war schön. So geht es zu in der Welt: manches ist erlaubt, manches verboten, aber daraus leitet sich nichts ab, kein Gut und Böse, keine Bewertung, die Folgen für den Täter hätte. Oder die Täterinnen, die drei ältesten Mädchen, die ständig etwas aushecken und immer wieder den Kleineren etwas anschaffen. Es gibt eben die, die anschaffen und die, denen angeschafft wird. Aber daraus leitet sich nichts ab, kein Besser, kein Schlechter. Es geht um Vollständigkeit. Vollständig heißt alle. Alle Dinge, alle Kinder, die ganze Welt. Dann ist die Welt vollkommen. An ihr selbst ist die Welt immer vollkommen, sie kann gar nicht anders als vollkommen sein. Die Welt fühlt wie ein Kind: Alles, was ich bin und sein kann, gehört zu mir. Es fängt ganz einfach an. Wir blättern ein Album mit Tieren durch oder eine Schuhbeilage in der Tageszeitung. Unser Sohn möchte jedes einzelne Tier (oder jeden einzelnen Schuh) betrachten und etwas dazu sagen. Dieses Tier hat große Ohren, dieses Tier sieht wild aus, wie heißt dieses Tier? (Dieser Schuh ist spitz, dieser Schuh hat keine Schuhbänder, wie heißt dieser Schuh?) Überspringen und weiterspringen ist nicht erlaubt. Kein Tier, kein Ding wird ausgespart (was wir nur zu gern tun würden. Wir – du, ich: darin unterscheiden wir uns überhaupt nicht – möchten immer auswählen, vorsortieren, unseren Zwecken gemäß; die vollständige Betrachtungsweise ist uns ziemlich fremd, auch, weil sie reine Zeitverschwendung ist), alles, alles, alles ist gleich wichtig oder gleich unwichtig. Das Interesse unseres Kindes ist ungeteilt, was nicht bedeutet, es sei beliebig. Dieses Tier mag ich gern, dieses Tier mag ich noch lieber. Und das gilt auch für die Kinder im Kindergarten: Der Soundso ist schon nett, aber er ist nicht mein Freund. Doch wer nicht Freund ist, gehört genauso dazu, ist fester Teil der Gruppe. Selbst, wenn unser Sohn auswählt, verliert er nicht den Blick für die Vollständigkeit. Wir (die Naiven) denken, trifft unser Junge seine Wahl, dann ist das ein Tun, das unserem Wählen ähnlich oder gar gleich ist (so denken wir im Übrigen fast immer: Erkennen wir sein imitierendes Tun, glauben wir sogleich, der Modus seines Tuns sei der gleiche, in dem wir handeln; die Unschuld des Kindes nicht aus dem Blick zu verlieren, ist eine große Herausforderung, eine noch größere, sie überhaupt in den Blick zu bekommen). Erst fiel es unserem Kind schwer, zu wählen. Wieso das Eine wählen und nicht das Andere? Wählt man das Eine, verliert man dann nicht alles Andere? Ist das nicht ein unnatürliches Vorgehen? Eine Freundin besucht unseren Sohn. Am Ende des Nachmittags darf sie sich etwas von Dingen ihres Freundes aussuchen, ausleihen und mit nach Hause nehmen. Diese Wahl dauert. Und dauert. Und dauert, denn es bedarf auch noch der Zustimmung unseres Sohnes zu dem, was sie auswählt. Wieder hat es den Anschein, jede Wahl will wohlüberlegt sein. Wichtig ist die Verhandlung zwischen den beiden. Kann ich das? Das nicht! Wills du das? Das nicht! Vielleicht aber ist die Wahl, die Auswahl nur eine Rücksichtslosigkeit den anderen Dingen gegenüber, und fällt deshalb so schwer. Würde die Freundin nicht am liebsten alles ausleihen? Und fällt es dem Verleiher nicht deshalb so schwer, etwas herzugeben, weil damit die Ganzheit seines Besitzes zerstört wird? Da fällt uns unser Meister, das Baby, wieder ein. Er ist immer noch aktiv. Sein in Allem-Zuhause-Sein ist die am höchsten entwickelte Seinsweise, von der Abschied zu nehmen ebenso schmerzhaft, wie unabdingbar zu sein scheint. Das Baby urteilt nicht. Urteilen macht einsam. Die Gegenwart urteilt ununterbrochen. Das bringt nicht zusammen. Keiner darf und soll sein, wie er ist. Das Baby kümmert es nicht, wie jemand ist. Die Kinder kümmert es schon, aber ihr Urteil ist eher ein betrachtendes. So und so ist der also, interessant. Urteilen heißt in diesem Fall: sehen, wie sich jemand oder etwas verhält. (Aber es ist doch notwendig, urteilen zu lernen, denken wir, du, ich, wie sonst könnte man sich zurechtfinden in der Welt, wie sonst etwas erreichen? Bei Georg Steiner lesen wir: Echtes Lehren hat man als imitatio eines transzendenten oder, genauer, göttlichen Enthüllungsaktes angesehen … – verwunderlich – oder gerade nicht? -, dass auch der kluge Lehrer Georg Steiner die Lehrerschaft von Baby und Kind in keinster Weise bedenkt. Es ist gerade so, als würde der Lehrer wie ein Sonnenstrahl durch den lange bewölkten Himmel stoßen, wenn ein langer Teil des Lebens schon vorbei und die große Vernuft erwacht ist. Wir blicken auf unseren Sohn. Der Lehrer ist da, nicken wir uns zu. Der vollkommen uneitle Lehrer, der in seinem Tun und Sprechen seine alte Meisterschaft verrät. Der nicht lehrt, indem er lehrt.) Das ist blöd, ruft unser Sohn und auch seine Lieblingsfreundin ruft: das ist blöd! Wir haben nicht mitbekommen, worum es geht. Das ist blöd, das ist blöd, das ist blöd, rufen die beiden im Chor. Und dann lachen sie, lachen und lachen, als gäbe es nichts Lustigeres als solch ein lautes, plumpes, gemeines Urteil.

 

 

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