Das fünfte Jahr

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Du, das Tier und ich.

Der Zoo ist vielleicht der einzige Ort, an dem wir Klarheit über uns erhoffen können. Und die Klarheit wächst, in dem Maß, indem die Besucher des Zoos weniger werden. Überhaupt: zuviele Menschen verstellen schnell den Blick (in der Menge badend ist es nahezu unmöglich, einen klaren Kopf zu behalten). Es ist Winter und schon Nachmittag (wir haben sehr getrödelt, eigentlich wollten wir unseren Zoobesuch früher beginnen, doch hatten wir schon im Trödeln den Eindruck, dass es ein sinnvolles Trödeln sei, das uns sogar nützen könnte). Wir beginnen beim Maushaus. Sehr hübsche schwarze Mäuse mit langen Schwänzen sehen wir (unser Sohn, ich), die zu dieser lichtschwachen Nachmittagsstunde munter unterwegs sind, in ihrer wohl gestalteten Mäusewelt mit Häuschen und Wippen und Brücken und Rampen und reichlich Knabbernahrung. Die Mäuse bewohnen einen ehemaligen Kiosk mit großen Glasscheiben, für die Kinder gibt es zurechtgesägte Baumstämme, auf denen sie stehen oder knien für den richtigen Überblick. Die noch zahlreichen Betrachter des Mäuselebens sind entzückt über die süßen, flinken, eifrigen Wesen mit den Zitterschnauzen in ihrem idyllischen Diorama und auch unser Sohn spricht durch die Glasscheibe zu einer Maus und klopft mit dem Finger an die Scheibe, um sie auf sich aufmerksam zu machen (so sind wir Menschen, wir wollen, dass die Tiere uns sehen, dass sie Kontakt mit uns aufnehmen, dass sie uns erkennen und beschnuppern und bestaunen: sollen sie uns doch bitte für einige der ihren halten, auch wenn wir so gar nicht mausartig aussehen, wir wollen nicht die ganz anderen Lebewesen sein. – Das mit den Tieren ist wirklich eine ernste Angelegenheit, sagst du später, als wir dir von unserem Zoobesucht berichten). Nach einiger Zeit ist es genug mit den Mäusen, die Betrachtung von Mäusen erschöpft sich wie die Betrachtung von Gemälden, wir können nicht zu lange bei nur einer Spezies, bei nur einem Bild verweilen. Es gibt noch soviel anderes. Unser Junge wechselt schnell seine Absichten. Den Strauß will er sehen, fünf Schritte später die Elefanten, dann die Flamingos und was ist mit dem Spielplatz und der großen Hängebrücke? Den Strauß, den wir in der Nähe des Zebras vermuten, finden wir nicht. Im Elefantenhaus steht ein Elefant allein in der Ecke, während die anderen Tiere mit dem Rüssel Reste aus einem hoch hängenden Futterkorb ziehen. Haben Elefanten Zähne und überhaupt einen Mund? Ja, über einen großen Backenzahn können wir im Infobereich mit der Handfläche streichen. Wir sind glücklich darüber. Auch die anderen Besucher sind glücklich, bei den Tieren sind alle Menschen glücklich. Die Menschen lieben die Tiere. Lieben Elefantenzähne. Wir treten aus dem Elefantenhaus, es dämmert. Wir sehen ein Tier, das wie ein Pferd aussieht (vielleicht ein Einhorn? sage ich, Einhörner gibt`s gar nicht in echt, sagt er). Unser Junge läuft über die Hängebrücke, klettert ein paar Mal über ein mit dicken Tauen verbundenes Gerüst. Wie ein Affe, rufe ich. Die Affen, ruft unser Kind, die Affen, wir müssen noch zu den Affen! Es ist schon fast dunkel, als wir die Welt der Affen betreten. Und die Menschen, gerade noch so zahlreich, sind wenige geworden. Wir bleiben nur kurz bei den kleineren Affen, den Blaumaulmeerkatzen und Listzäffchen, denn unser Sohn will weiter, zu den größeren Affen, zu den richtigen Affen. Da sind sie: Die Orang-Utans. Da sind sie, hinter den riesigen Glasscheiben. Außer uns befindet sich nur noch ein Paar im Haus, das sich lächelnd Hinweise zuruft, was dieser, was jener Affe gerade tut, die unzählige Fotos schießen, wieder freudig lächeln, sich dann umarmen und nach Hause gehen. Jetzt sind wir allein mit den Affen. Jetzt kann sich alles klären. Keine Meinung ist im Raum, kein Gedanke, leise Gefühle nur und leichtes Sehen. Ein großer Orang-Utan, es könnte, laut Schautafel, Sitti oder Matra sein, zieht sich einen Jutesack erst über den Kopf, dann klettert sie ganz hinein. Kullert auf dem Rücken durchs Stroh. Stroh, das ein anderer Affe mit Händen und Füßen auf einen Haufen schaufelt. Zwei kleine Tiere turnen an den Gerüsten, hängen an den Seilen, jagen sich, liebkosen sich. So sind Affen. Und immer haben sie etwas zu essen in der Hand oder im Fuß, knabbern daran, spucken Schalen aus. Es ist wie unser Essen-to-go. Bei allem, was sie tun, essen die Affen. Es wirkt sehr gemütlich, da zu knabbern, dort zu kauen und dabei an einem Arm zu hängen, zu schaukeln und dann federnd auf einen Mitaffen zu springen. Es ist schön, allein mit den Tieren zu sein. Es ist, als könnten wir vergessen, dass wir Menschen sind. Als würde uns das am meisten fehlen: zu vergessen, Mensch zu sein. Aber es gibt keine Tür, die uns den Weg in den Käfig öffnet. Wir stehen, was die Tiere betrifft, ewig draußen vor der Glasscheibe. Sonderbare Notwendigkeit des Käfigs, denke ich und blicke auf unseren Sohn, der nur den Orang-Utan mit dem Jutesack begeistert betrachtet. Wie er sich im Sack versteckt und sich den Sack wieder vom Körper zieht. Immer wieder aufs Neue. Unser Sohn sitzt auf der Bank vor der Glasscheibe und schaut. Er sitzt gerade, die Hände miteinander verbunden, er lacht und ist so präsent, dass er dadurch gleichsam verschwunden ist. Oder vielmehr, ganz und gar da ist. Ist uns eigentlich klar, dass der Beobachter das Beobachtete ist? heißt es bei Krishnamurti. Wie könnten wir etwas über den Menschen erfahren, wenn wir immer nur Mensch sein und bleiben wollen? Bei Nietzsche heißt es: Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgendein Affe. Dies nicht diffamierend denkend, ist es auf eine heitere Weise erhellend. Unser Sohn – leuchtet er nicht, während er den Orang-Utan mit seinem Sack beobachtet? Strahlt nicht sein Gesicht so sehr, dass es ein Loch in die Trennscheibe brennt? Wird uns ein Affe nach Hause begleiten? Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Oh Nietzsche, wie gut, dass ihr Philosophen euch irrt. Wolltest du nicht schreiben: Was ist der Affe für den Menschen? Eine Freude und ein Glück.? Ruhig und stumm machen wir uns auf den Heimweg. Wir sind die Einzigen. Es ist schon ganz dunkel geworden. Und es ist überraschend dunkel, denn es gibt hier kein Wegelicht, keine beleuchteten Wegweiser. Wird es dunkel im Tierpark, wird es wirklich dunkel. Vielleicht stehen da überall im Dunkel Tiere. Die uns sehen. Und denken: Jetzt gehen sie wieder, die Menschen. Sie werden wiederkommen. Um sich Klarheit zu verschaffen. – Was für ein heimeliger Heimweg. (Die warme Pfote meines Sohnes in meiner: klein, weich, deutlich. – Wie war`s? fragst du, als wir zur Tür hereinkommen. Wir sagen, gut. Später, beim Schlafengehen fragt dich unser Sohn: Mama, warum essen wir Tiere? Rasch antwortest du: aus Liebe, nur aus Liebe.)

 

 

 

 

 

 

 

 

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