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Das andere Baby (einer Freundin, eines Freundes) freudig in den Armen zu halten und dabei zu vergessen, dass es nicht unser Baby ist (deines, meines), macht uns stutzig: so weit reicht unserer Elternliebe? Und noch viel weiter? Es ist diese mysteriöse Allianz der Babys, die nicht nur jäh unseren Horizont erweitert, sondern ihn gleich ganz in Frage stellt: selbst unser innigstes Fühlen erweist sich als nicht eindeutig (und schon setzt der Chor der Babystimmen ein, laut und unnachahmlich).

Happily holding the other baby (our friends’ child) in our arms and forgetting that this is not our (your, my) baby, takes us aback: Does our parental love reach this far? And even much further? It is this mysterious alliance of babies that not only abruptly widens our horizon but puts it in question altogether: Even our innermost feelings turn out to be indefinite (and already the chorus of baby voices chimes in, loud and inimitable).

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Von oben betrachtet (aus dem Fenster im Obergeschoß gelehnt in die Gasse hinabblickend) sehen die vorübergehenden, stehenden, im Straßenlokal sitzenden Menschen seltsam verkürzt aus. Auch du siehst verkürzt aus. Aber (und es ist sicher kein Wunder) – unser Baby nicht (dem du gerade unter die Arme greifst und es vor dir hoch hältst). Überhaupt sieht keines der Babys dort unten von hier oben verkürzt aus. Um so deutlicher jedoch all die Menschen. Es ist mir nicht möglich, mich an diesem Eindruck satt zu sehen.

Viewed from above (leaning out of the top floor window, looking down at the street), the people walking past, standing, and sitting in the outdoor café look oddly foreshortened. You too look foreshortened. But (and it’s certainly not a miracle) – not our baby (whom you are just now grasping under his arms and lifting high above you). In fact none of the babies down there looks foreshortened from up here. But every one of those people all the more so. It is not possible for me to see my fill of this spectacle.

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Das Baby sieht uns an – es beginnt uns zu erkennen: eine Fehldeutung, die im Blick selbst ihren Grund haben muss. Ganz fest wünschen wir, da möge jemand sein, der genau uns beiden (dir, mir) dieses Licht der Übereinstimmung schenkt. Aber jetzt, nach einiger erfolgreicher Erfahrung mit unsere Methode der Umkehrung, bekennen wir mutig: wir beginnen das Baby zu erkennen. Da bemerken wir, das Baby sieht uns gar nicht an (den jungen, runden, schaukelnden Blättern der Pappel, unter der wir rasten, gilt sein Augenmerk – und ein bißchen atmen wir auf).

Our baby looks at us – he is beginning to recognize us: a misinterpretation that arises from looking itself. We firmly want someone to be there who grants precisely the two of us (you, me) this light of accord. But now, after some successful experience with our method of inversion, we bravely affirm that we are beginning to recognize the baby. And then we notice: The baby isn’t looking at us at all (he is gazing at the young, round, swaying leaves of the poplar under which we are resting – and we breathe a small sigh of relief).

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Nichts und niemand ist weniger spektakulär als das Baby. Es ist weder Sensation noch Phänomen. Selbst seine Einmaligkeit ist eine Übertreibung unseres berechnenden Denkens. Sie sind doch alle gleich, diese Babys, finden wir: machen wir sie also ungleich! (Wir können nicht anders.) Beseelen wir sie! Das ist es doch, was wir in aller Langsamkeit mit unserem Baby unternehmen: die Seele übertragen. Wir menschlichen Götter, wir lieben nun mal das Spektakel und die Sensation. Und was könnte spektakulärer und sensationeller sein, als diese phänomenale Seelenwanderung.

Nothing and no one is less spectacular than the baby. He is neither a sensation nor a phenomenon. Even his uniqueness is an exaggeration on the part of our calculating intellect. Surely they’re all the same, these babies, so let’s make them different! (We can’t help it.) Let’s endow them with souls! Isn’t that what we are doing with our baby, little by little—transmitting soul? We human gods are simply in love with spectacles and sensations. And what could be more spectacular and sensational than this phenomenal transmigration of souls.

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Dann trägt jemand anderer mein Kind durch die Wohnung, ein wohlgelittener Besucher, ein Gast, ein Freund, selbst erfahrener Vater von drei schon älteren Kindern. Sofort fließt Eifersucht durch mein Herz, so plötzlich, als stünde ich unter Schock. Und mein Freund trägt weiter mein Kind herum, hat mich (den leiblichen Vater!) vergessen, berauscht vom Glück, einmal wieder ein Baby in den Armen zu halten. Auch mein Baby hat mich vergessen, lässt sich den fremden Mann gefallen, als wäre er kein Fremder (wo könnte das hinführen, denke ich entsetzt). Als ich nach ewiger Zeit mein Kind zurück bekomme, der Freund sich verabschiedet und wir beide (das Baby und ich) wieder allein sind, spült mir eine milde Scham die Eifersucht aus den Adern. Ich stimme mit dem Baby überein: wir werden diesen Tag komplett vergessen.

Then someone else is carrying my child around the apartment, a well-liked visitor, a guest, a friend, himself an experienced father of three older children. Jealousy floods my heart, so suddenly, I might as well call it a state of shock. And my friend keeps carrying my child around and has forgotten me (the biological father), intoxicated by the pleasure of cradling a baby again. My baby too has forgotten me, accepts being carried by the strange man as if he were not a stranger (where could this lead, I think, terrified). After an eternity, with my child in my arms, after my friend has left and the two of us (the baby and I) are alone again, a mild shame flushes the jealousy out of my veins. I agree with my baby: we will completely forget this day.

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Das Baby lernt von allein. Es braucht unsere Unterstützung nicht (eine Kränkung, die wir uns nicht nur, weil sie keine ist, verbieten müssen: sie würde uns in die Irre führen). Folgt unser Baby einem Plan? Fast scheint es so (unsere Pläne kommen uns, verglichen mit seinem einen, konfus vor). Wenn wir denken, es könnte dies oder das noch nicht, ist es am augenfälligsten (wenn unsere Augen auf der Höhe ihrer Fähigkeiten sehen): es kann nur, was es kann. Was es nicht kann, lernt es von allein.

The baby learns by himself. He does not need our assistance (a slight we refuse to countenance, not only because it is not a slight but because it would lead us astray). Is our baby following a plan? It almost seems that way (our plans, compared to his single plan, seem confused). When we think, he could do this but not yet that, it becomes most obvious (when our eyes are at the  height of their capacity): He can only do what he can. What he can’t do, he learns by himself.

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Das Blau des Himmels ist bis zu den Grenzen seiner Sichtbarkeit hin gleichmäßig. Nicht eine Nuance. Eine kleine Wolke steht am Himmel. Der Himmel ist eine Fläche, die Wolke ein Raum. Berühren sie sich? So ist das Baby, denken wir, diese Wolke an diesem Himmel. Das Blau des Himmels allein lässt uns sehend blind sein. Die Wolke, denken wir, alles (dass wir sehen, was wir sehen) muss an der Wolke liegen, die etwas vom Himmel verdeckt, ohne ihn zu berühren.

The sky is evenly blue all the way to the edge of its visibility. Not a single nuance. A small cloud stands in the sky. The sky is a plane, the cloud a space. How do they manage to touch? That is how the baby is, we think, these clouds in this sky. The blue of the sky alone makes us blind even as we see. The cloud, we think, everything (that we see) must be due to the cloud that is covering part of the sky

87

Am Abend will der Schlaf sich nicht einstellen. Alles ist ihm bereitet. Der Hunger gestillt, das Licht gedämpft, Ruhe im Haus. Kein Schlaf. Aber keine Aufregung, bloß wach sein. Wir warten (du, ich). Das Baby wartet nicht. Es ist wach. Müde, aber wach. Fehlt noch jemand? Nein. Es dauert. Wir werden müde, müder als das Baby. Jedenfalls ist der Schlaf einer, der nicht alle auf einmal überfällt, denken wir mit schweren Lidern. Das Baby: weiterhin wach. Ruhig. Wir hören seinen Atem kaum. Wir atmen im gleichen Rhythmus, denken wir und schlafen ein (das letzte, das wir bemerkt haben, bevor wir eingeschlafen sind, war unser Einschlafen). Als wir kurz aufwachen, schläft unser Baby. Es hat uns in den Schlaf begleitet. Um dann heimlich einzuschlafen. Um allein einzuschlafen. Wir sind zu müde, darüber nachzudenken. Wir schlafen weiter (du, ich, das Baby).

It’s evening, and sleep refuses to come. Conditions couldn’t be more favorable. Our hunger is sated, the lights are dimmed, the house is quiet. No sleep. No excitement either, just lying there awake. We wait (you, I). The baby does not wait. He is awake. Sleepy, but awake. Is someone still missing? No. It takes time. We get sleepy, sleepier than the baby. Anyway, sleep doesn’t mug everyone at the same time, we think with heavy lids. The baby: still awake. Calm. We can hardly hear his breath. We breathe in the same rhythm, we think, and fall asleep (the last thing we noticed before falling asleep was our falling asleep). When we awaken briefly, our baby is sleeping. He accompanied us into sleep. So as to fall asleep then, in secret to fall asleep alone. We are too tired to think about it. We go on sleeping (you, me, the baby).

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Jeden Tag das gleiche Baby. Zweifel sind ausgeschlossen, unser Baby ist auch heute wieder unser Baby. Wir erkennen es ohne Mühe wieder. So fremd uns oft sein Wesen – oder wie sonst sollen wir es nennen? – vorkommt, so vertraut ist uns sein Körper. Der gleiche Körper wie gestern. Der gleiche Körper. Im nächsten Moment ist er uns fremd. Ein neuer Körper. Klein, fest, glatt, weich. (Nebenbei ein Wunder: er macht das Zimmer, das sein Zuhause ist, nicht voller). Wir dienen ihm, bewundern ihn, beten ihn an (manchmal merken wir, dass wir es tun). Jetzt, unter der Pflege unserer Hände, gibt der Körper sein Wesen preis: jeden Tag aufs Neue das gleiche Baby.

Every day the same baby. Doubts are out of the question; our baby is the same baby again today. We recognize him without effort. There are moments when his nature – what else should we call it? – feels foreign to us, but his body is always familiar. The same body as yesterday. The same body. The next moment it is no longer familiar. A new body. Small, firm, smooth, soft. (And, incidentally, a miracle: He does not make the room, which is his home, any fuller.) We serve him, admire him, adore him (sometimes we notice ourselves doing that). Now, under the fostering care of our hands, his body reveals its nature: every day the same baby anew.

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Wir vertrauen dem eigenen Pathos mehr und mehr. Allmählich wird die Schamlosigkeit zu unserer größten Tugend. Das Baby gibt uns die Freiheit, ohne Selbstbeschränkung (im Denken, im Fühlen) auf die Welt zu blicken. Der zögerliche, zaudernde Mensch hat ausgedient (wollen wir uns selbst überschätzen, tun wir es). Wir bremsen uns nicht in dem natürlichen Drang uns innerlich wie äußerlich (wer kennt schon den genauen Unterschied?) zu verausgaben. Dies alles nur, weil wir die herrliche Unfähigkeit des Babys zur Eitelkeit nachahmen, indem wir mit der gleichen anmutigen, betörenden, charmanten Unklugheit durch alles und jeden hindurchsehen.

We trust our own pathos more and more. Gradually shamelessness becomes our greatest virtue. The baby gives us the freedom to view the world without limiting ourselves (in thought, in feeling). The hesitant, halting person has served his time (if we want to overestimate ourselves, we do so). We do not restrain the natural urge to expend ourselves fully, both inwardly and outwardly (who can tell the precise difference?). And all this merely because we imitate the baby’s glorious incapacity for vanity by seeing through everything and everyone with the same graceful, enchanting, charming foolishness.