104

Unter Frauen. Wie anders ihr nun seid (du, die anderen Frauen), mit den Babys an der Brust, auf dem Arm, im Schoß. Als würde das, was in euch gewachsen ist, auch nachdem ihr geboren habt, weiter in euch wachsen (während das Baby draußen, in der Welt euer Wachstum mit seinem eigenen begleitet). Wie anders ihr nun seid! Aber nur uns, euren Männern, ist dies sichtbar: es ist unser Schwelgen im Üppigen.

Among women. How different you are now (you, the other women), with babies at your breasts, in your arms, on your laps. As if that which grew inside you continues to grow within you after you have given birth (while the baby outside, in the world, accompanies your growth with its own). How different you are now! But this is only visible to us (to me, to the other men) who revel in this luxuriance.

103

Ein Fest. Alle Kinder sind da. Große und kleine. Es ist warm. Wir sind draußen. Heute ist jeder sichtbar. Alle huldigen dem Baby. Die kleinen Kinder streichen seine Wangen, seinen Kopf, seine Füße. Dann laufen sie wieder weg und herum. Die großen Kinder halten seine Hand, zeigen ihm etwas, reden mit ihm, erzählen ihm etwas. Dann laufen sie wieder weg und herum. Später machen die kleinen Kinder, was die großen Kinder machen, und die großen Kinder machen, was die kleinen Kinder machen. Manche küssen seine Füße und blicken glücklich auf, als hätten sie ein Geschenk erhalten. So vergeht der Tag. Alle huldigen dem Baby. Dann laufen sie wieder weg und herum.

A party. All the children are there. Big ones and little ones. It’s warm. We are outside. Today each person is visible. Everyone pays homage to the baby. The little children stroke his cheeks, his head, his feet. Then they run again, away and around. The big children hold his hand, show him something, talk to him, tell him something. Then they run again, away and around. Later the little children do what the big children do, and the big children do what the little children do. Some of them kiss his feet and look up happily as if they had received a present. That is how the day goes by. Everyone pays homage to the baby. Then they run again, away and around.

102

Der Babybauch. Ein Bäuchlein, das keine Zurückhaltung kennt. Das ganze Leben findet im Bauch statt, sagen wir uns und versuchen unseren Bauch freizugeben (du deinen, ich meinen). Es fällt uns schwer; in unserer Bauchgewohnheit (ihn einzuziehen, ihn zu hindern in die Weite zu atmen) stehen wir in einer ehernen Tradition. Aber jetzt, mit diesem Lehrer, mit diesem Baby, brechen wir mit dieser Tradition. Es ist ein Vergnügen! Wir tun es dem Baby gleich und greifen mit dem Bauch nach den Sternen. Alles, was fortan in uns eingeht (übers Auge, Ohr, durch den Mund) wird sogleich in den Bauch geschickt. Essen, denken, hören, sehen, fühlen – dort im Bauch versammelt sich alles, um dem Babybauch zu huldigen, dem Bauch der Bäuche. Dann sehen wir weiter.

The baby’s belly. A belly that knows no holding back. All of life takes place in the belly, we tell ourselves, and try to release our belly (you yours, I mine). It is difficult for us; in our belly habits (pulling it in, not letting it expand with the breath) we stand in an iron tradition. But now, with this teacher, with this baby, we are breaking with this tradition. It is a delight! We do as the baby does and reach for the stars with out belly. From now on, everything that enters us (through the eye, ear, or mouth) is immediately sent to the belly. Eating, drinking, hearing, seeing, feeling – there, in the belly, everything gathers to pay homage to the baby’s belly, the belly of bellies. We’ll see what comes next.

101

Klein sein wie das Baby. Es hat die richtige Größe. Wie es dort in der Welt liegt, immer mittig. Wie anders wir. Wir sind so groß, so groß, zu groß. Bewegen wir uns auf die Mitte der Welt zu, geraten wir sogleich ins Stolpern. Dumm wird es, wenn wir sogar größer als die Welt sind. Wenn wir jede Dimension sprengen (und von welcher Tat versprechen wir uns mehr?). Also denken wir, wir sind zu groß. Durch unsere Größe entgeht uns das Größte. (Es ist die kleine blaue Socke mit dem Angry Bird, die dem Baby eben vom Fuß gerutscht ist.)

To be small like the baby. He is the right size. The way he lies there in the world, always in the middle. How different we are. We are so big, so big, too big. As soon as we approach the middle of the world, we stumble. It gets even more stupid when we are bigger than the world. When we burst through all dimensions (and is there a deed that holds more promise for us?) So we think we are too big. Because of our size, we miss the greatest of all. (It’s the little blue sock with the Angry Bird that just slipped off the baby’s foot.)

100

An so einem Tag: wie lange das Baby jetzt schon bei uns ist! Wird uns seine Anwesenheit eine Gewohnheit werden? Wir spüren nichts davon (nur die kleine Angst, mit der Gewohnheit könnte die Zeit unserer wieder habhaft werden). Umso mehr spüren wir die Lückenlosigkeit seines Daseins, die den vergangenen Wochen anhaltende Dauer verleiht. Wie gering und schal kommt uns jetzt die Ewigkeit vor: wir haben jeden Respekt vor ihr verloren.

On such a day: how long the baby has already been with us! Will his presence become a habit for us? We feel nothing like that (only the small anxiety that, with habit, time could take possession of us again). What we feel all the more is the gapless entirety of his presence, which imparts continuous duration to the last several weeks. How paltry and shallow eternity seems to us now: we have lost all respect for it. 

99

Sind wir nur mit uns beschäftigt (du mit dir, mir; ich mit mir, dir), dehnt sich der Schatten des Babys ins Unermessliche. Alles lässt er im gleichen Licht erscheinen, in einer wüsten Taghelle, zittrig, tiefenlos und bitterernst. So schlimm verdünnt er sich, dass wir glauben, ihn verloren zu haben. Und doch fühlen wir seine Kühle, die uns vor dem Zusammenbruch bewahrt.

When we are only concerned with ourselves (you with yourself or with me; I with you or myself), the baby’s shadow expands immeasurably. It makes everything appear in the same light, in a desolate glare, tremulous, depthless, and bitterly serious. The shadow thins out to such a degree that we almost think we have lost it. And yet we feel its coolness, which preserves us from breaking down.

98

Es ist das Ohr unseres Babys, dieses schöne kleine Ohr, weich und kantenlos, fast durchscheinend im Abendlicht, das friedliche Babyohr, dem wir all unsere Aufmerksamkeit schenken (Babyohr und Erwachsenenohr: nichts an Baby und Erwachsenem ist sich ähnlicher, nur vom Ohr kann man fragen, ist es ein Babyohr oder ein Erwachsenenohr?). Mit dem Ohr unseres Babys hören wir die Glocken der nahen Kirche, erst die tiefen, danach die höheren, acht Uhr abends, die Rampe in den Schlaf ist kaum geneigt. Es ist sehr still, noch stiller, wie sonst könnten wir die Fülle des Glockenklangs mit dem Ohr unseres Babys hören? Nur diese Glocken hören wir und es dauert, es dauert, die Rampe des Schlafs ist kaum geneigt. Dann verklingen die Glocken, wir hören die neue Stille und der leise Schlaf des Babys kommt uns seltsam laut vor.

It is our baby’s ear, this beautiful little ear, soft and without edges, almost translucent in the evening light, to which we give all our attention (baby ear, adult ear: nowhere is there greater resemblance between babies and adults, only the ear would provoke the question, is it a baby’s ear or an adult’s?). With our baby’s ear we hear the bells of the nearby church, first the deep ones, then the higher ones, it’s eight o’clock in the evening, the ramp leading to sleep is barely inclined. It is very still, even stiller, how else could we hear the fullness of the bells’ sound with the ear of our baby? We hear only these bells, and the sound continues, continues, the ramp of sleep is barely inclined. Then the bell sounds fade away, we hear the new stillness, and the baby’s quiet sleep strikes us as peculiarly loud.

97

Ihr beide (das Baby, du) in sonntäglichem Mittagsschlaf. Ein Paar: eines wie das andere. Gemäß der Natur füreinander bestimmt. Ein Paar: zwei gleiche. Getrennt durch zwei Türen, fällt es mir leicht, nicht mehr getrennt zu denken. Getrennt durch zwei Türen, kann ich euch nicht mehr recht auseinander halten (was mir leicht fällt, muss ich tun: euch beide in einem Schlaf vermuten). So frage ich mich: wer ist wer? – und weil ich unersättlich bin: ist wer wer? Ohne euch zu sehen, unentscheidbar. Und das will ich behaupten: Mutter und Kind – ein gleicheres Paar wirst du nicht finden (kann man nichts sehen – getrennt durch zwei Türen – sieht man die Dinge gleich viel klarer).

The two of you (the baby, you) taking a noontime nap. A pair: two of a kind. Meant for each other, by nature. A pair: the two are selfsame. Separated by two doors, I am finding it easy to no longer think separately. Separated by two doors, I can no longer keep you apart (and this, which is easy for me, I am compelled to do: imagining the two of you in one sleep). So I ask myself: who is who? – and because I am insatiable: is who someone? Without seeing you, undecidable. And this I would claim: mother and child – you will not find a more equal pair (when one can’t see anything – separated by two doors – everything is seen much more clearly).

96

Das Paradies: unter einer hochgewachsenen Eiche lagernd (das Baby, du, ich), beiläufig dem Wasser lauschend wie es dem Ufer schmeichelt, in Wärme geborgen (nichts deutet auf ein Ende hin), wunschlos wie ein Wind, der sich selbst fortbläst, der weiten Fläche des Sees seine Tiefe glaubend: das Paradies. (Zwei mussten daraus vertrieben werden, drei dürfen bleiben).

Paradise: Resting under a tall oak (the baby, you, and I), casually listening to the water as it coaxes the shore, sheltered in warmth (no signs suggesting an end), desireless as a wind that wafts itself away, not doubting the depth of the wide-stretching lake: Paradise. (Two would have to be driven out from here, three are permitted to stay).

95

Eindeutig: wir haben nur ein Leben. Wir sind dieses eine Leben. Und jeder Tag, den wir leben, ist genau der Tag, den wir leben müssen. Wir können nicht wählen im Leben unseres Lebens (aber beschäftigen uns sehr gerne damit). Unser heiliges Wort heißt einmal (obwohl es so unheilig klingt). Einmal leben: das erschreckt uns zu Tode und öffnet uns den Himmel. Einmal: das ist unser Fluch und unser Segen. Einmal: daher unsere große Lust. (Da greift das Baby nach unserer Hand. Packt sie, krallt sich in ihr fest und lässt nicht mehr los. Einmal: deshalb brauchen wir uns nicht so aufregen!)

No question: we have only one life to live. We are this one life. And every day that we live is precisely the day we must live. We have no choice in the matter (though we like to busy our minds with that notion). Our holy word is once (even though it sounds so unholy). To live once: It frightens us to death and opens the heavens for us. Once: That is our curse and our blessing. Once: hence our lust for life. (Right there the baby reaches for our hand. Grabs it, claws into it, and will not let it go. Once: That is why we don’t have to get so worked up!)