144

Nach kurzem Geschrei fällt unser Baby in den Schlaf (heute auf meinem Arm). Das Schreien vor dem Schlaf entspricht unserem Zurechtrücken von Bettdecke und Kopfkissen. Keine große Sache. Ein Akt des Komforts. Aber der Schlaf ist auch ein großer Widersacher, ein finsterer Riese, mächtig und herrschsüchtig. Lässt man ihm sein Recht, ist er am Ende gutmütig. Er ist eine große Liebe und wie jede große Liebe will er vollständige Vereinigung. Und wie bei jeder Liebe wird es eine Trennung, ein Aufwachen geben. Zur Freude aller. Bis zum nächsten Abend.

After a bit of screaming, our baby falls asleep (today on my arm). His screaming before sleep corresponds to our adjusting the blanket and pillow. No big deal. An act of comfort. Sleep is a great antagonist. A sinister giant, powerful and domineering. If you grant him his due, he is good-natured in the end. Sleep is a great love, and like all love, it wants complete union. And as with every love, there will be a separation, an awakening. To everyone’s delight. Until the next evening.

143

Zurück am Ufer gehe ich zu den Frauen und ihren Babys (die sich seit ewigen Zeiten im dünnen Schatten der Weiden und Birken versammeln) und nehme reihum ein jedes einmal auf den Arm. Ich schließe die Augen, um deutlicher ihr Gewicht zu spüren und dadurch ihre Zugehörigkeit zu erraten. Glaube ich, mein eigenes Baby gefunden zu haben, rufe ich seinen Namen laut in die Runde. Nach dem dritten Fehlversuch gebe ich unter freundlichem Spottgelächter auf. Ihr beide (du, das Baby) seid aus gutem Grund längst woanders hin gewandert. Ich finde euch auf einem nahen Waldweg, du reichst mir unser schlafendes Baby und sofort schließe ich die Augen. (Ich spüre kein Gewicht und muss denken: auch die Frauen irren sich manchmal.)

Back at the shore I go to the women and their babies (who have been assembling for ages in the thin shadow of willows and beech trees) and raise one baby after the other into my arms. I close my eyes in order to feel their weight more precisely and thereby determine who they belong to. When I think I have found my own baby I call his name loudly into the group. After failing at this three times I give up amid friendly mocking laughter. The two of you (the baby, you) have long since, and for a good reason, wandered off somewhere else. I find you on a forest path, you hand our sleeping baby over to me, and I shut my eyes immediately. (I feel no weight and can’t help thinking: sometimes women are wrong too.)

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Ihr beide (du, das Baby) am Seeufer (im dünnen Schatten der Weiden und Birken) inmitten der anderen Frauen und Babys. Auf dem Rücken liegend schwimme ich langsam auf den See hinaus. Vielleicht in der Mitte des Sees kippt die Unterscheidbarkeit von euch Frauen und Babys in eure Ununterscheidbarkeit um. Eine Zeitlang treibe ich mit Späherblick an dieser Grenze entlang. Dann begreife ich, die Ununterscheidbarkeit von euch Frauen und Babys gab es schon vor dem Überschwimmen der Grenze, meine optische Distanz illustriert sie nur auf eine fabelhafte Weise: als würde ich aus der Ferne weniger, aber schärfer sehen.

The two of you (the baby, you) by the shore of the lake (in the thin shadow of the willows and birches) among the other women and babies. Lying on my back I slowly swim out into the lake. Perhaps by the middle of the lake, the discernible differences between you women and babies become indiscernible. For a while I drift along this border, peering like a scout. Then I realize that the indistinguishability of you women and children already existed before I reached the border, and that my optical distance merely illustrates it in a marvelous way, as if from a distance I saw less, but more sharply.

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Unter unseren Blicken und Zärtlichkeiten will sich bald die Vertrautheit vor die Fremdheit mogeln (und sie am liebsten ganz verdrängen). Es fällt uns nicht leicht, aber wir bestehen auf der Fremdheit unseres Babys (die nie eine andere sein kann und werden soll als sie heute ist). Die Vertrautheit kommt uns beweglicher vor, eiliger, schwankender, haltlos. Umso weniger dürfen wir sie dem Einfluss der Fremdheit entziehen. Soll sie groß werden, muss sie klein bleiben. (Ein Blick auf unser Baby verrät: wir kennen uns wirklich gut!)

Soon, amidst our glances and physical endearments, familiarity will occlude the strangeness like a conjurer’s trick (and would, if it could, replace it entirely). It is not easy for us, but we insist on our baby’s being a stranger among us (a strangeness that can never be or become other than what it is today). The familiarity seems nimbler, more rapid, unsteady, labile.  Therefore we must not balk at exposing it to the influence of the strangeness. If we want the familiarity to be great, it must remain small. (A glance at our baby reveals: we really know each other well!)

140

Ein Tag ohne das Baby (aber es kommt mir nicht so vor, als ob das Sein mit dem Baby von seiner Sichtbarkeit abhängt. Von seiner Existenz schon. Sie ist die Voraussetzung unserer Gesellschaft. Doch einmal da, steigert oder verringert sich die Gegenwart des Babys nicht durch seine – und nicht durch meine – Anwesenheit oder Abwesenheit. So kann ich mich auf dem Heimweg getrost eine Weile am Ufer des Flusses niederlassen und die kleinen Wellen zählen, deren ununterbrochenes Fortrollen ein dauerndes Kommen ist: Babywellen).

A day without the baby (but it doesn’t seem to me as if existence with the baby depends on his visibility. On his existence, yes. It is the precondition for our being-together. But once there, the baby’s presence does not increase or decrease with his – nor with my – presence or absence. So I can confidently settle down for a while by the bank of the river on the way home and count the little waves, whose ceaseless rolling is a constant arrival: baby waves).

139

Das Baby dreht sich um, dreht sich das erste Mal um, vom Rücken auf den Bauch. Heftiges Jubeln bricht aus in uns, das sogleich einer frohen Nüchternheit weicht, größer, umfassender noch als das Jubeln (im Gesicht des Babys verändert sich die Überraschung über sein Umdrehen in einen Ausdruck sorgloser Selbstverständlichkeit). Wir denken sehr lange über das Umdrehen nach.

The baby rolls over. Rolls over for the first time, from his back to his belly. We break into loud cheers, an excitement that immediately gives way to a joyful soberness that is larger, more inclusive than the cry of celebration (in the baby’s face, surprise over his rolling over turns into an expression of carefree matter-of-factness). We reflect on this moment of rolling over for a long time.

138

Wir sind wach. Wir sind wach (genauer können wir es nicht sagen). Die Wachheit unseres Babys schließt uns mit ein. Wir verdanken ihm unsere Wachheit (und wir danken ihm dafür, obwohl es unseren Dank ignoriert). Früher hatten wir Angst vor der Wachheit, was wir erst jetzt bemerken, da uns bewusst wird: es gibt keinen Rückweg aus der Wachheit. Mit der Geburt unseres Baby sind wir aufgewacht, fällt uns ein (und dann können wir nicht anders, als in dieser Wachheit, im schönen Schwanken des Zuges auf der Heimreise einzuschlafen).

We are awake. We are awake (we can’t say it more precisely). The baby’s awakeness includes us. We are awake thanks to him (and we thank him for that, though he ignores our thanks). We used to be afraid of being awake, and recognize that only now as we notice there is no way back from being awake. When our baby was born, we woke up, we realize (and then, in this wakefulness, in the lovely swaying motion of the train, we cannot help falling asleep on the way home).

137

In der Fortsetzung des Traums (manchmal können wir gar nicht aufhören zu träumen), ist unser Baby geboren und wir tragen es durch die zerfallene Stadt, um es mit allen anderen Babys bekannt zu machen. Wenn irgendwo ein Baby weint, stimmen bald alle Babys mit ein. Nur unser Baby weint nicht. Die Bewohner der Stadt sagen, sie können uns kein Wasser mehr reichen. Es gibt kein Wasser mehr, rufen sie uns zu, ihr habt all unser Wasser getrunken. Und die Tränen eurer Babys? fragen wir. Sofort sehen uns die Bewohner wütend an und jagen uns aus der Stadt. Da fängt unser Baby an zu weinen, bitterlich und untröstlich. (Das erste Mal in unserem Leben erwachen wir weinend.)

In the continuation of the dream (sometimes we are not able to stop dreaming), our baby is born and we carry him through the disintegrated town to introduce him to all the other babies. As soon as a baby cries somewhere, all the other babies chime in. Our baby is the only one that doesn’t cry. The townspeople tell us they can’t offer us any more water. There is no water left, they call out to us, you drank all our water. What about your babies’ tears? we ask. Immediately the townspeople give us furious looks and chase us out of town. Then the baby starts crying, bitterly and inconsolably. (For the first time in our life we wake up crying).

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Im Traum (doch, ja, es ist einer) kehrt das Baby während unserer Reise zurück in den Bauch (deinen Bauch). So laufen wir schwanger (als Mann an der Seite einer Schwangeren wird man schneller und stärker schwanger als man glauben mag) durch die südliche Stadt, in der es seit Monaten nicht mehr geregnet hat. Ununterbrochen ist Glockenläuten zu hören, endet es in dem einen Kirchturm, beginnt es im anderen. Es knistert beim Laufen über die Straßen und durch die Parks. Es knistert auch in geschlossenen Räumen, denn die Hitze macht selbst vor ihnen nicht Halt. Die Hitze zerbröselt die Stadt langsam, wir treten auf harte, trockene Brösel und die Trockenheit nimmt weiter zu und Regen will keiner fallen. Doch überall bieten uns die Menschen mit erhitzten und erschöpften Gesichtern ein Glas Wasser an, überall freuen sie sich über unseren schwangeren Anblick, fragen, wann es soweit ist, wollen den Bauch berühren. So trinken wir überall in der Stadt das gereichte Wasser bis die Stadt vollständig zerfallen ist, bis zum Tag der Geburt. (Wir erwachen ohne Durst.)

In a dream (yes, it really is a dream) the baby returns to the womb (your womb) during our trip. And so, pregnant (as a man by the side of a pregnant woman one gets pregnant more quickly and more fully than one might think), we walk through the southern town, where it hasn’t rained in months. We hear an incessant ringing of bells; as soon as the ringing stops in one tower it begins in another. We hear a fine crackling sound as we walk through streets and parks. We hear it indoors too, for the heat spreads into closed rooms as well. Gradually the heat is crumbling the town, we feel hard, dry fragments beneath our feet and the dryness increases and there is no sign of rain. But everywhere we go, people offer us glasses of water, their faces exhausted and flushed by the heat, and everywhere they are happy to see our pregnant condition, wanting to know when the baby is due, asking if they may feel our belly. And so we drink water wherever we go until the town has completely crumbled, until the day of birth. (We awake without thirst.)

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Im Zug. Wir hätten gute Lust, das Leben unseres Baby als Reise zu betrachten (aber die Zumutungen solcher Metaphern, haben wir uns vorgenommen, müssen wir abwehren. Sie wollen uns in eine Richtung lenken, wir aber wollen in keine Richtung gelenkt werden. Und unser Wollen ist in diesem Fall tatsächlich absichtlich. Was versprechen wir uns davon? Eine gute störungsfreie Reise. Irgendwohin, nirgendwohin).

In the train. It’s tempting to regard our baby’s life as a voyage (but such metaphors entail suppositions which we have decided to reject. They tend to steer us in a direction, but we intend to be steered in no direction. And our intention is in this case truly intentional. What do we hope to gain from this? A good trip without hindrances. Somewhere, nowhere).