174

Als Familie genügen wir uns (das Baby, du, ich). Doch unsere Genügsamkeit kommt nicht daher, dass wir eine Familie sind. Wir finden, drei (das Baby, du, ich) sind sehr viele, es kommt uns sogar vor, drei ist die größte aller Zahlen (mehr als drei gibt es nicht). Trotzdem wollen wir nicht behaupten, drei: das ist die Zahl der Vollständigkeit (und das wundert uns selbst). Allein der Anblick des Babys hindert uns daran, auf einfache Wahrheiten hereinzufallen (das wundert uns erst recht, weil es uns gar nicht einleuchten will, wie der Anblick des Babys irgendetwas verhindern kann). Also betrachten wir unser Baby und zählen: zwei Beine, zwei Füße, zwei Knie, zehn Zehen, ein Bauch ….

As a family we (the baby, you, I) are sufficient unto ourselves. But the source of our sufficiency is not that we are a family. We find that three (the baby, you, I) are very many, it even seems to us that three is the largest of all numbers (there are no more than three). Nevertheless we don’t wish to assert that three is the number of perfection (we wonder at that ourselves). The sight of the baby alone prevents us from being taken in by simple truths (which surprises us even more, because we can’t imagine how the sight of the baby could prevent anything). So we look at our baby and count: two legs, two feet, two knees, ten toes, one belly . . . 

173

Das Lachen des Babys (kehlig, gurgelnd) auf dem Wickeltisch, wenn wir ein bißchen Unsinn treiben, es necken und kitzeln, wenn unsere Hände unsere Herzlichkeit gleichsam aussprechen (wozu wir mit Worten nicht in der Lage wären), das Lachen, das überall im Baby ist (unser Baby ist Lachen, ein lachend Ding): Freude pur! Mit Bedauern denken wir (kein Gedanke, der diese Freude unterbrechen oder beenden könnte), warum wir später im Leben, als Erwachsene, mit den Anderen, nicht sind wie wir jetzt mit dem Baby sind, so einfach – und dann necken und kitzeln wir unser Baby weiter und hören sein Lachen, spüren es und lachen selbst über nichts Besonderes, nichts Besonderes.

The baby’s laughter (throaty, gurgling) on the changing table when we fool around a little, tickle and tease him, when our hands speak our heart’s love (which we would not be able to do with words), the laughter that is everywhere in the baby (our baby is laughter, a laughing thing): pure joy! With regret we think (not a thought that could interrupt this joy or put an end to it), why can’t we, later in life, as adults, with the others, be as we are with the baby now, so simple – and then we keep teasing and tickling our baby and hear his laughter, feel it and hear ourselves laughing about nothing special, nothing out of the ordinary.

172

Die raumlose Herkunft des Babys (unsere Vermutung ist mittlerweile zur Gewissheit angewachsen) begleitet uns bis an die Grenzen des Schlafs. Wir suchen unsere eigene Raumlosigkeit, aber die Dunkelheit des Schlafzimmers verstärkt das räumliche Empfinden so stark, dass wir aufgeben wollen. Da gibt das Baby einen Laut von sich, von dem wir glauben, er könnte genauso gut und zur gleichen Zeit von uns ausgestoßen worden sein und damit finden wir ganz leicht, was wir eben angestrengt suchten: nichts Eigenes.

The baby’s spaceless origin (our assumption has by now become a certainty) accompanies us to borders of sleep. We seek our own spacelessness, but the darkness of the bedroom intensifies the sensation of space to strongly that we are inclined to give up. Then the baby produces a sound which we believe could just as well have been expelled by us at the same time, and thus we very easily find what we were strenuously seeking a moment ago: nothing we could call our own.

171

Das Greifen des Babys: als käme es von einem Ort, an dem es keinen Raum gibt. So greift es in die Leere über ihm wie in die kleine Wolldecke, unter der es liegt, mit dem gleichen Unglauben, dass sich dort etwas befindet, das es nicht selbst ist. Unserer Neigung, dem Baby den Willen zu unterstellen, auf diese Weise die Welt zu entdecken (gar im Greifen zu lernen), können wir kaum widerstehen (unser Wunsch nach Erklärung raubt uns gerne die kurzen absoluten Einblicke). Doch noch einmal öffnet unser Baby ein Fenster. Es berührt seinen eigenen Körper auf die gleiche Weise, wie es eben die Leere und die Wolldecke berührt hat.

The baby’s grasping: as if it came from a place where there is no space. So he reaches into the emptiness above him as he does into the little woolen blanket under which he lies, with the same disbelief that something is there that is not himself. Our tendency to attribute to the baby a will to discover the world in this manner (or even to learn by grasping) is almost irresistible  (our desire for explanation likes to rob us of our brief absolute insights). But once again our baby opens a window. He touches his own body in the same way that he touched empty space and the woolen blanket a moment ago.

170

Unser Leben vertieft sich. Was früher Vertiefung war, erweist sich jetzt als Verbreiterung: Bücher, Filme, Kunst, Diskussionen, Politik, Bildung und Fortbildung. Die Vertiefung kommt mit dem fast andächtigen Staunen über das Interesse unseres Babys an unserem täglichen Tun. Mit seiner Freude etwas von unserem Teller in den Mund geschoben zu bekommen. Mit einem Zischlaut, der die ganze Welt bedeuten kann. Mit dem Schimmern eines ersten Zahnes in der rosigen Bucht seines Mundes (es kommt uns vor wie eine Morgendämmerung in der Mitte eines hellen Tages). Unser Leben vertieft sich (und eines Tages werden wir mit unserem Kind Bücher lesen, Filme ansehen, Bilder betrachten …).

Our life is deepening. What used to be a deepening, turns out now to have been a broadening: books, films, art, discussions, politics, education and training. The deepening comes with the almost reverent astonishment at the baby’s interest in our daily activities. With his joy at having something pushed from our plate into his mouth. With a hissing sound that can mean the whole world. With the gleam of a first tooth in the rosy bay of his mouth (it seems to us like dawn at high noon). Our life is deepening (and one day we will read books with our child. View films, look at pictures . . .).

169

Die Tücke der Babylosigkeit. Nicht zu wissen, was einem fehlt. Fehlt es? Ist es nicht dennoch da? Es ist überhaupt die Tücke des Nichtwissens: eine unschließbare Lücke. Wie macht das Baby das? Es scheint befreit von dieser Unwissenheit. Als unser Baby noch nicht bei uns war, wußten wir nichts von ihm. Wir litten daran (ohne es zu wissen). Und das Baby? Litt es daran, dass es nichts von uns wußte? (So gern würden wir etwas darüber wissen. Aber der Nebel der Unwissenheit hängt tief. Wir müssen die Unwissenheit üben.)

The pitfall of babylessness. Not to know what you’re missing. Is it missing? Is it not there nonetheless? The pitfall of not knowing is an unfillable gap, always. How does the baby do it? He seems to be free of this ignorance. When our baby was not yet with us, we knew nothing about him. We suffered from that (unknowingly). And the baby? Did he suffer from knowing nothing about us? (How we wish we knew something about that. But the fog of unknowing hangs deep. We must practice not knowing.)

168

Nichts. Kein Gedanke stellt sich ein. Das Baby hat alle verschluckt: Seligkeit (wie der Ausdruck in seinem Gesicht). Selbst im Wunsch zu denken, obwohl es nichts zu denken gibt, lässt das Baby mich nicht allein. Ich lege mich neben das Baby und löse mich auf in seinem Versuch zu Krabbeln.

Nothing. No thought shows up. The baby swallowed them all. Bliss (like the expression on his face). Even in wanting to think, although there is nothing to think about, the baby doesn’t leave me alone. I lie down next to the baby and dissolve in his attempt to crawl.

167

Keine Macht, die uns plötzlich ergreift, denn wir erleben ihre Geburt, die noch lange andauern wird: Eros, der uns alle mit Scheu erfüllt (überall unter den Frauen und Männer und ihren Babys das Gleiche: ängstlich und geduckt vermeiden wir dem ersten Gott in unserem Leben in die Augen zu schauen. Aufrecht und festen Blickes behaupten wir strikt die Harmlosigkeit der Babys in all dem, was – später, viel später erst – machtvoll in ihr Leben treten soll. Eine merkwürdige Feigheit lässt uns leugnen, was sich sichtbar unsichtbar zwischen uns (den Babys, euch, uns) – oder sollen wir nicht besser sagen über unseren Köpfen – entfaltet: der Zauber der Sinnlichkeit.

Not a power that seizes us suddenly, for we experience its birth, which will endure for a long time: Eros, who fills us all with awe (everywhere among the women and men with their babies the same advent: the fear and humbled shyness with which we avoid gazing into the eyes of the first god in our lives. Rigidly, with an upright stance and a firm gaze we declare the harmlessness of babies in all that will eventually – later, much later – powerfully enter their lives. A strange cowardice leads us to deny the visibly invisible  enchantment that is unfolding between us (the babies, all of you, us) – or perhaps rather, above our heads: the spell of sensuality.

166

Unsere Geborgenheit im Baby: wie wir sie dem Baby geben, gibt es sie uns. Wir wollen das recht verstehen: wir sind im Geben die Nehmenden. Aber das, was wir geben, ist nicht dasselbe, wie das, was wir nehmen, obwohl wir beides Geborgenheit nennen. Doch ist die eine Geborgenheit nicht ohne die andere. Unserer ständigen Versuchung, Geborgenheit zu geben, widerspricht das Baby, indem es nichts in dieser Art versucht. Darin üben wir uns: unser Baby liegt da, greift seine Füße, zieht sie zu sich, sie rutschen aus seinen Händen und es ergreift sie erneut; vielmals wiederholt es dieses Tun, dann lässt es davon ab.

Our comfort in the baby: as we give it to him, he gives it to us. We want to understand this: in giving, we are the receivers. But what we give is not the same as what we receive, even though we call them both comfort. Yet one kind of comfort depends on the other. The baby contradicts our constant temptation to provide comfort by not trying to do anything of the sort. We take it on as a practice: our baby lies there, grabs his feet, pulls them toward himself, they slip from his hands, he seizes them again, repeats this activity many times, until he finally stops.

165

Im Schieben des Kinderwagens finde ich mein Tempo (endgültig als das Baby einschläft). So ziehen wir zusammen über einen staubigen Weg unter Linden und Kastanien. Wenn wir eben noch ein Ziel hatten, so haben wir jetzt keines mehr. Die Hände auf dem Bügel des Kinderwagens, den Schlaf (das schlafende Kind) vor mir her schiebend, glaube ich an die Endlosigkeit unseres Weges: auf diese Weise möchte ich immer voran kommen. Das Glück zu wissen, dass mein Wunsch sich nicht erfüllen wird, wirkt betäubend auf mich: ich vergesse, unterwegs zu sein.

Pushing a stroller, I find my proper speed (conclusively when the baby falls asleep). Thus we travel together along a dusty road beneath linden and chestnut trees. If we had a destination a moment ago, now we no longer have one. Hands on the handlebar, pushing sleep along before me (the sleeping baby), I believe in the endlessness of our path: this is how I would like to get ahead at all times. The bliss of knowing that my wish will not be fulfilled has a stunning effect: I forget to be on my way.