Das vierte Jahr

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Mit den Anderen

Was sieht unser Kind in den anderen Kindern? Nicht das, was wir (du, ich) in den Anderen sehen. Sehen können. Unser Blick weicht in die Gedanken aus. Wir überlegen: unser Kind braucht die anderen Kinder, die Kinder brauchen einander, um zu lernen, zu spielen, zur Anregung, zur Erbauung. Und komplizierter: fürs Gemeinschaftsgefühl. Mit dem Größerwerden nimmt die Vereinzelung zu, die Gemeinschaft fängt den Einzelnen auf, macht aus seinem Schmerz des Fürsichseins die Freude des Miteinanderseins. Denken wir zurück an unser Baby, an sein umfassendes Babysein, das sich der Gemeinschaft mit anderen Babys gegenüber vollkommen gleichgültig gab, so kommt uns diese Verwandlung zum Interesse, zur Neugier und Gier zu und nach anderen Kindern fast vor wie ein Austausch des Wesens unseres Kindes. Nein, nicht  seines eigenen Wesens, vielmehr wie ein grundsätzlicher Austausch, wie eine Verwandlung, eine Metamorphose, deren Ergebnis kaum eine Erinnerung an das Vorangegangene übriglässt. Aber: sowenig das Baby uns ähnelt und sowenig das Kind dem Baby ähnelt, sowenig ähnelt das Kind nun uns. Uns, das heißt, unserer Gemeinschaft mit den Anderen, unserer Erwachsenengemeinschaft, die wir nicht müde werden auf alle Formen der Gemeinschaft zu übertragen. Was wir (in Gemeinschaft) erleben, scheint uns wahres Erleben zu sein. In langer Entwicklung unserer Person erreichtes Erleben, spezifisch genug, allgemein genug, dass es uns doch den Blick unseres Kindes auf die anderen Kinder wenigstens leidlich verständlich machen könnte. Aber ehrlicherweise stoßen wir auf eine Vagheit in unseren Betrachtungen und Beobachtungen der Gemeinschaftsanwandlungen unseres Kindes, die uns befremdet (unser Kind sollten wir doch verstehen) und neugierig macht (wir verstehen unser Kind nicht). Vielleicht, überlegen wir, ist es so wie wenn wir träumen von bekannten und unbekannten Menschen, von uns selbst, wenn wir ganz intensiv aufgehen in Anderen und doch nichts von ihnen begreifen, als wären wir ein mit Text bedrucktes Blatt Papier, das dicht auf einem anderen mit Text bedrucktem Blatt Papier aufliegt, dabei das andere Blatt Papier spürt wie sich selbst, aber nichts von dem Text des anderen Papiers in sich überfließen bemerkt, keinen Sinn, schon gar keinen gemeinsamen. Übertreiben wir nicht ein bißchen (ich mehr, du weniger)? Dort drüben sitzt unser Kind auf der großen silbernen Kugel, die bis zur Hälfte aus dem Sand ragt (wahrscheinlich ist die im Sand verborgen Hälfte gar nicht ganz vorhanden, aber der Eindruck einer ganzen Kugel ist nicht wegzudenken). Viele Kinder wollen hinauf auf die Kugel, manchen gelingt es mit großem Anlauf quer über den Spielplatz, am besten noch über die Wiese, damit die bloßen Füßen ein bißchen Feuchtigkeit aufsammeln, die sie weniger an der glatten Kugelwand abrutschen lässt. Nur den wenigsten und den größeren gelingt es. Die meisten Kinder lassen sich von den Eltern die Kugelwand hinaufschieben, vorwärts oder rückwärts, ganz hinauf reichen die Elternhände nicht; oben, wo es scheint, als wäre dort die Kugel flacher, steht erstaunlich viel Platz zur Verfügung. Alle Kinder setzen sich so hin, dass sie von der Kugel wegblicken können, hinaus in die baumumstandene Spielplatzwelt der Klettergerüste, mit Fußabdrücken übersäten Sandkästen und wie Masten herumstehenden Mamas und Papas. Wirklich, sie blicken weit hinaus, weit darüber hinaus und oft werden die Kleineren wie unser Junge beim Blicken ganz still. Niemand hebt und kippt den Kopf, um in den Himmel zu schauen. Eng sitzen sie auf ihrer Kugel, natürlich eng, im Körperkontakt, der kein Kontakt ist: er ist eine Zufälligkeit, die nicht bemerkt wird. Der silberne Kugelrücken ist bedeckt mit Kindern, und noch eines und noch eines findet einen Ort, weniger mit, als in den anderen. Die höchste Mitte des Kugelrückens bleib leer. Gleichsam leer, denn auch dort sitzt manchmal ein Kind, dann rückt die leere Mitte ein Stückchen kugelabwärts. So verschiebt sich die Mitter der Rücken an Rücken sitzenden Kinderschar oft unmerklich und offenbart ihre kindische Wahrheit: es gibt sie gar nicht, die Mitte. Ich oder du, wir elterlichen Betrachter werden durchsichtig für unser Kind. Wer vom hohen Kugelrücken in die Weite blickt, kann, senkt er den Blick, die Weite in ihm bewahrend, durch seine Eltern hindurchsehen. Die Kinderwelt und die Erwachsenenwelt durchdringen sich eben nicht. Die Kugel Erde, auf der wir (du, ich) stehen, ist eine ganz andere Kugel als die, auf der unser Kind hockt. Mit den anderen Kindern zusammen. Die Anderen sind wichtig. Übung in Gemeinschaft, ohne allzuviel Gemeinschaftliches zu haben. Jetzt gerade, das Sitzen dort oben. Aber es kann schnell wechseln. Das Gemeinschaftliche kann wechseln und nur im Wechsel findet es zu seiner Substanz. Die Kinder sind vertraut mit dieser Substanz, die sie auf keine Fall festzuhalten brauchen. Vielleicht ist es diese Substanz, die in uns manchmal ein Entzücken hervorruft, wenn wir den Kindern zusehen bei ihrem gemeinsamen Spiel, das niemanden weniger als Mitspieler gebrauchen könnte als uns. Wir, denken wir, spielen dieses Spiel nicht mehr, wir spielen überhaupt nicht mehr, wenn wir spielen, dann tun wir nur als ob. Jetzt will unser Kind herunterrutschen von der Kugel. Da es nach unten hin steil wird, sollen wir der Auffänger und die Auffängerin sein. Das können wir gut. Und dann, kaum unten angekommen, noch einmal! (der wichtigeste Schlachtruf aller Kinder). Das Kind auf die Kugel schieben und es wieder auffangen. So geschieht es ein paar Mal. Dann gehen wir. Ohne Gruß. Wir gehen und grüßen nicht einen der Anderen. Plötzlich, höchstens für einen Lidschlag, verstehen wir den Sinn der Grußlosigkeit.

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