Das vierte Jahr

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Kind und Ding

Woher kommen die neuen Dinge? Kommen sie irgendwo her? Sie kommen irgendwo her, ja, und dann sind sie plötzlich da. Aber zwischen ihrem Herkommen und ihrem Dasein ist gar keine Zeit vergangen! Dinge schenken sich selbst. Wir denken, wir sind es, die Dinge schenken. Wir sind in einem Auto unterwegs. Du, ich, unser Kind. Eine lange Reise in einem großen Ding. Es ist nicht unser Ding, aber schon nach wenigen Stunden Fahrt fühlt es sich an wie unser Ding. Das ist ein bedeutender Unterschied: wir wissen, dass es nicht unser Auto, unser Ding ist, doch wir fühlen das Gegenteil, es ist unser Auto, unser Ding (und unser Gefühl ist nicht dümmer als unser Wissen). Unser Kind hat das Auto viel schneller in Besitz genommen als wir. Schon im Moment seines Erblickens, als ich es vom Autoverleih geholt und in unsere Straße abgestellt hatte, war es, nach kurzer, sich gleichsam selbstbestätigender Nachfrage, zu unserem Auto geworden (und die eigentlichen Besitzverhältnisse und die der Vergangenheit waren ausgelöscht). Bei uns dauert es, bis wir vergessen, dass ein Ding uns nicht gehört, doch der stete Gebrauch unterstützt uns dabei kräftig. Unser Kind hat eine CD mit Kinderliedern dabei und ein Heft dazu mit Bildern und den Texten zu den Liedern. Es ist seine CD und sein Heft, in dem es beim Hören der CD ordentlich blättert, um jeweils die richtige Seite des Heftes aufgeschlagen zu haben zum passenden Lied. Wir haben das auf den ersten Stunden unserer Fahrt geübt. Unser Kind hat gefragt: und welches Lied kommt jetzt? Und wir haben auf die richtige Seite und das entsprechende Bild gedeutet. Jetzt kennt es die Reihenfolge und kündigt das nächste Lied schon beim Hören des Vorhergehenden an. Diese CD ist sein Ding. Kaum hatte es sie in die Hand genommen, schon war es sein Ding. Unser Hinweis, die CD sei ein Geschenk von Opa, hat es zur Kenntnis genommen, aber nicht so, als würde dieser Hinweis etwas über die Herkunft des Dings aussagen. Oder doch: ja, diese CD ist von Opa. Unser Kind wiederholt: die CD vom Opa. Da gibt es schon eine Verbindung, aber eher ist „Opa“ ein Attribut wie das Hellblau von CD und CD-Hülle. „Opa“ sagt etwas aus über das Ding, die CD, doch seine, ihre Herkunft klärt sie nicht. Auf unserer langen Reise folgen wir alle (du, ich, unser Junge) der strengen Reihenfolge der Lieder auf dieser CD, der CD unseres Kindes. Diese Ordnung ist wichtig, als wäre sie das, was das Ding, die CD, im Inneren zusammenhält. Allerdings lässt sich die Ordung am besten beim vierten Lied beginnen, dem Lieblingslied unseres Kindes. Machen wir eine Kaffee- und Kindercappuccinopause, müssen wir die CD neu mit Lied Nummer vier starten: Jimba, Jimba. (Jimba, jimba, jimba papaluschka. Jimba, jimba, jimba papagei. La la la la la la la, jimba papaluschka, la la la la lal la la, jimba papagei. Hey! – singen wir mit, unser Kind singt nicht, oder nur sehr zurückhaltend, singen ist schwer.) Bald ist das Ding, die CD so in unserer Welt, als wäre es, sie schon immer mit und bei uns gewesen. So sind die Dinge: schnell familiär. Das heißt, es besteht die Sicherheit, dass sie nicht wieder verschwinden werden. Dass sie nicht verschwunden sind, wenn wir ins Auto zurückkehren nach einem Tag am Strand oder einem Ausflug auf die Burg auf dem Berg. Es sind ja unsere Dinge, wo wollten sie auch hingehen! Unser Kind ist sich weit mehr als sicher: die Dinge, unsere Dinge, seine Dinge können nicht verschwinden, genausowenig wie seine Eltern. Sollte ein Ding einmal verschwunden sein, so versteckt es sich bloß. Oder es hat sich verirrt. Sind die Dinge da, sind sie gleichsam ewig: so scheint es uns unser Kind zu lehren. Dem Gedanken an die Vergänglichkeit der Dinge gibt es keinen Raum. Seine Dinge altern auch nicht. Der Riss im Deckblatt des Booklets zur CD ist kein Zeichen eines Verfalls. Auch dieser Riss ist ewig. (Die über den Augenblick hinausgedehnte Ewigkeit lehnt unser Kind ab. Es hat berechtigte Gründe dafür, verrät uns aber keinen: das wäre eine Lehre für Fortgeschrittene.) Woher kommen die Dinge? Die neuen Dinge? Dinge, tauchen sie auf, sind immer neu. Alte Dinge gibt es nicht. Alt und neu, davon reden wir (du, ich), und manchmal plappert unser Kind es nach (wie so oft: ist das Nachplappern unseres Kindes nicht vielmehr ein mildes Sichlustigmachen über seine Eltern als fleißig übender Spracherwerb?). Eine neue CD auf der Heimfahrt (die Reise ist fast vorüber, die Schwimmflügel wieder ohne Luft, in allen Schuhen und Kleidern verstecken sich Sandkörner, wir drei sind, jeder in seinem eigenen Ton, gut gebräunt), eine anderen CD, eine neue CD, zur Abwechslung etwas mit einem kleinen Tier und seinen Tiereltern. Plötzlich holst du sie hervor. Für einen Moment scheint sie im engen Raum unter dem matten, düsteren Autodachhimmel zu schweben, leicht gehalten von deiner Hand, als wäre die neue CD, das neue Ding gerade eben in diesem Raum entstanden. Unser Kind greift schnell nach der neuen CD. Meine CD, ruft es, halb fragend, halb die Antwort gebend. Die Schnelligkeit seiner Inbesitznahme überrascht uns wieder. Seine Aufmerksamkeit ist so spürbar hoch (oder weit oder tief oder frei), dass ihm durch sie etwas bewusst (ja, bewusst) zu sein scheint, das zu bemerken uns große Mühe bereitet. Darin ist es dem Philosphen, der sich so sehr um die Dinge bemüht hat, so nah und so weit voraus. Gerade im Aufmerken auf etwas, das in uns wach wird, ist ein Sichfreigeben für die Dinge, damit sie sich zeigen können, wie sie sind, heißt es in einer Heidegger-Vorlesung im Abschnitt Wahrheit und Sein. Das ist vielleicht der heimliche Ursprung der Dinge: die Wachheit in uns (eine Wachheit, die wir kaum zu ahnen in der Lage sind, sind wir doch viel zu schläfrig, als dass wir uns die Herkunft der Dinge anders erklären könnten, als dass sie ein Produkt irgendeines technischen Prozesses, einer Fabrikation sein müssen). Unser Kind begreift das neue Ding sofort, der Blick für das Wesen des Dings ist ihm unverstellt und natürlich unausdrückbar (uns auch, aber wir versuchen es trotzdem immer wieder). Das ist eben das Schlaue am Ding: dass es ganz und gar da ist und dennoch sein Wesen verbirgt. Und so tut, als wäre nichts dabei, als spielte das keine Rolle. Unser Kind aber vermag das Ding nicht zu täuschen. Schon wie es nach der CD greift, zeigt, dass es das Ding ganz erfasst. Die Wachheit unseres Kindes ist so hoch, dass es sich sogar erlauben kann mit der CD-Hülle in der Hand einzuschlafen (während das kleine Tier im Hörspiel mit seinen Tiereltern eine Reise zur Großmutter unternimmt), ohne dass sein Schlaf etwas an seiner grundsätzlichen Offenheit für die Dinge ändern würde. Die Dinge und unser Kind: es würde uns nicht wundern, wenn sie gemeinsam träumten.

 

Child and Thing

Where do new things come from? Do they come from somewhere? They do come from somewhere, and then they’re suddenly here. But no time has passed between their coming from somewhere and their being here! Things give themselves. We think it’s we who are the givers of things. We’re traveling in a car. You, I. our child. A long trip in a big thing. It’s not our thing, but after a few hours it feels like our thing. This is a significant difference: we know it’s not our car, our thing, but we feel the opposite, it’s our car, our thing (and our feeling is not more stupid than our knowledge). Our child has taken possession of the car much soner than we have. Already at the moment of seeing it, after I had picked it up at the car rental and parked on our street and after a single,virtually self-affirming question, it has become our car (and its actual ownership status, now and in the past, is extinguished). For us, it takes a while before we forget that a thing does not belong to us, but constant use is a vigorous aid toward that end. Our child has taken along a CD with children’s songs and a booklet with pictures and the lyrics of the songs. It’s his CD and his booklet, and he turns its pages properly as he listens, so as to always have the right page before, the one matching the song. We practiced this during the first hours of our drive. Our child asked: and which song comes now? And we pointed to the right page and the corresponding picture. Now he knows the sequence and announces the next song even as he is hearing the previous one. This CD is his thing. As soon as he held it in his hand it was his thing. He took in our statement that this was a present from Grandpa, but not as if that information meant anything with respect to the thing’s provenance. Or rather, he did hear it that way: yes, this CD is from Grandpa. Our child repeats: the CD from Grandpa. There certainly is a connection, but it’s more as if “Grandpa” were an attribute like the color blue on the CD and the CD cover. “Grandpa” says something about the thing, the CD, but it doesn’t say anything about where it comes from. On our long trip we all (you, I, our boy) follow the strict sequence of the songs on the CD, our child’s CD. This sequence is important, as if it were what holds the thing, the CD, together.  To be sure, it’s best to begin that sequence with the fourth song, our child’s favorite. When we stop for a coffee and children’s capuccino break, we have to restart the CD with song number four: Jimba, jimba. (Jimba, jimba, jimba papalushka. Jimba, jimba, jimba papagei. La la la la la la la, jimba papalushka, la la la la la la la, jimba papagei. Hey! – we sing along, our child doesn’t sing, or only very reticently, singing is hard.) Soon the thing, the CD, is so thoroughly in our world as if it had always been with us. This is how things are: they become familair quickly. That is, there’s a certainty that they won’t diappear again. That they won’t be gone when we return to the car after a day at the beach or an excursion to the castle on the mountain. They’re our things, after all, where would they go! Our child is more than sure about this: things, our things, his things can’t disappear, any more than his parents can disappear. If a thing should ever disappear, it’s just hiding. Or it lost its way. Once things are there, they’re eternal: that is what our child seems to be teaching us. He does not entertain the idea that things are transient. His things don’t age either. The tear in the cover of the CD’s booklet is not a sign of deterioration. This tear too is eternal. (Our child rejects the notion of an eternity that extends beyond the moment. He has legitimate reasons for this, but won’t let us know what they are: that would be a teaching for the higher grades.) Where do things come from? The new things? Things, once they show up, are always new. There are no old things. Old and new, that’s something we talk about  (you, I), and sometimes our child mimics what we say (it happens a lot: isn’t our child’s parroting of our speech a mild mockery of his parents rather than an assiduous exercise in acquiring language?). A new CD on the way home (the trip is almost over, the water wings are deflated, grains of sand lie hidden in all our shoes and clothes, the three of us are well tanned, each his own shade), another CD, a new CD, something about an animal with its animal parents for the sake of variety. Suddenly you pull it out. For a moment it seems to be floating in the narrow space beneath the dull, dark sky of the car’s roof, lightly held by your hand, as if the new CD, the new thing, had just come into being in this space. Our child quickly reaches for the new CD. My CD, he exclaims, half asking, half answering the question. The quickness of his appropriation surprises us once again. His attention is so palpably high (or large or deep or free) that it enables him to be conscious (yes, conscious) of something that we only notice at the cost of much effort. In this respect he is so close and so far ahead of the philosopher who was so intent on exploring the nature of things. Precisely in hearkening to something that is becoming awake within us, there is a self-opening in favor of things, so that they can show themselves as they are, it says in a lecture by Heidegger in the section titled Truth and Being. This may be the secret source of things: the awakeness in us (an awakeness whose presence we are scarcely able to even surmise, as we are much too drowsy to imagine the source of things as being anything other than the result of some technical process, a fabrication). Our child understands the new thing right away, his view of the nature of things is unclouded and of course not expressible (not for us either, but we make the attempt anyway, again and again). That is what’s so clever about things: that a thing is utterly there and nevertheless conceals its nature. Pretending there is nothing to it, and that it doesn’t matter. But the thing cannot deceive our child. Already the way he reaches for the CD shows that he has a complete grasp of the thing. Our child’s awakeness is so high that he can even afford to fall asleep with the CD cover in his hand (while the little animal in the audio play sets out on a trip with his parents to visit his grandma), without sleep altering in the slightest his fundamental openness toward things. Things and our child: we would not be surprised if they dreamed together.

 

 

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