DAS VIERTE JAHR

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/babybuddha/978-3-446-25239-4/

oder über den Online-Buchhandel

 

Pipimeer und Kackiland

Groß ist das Meer, in das wir alle uns ergießen: portionsweise, dezent, still und heimlich. Verschwindet etwa einer der Strandurlauber für diese kleine Erledigung nicht im Meer? Offensichtlich, sichtbar und doch nicht offensichtlich. Unser Kind folgt einem unmittelbaren Impuls, der es sich face-to-face dem Meer gegenüberstellen lässt. Warum erst untertauchen mit dem Körper bis zur Entsorgungslinie? Das ist seine angeborene Art das Meer herauszufordern: auch ich bestehe aus Wasser und jetzt fließe ich in dich hinein. Das Meer antwortet mit Güte, Meeresgüte, die wie jede echte Güte, nichts von sich selber weiß, Güte entspricht seiner Natur. Und wüßte es von seiner Güte, würde es kein Aufhebens darum machen. Und doch greifen wir (du,ich) in diese harmlose Entsorgung ein. Pinkeln ja, aber nur unter Wasser. Das machen alle hier so, so wie alle kleinen Kinder nicht nackt, sondern in Badekleidung unterwegs sind. Ein bißchen lenkt uns moralischer Druck, ein Wunsch, uns friedfertig anzupassen, gleich zu sein unter Gleichen. Und bald schon ist das Unterwasserpinkeln die gleiche nüchterne, doch durchaus lustvolle Berichterstattung wert, die seit einiger Zeit jeden dieser Entsorgungsvorgänge begleitet. Die Welt will sich entsorgen, muss sich entsorgen, soll sie weiterbestehen. Entsorgung ist eine schwierige, langwierige Übung, sie braucht mehr Zeit als der Spracherwerb, vielleicht sogar als die Selbstfindung. Aus einer gewissen Perspektive scheint alles darauf hinauszulaufen: Entsorgung. Überall, immer, täglich, Pipi und Kacki, Müll. Den privaten Müll einfach fallen und stehen lassen, dort, wo man sich gerade befindet, geht gut, wenn man eine Windel trägt und jemanden hinter sich weiß, der das Fallengelassene aufhebt. Aber bald wird der, der hinterhergeht eigene Anstrengung anregen. Und plötzlich ist die Windel kein notwendiges Kleidungsstück mehr, plötzlich wird gerne Unterhose getragen (auch, wenn ebenso plötzlich bisweilen eine Sehnsucht nach eben der abgelegten Windel aufspringt). Die Entsorgung ist jetzt Kindsache, zumindest auch Kindsache. Ein sensibles Geschäft, eine oft wiederholte Übung, die wir mit viel Zurückhaltung begleiten. Unser Kind lernt, weil es selbst lernen will, nicht, weil wir es wollen. Es kennt den richtigen Zeitpunkt, den wir durchaus ahnen. Der Pipiunfall ist Teil dieser Lossagung von der Windel und wir, als die ersten Beobachter dieses Unfalls, sind auch die Zuständigen, für seine Folgen. Auch sind wir die, denen jeder Unfall Prüfung unserer Geduld wie Ungeduld auferlegt. Der Pipiunfall ist ein sensibles Thema, das auch unser ganzes Gefühl für Nachdrücklichkeit und Schweigen fordert. So gesehen ist die Entsorgung etwas, das uns alle betrifft (unser Kind, dich, mich). Eine lange Übungszeit, die dann doch ganz kurz erscheint, wenn sie vorübergegangen ist. Jetzt in Meernähe (das jeden Unfall verzeiht), ist die Entsorgung sprachlich bereits geregelt. Unser Junge weiß, wenn es soweit ist. Seine Mitteilungen sind klar und eindeutig: Ich muss Pipi machen. Gleiches gilt auch für das andere Geschäft, auch wenn der Weg dorthin naturgemäß mühsamer war. Für die Kackientsorgung steht das Meer nicht zur Verfügung. Dort dürfen nur unsere Vorfahren die Fische. (Manche Strandurlauber verschwinden hierzu in den Dünen oder den Pinienwäldern; es macht Wald und Dünen nicht schöner, zeigt nur, wie problematisch dieses Geschäft der Entsorgung ist.) Entsorgung, die uns das ganze Leben begleitet, muss selbst von Anfang an umsorgt und kultiviert werden. Letztlich vielleicht eine Frage der Zeit. Bedeutet nicht diese körperliche Entsorgung unseren stärksten Zugriff auf die Zeit? Und legt damit das Fundament für all die strukturierten Dinge, die in einem Menschenleben folgen werden? Zum richtigen Zeitpunkt zu entsorgen, die Fähigkeit die Zeit in dieser Sache zu beugen und sensibler Muskulatur ihren Übermut und Freigeist auszutreiben – was für eine stille, epochale, wegweisende Entwicklung! Ist die Zeit in diesem frühen Kindesalter erstmal gefügig gemacht, steht die Tür zum Kindergarten weit offen (am Ende des Sommers ist es soweit, unser Kind wird einen ersten großen Schritt in die regulierte Welt unternehmen; das Gedächtnis, sein Gedächtnis, unser Gedächtnis ans Meer aber wird und soll bleiben).

 

Peepee sea and doodoo land

Great is the sea into which we all pour ourselves: little by little, discreetly, quietly and secretly. Isn’t that why the beachgoer swims out for a dip, to dispose of this matter? Apparently, visibly, and yet not apparently. Our child, taking up a position face to face with the sea, is obeying a spontaneous impulse. Why descend with one’s body to the level of the disposal line? This is his innate way of confronting the sea: I, too, consist of water and now I flow into you. The sea answers with benevolent goodness, an ocean-sized goodness that, like all true goodness, knows nothing of itself. Goodness, benevolence, is the sea’s nature. And if it knew of its goodness, it would not make a fuss about it. And yet we (you, I) interfere with this harmless act of waste disposal. Peeing is OK, but only under water. Everyone does it like that here, just as all the little children are wearing swimsuits and not running around naked. It’s moral pressure that drives us, the desire to adapt peacefully, to be equals among equals. And it isn’t long before underwater peeing receives the same kind of matter-of-fact but nonetheless relishful report that has lately accompanied every one of these eliminations. The world wants to and needs to dispose of its waste if it is to continue. Elimination is a difficult, exacting exercise, it takes more time to learn than the acquisition of language, perhaps even than finding oneself. From a certain perspective, everything seems to amount to this: elimination. Everywhere, always, every day: peepee and doodoo, waste matter. Letting one’s private waste fall and stand wherever one happens to be is easy when you’re wearing a diaper and know there is someone behind you who will pick up what you dropped. But soon, the person behind you will prompt you to make efforts of your own. And suddenly the diaper is no longer a necessary article of clothing, suddenly it’s nice to wear underpants (even if, from time to time, you feel a longing for the diaper you used to wear). Elimination is something for children to do now, not only for children but also. A sensitive business, a frequently repeated exercise, which we accompany with a great deal of reserve. Our child learns because he himself wants to learn, not because we want him to. He knows the right moment, which we are quite able to anticipate. The peepee accident is part of this renouncing of the diaper, and we, the first witnesses of this accident, are also the ones responsible for its consequences. And we are also those for whom every accident becomes a test of our patience and impatience. The peepee accident is a sensitive subject that demands all our feeling for insistence and silence. From this point of view, elimination is something that concerns us all (our child, you, me). A long training period, which however seems short once it is accomplished. Now, in proximity to the sea (which forgives every acident), elimination is already linguisitically regulated. Our boy knows when it is time.  His communications are clear and definite: I have to peepee. The same is true for the other operation, though the path to its mastery was of course more demanding. The sea is not available for the disposal of doodoo. Only our ancestors, the fish, have permission. (Some beach goers withdraw among the dunes or to the pinewoods for this purpose; this does not beautify the dunes or the woods, it only shows how problematic the business of waste disposal is.) This production of waste and its elimination, which attends our lives from beginning to end, must be cared for and cultivated from the beginning. Ultimately, perhaps, it is a question of time. Does the disposal of bodily waste not constitute our most powerful grip on the element of time? Thereby laying a foundation for all the structured things that will ensue in a human life? To eliminate at the right time, the ability to bend time to this task and to exorcise from a sensitive musculature its exuberance and free spirit — what a quiet, epochal, pathbreaking development! Once time has been made subservient in early childhood, the door to nursery school stands wide open (by the end of the summer the time will have come, our child will take a step into the regulated world; but memory, his memory, our memory of the sea will and shall remain).

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s