Das vierte Jahr

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Der anfängliche Mensch

 

Der anfängliche Mensch ist nicht von Anfang an da. Jetzt beginnt er. Dieser Tage beginnt er, gerade jetzt, gerade heute. Unser Baby, haben wir immer gedacht, ist immer unser Baby. Tatsächlich denken wir das immer noch, es ist ein Hintergrundgedanke, den zu löschen wir nicht in der Lage sind und ein Gedanke, der – wie so viele andere – sich niemals selbst löschen wird. Er entspricht auch einer gewissen Trägheit unseres Gefühls, das gerne umfängt und umfasst und nicht wieder frei gibt, wenn es sich für die Ursache und den Urheber, die Urheberin hält. Wir sind durchaus ein Anfangspunkt für unser Kind, zwei Anfangspunkte in einem (du, ich, wir). Dorthin kehren wir oftmals zurück, manchmal haben wir sogar den Eindruck, wir bräuchten diesen Anfangspunkt nie wieder zu verlassen oder es sei unmöglich. Aber heute, gestern, vor einer Minute oder gerade eben ist unser Kind anfänglicher Mensch geworden, wir haben bemerkt, seine Vollkommenheit ist ein bißchen geschrumpft, dann sogar, dass sie auf einmal wie weggeblasen war, vergangen wie das Baby vergangen ist. Es ist noch kein eindeutiger Zustand, den wir beobachten, aber einer, der uns höchst vertraut ist, denn der anfängliche Mensch ist uns näher als das (stillschweigend unanfängliche) Baby. So ist eine geradezu greifbare Nachdenklichkeit in unser Kind eingezogen, ein Sinnen und Zweifeln, das das Baby nicht kannte. Sein Sinnen und Zweifeln war von entwaffnender Unschuld, ein Sinnen und Zweifeln, das nie das Ganze befragte oder in Frage stellte, ein Sinnen und Zweifeln, das nicht mehr und nicht weniger war als das Ganze selbst, vollkommenes Sinnen und Zweifeln. Heute aber hat sich das Sinnen und Zweifeln abgetrennt und sieht sich dem Ganzen gegenübergestellt. So fängt der Mensch an, denken wir, so haben auch wir angefangen und sind dabei geblieben. Unser Kind heftet das Warum? an jede Beobachtung, jedes Ding, jede Person, jeden Gedanken. Oder es sagt: Was ist das? Fragen, die in die Unendlichkeit führen, die uns auf die Unendlichkeit hinweisen wollen, aber ewig kann es dauern, bis wir das begreifen, nachdem wir ersteinmal tausend Antworten gegeben haben. Und am nächsten Tag fallen wir auf diese nachdrücklich unsere Eitelkeit stimulierende Art ein weiteres Mal herein. Der Hinweis auf die Unendlichkeit gilt aber nur uns (auch in diesem Punkt hat sich unser Kind von uns abgetrennt); für der anfänglichen Menschen selber ist das Fragen zuerst Ausdruck einer geringen Vertrautheit mit dieser Welt, mit unserer Welt. Es scheint wirklich zu glauben, dass wir (du, ich) uns hierin und hierin auskennen. Man kann uns immer fragen, auch dasselbe kann man mit uns zehnmal hintereinander erörtern, wir sind durchaus ausdauernd was das Befragtwerden angeht. Es ist, als würde der anfängliche Mensch aus unserem anfänglichen Meister (unserem Baby) einen Lehrer entstehen lassen, der nun plötzlich wir sind. Wir sind von der Schüler- auf die Lehrerseite gewechselt! Wirklich? fragen wir uns. Geben wir dem nach, folgen wir dem Lehrerruf, fängt unser Kind plötzlich an Ich kann das! zu rufen. Mit einer so deutlichen Betonung des Ich, das unseres, unser Lehrerich leichthin übertönt und überstimmt. Also sind wir weniger fürs Tun zuständig, als fürs Denken. Erklären gehört zum Denken und das Tun ist ein Vorrecht, in dem unser Kind Schüler und Meister in einem ist. Wir also, fragen wir uns (du fragst es mich, ich frage es dich), was sind wir? Nicht nur im eigentlichen, sondern im jeweils besonderen Sinn: was sind wir? (Wenn wir ein Ei mit der Messerklinge aufschlagen, wenn wir unser Kind zu überzeugen versuchen, dass die linke Sandale an den linken Fuß gehört und die rechte Sandale an den rechten Fuß, wenn wir gedrängt werden in die Kunknàszrolle zu schlüpfen.) Kunknàsz wurde unbemerkt geboren. Ein Verwirrung stiftendes Wesen, in dem Sinn, dass sein Aufenthaltshort schnell und dramatisch wechseln kann. Gerade eben war er noch im Auto, jetzt sitzt er oben auf der Vorhangstange. Kunknàsz: ein Wesen von wechselndem Alter. Meist ist er älter als unser Kind, aber er kann auch ein kleines Baby sein. Kunknàsz macht einiges falsch, er fährt einfach mit dem Laufrad über die Straße, obwohl er stehenbleiben sollte. Dann bekommt er mit unserem Kind Ärger und Belehrung. Kunknàsz ist auch guter Freund, der oft schon im Voraus zu wissen scheint, was unser Kind als nächstes unternehmen will. Kunknàsz ist kein anfänglicher Mensch, er ist überhaupt kein Mensch, er ist ein Kunknàsz. Er ist von größter Bedeutung, dann wieder hat er überhaupt keine Bedeutung, weil er nämlich verschwunden ist. Vom Erdboden und auch von der Vorhangstange. Kunknàsz wirkt wie das Alter Ego unseres Kindes, dann wieder scheint unser Kind das Alter Ego von Kunknàsz zu sein. Der anfängliche Mensch ist ein geübter Verschieber der Wirklichkeiten. Die Rolle zu wechseln fällt ihm leicht. Das unterscheidet ihn sehr vom Baby, das sich selbst immer treu geblieben, Baby geblieben ist. Kunknàsz ist sich genauso untreu wie unser Kind, beide könne kleine Känguruhs sein oder ganz kleine Rehe. Während wir also die Welt erklären, spielt unser Kind mit ihr, schlüpft in all das hinein, was wir erklären, oder zu erklären versuchen, jongliert mit der Bestimmung der Dinge, um uns die Mängel unserer Erklärungen aufzuzeigen. Oder geschieht nicht etwas ganz Anders? Ist es nicht der Intellekt, der immer und immer nach Zusammenhang sucht und forscht, der Verbindung entdeckt, wo scheinbar Unverbundenes war, der Rätsel lösen muss, eine Million Rätsel pro Tag und der nichts mehr fürchtet, als die Entstehung neuer Rätsel und nichts mehr herbeisehnt, als auch diese aufzulösen. Ein Verdacht verstärkt sich. In unserem Kind, in unserem anfänglichen Menschen ist der Intellekt erwacht, oder anders herum, als der Intellekt in ihm erwachte wurde es zum anfänglichen Menschen. Und nun treibt es mit seinem Warum? und Was ist das? und seinem Ich kann das! – und das ist die Pointe – ein Spiel mit unserem Intellekt, um ihn aus seiner Beschränktheit (gleichsam ein zweites Mal) erwachen zu lassen. Das kann unser Kind, weil es uns spürt. Es spürt uns in unserer physischen Dichte, ebenso wie in unserer Leere. Es ist so sehr Körper bei all seinen intellektuellen Tollereien, dass es die Selbstvergessenheit des Körpers noch nicht kennt (die, auf eine ganz andere, fortgeschrittene Weise, die Selbstvergessenheit des Intellekts ist). Irgendwann, heute, in dieser anfänglichen Zeit, sitzt unser Kind nach Ankündigung, Wunsch, Befehl: Ich will auf den Schoß, eben dort, ganz nah bei uns (bei dir oder bei mir), in dieser wärmenden und nährenden Nähe, die man sich von jedem guten Lehrer, der sich als Schüler verkleidet hat, wünscht. Dat is komisch, sagt unser Kind und deutet auf etwas, das wir nicht sehen können, das wir noch nicht entdeckt haben, das scheinbar spurlos um uns ist.

 

 

 

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