Das zweite & dritte Jahr 49

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Auch gibt es den Moment, da wir (du, ich) uns verlieren. Wir entfallen uns. Unser ehemaliges Baby (so nennen wir es jetzt, ehemalig, damit wir danach noch einmal Baby sagen können, ohne uns etwas anzumaßen und unser Kind kleiner zu machen, als es ist) hilft uns dabei. Genau genommen ist unser Sohn die Ursache unseres Gedächtnisverlustes. Er erleichtert uns um uns selbst. Unser Gedächtnis wird wirklich leichter, und mit einemmal fällt ihm das Erinnern gleichsam in den Schoß. Jede Anstrengung ist verloren, jeder Schatten hat sich mit der großen Wolke, die sie geworfen hatte, verzogen. Wir Wolken haben uns im klaren Himmel, den unser Kind ohne Mühe aufzuspannen versteht, aufgelöst. Jetzt erst erinnern wir uns richtig, sogar und auch an uns selbst. Wie anders sind wir doch geworden, wie anders sind wir, als wir zu sein dachten! Die wohltuende Aufgabe unseres alten Selbst (das natürlich und jetzt erst recht wiederkehren wird, neugierig, nichts sonst: sehen will es, was aus uns wurde) ist Folge unserer Daseinsverwandlung in Mutter und Vater. Gewissermaßen ist es ein Zustand der Schwäche, der sich ohne moralische Bedenken genießen lässt. Kein Wunder, dass es unser Kind wenig Anstrengung kostet, uns in diesem Zustand (der uns irgendwie neu ist, auch wenn er uns mit einer zärtlichen Vertraulichkeit schmeichelt) mit seiner Sprache zu überfallen. Ja, ein Überfall. Schon lange, von Anfang an, von Babyanfang an lauerte die Sprache auf unser Ohr, aber seit heute ist es offenkundig und offenbar. Die Sprache unseres (ehemaligen) Babys ist da, bevor sie da ist, war da, bevor sie da war. Und jetzt lässt sie sich nicht länger davon abbringen, sich direkt an uns zu richten. Die ersten Laute unseres Kindes ließen uns noch viel Spielraum, sie zu interpretieren, herunterzuspielen oder zu überhöhen. Aber ab sofort wird gesprochen. Richtig und mit uns. Weit mehr als zwei Jahre hat unser Gehör gestrampelt, wenn es sich der Sprache unseres Babys ausgesetzt hörte, doch nun hilft nichts mehr: wir müssen sprechen lernen. Wir lernen noch einmal sprechen. Unser Kind redet mit uns, der Stundenplan ist voll, der einen Stunde Sprache lernen folgt ohne Pause die nächste Stunde Sprache lernen. Wir mühen uns und oft muss man uns das Gesagte wiederholen und noch einmal wiederholen und noch einmal oder fünfmal, zehnmal. Unser Baby (nennen wir es ohne Einschränkung wieder so, denn immer, wenn es uns ein so vollendeter Meister ist, scheint Baby uns das das einzig wahre Wort zu sein) ist geduldig. Es wiederholt uns, was uns einfach nicht gelingen wollte zu verstehen, und manchmal ist seine Wiederholung durchaus ärgerlich, sogar ungeduldig, ohne die grundsätzliche Geduld mit uns in Frage zu stellen. Wir sehen bald ein: wir verstehen im Grunde nichts. Unser Wortschatz ist klein (auf seine Knappheit sind wir auch noch stolz, ist er doch allgemein ein Zeichen von erwachsen sein). Der Wortschatz unseres Baby ist ein echter Schatz: aus einem Wort macht es fünfzig verschiedene Worte, Tausende, jeden Augenblick verwandelt sich das Wort und seine Bedeutung wird dadurch reich. Wir korrigieren unser Kind nie (fast nie), lassen uns jedoch gerne von ihm korrigieren (was es nicht tut). Gehen wir auf den Spigalla, betrachten wir die Brumen und fragen uns ruhig wat hat da Pedo zählt? Sprache ist Reichtum und Armut zugleich. Unser Kind lernt von uns (und den anderen) das sprechen, lernt unsere Sprache (und die der anderen) – in Wenigem stimmen alle Menschen überein, aber dies scheint doch allen einzuleuchten. Wollen wir, weil wir uns gerade vergessen haben, es einmal nicht glauben. Wollen wir nur darauf hören, wie wir von unserem Baby die Sprache lernen; wir brauchen nicht einmal die tiefe Vertrautheit der Sprache beiseite zu lassen dazu, denn die tiefe Vertrautheit der Sprache entsteht uns heute das erste Mal im unerhört gehörten Gestammel unseres Babys, in dem witzigen Sprachwunder, das aus seinem weichen, reinen Mund strömt, aus seiner Lust, sich uns verständlich zu machen, aus seiner Freude uns noch einmal dorthin zu führen, wo die Sprache geboren wird (an den Ort, an den wir uns niemals erinnern können).

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