Das zweite & dritte Jahr 47

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Kein Trotz, nirgends. (Etwas wird die Trotzphase genannt. Alle nennen es Trotzphase, vereint im Begriff lässt sich die eigene Erfahrung, die die Erfahrung ist, die alle Eltern machen, leichter verkraften. In den Ratgebern heißt es, die Eltern fiebern dem Ende der Trotzphase entgegen. Die Rede ist vom kleinen Wutmonster, dem Kind, dem die Sicherung durchgebrannt ist, vom Kind, das die Eltern an den Rand der Verzweiflung bringt. Das Kind will. Das Kind will bestimmen, herrschen, mächtig sein. Das ist notwendig, heißt es, es ist wichtig für die Entwicklung des Kindes, für die Ausbildung seines Ich, fürs spätere Leben. Dieser Trotz richtet sich nur scheinbar gegen die Eltern, lesen wir, wir, du, ich, sind es nunmal, die dem Kind gegenüberstehen, nur an uns, die wir es innig lieben, kann es seinen Trotz ausleben, den wir Klugen, wissen ihn zu nehmen als das, was er ist: ein notwendiger Lernschritt im Leben des kleinen Menschen. Freundlichere Stimmen, klügere Stimmen nennen die Trotzphase die Autonomiephase. Das klingt reifer, erwachsener, auch distanzierter, weiser. Die Autonomie muss unser Kind erst lernen. Auf sich bestehen, sein Wollen kundtun, seinen Willen lautstark zum Hören bringen. Autonomie, das ist auch, dem eigenen Innern gehorchen, mehr als allem Äußeren, Elterlichen, Vorgegebenen. – Alles wahr, alles gut? Aber genau betrachtet, das heißt, wenn wir uns im Zusammensein mit unserem Kind nicht verlieren, wenn wir nicht der höheren, gelernten Vernuft zuhören, der pädagogischen Vernunft – manchmal denken wir, alle Vernunft ist  pädagogisch, nur pädagogisch, was sonst will sie, als uns ständig aufklären -, wenn wir also in nicht nur guten, sondern sehr guten Momenten vergessen können, dass wir die Erwachsenen sind und unser Kind Kind ist, dann – und darin besteht die Genauigkeit unserer Betrachtung -, dann enttarnt sich der Trotz als eine im Grunde mäßig raffinierte Verklärung eines banalen Mißverständnisses. Es gibt keine Trotzphase im Leben eines Menschen. Wird der Trotz zur Phase scheint uns etwas in Unordnung geraten zu sein. Gerät unser Kind in eine Wut, widersteht es jedem Wort, jeder Ansprache, jedem Schmeicheln, jeder Verführung, muss seine Wut eine heilige sein. Heilig wie die Wut der delphischen Priesterin, die erst dann wahrsagen will, wenn genügend Geschenke, Belohnungen, selbstlose Opfer diese Wut erst so richtig zum brennen gebracht haben. Unser Geschenk, unsere Belohnung, unser Opfer an unser Kind ist nicht unser Wille, der seinem nachgeben oder sich fügen müsste, nein, es ist nur eine simple wie folgenschwere Einsicht, die den Willen unseres Kindes nicht zur Phase niederredet, sondern ihn im gleichen Maße anerkennt wie unseren eigenen. Das ist unser wahres Geschenk, unsere wahre Belohnung, unser wahres Opfer. Unsere falschen Geschenke, falschen Belohnungen, falschen Opfer – wenn wir uns anpassen, tricksen, einschmeicheln, laut werden – bringen erst die Wut zum Ausbruch. Vielleicht haben wir das nötig, haben wir die Wut nötig, weil es uns, trotz unserer vorbildlichen Vernunft so unendlich schwer fällt, unser Kind als gleichberechtigtes Wesen zu betrachten, das nichts weniger braucht, als unser Besserwissen, unser Eingreifen, unsere Autorität. So kann der Trotz verschwinden, wenn wir unser falsches Handeln, das nur aus einem Wort bestehen kann, sehen und hören können. Wenn uns die Wut unseres Kindes zu dieser Einsicht hat kommen lassen. Dann lassen wir uns nicht achselzuckend benebeln von einer Trotzphase zu sprechen, durch die wir durch müssen, die unser Kind durchleben muss, um eine und einer zu werden wie wir. Hierin unserem Baby, unserem Kind, unserem Meister zu folgen, ist schwer. Zu leicht führt uns die Wut eines anderen Menschen in die Irre. Lässt sich schon die eigene Wut schwer ertragen, so erst recht die der anderen. Leihen wir der Wut still und andächtig unser Ohr, so als würden wir das Unglaublichste vernehmen, kann sie verrauchen; und der Trotz fährt seine Mauern ein, entlädt seine Waffen.) Kleiner Trotz, überall. Voran eilt unser Kind mit dem Laufrad, bis laut an der nächsten Kreuzung unser Ruf erschallt: Stopp! Wir beugen uns nieder, um mit wenig Worten von der Gefahr zu sprechen und die Regel zu verkünden, dass wir nur gemeinsam hinübergehen auf die andere Straßenseite. Unser Kind hockt auf seinem Laufrad und scharrt mit den Füßen. Schon wie ein großer ungeduldiger Verkehrsteilnehmer bringt es sein Rad einen Zentimeter nach vorne und noch einen Zentimeter und noch einen. Listig trotzt es unserem Blick, doch wir schweigen.Wie charmant uns unser Kind doch zu widerstehen versteht und wie charmant es sich fügt. Es spielt gern mit uns. Nun stört nicht mehr unser sicheres Vorankommen.

 

 

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