Das zweite & dritte Jahr 46

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Auch die anderen Väter und Söhne bemerken wir, wie sie uns bemerken. Manchmal streifen sie uns nur, manchmal treffen sie uns mitten ins Herz. Natürlich handeln wir unser Leben, unsere Vaterschaft nicht allein ab, auch, wenn es manchmal den Anschein hat. Wir sind nicht alle anderen und alle anderen sind nicht wir – und doch sind wir sie, wie sie wir sind. Wir leben die selbe Relation und so wie alle anderen, die diese Relation leben, unser Verhältnis kommentieren, sind wir Kommentar zu deren. Vater und Sohn: eine fundamentale Beziehung, die anders als die Mutter-Sohn-Beziehung offenbar nicht zur Anbetung taugt. Nichts Vergleichbares gibt es zum Sitzen des Sohnes auf Mutters Schoß, etwas das gleichermaßen in profanen wie heiligen Räumen deutlich sichtbar ist, sich unendlich oft wiederholt, ein tägliches Ereignis (wirklich immer wieder ein Ereignis!), ein schöner Anblick, stimmig, zweistimmig, vielstimmig, ein real gewordenes Ideal, das gar nicht geworden ist, sondern immer schon war, immer schon ist, immer sein wird. Nichts Vergleichbares gibt es mit Vater und Sohn. Das Schoßsitzen lässt sich mit beiden schon sehen, aber es ist schüchtern, es mangelt am Zutrauen zu seiner Dauer, die Furcht ist nah, der aus diesem Sitzen wachsende Kraft nicht gewachsen sein zu können, überhaupt ist für solche Dinge die Zeit knapp und gerne werden die Söhne zu ihrer Mutter weitergereicht, hinüber zu ihrem Schoß, auf die andere Seite. So deutlich in den Kirchen (oh ja wir lieben die Kirchen, die uns soviel über unser Sein verraten, sind sie doch die einzigen Orte, die wir kennen, an denen wir nichts zu tun haben) Mutter und Sohn zentral hinter dem Altar und ebenso unübersehbar in vielen Seitenaltären, Nischen, an Pfeilern oder hinter den sich wie Treppen aufbauenden Kerzenhaltern, denen wir gegen einen kleinen Betrag (den unser Sohn in den in kindgerechter Höhe angebrachten Schlitz des blechernen Sammelkastens poltern lassen kann) eine hinzufügen dürfen, – so sehr also Mutter und Sohn mit ihrem Bild präsent sind, unveränderbar präsent, so undeutlich, so unsichtbar, so aufgelöst in nichts Konkretes ist der Vater, der große Vater von dem es heißt: Du sollst dir kein Gottesbild machen! Kein Gottesbild, kein Vaterbild. Der ganze Kirchenraum ist Gotteshaus, aber von dem, der es bewohnt, gibt es nichts zu sehen. Die Unsichtbarkeit der Väter, sie dauert an. Sich unsichtbar zu machen, steigert durchaus die Attraktivität, macht größer als man(n) ist, lässt den Sohn träumen, phantasieren, auch hoffen. Warum verbirgst du dich, Vater? Diese Frage lauert in jeder Kirche, keine teuflische Frage, sondern eine, die der Realität geschuldet ist. Du blickst auf das Leiden, deinen übel zugerichteten Sohn, dem du die Hilfe verweigert hast, und schweigst. Wer unsichtbar ist, redet auch nicht. Die Söhne reden, reden sich die Unsichtbarkeit zurecht, verirren sich tief in der Unsichtbarkeit, überhöhen, den, der sich nicht zeigt, rechtfertigen seine Unsichtbarkeit, denn er ist zu groß für unser Auge, rechtfertigen sein Schweigen, den er spricht zu laut für unser Ohr, und auf seinem Schoß würden wir uns doch nur verlieren. Wieviele Väter zählt die Welt und wieviele Söhne? Wieviele der Väter sind Väter, wieviele Väter sind Söhne? Wieviele Väter sind zurückgekehrt aus der Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit? Oft sind die Söhne wütend. Plötzlich platzt ihre Wut heraus aus ihnen, Hass lässt ihre Wangen beben, sie rufen, schreien, brüllen: ich bin dagegen! Oder: ich bin dafür! (Auf dem Spaziergang durch die winterliche Stadt, hinüber zum Schlittenberg. Ich ziehe den Schlitten mit meinem Sohn über die eifrig überkiesten Gehwege, suche kiesfreie Schneestellen, manchmal müssen wir über die holprigen Randhaufen, dicht an den parkenden Autos entlangschleichen. Auf der Rückseite eines Verkehrsschildes, das die Parklizensierung regelt, klebt ein schwarzer Aufkleber, auf dem behauptet wird, ein ganzes Dorf hasse eine bestimmte Partei. Wenig weiter auf einer Schulmauer steht in schwarzer Schrift Vandalismus  & Randale gegen die Stadt der Bullen. Es ist kalt, doch sonnig, die ersten Amseln rufen. Alle Zeitungen am Kiosk titeln die amerikanische Inauguration, wir bleiben stehen und betrachten ein Foto mit dem zehnjährigen Barron, jetzt ein Präsidentensohn. Wieder sehen wir seinen melancholischen Blick, der noch zweifelt, ob er dafür oder dagegen sein soll. Eindeutig ist er ein Sohn. Sein Vater ist Präsident, vielleicht ein Vater, der Sohn ist. Der immer wieder versucht, Vater zu sein, und doch immer Sohn ist. Alle Väter sind alle Väter, wie alle Söhne alle Söhne sind. Manchmal nur ganz kurz. Für ein paar Meter finden wir keinen Schnee, unser Schlitten krächzt über den Kies und die Pflastersteine. Später, als wir den Rodelhang hinunter schießen auf dem kalten, griffigen Schnee, der unter unseren Kufen wie Styropor quietscht, jubeln wir gemeinsam über das Tempo, in dem es mit uns bergab geht. Beim Wiederhinaufsteigen denke ich, eigentlich sind es doch nur die Söhne, die in den Krieg ziehen, die sich in die Luft sprengen, die hassen, und wenn es Väter sind, sind sie in Wahrheit keine Väter. Es wird steiler und mein Sohn will meine Hand. So gehen wir Hand in Hand den weißen Hang hinauf und bevor wir uns ein weiteres Mal den Berg hinunterstürzen, setzen wir uns an der Kante oben auf unseren Schlitten, halten kurz inne und blicken über das ganze freudige Treiben, in dem wir uns befinden. Dann sind wir still und sausen los.)

 

 

 

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