Das zweite & dritte Jahr 40

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40

Manchmal verwechseln wir das zweite mit dem dritten Jahr unseres Babys. In den verwegensten Momenten unseres Denkens glauben wir sogar, dass das dritte Jahr vor dem zweiten Jahr stattfindet, stattfand, als würde das Ferne das Nahe und das Nahe das Ferne sein. (Bringen unsere Großeltern, Eltern, Tanten, und alle, die uns als Kinder kannten, nicht oft die Zeiten durcheinander, wenn sie über uns sprechen? Bringen wir nicht selber die Zeit in Unordnung, wenn wir uns an dieses oder jenes erinnern, wenn wir glauben, etwas Erinnertes einem bestimmte Jahr, Monat, Tag zuordnen zu können, obwohl uns doch ein Instinkt rät, beim Erinnern, was die Zeit angeht, im Ungefähren zu bleiben, im Flüssigen, in der Wahrheit der Ungenauigkeit?) Wir denken (du denkst es mehr als ich, vielleicht, weil du die Säugende bist, gewesen bist und mir dieser stärkste körperliche Anhaltspunkt fehlt) am Anfang (wenigstens am Anfang) muss unsere Erinnerung doch einer Ordnung und Reihenfolge gehorchen, soviel ist doch noch gar nicht geschehen, dass wir es vergessen könnten, und falls wir es vergessen haben, durch einige Anstrengung leicht wieder am richtigen Punkt auf der kurzen (Baby-)Zeitachse einsetzen könnten. Am Anfang: in diesen ersten zwei, drei Jahren, die sich doch leicht in Entwicklungsschritte und Entwicklungsetappen einordnen lassen, in diesen ersten zwei, drei Jahren, in denen wir besonders aufmerksam sind, was unser Baby angeht (und auch vieles andere), in diesen Jahren, in denen wir jeden Tag mit Freude genießen, so dass es sich anfühlt, als würden wir nichts übersehen, und wenn einer von uns beiden es übersehen hätte, er oder sie es dem anderen berichtete hätte, – wir also mit Sicherheit über diesen Anfang sagen könnten: wir haben diese Babyzeit mitbekommen, wie wir nie eine Zeit mitbekommen haben. Aber mit der Fortschreiten der Zeit wird immer deutlicher, genau dieser Zeit, dieser Anfangszeit habhaft zu werden, das Wesen dieser Zeit zu behalten, dieser Zeit ihre Unvergessbarkeit abzuringen – genau das erweist sich als schier unmöglich. Diese Einsicht erreicht uns heute schon, da kaum das dritte Jahr vergangen ist. Also, halten wir fest, immerhin etwas ist gewiss: das Ausziehen geht dem Anziehen vorher. Das erste Ausziehen unseres Babys, sein Ausziehen, war ein Abschütteln der cremefarbenen Söckchen vom Fuß. Ein halb mutwilliges, halb zufälliges Schütteln eines lästigen Kleidungsstück, das der Beweglichkeit des Babyfußes, wenig entgegensetzen konnte. (Wir selbst, denken wir, sind ja nur deshalb so ordentlich angezogen, weil wir unsere Körper gezähmt haben, weil Kleidung für ihren festen Sitz einen kontrollierten, koordinierten Körper braucht, nicht so einen weichen, biegsamen, strampelnden Babykörper, dessen Energie in alle Richtungen zuckt, das oft nur Energie zu sein scheint, während wir und unser Energie durchaus dem Hochsicherheitsbereich eines Kraftwerks ähneln.) Und jetzt üben wir täglich (seit einem Jahr, seit zwei Jahren, seit Jahrzehnten, Jahrhunderten?) das Anziehen. Sonderbare Wesen, die wir nun einmal sind, müssen wir uns anziehen. Dass wir angezogen sind, ist die Vorraussetzung all unserer Humanität. Nur unser Baby sieht das anders. Das Anziehen kann das lästigste Unterfangen überhaupt sein, eine Zumutung, etwas völlig Sinnloses! Allein die Hand in das Armloch des Anoraks (heute ist es sehr kalt) zu leiten, erweist sich als ähnlich schwierig wie Billard. Die Mütze sitzt grundsätzlich schief auf dem Kopf, oder, wenn sie gerade sitzt, wartet sie nur darauf, im nächsten Moment wieder zu verrutschen. Und Schuhe erst! Einsteigen in Schuhe mit besockten Füßen (auch hier droht Verrutschen), dann einen schon los gelaufenen Fuß fixieren, das Schuhband schnüren und gleich dasselbe auch noch mit dem anderen Fuß – große Aufgaben, die großzügig Stunden verschlingen. Wir üben anziehen. Wir (du, ich) üben anziehen: auch hier wieder lässt sich unser Meister blicken, indem er uns jeden Tag mehrfach zur gleichen Übung nötigt, die all unsere Geduld fordert, die unsere Geduld herausfordert, herausfordert mit und durch die große Ungeduld unseres Babys mit unserem Tun (oder ist diese Babyungeduld seine Geduld?) War es doch Gott selbst, der uns angezogen hat: Und Gott der Herr machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und kleidete sie. So kommen wir uns im Anziehen unseres Sohnes vor, als würden wir es sein, die angezogen werden, als würde sich das erste Anziehen in unserer Familie wiederholen, nicht nur einmal, zehnmal, hundertmal. Als wäre das Anziehen ein Ritual, das wir gemeinsam begehen, das in seiner Alltäglichkeit, Banalität viel stärker ist und religiöser als Rituale, die behaupteterweise der spirituellen Läuterung und deren wiederholter Übung dienen sollen. Dann aber plötzlich ruft unser Baby: selba oder dat kann i selber! Es verweigert sich unserer Hilfe und Mithilfe, ist Alleinanzieher von eigenen Gnaden und durch eigene Bestimmung. Und wir versuchen uns in der kurzen Distanz des zweiten und dritten Jahres zu erinnern, wann und wie Selbständigkeit und Unselbständigkeit unseres Babys aufeinander folgten, jetzt scheint es uns, dass beide stets gleichzeitig da sind, auch wenn unser Baby immer wieder den Eindruck (für uns) erweckt, gerade hätten wir es mehr mit seiner Selbständigkeit oder dann wieder mehr mit seiner Unselbständigkeit zu tun. – Am Abend erinnere ich mich an das empörte Wegpfeffern der blauen Mütze auf einem gemeinsamen Spaziergang, ohne meine Erinnerung damit zu belasten, wann genau das gewesen sein soll. Es fällt mir leicht, da ich mich ganz auf die von der kleinen Hand vom Kopf gerissenen Mütze konzentriere, die in erstaunlich weitem Bogen in den Rinnstein fliegt. Dann folgen ich deinem Vorschlag (den du von einer schlauen Frau übernommen hast), doch einmal zu versuchen, sich gegenseitig anzuziehen. Du ziehst mich an und ich dich. Wir machen erstaunliche Erfahrungen, die wir ganz für uns behalten.

Sometimes we confuse our baby’s second year with his third. At the most audacious moments of our thinking we even believe that the third year takes place, took place, before the second year, as though what is distant were nearby and what is nearby were distant. (Don’t our grandparents, parents, aunts, and all who knew us as children often get different times mixed up when they’re talking about us? Don’t we ourselves bring time into disarray when we recall this or that, when we think we can assign something we remember to a certain year, month, or day, even though an instinct suggests we would do well to content ourselves with approximation, to rest in fluidity, in the truth of imprecision?) We think (you think this more than I do, perhaps because you were the one who gave suck and I lack this most powerful bodily reference) that in the beginning (at least in the beginning) our memory must obey an order and a sequence; after all, not much has happened yet that we might forget, or that, if we forgot it, we could not with some effort re-insert at its proper place in the short baby-timeline. In the beginning: in these first two or three years, so easily arranged as a sequence of developmental steps, developmental stages; in these first two or three years in which we are especially attentive to everything that concerns our baby (and many other things as well), in these years in which we savor each day with pleasure, so that it feels as if we don’t overlook anything, and if either one of us were to overlook something, he or she would have reported it to the other; where, in short, we could say with assurance about this beginning: we experienced this baby time in way that we have never experienced any other time. But as time advances, it is becoming more and more obvious that to get a precise grasp of this time, this time of beginning, to keep hold of the essence of this time, to wrest from this time its unforgettableness – precisely that turns out to be utterly impossible. This insight reaches us already now that the third year has scarcely transpired. However, we note, there is at least one thing of which we can say it is certain: Undressing precedes dressing. The first undressing of our baby, his undressing, consisted of shaking his cream-colored socks off his feet. A half willful, half accidental shaking off of a bothersome piece of clothing that could offer little resistance to the mobility of a baby’s foot. (We ourselves, we think, are only dressed in such an orderly fashion because we have tamed our bodies, because in order for clothing to fit at all firmly, a controlled, coordinated body is needed, not a soft, pliable, kicking little baby’s body whose energy darts in all directions, and which often only appears to be energy, while we and our energy bear definite similarity to the high-security area of a power station.) And now, every day (for the past year, for the past two years, for decades, centuries?) we are practicing getting dressed. Odd creatures that we are, we have to get dressed. Being dressed is the precondition of all our humanity. Except our baby sees this differently. Getting dressed can be the most annoying venture imaginable, an unreasonable, perfectly senseless imposition! Just putting a hand into the sleeve of a parka turns out to be about as challenging as billiards. The cap’s position on the head is, as if on principle, categorically skewed; or if it happens to be in place, it just waits to slip off the next moment. Not to mention shoes! Putting his stocking-clad feet into shoes (here too there’s a tendency to slip away from his aim), then holding that foot in place while it’s in mid-motion in order to tie the shoelace, and following that with the other foot – major tasks that generously swallow up hours. We practice the business of dressing. We (you, I) practice dressing: here again we can see our Master at work, obliging us day after day to perform the same exercise that demands all our patience, challenges our patience, challenges it with and through our baby’s great impatience with our activities (or is this baby-impatience his patience?) It was God Himself, after all, who dressed us : Also for Adam and his wife, God made tunics of skin, and clothed them. That is how we appear to ourselves while clothing our son, as if it were ourselves who are being dressed, as though the first dressing were being repeated in our family, not just once, but ten times, a hundred times. As though dressing were a ritual we perform together, and that is stronger and more religious in its ordinariness and banality than repeatedly practiced rituals that are supposed to conduce to the soul’s purification. But then suddenly our baby cries out: self or do it myself! He rejects our help, our assistance, is a solitary self-dresser by his own grace and his own dispensation. And we try to remember, in the brief space of the second and third year, when and how autonomy and dependence succeeded each other in our baby; it seems to us now that they are both always there at the same time, even though, again and again, our baby creates the impression (in us) that right now we are dealing more with his autonomy, and then that, on the contrary, his dependence is what’s in the foreground. – In the evening I remember his indignant tossing away of the blue cap on a walk we took together, without burdening my memory with the question of when precisely that was supposed to have happened. It’s easy for me, as I focus entirely on the cap torn by the little hand from his head, and the surprisingly ample arc of its flight before it lands in the gutter. Then I follow your suggestion (which you adopted from a clever woman) to try dressing each other. You dress me and I dress you.  This leads us both to extraordinary realizations, which we keep entirely to ourselves.

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