DAS ZWEITE JAHR – 38

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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38

Gegen was tauschen wir dich ein, kleines Baby? Du wächst und wächst, aber wohin, in was hinein, zu was heraus?

An die Macht? (In der Tageszeitung sehen wir auf der ersten Seite eine Babyfaust. Darüber die Zeile: Kinder an die Macht. Das Bild zum Text ist sonderbar wüst. Die rosige, hoch gereckte Faust vor schwarzem Hintergrund: – als Faust scheint sich hier die Macht aus der Schwärze herauszuheben, um sich durchzusetzen in der lichten Welt, um zuzuschlagen. Da die Faust zum Greifen, Festhalten, Behüten völlig ungeeignet ist – wie könnte sie da zur Macht geeignet sein? Selbst zum Zerstören taugt sie nicht besonders, höchstens für die gröbsten Arbeiten. Der Faust des Babys fehlt es obendrein an Spannung, es ist eine in sich ruhende Faust, die sich Tag für Tag mehr zur Hand entfaltet, einer sich langsam der Welt nähernden Hand, die sich ihrer nicht bemächtigen will, auch wenn sie gerne zupackt. Auch wenn sie eine Stunde lang eine Kastanie, einen Stein, ein Keks halten kann, wie kein Erwachsener eine Kastanie, einen Stein, ein Keks halten kann, vergisst diese Faust nie, sich wieder zu öffnen. – Die Kastanie, der Stein, das Keks sind hinterher durchgewärmt in einer Art, in der sonst nur noch die Sonne in der Lage ist, etwas durchzuwärmen: das ist die Faust des Babys.)

Don deLillo lässt in Zero Null eine sterbende, vielleicht schon gestorbene Frau sagen: … Wo bin ich. Was ist ein Ort. Ich kenne das Gefühl eines Irgendwo aber ich weiß nicht wo das ist … Was ich verstehe kommt von nirgendwo. Ich weiß nicht was ich verstehe bis ich es sage … Ich versuche jemand zu werden … Einiges weiß ich fast. Ich denke gleich werde ich etwas wissen aber dann kommt es doch nicht dazu … (Das Denken ist unsichtbar, die Wörter sind unsichtbar. Die Sprache ist unsichtbar. Später, wenn unser Baby, nicht mehr Baby, einmal wird schreiben und lesen können, wird es um so besser schreiben und lesen können, um so mehr es sich nicht von der Sichtbarkeit wird täuschen lassen. Das Denken hat viel mehr mit dem Hören zu tun, als mit dem Sehen. Um das zu erfahren, sollte unser Baby nicht bis zum tödlichen Ende warten. – Unser Baby weigert sich in meine Augen zu blicken, als ich ihm verbiete, es versuche, die guten Bücher aus dem Regal zu ziehen. Wenn ich so etwas sage, will es mich nicht sehen. Es ist so mächtig, dass es mich aus seinem Blick verbannen kann. Gesunde Macht, die ich mir stolz gefallen lasse. Aber die guten Bücher ….)

Wohin verwandelst du dich, wohinein? Woheraus? Manchmal steht unser Baby da, tagelang kommt uns vor, am gleichen Fleck, keine Veränderung, keine Entwicklung, keine Verwandlung. Das ist am unbegreiflichsten. (In diesen Momenten, Stunden, Tagen gleicht es uns. Wir könnten meinen, es würde uns damit in Schutz nehmen vor all unseren – unerfüllten – Wünschen nach Veränderung. Doch nichts liegt ihm ferner.)

Du bist Natur? (Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen … Sie schafft ewig neue Gestalten, was da ist war noch nie, was war kommt nicht wieder … Wir leben mitten in ihr und sind ihr fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine Gewalt über sie … Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben und macht sich nichts aus den Individuen … Sie lebt in lauter Kindern, und die Mutter, wo ist sie? – Goethe – Unser Mann. Du bist wie die Natur. Du bist wie Natur. Du bist Natur.)

Es ist vielleicht eigennützig, aber wieder trage ich unser Kind durchs Museum. Ein paar Bilder nur. Doch Bilder sind ihm zuviel. Bild an sich ist zuviel. An einem Bild lässt sich nichts Flüssiges finden, nichts Bewegliches, nichts Durchsichtiges. Bilder sind Bilder. Wir rasten vor Joseph Karl Stielers Goethe-Porträt. Dass Goethe den Blick von den Gedichten eines Königs, die seine rechte Hand hält, zur Seite hin abwendet, scheint mir ein gutes Zeichen zu sein. Unser Baby findet überhaupt nichts an diesem Bild, es ist fast so, als würde es das Bild nicht sehen, als könnte es überhaupt Bilder nicht sehen. Dann aber der Ruf zu Goethe hinauf: Opa!

Die Frage ist falsch. Unser Baby wächst in nichts hinein, zu nichts heraus. Es ist eben Natur, ohne Gestalt, ohne Ende. Sogar ohne Form. Es ist nur ein ähnlicher Mensch. Schon hunderte Male hat es sich gewandelt. Dieser Eindruck rührt nicht von seinen neu erworbenen Fähigkeiten her, es ist eher etwas Atmosphärisches zwischen uns. Natürlich wollen wir an den Charakter unseres Kindes glauben, an seine Individualität und Erkennbarkeit. Ein nötiger Glaube, der uns aber nicht den Blick auf das rätselhafte Wesen verstellt, das sich täglich neu erschafft. Das uns vollkommen fremd ist und uns vielleicht deswegen mit soviel Wärme, Vertrauen, Innigkeit entgegenströmt. So können wir zu unserem Baby nicht sagen: du bist der und der. Wir könnten zu uns sagen: So ein Baby ist gut erfunden.

What are we exchanging you for, little baby? You are growing and growing, but what are your growing into, or out to? What are you coming to?

Power? (On the first page of today’s newspaper we see a baby’s fist. Above it a statement: Power to the children. The picture is weirdly wild. The rosy fist, raised high, against a black background: — here power seems to rise as a fist from blackness to strike a blow at the light-filled world. Since a fist is utterly incapable of grasping, holding, or protecting – how could it be capable of power? It’s not even particularly well equipped for destruction; at best it can manage the crudest sorts of work. A baby’s fist, moreover, lacks tension; this fist rests within itself, developing more and more into a hand as the days pass, a hand that approaches the world gradually, and that does not want to take possession of it, though it does like to grip and grab. Even though it can hold a chestnut, a stone, a cookie for a full hour, in a way that no adult can hold a chestnut, a stone, or a cookie, this fist never forgets to open out again. Later the chestnut, the stone, the cookie are warm through and through, in a way that only the sun can warm a thing through and through: such is the baby’s fist.)

In his novel Zero K, Don Delillo has a dying, perhaps already deceased woman say: . . . Where am I. What is a place. I know the feeling of somewhere but I don’t know where it is. . . What I understand comes from nowhere. I don’t know what I understand until I say it. . .I am trying to become someone. . . I almost know some things. I think I am going to know things but then it does not happen. . . (Thought is invisible, words are invisible. Language is invisible. Later, when our baby, no longer a baby, will be able to write and read, he will be able to write and read all the better the more he succeeds in remaining undeceived by what is visible. Thought has much more in common with hearing than with seeing. To realize this, our baby should not have to wait until the deadly end – Our baby refuses to look into my eyes when I forbid him to pull the good books from the shelf. When I say something like that, he does not want to see me. He is so powerful that he can banish me from his sight. A healthy power, which I gladly put up with. But the good books . . .)

Where is your transformation taking you, what are you changing into, and out from? Sometimes our baby stands there, for days, it seems to us, on the same spot, no change, no development, no transformation. This is the most incomprehensible thing. (At such moments, hours, days, he resembles us. We could be tempted to think that in this way he wants to protect us from our – unfulfilled – desires for change. But nothing could be further from his mind.)

You are nature? (Nature! We are surrounded, engulfed by nature, incapable of leaving it, and incapable of penetrating more deeply into her depths . . . She creates eternally new forms, what is has never before existed, what was will never come back again . . . We live in her midst and yet are strangers to her. She speaks to us incessantly and does not reveal her secret to us. We constantly impinge upon her and yet have no power over her . . . She seems intent on individuality and does not care for individuals . . . She lives in countless children, but the mother, where is she? – Goethe – our man. You are like nature. You are like Nature. You are Nature.)

It may be self-serving, but once again I am carrying our child through the museum. Just a few paintings. But paintings are too much for him. A painting, any painting, is too much. There’s nothing fluid in a painting, nothing in motion, nothing transparent. Paintings are paintings. We halt in front of Joseph Karl Stieler’s portrait of Goethe. The fact that Goethe’s gaze is turning away from the poems by a king which his right hand is holding strikes me as a good sign. Our baby finds nothing in this picture at all, it’s almost as if he doesn’t see the picture, as though he is incapable of seeing any pictures. But then, looking up at Goethe, he calls out: Grandpa!

The question is wrong. Our baby isn’t growing into anything, out to anything. He is simply Nature, without structure, without end. Even without form. He is merely a similar human being. He has already changed hundreds of times. This impression has nothing to do with his newly acquired abilities, it is more like an atmosphere between us. Of course we want to believe in the character of our child, in his individuality, his recognizability. A necessary belief, which however does not occlude our view of the mysterious being who creates himself anew each day. Who is a complete stranger to us and perhaps for that reason streams so much warmth, trust, and tenderness in our direction. Thus we cannot say to our baby: you are this or that person. We could say to ourselves: A baby like this is well invented.

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