DAS ZWEITE JAHR – 37

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Das Unglück der Anderen ist kein Märchen. Und doch trägt es ähnliche Züge. Schon deshalb, weil wir es nicht sehen können. Nicht sehen können, selbst, wenn wir es sehen. Und weil wir nicht wissen, ob wir ihm zurecht diese Bezeichnung geben dürfen: Unglück. Wir denken: das ist das Unglück. Genauso verwegen, anmaßend, vorschnell urteilen wir manchmal: das ist das Glück. Wir suchen das Unglück außerhalb von uns. Tatsächlich suchen wir es, eine leichte Suche, die schnell fündig wird. Es gibt soviel Unglück und überall. Das Glück ist seltener. Lässt es sich in uns finden, geschieht es plötzlich. Ebenso plötzlich wie es wieder verschwindet. Das Unglück ist beständiger. Es sitzt mit großer Ausdauer auf der Straße. Auf der Straße, die wir mehrmals die Woche entlanglaufen. Unsere wichtigeste Einkaufsstraße. Unsere Unglücksstraße. Dort und dort sitzt das Unglück und kann sich nicht wehren. Will sich nicht wehren. Es will nur da sitzen und auf eine Geste der Vorübereilenden warten. Wir können nicht vorübereilen. Unser Baby läuft auf dieser Straße gerne selbst, aber sein Laufen ist, nein, kein Schleichen, es ist schon Laufen, ein langsames Laufen, es ist kein Gehen, eher ein Laufen wie im Traum, wenn man nicht an den Menschen, Dingen und Häusern vorübergeht, sondern durch sie hindurch gleitet oder wenn die Menschen, Dinge, Häuser an einem vorbeiströmen, einen warm umspülen, sich aber nicht greifen lassen, dann aber, bleibt man vor einem Menschen, Ding, Haus stehen überdeutlich sichtbar werden. Unsere Augustenstraße (benannt nach einer, wie es heißt, wunderschönen Prinzessin) ist so: dort, wo wir sie entlanglaufen, sind die Häuser einfach und die Farben ihrer Fassaden hinter einem Grauschleier (der ganz gewiß kein Schleier ist) verborgen. Die Straße ist eng und laut und voller Betrieb. Eine ausnehmend lebendige Straße, nichts in dieser Straße scheint nicht zu leben; der Dreck auf den schmalen Grünstreifen, der die Straße von Geh- und Fahrradweg trennt, ist lebendig, der schmale, verbeulte Himmel über der Straße ist lebendig, jeder abgegriffene Türgriff zu den unzähligen Läden ist lebendig. Manchmal denken wir, in dieser Straße gibt es nur Leben, nichts als Leben; sind wir hier unterwegs, denken wir, was sollte es außer dem Leben schon noch geben? Die Bettler gehören zu dieser Straße, zu unserer Straße, gehören zu uns, das Unglück gehört zu uns. Das Unglück ist seßhaft. Immer sind es die gleichen Bettler vor den gleichen Läden, seitlich der Türen sitzen sie, manche knien, ein einziger (der mit dem Stock) steht (ein eigenartiges, in den Raum ragendes Stehen ist es). Jeder Bettler hat einen Becher dabei. Die meisten einen weißen Plastikbecher, andere einen Coffee-to-go-Becher, nur der stehende Bettler hat einen Metalldeckel umgedreht als Schale auf der geöffneten Hand liegen. Kein Bettler streckt die nackte Hand nach den Vorübergehenden aus. Die Becher stehen auf dem Boden, immer befinden sich nur ein paar Münzen in ihnen, meist sind es nur Centmünzen. Manchmal bleibt unser Baby stehen bei den Bettlern (so wie es überall verharren kann), wirft eine Münze, die wir ihm gegeben haben, in den Becher, aber auch wenn es keine Münze hineinwirft, lächelt der Bettler es an, wie er die erwachsenen Menschen nie anlächelt. Da unser Baby keinerlei Argwohn gegen die Bettler hegt (wie es überhaupt noch keinen Argwohn gegen irgendwen hegt), wollen wir uns auch darin üben (obwohl es sehr leicht ist, einen Bettler zu verdächtigen, niemand lässt sich leichter verdächtigen als ein Bettler, einem Bettler könne wir Unlauteres und Unehrenhaftes unterstellen, das stellt sich wie von selbst ein). Wer Gewalt und Unrecht tut, muss zuletzt ein Bettler werden, heißt es bei Jesus Sirach, ein Spruch, der die Jahrhunderte überdauerte, wie der Bettler die Jahrhunderte überdauerte (so verhält es sich mit dem Märchen und dem Bettler: beide sind niemals vergangen; der Bettler ist alt, gegenwärtig, ewig wie das Märchen. Eine Zeitlang, eine Woche, ein Jahrzehnt scheint der Bettler verschwunden, vergessen, dann taucht er wieder hinter der nächsten Straßenecke auf). Hat unser Bettler, der in unserer Unglücksstraße sitzt etwa Gewalt und Unrecht getan? (Fragen wollen wir ihn nicht, und könnten es auch nicht, seine Sprache ist uns unverständlich wie unsere ihm unverständlich zu sein scheint.) Büßt unser Bettler? (Kurz denken wir, am Ende wartet auf jeden von uns die Bettelei; sie ist der letzte Zustand, den eine einzelne Seele erreicht, bevor sie ganz in ihrer Unsterblichkeit verschwindet. – Vielleicht empfinden wir deshalb, wie alle an den Bettlern Vorübergehenden, Scheu vor ihnen.) Nein, unser Bettler büßt nicht. Er bettelt. Warum bettelt er? Weil er bettelt! (Vor wenigen Tagen ist unser Baby mit seiner Laterne mit den anderen Kindern von der Kirche – an der die Augustenstraße ihr Ende findet – losmarschiert. Lichtergewackel und große Erregung. Es gab ein Pferd zu sehen – unser Baby behauptete am nächsten Tag, das Pferd sei aus der Kirche gekommen – und auf dem Rücken des Pferdes saß der heilige Martin. Das Pferd war ein hochgewachsener Schimmel, der Mann in der Rüstung war schlank und ebenfalls hochgewachsen. Wie bei El Greco sah das aus, auf dem berühmten Bild, bei dessen Betrachtung ich im ersten Augenblick immer denke, das kann doch nur ein Dilettant sich ausgedacht, gemalt haben, um gleich danach zu denken, dieses Bild stammt von einem großen Meister, einem Genie. Leuchtend grün ist der Mantel, der Umhang, den der Ritter mit dem Bettler teilt, diesem schönen nackten Mann mit der Verletzung am Schienbein, nachlässig mit weißem Tuch verbunden. Schön ist auch der Ritter, die Teilung, das Pferd – ein ruhiges Bild, so ohne Eile wie nur die Malerei es darstellen kann, wie überhaupt diese Malerei der Eile jeden Raum verwehrt. Die Betrachtung der Bilder kommt uns jetzt lebensnotwendig vor, und mit diesem Eindruck sahen wir an jenem Sankt Martinstag auf unser groß gewordenes Baby, dessen Augen sich in ihrem Schauen nicht mehr bewegten, in der Zeitlosigkeit gebannt von dem Pferd und dem Reiter und dem Bettler und den Laternen und dem Feuer. Unser Baby, dieses Märchen.)

The misfortune of others is not a fairytale.  And yet it has similar traits. For one, because we cannot see it. Cannot see it even when we see it. And because we don’t know if we are justified in giving it this name: misfortune. We think: that is bad luck. It is just as reckless, presumptuous, premature when, sometimes, we decide: that is good luck. We seek misfortune outside ourselves. We do in fact seek it, an easy search that hits pay dirt quickly. There is so much misfortune everywhere. Good fortune is rarer. If it can be found in ourselves, it happens suddenly. Just as suddenly as it disappears. Misfortune is steadier. It sits on the street with tremendous persistence. The street we walk on several times every week. Our most important shopping street. Our street of misfortune. There and there, misfortune sits and cannot defend itself. Does not want to defend itself. It wants only to sit there, waiting for a gesture from the people hurrying past. Our baby himself likes to run on this street, but his running is — no, not a slinking or moseying along, it’s a run, but a slow run, not a walk, more like running in a dream when you’re not passing people, things, and houses but gliding through them, or when people, things, and houses flow past you and swirl around you like a warm current, ungraspable, but then, the moment you stop in front of a person, thing, or house, it becomes preternaturally visible. Our street, Augustenstrasse (named after a princess who is said to have been marvelously beautiful) is like that: In those parts of it where we walk, the houses are simple and the colors of their facades are concealed behind a veil (which is definitely not a veil) of gray. The street is narrow and loud and bustling. An exceptionally lively street, there is nothing here that does not seem alive; the dirt on the narrow grass verge that separates the street from the pedestrian and bicycle path is alive, the narrow, dented sky above the street is alive, every worn door handle leading into the countless stores is alive. Sometimes we think that in this street there is only life, nothing but life; going about our business here, we think, what else could there be here but life? The beggars are part of this street, our street, part of us, misfortune is part of us. Misfortune resides here. It is always the same beggars in front of the same stores, they sit by the side of the doors, sometimes they are kneeling, only one of them (the one with the stick) stands (a strange looming presence, the way he stands there). Each beggar has a cup. Most of them have a white plastic cup, others a “Coffee-to-go” cup. Only the standing beggar holds an upside-down metal lid on his palm. Not one beggar stretches out his naked hand to the passersby. Their cups stand on the ground, there are always just a few coins in them, usually only one cent coins. Sometimes our baby halts in front of the beggars (just as he might stop anywhere else), drops a coin we have given him into the cup, but even when he doesn’t drop a coin in it, the beggar will smile at him in a way that he never smiles at adults. Since our baby bears no mistrust toward the beggars (just as he does not yet bear any mistrust toward anyone), we want to practice this ourselves (even though it is very easy be suspicious of a beggar, no one is more suspect than a beggar, dishonest and dishonorable motives can be imputed to a beggar as a matter of course). He who commits violence and injustice, will in the end become a beggar, it says in Jesus son of Sirach, a saying that has lasted through the centuries, as the beggar has lasted through the centuries (that is how it is with fairytales and beggars: both have persisted through time; the beggar is ancient and present, eternal like the fairytale. For a while, a week, a decade, the beggar may appear to have vanished, seems all but forgotten, until he shows up again at the next street corner). Has our beggar, the one sitting in our street of misfortune, committed violence and injustice? (We don’t want to ask him, and wouldn’t be able to in any case, his language is incomprehensible to us, just as ours seems to be incomprehensible to him.) Is our beggar atoning for something? (Briefly we think, beggary awaits every one of us in the end; it is the last state an individual soul attains before utterly vanishing in its immortality. – Perhaps that is why, like all the people who are hurrying past the beggars, we feel shy in their presence.) No, our beggar is not penitent. He is begging. Why is he begging? Because he is begging! (A few days ago our baby marched off from the church – where the Augustenstrasse comes to an end — with a lantern, together with the other children. Waggling lights and great excitement. There was a horse to be seen – our baby claimed the next day that the horse had come out of the church – and on the back of the horse sat Saint Martin. The horse was tall and white, the man in armor was slender and tall as well. The sight resembled that famous painting by El Greco which always, at first glance, makes me think that only a dilettante could have conceived and painted it, only to realize a moment later that this is the work of a great master, a genius. The color of the cloak, the garment the knight is cutting with his sword to give half to the beggar, is a luminous green. The beggar is a beautiful naked man with an injured shin, haphazardly bandaged with a white cloth. The knight, too, is beautiful. The horse, the severing of the cloth, all of it is beautiful – a serene image, devoid of haste, a calm such as only a painting could depict, as indeed this picture bars entry to even a hint of haste. The contemplation of paintings now strikes us as a vital necessity, and it was under the impress of this conviction that, on Saint Martin’s day, we looked at our baby, who had grown so tall, and whose eyes no longer moved in their gaze, spellbound in timelessness by the horse and the rider and the beggar and the lanterns and the fire. Our baby, this fairytale.)

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