DAS ZWEITE JAHR – 36

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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36

Du kleines veränderungswütiges Baby. Du kleiner Süchtling nach dem Anderen. Du Suchwilder und Suchwilderer (deiner Suche entgeht nichts, kein Artenschutzabkommen kann dich aufhalten, deine Moral ist äußerst flexibel, dehnbar, aufdenkopfstellbar, falls du überhaupt eine hast: der Bagger des Anderen ist dein Bagger!), du Möglichkeitsnarr, der du keine Scheu hast, der Realität, dem Möglichen, dem Machbaren die Stirn zu bieten, alles ist möglich, lautet dein Mantra, das erste und einzige Gebot deiner Religion, der Kern deiner unausgedehnten Philosophie. Nichts muss so bleiben wie es ist! Auf den Flügeln welches gewaltigen, doch leisen Optimismus bist du hierher gesegelt (zu uns, zu dir, zu mir), dass dich nichts davon abhalten kann, was du eben gelernt hast, im nächsten Augenblick wieder zu verlernen, so als würdest du das Lernen nicht ernst nehmen (nicht so ernst nehmen wie wir). Man sagt dir von allen Seiten Kontinuität nach, man behauptet Prozesse in deinem Handeln und Tun zu erkennen (und natürlich in deinem Gehirn; das Gehirn: der Hauptgötze moderner Wissenschaft, das Gehirn ist en vogue, ein unhübsches, groß in Mode gekommenes Organ, das für jede Erkenntnis herhalten muss, entschuldigender Zeuge, dass wir in all unserem Fühlen und Denken nicht ganz bei Trost und bei Sinnen sind), jede Mutter, jeder Vater sind überzeugt von deiner Entwicklung, die du stetig vorantreibst und die dich stetig vorantreibt, damit du irgendwann zu voller Entfaltung, Reife, Blüte gelangst. Aber dich schert das nicht. Unentwickelt oder entwickelt, du blühst schon, immer schon, bist ganz Blüte, schwer erkennbare Blüte, denn du blühst nie gleich (wie die dummen Blumen), du wechselt täglich deine Gestalt, vielleicht stündlich (wir sind nur zu langsam, es zu bemerken), manchmal bist du kaum wiederzuerkennen, unser eigenes Kind kommt uns dann vor wie ein fremdes Kind (warum magst du seit heute keine Bananen mehr?), das wir dann doch wieder als unser Kind erkennen, aber ein Zweifel bleibt (nicht an dir, nicht daran, dass du unser Kind bist, vielmehr an deiner schillernden Identität – mit der du offenbar zu spielen in der Lage bist, wie es nur ganz große Künstler können), ein Zweifel bleibt, der sich langsam umwendet, sich uns selbst zuwendet. Wie sollen wir dich erziehen, Nochbaby? (Sollen wir dich überhaupt erziehen?) Du flutscht uns aus den Händen, du bist wie eines der Vögelchen, das du auf alten Gemälden der heiligen Familie in der Hand hältst und das du jeden Moment freigeben könntest (so, als könntest du dich von dir selbst befreien, als wäre das kein großes Tun, nichts), du bist unfassbar, obwohl du dich so gerne und ausführlich auf unseren Schoß begibst, dir die Hand auflegen lässt und darin deinen täglichen Frieden findest. Du veränderst dich: das ist nichts, was du auch unternehmen würdest, sondern es ist etwas Prinzipielles, das du nicht stoppen kannst, wie du dein Wachstum nicht stoppen kannst, du Unstoppbarer, du in deinem ewigen Wachsen ewig Unbegreiflicher, du sorgenloser Weltknabe, der du Orte entdeckst, wo wir bisher dachten, dort sei nichts! (Du allein erkennst die Welt, denken wir manchmal, weil du sie nicht unterscheidest. Wir wissen nicht, was die Fuge im Mauerwerk einer Hauswand zu bedeuten hat. Du studierst sie, kehrst vielleicht morgen zurück zu ihr, vielleicht nie wieder.) Wie also erziehen wir dich, den sich wundersam Wandelnden? Fragen wir einen (der wenigen) heiligen Philosophen, Henri-Frédéric Amiel. In seinen Tagebüchern lesen wir: Das Kind sieht, was wir sind, durch das hindurch, was wir sein möchten, von daher kommt sein Ruhm als Physiognomiker. Es geht mit jedem von uns, so weit es kann; es ist ein schlauer Diplomat. Ohne es zu wissen, unterwirft es sich jedem Einfluß und spiegelt und verwandelt ihn gemäß seiner eigenen Natur: es ist ein Vergrößerungsspiegel. Darum ist es das erste Prinzip der Erziehung: Erziehe dich selbst! Oh ja, rufen wir emphatisch zu unserem Baby gewandt, du kluger Physiognomiker, du siehst durch unsere Gesichter hindurch (welch Freude bereitest du uns dadurch, dass wir durchsichtig sind für dich!), weil die kleinste Veränderung unseres Mundwinkels, jeder verzögerte Wimpernschlag, wie das magerste Beben unserer Wangen dir Offenbarung unserer Gedanken sind. Du hast uns unsere Frage nach deiner Erziehung angesehen und uns prompt zu uns selbst zurückgeleitet. Auch wir müssen Suchwilde und Suchwilderer werden, Möglichkeitsnarren und Süchtlinge nach dem Anderen. Sind wir es nicht längst? Sind wir es etwa schon? (Aber jetzt auf einmal gibt unser Baby den pathetischen Bewahrer, den eisernen Änderungsverweigerer, den wütenden Pedanten. So muss das kleine Seidenkissen in der Sofaecke liegen, nur so, nein, auch nicht so, genau so, ganz genau so und nicht anders! Du kleines veränderunghassendes Baby, du Süchtling nach dem Gleichen, du Wiederholungsdiktator … )

You change-obsessed little baby. You difference-addict. Wild little seeker and poacher in the wild (nothing escapes your search, no program for the protection of endangered species can stop you, your morality is exceedingly flexible, elastic, upendable, if you have one at all: the other child’s toy truck is yours!), you fool for possibility, who are not afraid to defy all that declares itself real, possible, doable. Everything is possible: that is your mantra, that is the first and only commandment in your religion, the core of your unelaborated philosophy. Nothing must remain as it is! On the wings of what mighty yet quiet optimism did you sail into this realm (ours, yours, mine), that nothing can prevent you from unlearning everything you learned a moment ago at the very next moment, as if you did not take learning seriously (as seriously as we do). People credit you with consistency, claim to recognize processes in your actions and behavior (and of course also in your brain; the brain: the supreme idol of modern science, the brain is in vogue, an unattractive organ that has become hugely fashionable in recent years, to which all knowledge and understanding are attributed, an exculpatory witness attesting that in all our feeling and thinking we are out of our senses and not of sound mind); every mother, every father is convinced of your development, which you are constantly driving onward and which constantly drives you onward, so that at some point you will arrive at a full unfoldment, maturity, flowering. But you don’t give a fig for any of that. Developed or undeveloped, you are already flourishing, already in full bloom, a flowering that is difficult to recognize, for you never flourish in the same way (as the stupid flowers do), changing as you do day by day, perhaps hour by hour (we are just too slow to notice); sometimes you are almost unrecognizable, so that our own child suddenly no longer seems like our own (why are you suddenly refusing bananas today?), until we again recognize him as our child, but a doubt remains (not of you, not of the fact that you are our child, but rather of your iridescent identity – which you are evidently able to play with, a gift only very great artists can deploy), a doubt remains, which slowly turns around, turns to face us. How should we raise you, you not-yet-fledged, you still a baby? (Should we raise you at all?) You slip through our fingers, you are like one of those little birds you hold in your hands in the old paintings of the holy family and which you could let loose at any moment (as if you could free yourself of yourself, as if there were nothing to it, nothing), you are ungraspable, even though you love to sit on our laps for extended periods of time and let us place a hand on your body and find your daily peace in that. You change: that is not something you would undertake in addition; it is a fundamental thing which you cannot prevent, just as you cannot stop your growth, you unstoppable one, eternally incomprehensible in your growing, you carefree world-child, who discover places where previously we thought there was nothing! (You alone know the world, we sometimes think, because you do not distinguish it. We don’t know what a gap in the brickwork of a wall means. You study it, may return to it the next day, or never again.) How shall we raise you then, you mysteriously changing child? Let us ask a saintly philosopher, one of the few, Henri Frédéric Amiel. In his journals we read: The child sees what we are behind what we wish to be. Hence his reputation as a physiognomist. He extends his power as far as he can with each of us; he is the most subtle of diplomatists. Unconsciously he passes under the influence of each person about him, and reflects it while transforming it after his own nature. He is a magnifying mirror. This is why the first principle of education is, Train yourself! Oh yes, we call out emphatically, addressing our baby, you wise physiognomist, you see through our faces (and what joy you give us by rendering our faces transparent for you!), because the smallest shift in the corner of our mouth, the slightest lag in the batting of an eyelid, the meagerest quiver of our cheeks reveals our thoughts to you. You spotted in us the question concerning your education and promptly directed us back to ourselves. We too must become wild seekers and poachers in the wild, fools for possibility, difference-addicts. Haven’t we been that all along? Could it be that we already are that? (But now suddenly our baby puts on the pathos of preservation and plays the iron opponent of change, the furious pedant. The little silk pillow should lie in the corner of the couch, like this, no, not like that, only like this, exactly like this and no other way! You little change-hating baby, you sameness-addict, you dictator of repetition . . .)

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