DAS ZWEITE JAHR – 35

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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35

Unser Baby, unser Zeitmeister. Mit dem Baby lernen wir die Zeit kennen, ganz anders kennen, so, als würden wir sie überhaupt nicht kennen, als wären wir ihr noch nie begegnet. Die Babyzeit ist eine ganz andere Zeit (und wir merken auch hier wieder, dass wir uns beeilen müssen, denn die Babyzeit verrinnt schnell, schneller als jede Zeit verrinnen könnte; schon jetzt wechselt sie manchmal in die altbekannte Zeit, als könnte sie auf Dauer gegen diese nicht bestehen; schon jetzt verwechseln wir die eine und die andere; – andererseits, wenn es eine Zeit gibt, die nicht vergeht, welche Zeit sonst könnte es sein als die Babyzeit?), die Babyzeit ist die ganz andere Zeit, sie unterscheidet sich nicht nur ein bißchen von der vertrauten Zeit, der skalierten Zeit, der wir so gehorsam folgen, nein, die Babyzeit ist dieser Zeit nicht im Geringsten ähnlich, die Babyzeit ist eine unvergleichliche Zeit, eine vollendete Zeit, eine vollkommene Zeit (während die normale Zeit immer vergleichbare Zeit ist, unvollendete Zeit, unvollkommene Zeit). Im Paulusbrief an die Galater heißt es: Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die erlöse, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Kindschaft erlangen. (Wir sind so frei, auch die Bibel als unser Erbe in unserem Sinn zu verwenden, behandeln, verwandeln. Und wir sind so frei, uns in unserer Auslegung durchaus gottähnlich zu machen, es ist uns ein Vergnügen. Damit befreien wir uns von unserer größten menschlichen Hemmung, der Hemmung vor Gott. – Wow, antwortest du, es ist eigenartig, wie sehr Gott immer noch gefürchtet wird, von allen, auch den religösen, am meisten Furcht haben die, die sich von ihm abgewendet haben. – Wow, antworte ich. – Wau, wau, wau, macht unser Kind.) Also: die erfüllte Zeit, als die Zeit in Erfüllung ging (sehnten wir uns nicht immer nach der Erfüllung der Zeit, und auch heute noch?), kam das Kind auf die Welt, das Baby, unser Junge. Uns scheint, er brachte die erfüllte Zeit mit, noch einmal mit, uns scheint, er brachte damit die verlorengegangene Zeit mit, es scheint, mit unserem Baby ist das Eschaton über uns hereingebrochen, für uns angebrochen, wow! (Unser Kind ruft wau, wau und schleudert den weißen Plüschhund an seinem Stummelschwanz quer durchs Zimmer. Der Hund prallt ans Tischbein, ein Klacken ist zu hören, das heißt, sein Glasauge wurde getroffen. Unser Baby krabbelt hinüber und sieht sich seinen Hund genauer an. Das Auge ist gebrochen. Ein Teil sitzt noch fest in der flachen Augenhöhle des Hundes, der andere Teil liegt unter dem Tisch. Unser Kind blickt lange auf den Hund, zeigt nickend auf das halbe Auge, ruft einmal putt etta, aber so, dass es wie eine Frage klingt.) Dann kommt uns vor, beide Zeiten, die alte und die neue (die ungestillte und die gestillte) sind zugleich anwesend, sind sich plötzlich zum Verwechseln ähnlich, als gäbe es nur eine Zeit, die eine Zeit, aus der es kein Entkommen gibt und in der es kein Ankommen gibt, diese eine Zeit, der man zugleich (in der gleichen Zeit) leicht entkommt und in der anzukommen zugleich (in der gleichen Zeit) ein Kinderspiel ist. Jetzt sehen wir klar (unser Baby untersucht mit etwas geöffneten Lippen das halbe, abgefallene Auge des Plüschhundes, hält es hoch, bringt es nah zu seinem Mund, legt es dann wieder genau an die Stelle unter dem Tisch, wohin es vorhin gesprungen ist): Erst dann lernen wir die Zeit richtig kennen, wenn wir ihr nachgeben und wir nicht wollen, dass sie uns nachgibt. Wenn wir uns ihr hingeben. Hingabe ist das Zauberwort, das die Zeit zu öffnen versteht. (Geben wir uns unserem Baby hin, geben wir uns der Zeit hin. Kurz glauben wir, unser Baby ist die Zeit, nichts sonst. – In einem rührseligen Heinz Rühmann Film – wahrscheinlich haben wir ihn einst an einem müden regnerischen Sonntagnachmittag im Fernsehen angeschaut – singt der Vater, der nicht der echte Vater ist, dem kleinen Jungen Ulli, dessen Mutter nach Amerika ausgewandert ist, immer wieder zur Schlafenszeit das berühmte La-le-lu-Schlaflied vor. Wenn der Vater mit dem Sohne, heißt der Film merkwürdigerweise, und doch sind die beiden, der Heinz-Rühmann-Vater und sein Leihsohn, Pflegesohn, Sohntraum inniger, einiger, vertrauter als wirklicher Vater und wirklicher Sohn es sein könnten. Sie sind geradezu eins. Und in der Musik des La-le-lu ist auch die Zeit der beiden eins, eine Zeit, eine ideale Zeit. Vaterzeit ist Sohnzeit und Sohnzeit Vaterzeit. Doch am Ende wird der Sohn den Vater verlassen, wie ihn sein echter, verstorbener Sohn verließ, aber der Zuschauer fühlt dabei mehr mit dem Vater als mit dem Sohn, als wäre der Vater der verlassene Sohn; merkwürdig ist diese Verkehrung und schwer vorstellbar, das den Autoren des Film bewußt war, was sie schrieben. Die Rührung, die die Geschichte des Films auslöst, verdankt sich ihrer bewußtlosen Erfindung. Als Ulli das erste Mal bei seiner neuen-alten Mama übernachtet, singt er seinem Hund La-le-lu vor und gleich schläft der Hund ein, gleich darauf er selbst.)

Our baby, our master of time. With the baby we are getting to know time in an utterly different way, so different it almost seems as if we did not know time at all, as if we had never made its acquaintance. Baby time is a completely different kind of time (and here again we notice that we must hurry, for baby time runs out quickly, more quickly that any sort of time could run out; already now it is sometimes turning into the old familiar time, as if it were not capable of withstanding it in the long run; already we are confusing the one with the other; – on the other hand, if there is a time that does not pass, what time could it be if not baby time?), the baby time is the completely different time, it does not just slightly differ from the familiar time, the scaled time we follow so obediently, no, baby time does not resemble this time in the least, baby time is an incomparable time, a perfect time, a complete time (while normal time is always comparable time, imperfect time, incomplete time). In Paul’s letter to the Galatians it says: But when the time was full come, God sent his son born of a woman and made bond unto the law, to redeem them which were under the law: that we through election might receive the inheritance that belongs unto the natural sons. (We are free to employ the Bible as our inheritance and transform it in our own sense. And we are free to make ourselves godlike in our interpretation, it pleases us to do so. In this way we liberate ourselves from our greatest human inhibition, the inhibition before God. – Wow, you reply, it’s strange, the degree to which how God is still feared, by everyone, even by the religious people, and the ones most frightened are the ones who turned away from him. – Wow, I reply. – Bow wow, says our child.) So: in the fullness of time, when the promise of time was fulfilled (did we not always long for the fulfillment of time, and don’t we still?), the child came into the world, the baby, our boy. It seems to us that he brought the fulfilled time with him, brought it with him once more, it seems to us that in doing so he brought with him the time that was lost; with our baby the eschaton, the end time, has descended upon us, has begun, wow! (our child cries: Bow Wow. And hurls his white stuffed dog by its stubby tail straight across the room. The dog bangs into the table leg, there is a clacking noise, which means that its glass eye was struck. Our baby crawls over to it and looks at his dog more closely. The eye is broken. One part is still firmly attached to the dog’s flat eye socket, the other part is under the table. Our child looks at the dog for a long time, points at its half eye, nodding, calls out “bokin” once, but in such a way that it sounds like a question.) Then it seems to us that both times, the old one and the new (the unappeased and the appeased) one are present simultaneously, are suddenly almost indistinguishable, as if there were only one time, the single time from which there is no escape and into which there is no arrival, this one time from which one easily escapes (at the same time) and into which it is childishly easy to arrive. Now we see clearly (our baby, his lips slightly parted, is exploring the half of the dog’s eye that fell off, holds it up, brings it close to his mouth, puts it back precisely where it fell underneath the table): We never really get to know time until we give in to it and stop wanting it to give in to us. When we give ourselves over to it. Hingabe – the German word for self-abandon – is a magical word that knows how to open up time. (If we abandon ourselves to our baby, we abandon ourselves to time. In short, we believe that our baby is time, and nothing other than that. – In a maudlin film with Heinz Rühmann – we probably saw it on some tired rainy Sunday morning on TV – the father who is not the real father sings the famous La-le-lu lullaby every evening to the little boy Ulli, whose mother has emigrated to America. When the father with his son is the name of the film for some reason, and yet these two, the Heinz-Rühmann-father and his borrowed son, foster son, son dream, are closer, more intimate, in greater rapport than any real father and real son could be. They are practically one. And in the music of the La-le-lu their common time is one, one time, an ideal time. Father-time is son-time and son-time is father-time. But in the end the son will leave the father, just as his real, deceased son left him, but the viewer’s feelings are more with the father than with the son, as if the father were the son being left behind; this reversal is strange and it is hard to imagine that the authors of the film were aware of what they were writing. The emotion produced by the plot of this film is due to the unconscious source of its invention. When Ulli spends his first night with his new-old Mama, he sings to his dog La-le-lu, and instantly the dog falls asleep, and right after that the boy.)

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