DAS ZWEITE JAHR – 32

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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In allen möglichen Dingen können wir uns irren, aber nirgendwo ist die Gefahr größer als beim Essen. Beim Essen? Was kann man beim Essen falsch machen? Wie überhaupt ist die Möglichkeit, beim Essen etwas falsch zu machen, zu verstehen? Hat dieser Gedanke, beim Essen etwas falsch zu machen, etwas mit dem Essen an sich zu tun oder nicht vielmehr mit unserer merkwürdigen Fähigkeit, alles in Frage zu stellen, selbst das Einfachste, Fundamentalste, Natürlichste? Unser Baby ist mittlerweile gut ausgestattet, nur die Backenzähne lassen noch auf sich warten. Die beiden unteren schimmern schon im Zahnfleisch, die Mühen ihres Durchbruchs portionieren sich, jeder Schub ist ein Vielfaches schmerzhafter als bei Schneide- oder Eckzähnen. Aber auch ohne die Backenzähne (unsere stärksten Mittel auch die widerspenstigste Nahrung zu zertrümmern, zerkleinern, zermahlen) ist unser Baby fähig, so ziemlich jede feste Nahrung aufzunehmen, die wir, mundgerecht, kindermundgerecht auf seinen Teller legen (natürlich versucht es sich auch an so monströs harten Produkten wie Walnüssen mit Schale, noch harten Birnen, oder an abbeißresistenten Tierischem wie einem Rindersteak oder einem Stück harten Parmesan). Aber legen wir das Richtige auf seinen Teller? Es ist keine Frage, die wir uns zu stellen brauchen, es ist geradezu so, als würde die Frage aus unseren Lebensmitteln aufsteigen, aus jedem Lebensmittel hervorplatzen, so omnipräsent ist sie, so aufdringlich, so ganz und gar nicht befriedigend beantwortbar. Es scheint zu dieser Frage zu gehören, dass sich zwar eine passende Antwort finden lässt, aber jeder noch so guten Antwort scheint ein Verfallsdatum innezuwohnen, die uns die Frage wieder und wieder stellen lässt. Über uns schwebt eine ungeheure Drohung: wir könnten das Falsche essen! Das uns Unverträgliche, Unzuträgliche, das uns physisch wie moralisch zerstören könnte. Auch wenn wir uns einiges Fehlverhalten bei unserer eigenen Ernährung (auch beim Trinken) nachsehen, so wirkt die Drohung hundertmal stärker, wenn wir unser Baby füttern. Bei ihm, für seine Zukunft, sein Gedeihen, wollen wir alles richtig machen. Doch unser Baby scheint dem Essen nicht diese Hauptrolle zuzusprechen wie wir. Es isst gerne, aber manchmal auch nichts. Manchmal nur Ananasstücken, auf keinen Fall, egal in welcher Zubereitung, Karotten. Gerne kleine Marmeladenbrote ohne Rinde, kein Fleisch, jede Art von Fisch, natürlich Bananen, trockenen Kuchen mit Sahne. Das Essen ist interessant, aber für unser Baby, das lange im Schlaraffenland der Muttermilch gelebt hat (und für einen kleinen Abendtrunk mit großer Freude dorthin zurückkehrt, um in dem einzig real existierenden Paradies friedlich in den Schlaf zu sinken), ist das Essen eine Sache unter vielen anderen, es isst, weil wir essen, so wie es Vieles tut, weil wir es tun. Von der Notwendigkeit des Essens hat es keine Ahnung (notfalls, denkt es vielleicht, bleibt mir ja immer noch die Brust), wenig hält es auch von unserem Essensernst: essen ist doch eine durchaus komische Sache, man steckt sich etwas in den Mund, das man zerkauen und schlucken soll, aber man kann sich doch alles in den Mund stecken, man muss keine Unterschiede zwischen den Dingen machen (vielleicht denkt es: die ganze Welt ist essbar!) und kann sie auch jederzeit wieder ausspucken (wir schlucken ja – einmal in unserem Mund – fast alles runter, was unser Baby manchmal durchaus mit großer Verwunderung beobachtet). Essen: harmlose, freudvolle, genüßliche Angelegenheit, der wir ausnehmend gerne in Gesellschaft nachgehen. Aber dann: ein Fluch liegt über dem Essen! Das Gummibärchen (überall wird es unserem Kind angeboten: im Treppenhaus von der Reinigungsfrau, im Schuhladen, beim Bäcker, auf dem Spielplatz … die Leute scheinen alle stets ein paar Gummibärchen bei sich zu tragen): ein Monstrum ist jedes Gummibärchen, obwohl so winzig, bunt und niedlich. Schweinefett und Zucker in freundlich tierische Gestalt gegossen. Was ist schlimmer? Fett oder Zucker? (In seinem Aufsatz Das innere Erleben der Nahrungs- und Genußmittel scheibt Rudolf Steiner: Wenn die Seele eine Entwicklung durchmacht, dann erlebt sie alles das, was sie an Zuckersubstanz aufnimmt oder in sich hat, wie etwas, was ihr innerliche Festigkeit gibt, was sie innerlich stützt, was sie gewissermaßen mit einer Art natürlicher Egoität durchzieht. Und in dieser Beziehung darf sogar dem Zucker in einer gewissen Beziehung eine Art Lobrede gehalten werden. Gerade derjenige, der eine Seelenentwicklung durchmacht, kann oftmals bemerken, daß er es sogar oft nötig hat, etwas Zucker aufzunehmen, weil ja die seelische Entwicklung dahin gehen muß, immer selbstloser und selbstloser zu werden … Durch den Zucker wird … eine Art unschuldiger Egoität geschaffen, die ein Gegengewicht bilden kann gegen die notwendige Selbstlosigkeit auf moralisch-geistigem Gebiete. Guter Zucker, schlechter Zucker – schon greift unser Baby in Richtung des Gummibärchens, dargeboten von einer Hand, die ihm weit entgegenkommt; fast schon sind wir dazwischengesprungen, zögern noch.) (Fett, Schweinefett? Die Grausamkeit der industriellen Tierhaltung ist mittlerweile bekannt. Das meiste Fleisch, das auf den Tellern landet, ist unter würdelosen Umständen dorthin gelangt. Verrückteweise sieht man es ihm nicht an. Grausamkeit riecht nicht. Oder doch? Gestehen wir uns mehr Grausamkeit zu, als wir uns glauben machen wollen? Brauchen wir sie, damit es uns schmeckt? Das wollen wir weit von uns weisen! Denken wir darüber nach, dann wollen wir lieber, viel lieber Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren essen, von glücklichen Tieren, Tieren, denen niemand unnötigen Schmerz zugefügt hat. Trauen wir uns, können wir uns trauen, dass wir es damit ernst meinen? In seinem Buch Tiere essen, schildert Jonathan Safran Foer eine Szene anlässlich eines Aquariumbesuchs: Und da war diese Scham, Mensch zu sein: die Scham, dass 20 der rund 35 klassifizierten Seepferdchenarten weltweit vom Aussterben bedroht sind, weil sie bei der Fischproduktion „unabsichtlich“ sterben. Gerade waren wir noch beim Schwein, jetzt sind wir beim Fisch und plötzlich bei der Scham. Unser Baby hat unsere Unachtsamkeit ausgenutzt und nach dem Gummibärchen gegriffen. Schon klemmt es zwischen seinen Schneidezähnen. Hat es nicht neulich diesen Marienkäfer, der über den Küchentisch laufen wollte, mit ruhiger Hand, ruhigem Zeigefinger auf die Tischplatte gedrückt, gerade so dass seine Beinchen einknickten?) Der Fluch: was schadet uns und unserem Baby, was nützt uns und unserem Baby. Kein Grund zur Scham, kein Grund zu Fatalismus. Manchmal kommt uns vor, als würde gerade das Essen (und all die Hintergedanken die es erzeugt) uns hindern, in den Augenblick zu kommen, obwohl es nichts augenblicklicheres gibt, als die Nahrungsaufnahme (schon im Mund, schon zerkaut, schon geschluckt, schon vergessen unsere Lust, unser Hunger). Der Augenblick (auch wörtlich genommen), notwendig, um zu sehen, was wir tun. Der Augenblick: die meditative Schule des offenen Auges, der Hinwendung zum Ganzen unseres Tuns. Der Augenblick: ohne den das Denken leer bleibt, wertlos, gewissermaßen fleischlos. Betrachten wir unser Baby kommt es uns so vor: es isst im zweifellosen Vertrauen, dass das, was wir ihm vorsetzen, das Richtige ist. Wollten wir das naiv nennen oder es mit seiner Unkenntnis entschuldigen, es also nicht ernst nehmen, würden wir uns selbst und das, was wir betrachten, nicht ernst nehmen. Auch unseren Irrtum nicht. (Zwölf, oft quälende Jahre lebte Irina Tweedie bei ihrem Sufimeister Bhai Sahib in Indien. Jeder Tag bestand aus der gleich intensiven, nicht nachlassenden – selbst, wenn sie nachließ – Suche nach der Wahrheit. Nach dem Wunsch nach innerem Frieden. Sie schreibt: Es regnet … ein leichtes Nieseln, und es ist heiß. Ich habe ihn gefragt, ob ich Vegetarierin bleiben soll. Ich weiß, daß es einige seiner Schüler sind und andere wiederum nicht. Er sagte, er würde mir das überlassen. Vegetarismus könnte zur festen Weltanschauung werden, zur Religion, zu einem Hindernis. „Sie können sich nicht in den Himmel essen. Tuns Sie das, was das Beste für sie ist.“)

There are all sorts of things in which we can err, but nowhere is the danger greater than in eating. in eating? What can one do wrong in eating? What does it even mean to say that it is possible to do something wrong in eating? Does this idea of doing something wrong in eating have anything to do with eating as such, or doesn’t it rather come from our peculiar ability to put everything in question, even the simplest, most basic, most natural things? Our baby by now is well equipped, only his molars are still slow in coming. The two lower ones are already glimmering through his gums, the labor of their cutting advances in irregular intervals, each push is many times more painful than it was with the incisors or canines. But even without the molars (our strongest tools for smashing, crushing, grinding), our baby is able to ingest just about any solid food we put on his plate in bite-sized, baby-bite-sized portions (and of course he tests his abilities on such monstrously tough products as unshelled walnuts, pears that are still hard, or a piece of steak that resists being torn off with one’s teeth, or a piece of hard parmesan cheese). But are we putting the right thing on his plate? This is not a question we need put to ourselves, it virtually bursts forth from every article of food: it is that omnipresent, that insistent, and virtually impossible to answer in a satisfactory way. One essential aspect of this question seems to be that, while a fitting answer may well present itself, there is always a date of expiration that seems to inhere even in the best of answers, forcing us to pose the question again and again. A terrible threat hangs over us: we could be eating the wrong things! Eating things that are incompatible with, detrimental to our systems, capable of destroying us, both physically and morally. Even if we forgive ourselves some misconduct in our own eating (and also drinking), the threat feels a hundred times greater when we are feeding our baby. Where he is concerned, his future, his flourishing, we want to do everything right. But our baby does not seem to attribute the same central importance to the act of eating that we do. He likes to eat, but there are times when he eats nothing at all. Sometimes just pieces of pineapple, and never carrots, no matter how we prepare them. He likes little marmalade sandwiches without a crust, no meat, all kinds of fish, bananas of course, dry cake with cream. Food is interesting, but for our baby, who lived for a long time in a lotus land of ever-available mother’s milk (a source to which he happily returns for an evening drink, in order then to drift off into sleep in the only real paradise on earth), eating is one topic among many, he eats because we eat, just as he does many things because we do them. He has no conception of the need for food (if there’s a need, he may think, there’s always the breast), nor does he think much of our seriousness about eating: eating is funny, you put something in your mouth that you’re supposed to chew and swallow, but you can put anything in your mouth, you don’t need all these distinctions (maybe he thinks: you can eat the whole world!), and you can always spit out what you put in (we, after all, once there is food in our mouths, swallow almost everything down, which our baby sometimes observes with great wonder). Eating: a harmless, joyful, pleasurable business we are particularly fond of pursuing in company. But then: a curse hangs over this very pleasure! The little gummy bear (handed out to our child wherever we go: in the stairwell by the cleaning woman, in the shoe store, at the baker’s, on the playground . . . everyone seems to be carrying around with them a couple of gummy bears): every one of them is a monster, however pretty, cute and colorful it may look. Pork fat and sugar poured into the friendly shape of a little animal. Which is worse? Fat or sugar? In his essay, The Inner Experience of Nutrition and Stimulants, Rudolf Steiner writes: When the body develops, it experiences the intake of sugar and the body’s sugar content as though receiving inner stability, inner support, and it is permeated to a certain extent with a kind of natural egoity. In this regard, one can extol the virtues of sugar. In fact, in the process of spiritual development one often notices a need for sugar, because through development the soul aims to become progressively more selfless . . . Eating sugar creates a kind of “innocent egoity,” as it were, that can balance the selflessness necessary in the moral and spiritual spheres. Good sugar, bad sugar – already our baby is reaching out for the gummy bear, proffered by a hand that approaches him from afar; we almost intervened, are still hesitating.) (Fat, pork fat? The cruelty of industrial farming is by now a well-known fact. Most of the meat that lands on our plates has arrived there under disgraceful circumstances. The crazy thing about is that you can’t tell by looking at it. Cruelty has no smell. Or does it? Do we permit ourselves more cruelty than we want to admit? Do we need it to make our food tasty? That is a notion we decidedly reject! If we think about it, we would rather, much rather, eat the meat of animals that were kept in a species-appropriate manner, happy animals, animals on whom no one has inflicted unnecessary pain. Do we dare, can we trust ourselves, to be serious about this? In his book, Eating Animals, Jonathan Safran Foer describes a scene at the aquarium: There was shame in being human: the shame of knowing that twenty of the roughly thirty-five classified species of sea-horse worldwide are threatened with extinction because they are killed “unintentionally” in seafood production. Just a moment ago we were talking about pigs, now we have arrived at fish, and suddenly at shame. Our baby has taken advantage of our inattention and reached out for the gummy bear. It’s already clamped between his incisors. Recently, when a ladybug wanted to cross our kitchen table, didn’t he press it down against the tabletop with a steady hand, a steady forefinger so that its little legs buckled beneath it?) The curse: what is harmful to us and our baby, what is useful to us and our baby? No cause for shame, no cause for fatalism. Sometimes it seems as if the act of eating, above all (and all the ulterior thoughts it produces), prevent us from being in the moment, even though there is nothing that is more of the moment than the intake of food (already in the mouth, already chewed, already forgotten, our pleasure and our hunger). The moment (and that nice double meaning the German word gives it: Augenblick – eye-glance), necessary for seeing what we are doing. The Augenblick: the meditation school of moment-to-moment open-eyed presence, the attention turned toward the entirety of our activity. The Augenblick: without which thought remains empty, worthless, even fleshless, in a sense. When we observe our baby, this is our impression: he eats in doubtless trust that what we put before him is right. If we were to call that naïve and excuse it with his ignorance, in other words not take it seriously, we would be failing to take ourselves and even what we are looking at, even our own error, seriously. (For twelve, often torturous, years, Irina Tweedie lived with her Sufi master in India. Every day consisted of the same intense, unrelenting – even when the intensity relaxed – quest for truth. For quelling the desire for inner peace. She writes: It is raining . . . a soft drizzle, and it is hot. I asked if I should remain vegetarian. I know some of his disciples are, and some are not. He said he leaves it to me. Vegetarianism can become a creed, an obstacle, a religion. “You cannot eat yourself into heaven. Do what is best for you.”)

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