DAS ZWEITE JAHR – 29

29

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Du Sohn, ich Vater! So beginnt Tradition (die längst begonnen hat, aber am liebsten im stillen Hintergrund ihre Kontinuität spinnt): ich bin einige Jahre länger da, meine Zeit geht der Zeit unseres Babys voran, der Augenblick meiner eigenen Geburt, ja, Auferstehung, Entstehung, meiner Selbstschöpfung, meines Geschöpftwerdens, meines Traumeintritts, meines Denkanfangs, meines ersten Gefühls – all das war da, bevor das Baby da war, bevor es selbst mit all dem daherkam, sich zeigte, sich zu uns neigte. Sohn, Vater, Vater, Sohn, so geht es fort und immer weiter (und es zeigt sich in dieser kleinen Relation Vater-Sohn oder Sohn-Vater, wie undenkbar das Leben und sein Fortgang sich erweisen. Wie soll man das verstehen, dass der Vater ein Sohn war, selbst bevatert von einem Vater, der selbst Sohn war? Eine so unmögliche Aufgabe für jedes Nachdenken, dass es doch naheliegt, in ihr etwas sanft Ironisches zu vermuten, das sich um so mehr verstärkt, wenn ich meinem Sohn in die Augen blicke, in die tiefe Vergangenheit seines Augenlichts, wie in sein weites zukünftiges Strahlen. Ich erkenne mich wieder in meinem Sohn und ich glaube behaupten zu dürfen, – wenn auch auf andere Weise – mein Sohn erkennt sich in mir, seinem Vater wieder. „Denn dem Menschen ist am Wiedererkennen gelegen; er möchte das Alte im Neuen wiederfinden und das Typische im Individuellen. Darauf beruht alle Traulichkeit des Lebens, welches als vollkommen neu, einmalig und individuell sich darstellend, ohne daß es die Möglichkeit böte, Altvertrautes darin wiederzufinden, nur erschrecken und verwirren könnte.“  schreibt Thomas Mann in seiner Rede zum 80sten Geburtstag Sigmund Freuds, betitelt Freud und die Zukunft. Eine ebenso kluge wie rührende Rede, die der eine Sohn dem anderen Sohn, da er an der Festveranstaltung zu seinem  eigenen Geburtstag nicht teilnehmen wollte, bald danach persönlich in (Wien-)Grinzing vorlas. Oder der eine Vater las dem anderen Vater seine Rede vor. Oder vielleicht so: Der eine liest als Sohn dem anderen, neunzehn Jahre älteren Vater seine Rede vor. Eine Rede, die eine tiefe Verneigung ist, so tief, wie sich nur liebende Söhne vor ihren Vätern verneigen können. Um dann in der folgenden – und innewohnenden – Aufrichtung sich als selbstbewußter Sohn zu zeigen und zu äußern: der Dichter spricht zum Analytiker und der hört – naturgemäß – zu. Diese Verneigung und Aufrichtung ist auch insofern naturgemäß, als der Analytiker der Ältere und der Dichter der Jüngere ist, obwohl zugleich zuerst der Dichter dagewesensein muß, bevor der Analytiker die Bühne betreten konnte. Unser seinem Babysein entwachsendes Baby ist beides in einem. Unermüdlicher Analytiker, der vor aller zu öffnender Metaphorik ersteinmal jede Art von Tür, Tor, Lade, Klappe, Clip etc. in ihren simplen oder komplizierten Mechanismen erkunden und ergründen will und diese Forschung mit ebenso unermüdlicher Dichtung, die sich von selbst in seiner Kehle und auf seiner Zunge zu erfinden scheint, begleitet. Eine Dichtung, die die Worte wiederholt und wiederholt, knetet und formt, damit sie deutliche Gestalt bekommen und so vielleicht behalten können. Eine Dichtung, die aber auch bereits erfindet, das ist nur zu sehen in der Beteiligung des ganzen Gesichts, des ganzen Körpers und dem Sternenfunkeln der Augen. Mein Sohn, denke ich, und augenblicklich kehrt Ruhe in mich ein. Sein kleiner Zeh dichtet nicht schlechter als seine Oberlippe, die er gerne ein wenig hochzieht, wenn er spricht und lacht. Unser Sohn sieht uns ganz, das heißt nicht nur, dass er uns ganz sieht, sondern uns nicht nur mit dem Auge, vielmehr mit seinem ganzen Körper betrachtet – vielleicht ist es das, seine stets zugleich körperhafte Geistigkeit, die erst die große Verbindung zwischen uns stiftet). Du Sohn, ich Vater! Kaum ausgesprochen, schon ist der Mythos lebendig. Mein Sohn: genauso geistige wie körperliche Verbundenheit, Reihung, Nachfolge. Wie aber nun, schreibt Thomas Mann, wenn der mythische Aspekt sich subjektivierte, ins agierende Ich selber einginge und darin wach wäre, so daß es mit freudigem oder düsterem Stolze sich seiner „Wiederkehr“, seiner Typik bewußt wäre, seine Rolle auf Erden zelebrierte und seine Würde ausschließlich in dem Wissen fände, das Gegründetet im Fleisch wieder vorzustellen, es wieder zu verkörpern? Und: Das Leben, jedenfalls das bedeutende Leben, war also in antiken Zeiten die Wiederherstellung des Mythus in Fleisch und Blut … Der Mytus ist die Legitimation des Lebens; erst durch ihn und in ihm findet es sein Selbstbewußtsein, seine Rechtfertigung und Weihe. Komm her Sohn, rufe ich, komm her, lass uns unser bedeutendes Leben betrachten! Lass uns den weiten Rückgriff wie den weiten Vorgriff spüren, wie uns beide an Anfang und Ende des Universums jagen, um uns im nächsten Augenblick hierher zurückzuholen. Wir zelebrieren das gemeinsam und jeder für sich und sei es nur, wenn du versuchst auf meine Rücken zu klettern, frühmorgens bei unseren gymnastischen Übungen und ich dich auf mir liegen lassen und meine Dehnung und Streckung unterbreche. Deine Körperwärme, meine Körperwärme. Die Grenzen unserer Körper sind nur undeutlich bestimmbar, als wäre die je eigene Körperoberfläche die je eigene Illusion. Mit Geist aufgeladener Körper sind wir und haben unseren Spaß dabei so zu tun, als wären wir zwei. Der Mythos also beginnt zum Beispiel, wenn wir so beisammen sind, mein Rücken dich trägt, dich, der stolz seine Rolle auf Erden zelebriert, ganz unfeierlich-feierlich im ganz und gar Gewöhnlichen eines beliebigen Morgens. (Tatsächlich kann ich den Stolz heranwachsen sehen im Heranwachsen unseres Babys. Er ist vielleicht entscheidend für die Überwindung des Babys und den Einstieg in den Mythos, in unsere kleine Tradition, die wir im Schatten dieser beiden großen Männer erfinden. Im Schatten: denn dort ist es kühl und die Gedanken überhitzen nicht so leicht.)

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