DAS ZWEITE JAHR – 28

28

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Am Ende ist alles Traum. Ansatzloser Traum. Dem Traum geht nichts vorher (der Traum, über den man spricht, der nach einem reichen Tag im Schlaf den Träumer überrascht, ist höchstens ein kleiner Traum dagegen), besonders nicht eine traumlose Zeit. Dieser Traum ist vollständig und ihn als Traum zu erkennen, ist keine Kunst, kein logisches Problem, aber auch keine einfache Sache. Anfangs ist das Baby da und wir wundern uns, obwohl wir sein neunmonatiges Reifen begleitet haben (du so, ich so, wir so), woher es kommt. Diese merkwürdige Verborgenheit (in deinem Bauch), die sichtbarste Verborgenheit, mit der wir bekannt sind, sie erhält sich weit über die Geburt hinaus, aber sie ist später, jetzt viel verborgener als sie es damals war. Unser Baby öffnet Türen, spricht eine Sprache und ist jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde des Tages da. Von seiner Herkunft will es uns nach wie vor nichts berichten, aber es lässt uns nicht absichtlich im Dunkeln darüber. Es lässt uns unabsichtlich darüber im Dunkeln, was uns heute, da wir fast schon erfahrene Schüler unseres Babys sind, gehörig zu denken gibt. Denn natürlich könnten wir sagen, es kann gar nicht anders, als uns im Dunkeln über seine Herkunft zu lassen, fehlt ihm doch alles in dieser Hinsicht Erhellende: seine unvollständige Sprache (aber nein, sie ist nicht weniger vollständig als unsere), sein Mangel an Verstand (aber nein, sein Mangel ist nicht größer als unserer), seine Abhängigkeit von uns (aber nein, wir sind abhängig von ihm) – nein, wir wiederholen es uns am besten noch einmal: unser Baby lässt uns unabsichtlich im Dunkeln über seine Herkunft, das ist sein Mysterium, seine Rafinesse, sein Glück (es gibt uns nichts zu diskutieren, es gibt uns alles zu spekulieren). Die Unabsichtlichkeit unseres Babys schmiegt sich der Ansatzlosigkeit dieses endgültigen Traums an. Niemals ist es uns möglich zu sagen, wann alles begann, da nichts irgendwann begann (deswegen diese vielen Mythen des Anfangs nichts als Verzweiflung sein können; quälende Versuche, sich ins Rückwärtige zu versichern; das Elend der Religion). Die Geburt unseres Babys: nichts als nur ein Schritt der Entbergung (es gibt unendlich viele Schritte). Wir könnten auch sagen: wir glauben, wenn an etwas, dann an diesen ansatzlosen Traum. Also wollen wir nun absichtlich träumen, uns absichtlich träumen lassen, einen kleinen Traum, kehren noch einmal in unseren Urlaub zurück und beginnen mit dem Mann aus dem Senegal. Es ist wieder diese schöne Stadt, citta murata, citta murata, ruft unser Baby voller Begeisterung, als hätte es gerade eben das Sprechen gelernt. Citta murata ruft es bereits im Auto, während wir noch einen Parkplatz außerhalb der Mauern suchen. Da winkt uns ein schwarzer Mann mit weit ausladendem Schwung seines Arms, winkt uns in eine freie Parkbucht, die wir selbst längst entdeckt haben, eine von vielen freien Parkbuchten, denn wir sind früh dran heute. Der Mann trägt in der rechten Hand eine gut gefüllte Plastiktüte, die linke Hand hat er jetzt, da wir eingeparkt haben und ausgestiegen sind, in die Hosentasche gesteckt. Er bleibt auf dem Fußweg stehen und redet in unsere Richtung. Er lacht ein wenig verkrampft und schaukelt den Kopf dabei. Wir drücken unserem Baby eine Münze in die Hand, die er dem Mann geben soll. Aber es will nicht. Es deutet auf die Plastiktüte des Mannes, eine gelbe Tüte, deren Farbe und Schrift verblichen ist. Wir gehen hinüber zu dem Mann und fragen ihn, woher er kommt. Senegal, sagt er und nickt. Er lebt im Zeltlager in der Stadt mit dreihundert anderen Verdammten. Er sagt Verdammte in unserer Sprache und hebt die Schultern dabei. Wie heißen Sie, fragen wir und im gleichen Moment schämen wir uns für diese Frage. Der Mann schüttelt den Kopf. No name, sagt er, no name is a good name. Er blickt ein bißchen unfreundlich dabei, aber da ruft unser Baby: idrissa, idrissa, idrissa, idrissa. Kurz blitzt eine Wut in den Augen des Mannes auf und als er zwei Schritte auf unser Kind zugeht, denken wir schon, er würde ihm etwas antun, aber dann lacht er anerkennend und hebt unser Kind in die Luft, küsst es auf den Kopf und reicht es uns wie ein Geschenk, das er uns macht. Idrissa sagt er in der gleichen Betonung unseres Babys und dann sagen auch wir unsere Namen, nur den Namen unseres Babys sagen wir nicht. Der Mann überlegt, tritt von einem Fuß auf den anderen, aber er kommt nicht drauf. Dann sagt in unserer Sprache: ich werde eine Nacht darüber schlafen, nachdenken im Schlaf, wenn er mir nicht einfällt, werde ich … Er spricht nicht weiter und da auch wir nichts sagen, schweigen wir erst zusammen, dann beginnt er wieder Parkplätze den ankommenden Autos zuzuweisen. Wir geben ihm die Münze, die unser Baby immer noch in der Hand hält, und die sich heiß anfühlt. Er nimmt sie, bläst zur Abkühlung über sie hin,  und gibt uns, ohne uns anzusehen, seine Plastiktüte. Wir klappen den Buggy auf, hängen die Plastiktüte an den Griff und laufen in die citta murata. Später, als wir auf dem Linienschiff wieder zurück in unsere Unterkunft fahren, quer über den See, der sich im Abendlicht mit Gold überzogen hat, sehen wir uns die Plastiktüte näher an. Als Club of Rome, entziffern wir die Schrift auf der Tüte und tatsächlich befindet sich in ihr eine Mappe mit einigen Seiten, von denen wir manche lesen können, andere in einer unbekannten Sprache verfasst sind. Wir lesen: Alles Elend der Welt, die drohende Vernichtung unseres Planeten … Schuld ist die Überbevölkerung … Ich, Idrissa bin die Überbevölkerung … Kein Friede meiner Seele … Bald verlieren wir die Lust, weiterzulesen, wir wollen die Tüte über Bord werfen, schon ist sie in der Luft, aber erst jetzt bemerken wir, dass sie am Handgelenk unseres Babys hängt. Erschrocken springen wir auf, da fällt uns ein, dass wir unser Auto in der Stadt vergessen haben, dass wir gar nicht mit dem Schiff unterwegs waren und plötzlich verschwindet der Goldglanz des Sees und alles wird schwarz, nur unser fliegendes Baby leuchtet hell. Wir erwachen zu dritt. Das erste Mal zu dritt.

 

 

 

 

 

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