DAS ZWEITE JAHR – 25

25

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Irgendeine Frau sagt irgendwo zu irgendeiner anderen Frau: Man muss doch nicht darauf verzichten, ein eigenes Leben zu führen, nur weil man ein Kind hat. Um ihr eigenes Leben will sie sich nun, da ihr Baby eineinhalb Jahre alt ist, verstärkt kümmern. Eigenes Leben – wie sie es ausspricht, klingt es wie eine Verheißung, wie das gelobte Land, das – vorrübergehend  – von den kriegerischen Truppen des Babys besetzt worden ist. Jetzt will sie es zurückerobern. Das eigene Leben: viel Schwärmerei liegt in diesem Ausdruck und ebensoviel Unklarheit. So, als könnte einen das eigene Baby dazu bringen, das eigene Leben zu verlieren und dazu zwingen, ein nicht eigenes Leben zu leben. Dieser Verlust schreit nach Erklärung. Wie kann man das Eigene, Eigenste, das man hat, das man selber ist, verlieren? Und wenn man es verloren hätte, was wäre man dann noch, was wäre man als nichteigenes Leben? Zugleich diese Sehnsucht, diese gewaltige, schwüle, leidenschaftliche Vorstellung, in das Eigene zurückzukehren, ins Paradies der Sichselbstgleichheit, wo alles in Ordnung ist, wo Glück und Eintracht herrschen, wo man sich sicher fühlt, wo es nichts zu verlieren gibt, wo der Hader ein Ende findet und der Zwiespalt sich schließt. (Man darf nicht unterschätzen, was irgendeine Frau irgendwo zu irgendeiner Frau sagt – es ist besser genauer als nur genau zuzuhören, denn was die eine Frau zur anderen sagt, das betrifft uns doch auch, oder hilft uns, zu überprüfen, was wir über das Eigene, das eigene Leben denken, wie entrückt, entfallen, gespalten wir uns vorkommen, du und ich.) Die Bemerkung der unbekannten Frau trifft uns zu einem Zeitpunkt im Sommer, da alle weg sind, verreist, ausgeflogen. Viele sind unterwegs mit ihrem Kind oder ihren Kindern. Auch die Babys verreisen schon. (Den Babys ist das Verreisen egal, solange das, was sie wollen und brauchen von ihren Eltern nicht übersehen wird, solange ihre Eltern nicht vergessen, dass sie, gleich wohin die Reise geht, Schüler ihres Babys sind und bleiben. Es ist die wundersame Möglichkeit des Babys, sich jeden Ort aneignen zu können, keine Fremde zu empfinden, auch dort, wohin wir verreisen, gleich wieder da zu sein – aber es ist schon nicht mehr ganz so vollkommen frei wie am Anfang, kleine Momente der Stille und des Zögerns verraten, dass die schnelle räumliche Veränderung unser Baby in rätselnden, staunenden Gedanken beschäftigt, dass die Bewegung selbst, hinten im Auto, auf dem Elternschoß im Zug, auf dem schwankenden Schiff ein bißchen fassbar geworden ist, dass der eine Raum, den das Baby so ganz und gar ausfüllte, sich gedehnt hat, größer wurde und weiter – aber sonderbar, – sich dadurch auch verkleinert hat; der Raum, der jetzt gleichsam mitreist, ist einer von vielen, ein kleiner, der uns umgibt, wo wir uns gerade befinden, der an uns klebt und im Laufe der Jahre immer mehr an uns klebt; vielleicht ist es so, dass unser Baby, anders als noch vor einem Jahr, vielmehr seinen eigenen Körper ausfüllt, ihn vielmehr bewohnt, dass ihm die Reise jetzt spürbar geworden ist, wie wir die Reise so deutlich spüren in der Wohnung unseres Körpers, die wir schon so lange unsere nennen.) Die Babys verreisen, die Kinder verreisen, die Familien verreisen – wir also auch. Wir wollen sehen, wie es ist, das eigene Leben irgendwo anders hinzutragen, in eine anderes Land und dabei zugleich unser Baby herumzuschleppen, gleich am ersten Tag, steile Steinstufen hinauf, weil es nicht selber laufen möchte, lieber in der Tragehilfe sitzt. Wir erinnern uns, wie es war, nur uns selbst im Urlaub steile Stufen nach oben geschleppt zu haben, nur uns getragen zu haben, einen kleinen Rucksack vielleicht noch. Und bald merken wir, jetzt, da wir drei (das Baby, du, ich) täglich ständig zusammen sind, den Schwund des eigenen Lebens mit plötzlicher Heftigkeit, dass wir einen Augenblick schon den Worten der unbekannten Frau, die sie irgendwo zu irgendeiner anderen unbekannten Frau gesprochen hat, glauben wollen. Aber glücklicherweise doch nur einen Augenblick. Erstens entdecken wir in unserer Unterkunft gute Bücher (überhaupt eine feine Sache, irgendwo in der Fremde unterzukommen, ohne eigene Bücher bei sich zu tragen, und dann dort in der uns überlassenen Wohnung die Bücher aus dem Regal zu ziehen und in ihnen zu blättern), zweitens rückt uns unser Baby gewissermaßen wieder zurecht, indem es mit einer neuen Geste der Umarmung seine kurzen Arme um unseren Nacken legt und uns zu sich zieht, als wollte es uns etwas ins Ohr flüstern (über das Eigene und Nichteigene). Also Witold Gombrowicz in seinen Tagebüchern über Camus: Camus nimmt, wie andere vor ihm, den Menschen aus der Masse, ja sogar aus dem Verkehr mit dem anderen Menschen heraus, um die einzelne Seele mit der Existenz zu konfrontieren – das sieht aus, als nähme er einen Fisch aus dem Wasser. Jetzt begreifen wir (während wir von oben auf den See blicken, auf ein tiefes Blau, das erstaunlich unkühl auf uns wirkt), dass die unbekannte Frau aus dem einfachen Grund irrt, weil sie das Eigene dort sucht, wo es kein Eigenes gibt, noch geben kann: in ihr selbst. Ein verführerischer Irrtum, denken wir (unser Baby wieder schulternd), dem wir fast erlegen wären, eine Irrtum, eine einfache Lösung auf dem durchaus beschwerlichen Familienweg. Wir sind im Urlaub – und jetzt gehen wir mit unserem Babyfisch hinunter zum großen See und schwimmen, wir alle drei, im sonnengewärmten Wasser, das jeden von uns gleichermaßen trägt als wären wir und hätten wir nichts Eigenes, auf das besonders geachtet werden müsste.

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