DAS ZWEITE JAHR – 24

24

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Draußen am See nach einer kleinen Wanderung, die unser Baby hauptsächlich auf dem Rücken seiner Eltern bestritt, genoß, sich nur zu gerne gefallen ließ (auf dem Rücken tragen ist weiterhin die schönste Art des Tragens. Die Kindertrage hat ein Sonnendach und Schlaufen für die Füße und ein Stirnpolster für die Müdigkeit. Bergauf lässt sich das Gewicht unseres Babys bald vergessen, während unsere Augen gierig nach reifen Himbeeren am Wegrand suchen, bergab aber macht das Baby sich extra schwer, lässt jedes seiner elf Kilo sich verdoppeln, verdreifachen, in unsere Kniee und Waden sinken, bis wir bald den Entschluß fassen, in Zukunft wollen wir mit unserem Baby nur bergauf laufen, nur noch bergauf). Die Wiesen am Seeufer sind gut belegt, es herrscht sommerliche Eintracht, man kommt sich nah, aber es wird nicht eng, nicht bedrängend. Wir finden einen Platz gleich am kiesigen Ufer (feiner Kies, der sich mit der roten Schaufel gut auf unseren Knien abladen lässt. Nur mit den Füßen steht unser Baby im Wasser, nackt und gut eingecremt, einen blauen Sonnenhut auf dem Kopf, dessen überbreite Krempe bis zu den Schultern reicht und schaufelt und schaufelt; manchmal auch nur Wasser mit einer auffälligen Verständnislosigkeit im Blick, immer dann, wenn das Wasser gleich wieder vom nur wenig gebogenen Schaufelblatt herunterrinnt und sich ununterscheidbar, unverfolgbar mit dem Blick im See verteilt. Dem Gleichwiedereinssein des geschaufelten Wassers in sein Element und dem dieses Phänomen begleitenden Blick unseres Baby können wir nicht anders als eine Erinnerung zuzuordnen, eine Erinnerung, über die unser Baby gleichsam stolpert: war, scheint es sich undeutlich zu fragen, ich nicht einst wie dieses Element, Element im Element, ununterscheidbar, unsichtbar eins mit dem, was mir ganz und gar glich? Die Liebe unseres Babys zum Wasser, aber nicht als etwas, das zum Schwimmen da ist, zum Tragen eines Bootes, oder auch bloß zum Trinken, diese Liebe zum Wasser, die Verständnis ist, sie berührt uns so sehr, dass wir gleich ganz aufgelöst, wässrig werden). Nach dem Spielen im Wasser kommen Hunger und Durst, unsere Vorräte sind fast aufgebraucht, also beschließt ihr beide (du, unser Baby) zum Kiosk unweit des Dampfersteges zu laufen, um Nachschub zu besorgen. Schläfrig lege ich mich auf unsere Decke und schließe die Augen. Aber ich schlafe nicht, ich wache und dann höre ich. Genaugenommen bin ich bald ganz Ohr, hellwaches Ohr trotz seines schläfrigen Besitzers, ein Ohr, das mittendrin im Hörbaren liegt, ein Rundumhören bin ich, von fern und ganz nah höre ich Stimmen, Geräusche, Wellenschlagen, Blätterrauschen, Kinderschreien, Kinderlachen, Wortbrei, einzelne Worte ganz deutlich, die folgenden aufgelöst in lose Tonfolgen, Motorengeräusch, eine Hupe, Rufen, Knacken, Schaben, Husten, Gluckern, Schmatzen … Ich höre von fern und nah, aber das Ferne ist nicht Fern wie das Nahe nicht nah ist. Mein Hören lässt irgendwann das Unterscheiden ziehen: nah, fern, laut, leise, hell, dunkel – ich finde eine immer gleiche Nähe zu den Geräuschen, eine gleiche Deutlichkeit, viel imposanter als alle Unterschiede. Ist mein Hören überhaupt noch Hören? frage ich mich in den tiefen Trichter meiner Schläfrigkeit hineinhorchend. Es ist eigenartig, wie wenig ich wirklich höre, so dass ich es identifizieren könnte als ein bestimmtes Geräusch mit einer sinnvollen Herkunft. Was die Sprache angeht, ist es am hörfälligsten: kaum ein Wort, ein Satz, obwohl ich weiß, es ist ein Wort, ein Satz, ergeben einen Sinn. Als würde das sinnvolle Hören abhängen von glücklichen Umständen, die vielleicht gar nichts zu tun haben mit der richtige Lage meines Ohr zum Sprecher oder meiner Aufmerksamkeit oder meinen Vorkenntnissen. Dennoch schenkt mir diese gehörte Undeutlichkeit und Unschärfe einen wohligen Zustand, warm betten mich die auftauchenden und versinkende Geräusche, ich spüre die Weite des Raums, doch keine haltlose Unendlichkeit. Dann, einem Impuls folgend, öffne ich die Augen und blicke in die Richtung, aus der ihr (du, unser Baby) vermutlich von eurem Kioskeinkauf zurückkommen werdet. Und wie beim Hören eben widerfährt mir das gleich beim Sehen. Im ersten Moment des Augenöffnens kann ich gar nichts erkennen, nur eine Reihe von Farben, Kleckse, viel Grün und Blau um die eher gelblichen Töne herum, bei erstem Betrachten alles flächig, dann langsam dehnt sich diese Fläche von mir weg und wird zum Raum. Ihr beide (du, unser Baby) seid zwei Flecken, die aus diesem Raum herausquellen, ich erkenne euch, aber nicht an euren Gesichtern. Das Gesicht ist wie ein verstandenes Wort oder ein verstandener Satz: alles muss gut zueinanderstehen, sich in idealer Relation befinden, dass etwas Sinnvolles entsteht. Marcel Proust schreibt in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit über den Maler Renoir: Frauen gehen die Straße entlang, die völlig anders aussehen als die von ehedem, weil sie Renoirs sind, eben jene Renoirs, in denen wir früher überhaupt keine Frauen erkennen wollten. Auch die Wagen sind Renoirs, das Wasser und der Himmel; wir haben Lust, in dem Wald spazierenzugehen, der uns am ersten Tag wie alles andere als ein Wald vorkam, eher zum Beispiel wie eine Stickerei mit vielen Farbtönen, in denen aber gerade diejenigen fehlten, die einen Wald ausmachen. Das ist die neue, vergängliche Welt, die jetzt erschaffen wurde. Wie ich euch beide (meine Frau, mein Kind) so kommen sehe, sehe ich euch also wandeln in der Vergänglichkeit. Ihr entsteht direkt aus der Ununterscheidbarkeit (das Kind der Vergänglichkeit oder ihre Mutter?), werdet vor meinen Augen konkret (wie ich vor euren), wir begrüßen uns freudig, dass wir noch nicht vollständig in dieser unanzweifelbaren (wir bezweifeln sie trotzdem, ständig) Vergänglichkeit verschwunden sind (warum sonst begrüßen Menschen sich jeden Tag aufs Neue?), und jetzt stehen wir uns so nah, dass der Impressionismus der letzten Minuten eine reale Pause einlegen kann: ihr seid wieder da, stofflich, echt, greifbar (und habt Kaffee im Pappbecher mitgebracht, ein Stück Kuchen, eine Fanta, ein Wasser, zwei Käsesemmeln mit Gurke, Kekse). Später sitzen wir in der langsam sinkenden Sonne auf unserer grauen Decke, angeordnet im Dreieck, auf dessen Fläche zwischen uns nur noch die Kekse und die Wasserflasche liegen. Wir sind ein gleichseitiges Dreieck, dessen einen Eckpunkt unser Baby irgendwann verlässt, um mit einem Keks in der Hand auf deinen Schoß zu klettern. Das könnte jetzt Renoirs Mutter mit Kind sein oder auch Das Kind mit seinem Kindermädchen oder ein anderes seiner wunderbaren Kinderbilder, die deswegen stärker als das Verschwinden, unsere Vergänglichkeit sind, weil sie den Betrachter aus der Fixierung auf das gegenständlich Gegebene auf eine sehr milde Weise herauswerfen. Vielmehr noch üben sich Renoirs Bilder in diesem instabilen Gleichgewicht zwischen Sehen und Verschwinden, Erkennen und Auflösung. Mild weht mich eure Unfestigkeit an (oder es ist abendliche Thermik, eine plüschige Walze, die vom See herrollt), ich betrachte euch (dich, das Kind), erkenne das unsichtbare Wesentliche und das sichtbare Unwesentliche, bis ich beides nicht länger auseinander halten kann. Und dann fällt mir auf, dass es ein Drittes gibt. Unser Kind! Seine Deutlichkeit, sein schwankungsloses Dasein, das der Vergänglichkeit spottet, seine Kraft und sein unheiliger Blick, den Renoir vielleicht entdeckt hat, offenbar fasziniert von diesem Ausdruck, der gleichsam jede Renaissancedarstellung (einer Madonna mit Kind) korrigiert. Das ist die Offenbarung (bis zum nächsten Irrtum) von der Proust spricht: Sie wird bis zur nächsten erdgeschichtlichen Katastrophe dauern, die durch einen neuen, originelleren Maler oder Schriftsteller heraufgeführt werden wird. Nein, diese Offenbarung wird bleiben (mit oder ohne Keks)!

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