DAS ZWEITE JAHR – 22

22

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Auch im Babyspinat schlummern die Zusammenhänge, Verbindungen, Belehrungen und haben nichts dagegen, gehoben zu werden. Beim Zubereiten eines Salates (unser Baby will mitmachen, alles, was wir tun, will es auch tun. Es will uns nah sein, wenn wir die Roten Beete waschen, es möchte eine unserer Hände sein, ja, es glaubt, es sei eine unserer Hände, ja, es glaubt, unsere Hände sind seine Hände. Es ist eine entzückende, unschuldige Nähe und wieder kommt uns unser Baby wie ein guter Geist vor, der all unsere Taten all unser Tun seit einiger Zeit begleitet. Seine Ungeschicklichkeit dabei – schnell ufert das Waschen der Roten Beete zu einer großen Plantscherei am Waschbecken aus – steht dem guten Geist nicht entgegen: seine Ungeschicklichkeit macht uns froh, weil sie unserem Arbeiten nichts nimmt, noch etwas gibt. Für einen Moment sind auch unsere Hände die Hände unseres Babys, die über die holprige Rundung der Roten Beete streichen, beflissen, ernst, auch herrisch. Wasser, Rote Beete, Spritzerei. Doch, das Mittun unseres Baby lässt uns leichter bei der Sache, die wir gerade tun, sein, nur bei dieser einen Sache): Rote Beete, Babyspinat, Kürbiskerne, Knoblauch, Ahornsirup, Olivenöl, Sherryessig, Kerbel, Salz, Pfeffer (unser Baby schwankt auf seinem Treppenstuhl, während es jetzt hilft, die Erde von den Spinatblättern abzuwaschen. Dieses schwankende Stehen ist irritierend, nicht, weil wir immer denken, unser Baby würde jeden Augenblick herunterstürzen, sondern vielmehr, weil es in diesem Schwanken, diesem leichten Wiegen eines Schilfrohrs im Sommerwind, so ungemein sicher steht, so ungemein selbstverständlich, dass uns unser eigenes Stehen mehr und mehr vorkommt wie ein Erstarrtsein, eine übertriebene Unbewegtheit, ein Bann). Salat ist jung, frisch, gerade gewachsen, Babyspinat, denken wir, kleine zarte Blätter, weich, aber kräftig genug, Form zu bewahren, so zu essen: direkt aus der Erde, von der Ernte fertig für unseren Mund, kein Blanchieren, keine Hitze, die das Gewachsene erst essbar machen würde ist notwendig. So sind wir als Esser überhaupt: das Jüngste, Frische, Neue schmeckt uns besonders, das Kurzgelebte, nicht lang Entwickelte, nicht ewig Gewachsene. Wir essen Babyspinat oder zartes Kalbsfilet, Lammkotelett, wir lieben Kräuter, die hauchdünnen, eine, zwei Wochen alten Blättchen von Petersilie oder Koriander, die Spitzen des Dillkrautes, weich wie Kükenflaum; Kräuter dürfen nicht zur Blüte gelangen, nicht fest werden, sich nicht auswachsen; wir bevorzugen das gerade Entstandene, Spargel und am liebsten das Zarteste an ihm, die Spitzen; Beeren mögen wir, gerade gereift, gerade, wenn sie sich gerötet haben, wie Pilze, die eben erst durch den Waldboden gestoßen sind, deren Fleisch makellos ist, unberührt von Insekten oder Schnecken oder achtlos vorbeitrampelndem Getier, herabfallendem Ästen oder Zapfen, quasi noch in einer heiligen Aura, idealen Gestalt im Halbdunkel des Waldes verbleibend. Babycalamari wollen wir, unzäh, Lauchzwiebeln, deren Knolle noch gar nicht zur Knolle ausgebildet ist, schlank mit hübschem Bauchansatz höchstens, wir begeistern uns für das elfenbeinfarbene Fleisch der vor einer Minute vom Baum geschüttelten Walnuss, von dem sich leicht die fensterledrige Haut abziehen lässt, natürlich lässt uns Babymais nicht kalt, der so ganz anders als erwachsener Mais gar nicht plump und übertrieben nahrhaft schmeckt und groß ist unsere Begeisterung über Johannisbeerbaiserkuchen, der gleich nach dem Abkühlen gegessen werden muss, bevor seine mittelgebirgige Oberfläche, aus der einzelne Beeren linsen wie durch ein ausgeapertes Schneefeld, von harzige Tröpfchen verunstaltet wird … Es ist, als würde der Höhepunkt des Lebens zu Beginn erreicht sein, was ihm folgt ist Abstieg, Verfall, Verkrampfung, Häßlich- und Geschmacklosigkeit (alles in Maßen freilich; der Abstieg dürfte uns außerdem ja kaum auffallen, denn wer könnte diesen frühen Höhepunkt schon erinnern?). Jedenfalls sieht unser Baby wie es in Windel und nassem T-Shirt am Wasserhahn steht (schwankt) und die Salatblättchen aus den Bündel reißt zum Anbeißen aus. Ganz und gar zum Anbeißen! Wären wir Kannibalen, hätten wir es längst verschlungen. Indem man Teile vom Leib einer Person durch den Akt des Verzehrens in sich aufnimmt, eignet man sich auch die Eigenschaften an, welche dieser Person angehört haben, heißt es bei Freud in Totem und Tabu. Im Fall des Babys gilt freilich die übliche Einschränkung nicht. Hier greifen keine Vorschriften und Beschränkungen der Diät unter besonderen Umständen, denn im Falle unseres Babys gäbe es keinerlei Eigenschaften, die wir nicht mit verspeisen wollten. Keine negative oder unerwünschte Eigenschaft könnte auf uns übergehen, wir würden das Baby komplett verschlingen mit allen Konsequenzen, unser Meister würde ganz und gar in uns übergehen, und wir dadurch ganz und gar in unseren Meister. Sieht man nicht überall Eltern an ihren Kindern herumknuspern und Knurrlaute dabei von sich geben? Zum Entzücken der Kinder, zum Entzücken der Eltern (Entzücken in Grimms Deutschem Wörterbuch: geistiges entrücken und hinreiszen, wodurch die seele geleichsam auszer sich an eine andere, übersinnliche stelle geführt wird … kein größeres Entzücken als durchs Essen, nein, Fressen). Also werfen auch wir uns an die Kehle unseres Babys, das gleich einen schrillen Schrei ausstößt, sich zurückbeugt, um die Kehle noch weiter frei zu geben und dann zu gackern beginnt, während wir knurren und grunzen und so tun als ob, wir unser Baby fressen würden. Nach einiger Zeit (und weil wir nur so getan haben, als würden unser Baby fressen wollen) bringen wir die Zubereitung des Salates zu Ende: Rote Beete mit Babyspinat. Dann essen wir ihn (unser Baby ißt nur ein paar der gewürfelten Roten Beete): unser Entzücken ist groß. Wir fühlen uns erfrischt und jung und kommen uns vor wie glückliche Kannibalen.

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