Das zweite Jahr – 16

16

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Schau mal! Ein tausendfacher elterlicher Weckruf, der Tag für Tag über den Babys und den Schonnichtmehrbabys dröhnt, schmeichelt, zwitschert, sich ihnen andient, sie beeinflussen und lenken möchte, ihnen ein Angebot unterbreitet, für sie die Welt aufreißen will, wie ihre kleinen Augen öffnen, weiten, diese unbedarften Augen, die die Welt betrachten sollen, unbedingt. Schau mal! Der Ausruf ist gut gemeint, Folge eines unschuldigen Impulses. Wir sind schon da, schon lange da, denken die Eltern (und Tanten und Onkels, Großeltern und auch schon die Geschwister, überhaupt alle Großen denken es), wir kennen die Welt und erkennen sie schnell (den Vogel dort, das Eichhörnchen, den im Wind schaukelnden Ast), schneller als unser Baby die Welt erkennen kann, also rufen wir es ihm zu und deuten mit dem Zeigefinger (der ganzen Hand, dem Kopf, dem Blick) dorthin, wo es etwas zu sehen gibt (und natürlich niemals dorthin, wo es nichts zu sehen gibt. Oh ihr Babys, manchmal schaut ihr einfach dorthin, wo es nichts zu sehen gibt! Warum tut ihr das?). Voller Freude über die eigene Erkenntnis, das eigene Wissen, ja, erst jetzt, in diesem Augenblick des deutenden Rufens, wird das eigene Wissen bewusst, das so gerne an die Kinder weitergereicht werden will. Das große eigene Wissen, das dem unwissenden kleinen Wesen, das unser Kind ist, nahegebracht wird, durchaus mit einer gewissen Eile und dem Wunsch, es möge nichts verpassen (keinen Vogel verpassen, kein Eichhörnchen, keinen im Wind schaukelnden Ast). (Schau mal! Auch aus unserem Mund huscht dieser Ruf, schneller, als wir denken können, noch vor dem ersten Gedanken ist er entwischt. Rufen wir etwa nach dem Absoluten? Geht es uns gar nicht um den Vogel, das Eichhörnchen, den im Wind schaukelnden Ast? Wollen wir unserem Baby nicht Alles zeigen? Das Ganze? Das große Ganze? Das uns längst – wir merken es, während unser Ruf sein vielstimmiges Echo findet, das wie ein Bienenschwarm, der sich gerade gesammelt hat, über dem Spielplatz die schwankende Wolke tanzt; schau mal! – abhanden gekommen ist. Es ist eine sonderbare Verdrehung, die wir mit unserem Ruf vornehmen, sonderbar, denn wir machen sie ohne Vorsatz, sie geschieht uns, als wäre sie, nein, nicht unser Schicksal, aber fast. Wir wollen dem Baby das Schauen beibringen? Aber das können sie doch am besten, die Babys, schauen, von Anfang an schauen sie, wie wir nicht schauen können, fast wollen wir sagen: wie wir noch nie schauen konnten. Nicht das erste Mal denken wir, zwei Wesen bewohnen uns, das eine, das Baby, das Schauende und das andere, der Mensch, der wir sind, der Blinde, der viel und ständig Ausschau hält.) Ja, es muss in diesem Schau mal! um mehr gehen als um den Vogel, das Eichhörnchen, den im Wind schaukelnden Ast. Es geht ums Ganze, die Wahrheit, das Unsichtbare. Wollen wir das Baby ablenken, von dort, wo es nichts zu schauen gibt und hinlenken, dorthin, wo es etwas zu schauen gibt, verrät unser Wunsch uns selbst. So wie wir das Schauen, dorthin, wo das Baby mit seinem ganzen Blick verweilt, aufgegeben haben, wollen wir es unsererseits zur Aufgabe dieses ungelenkten, ungenauen, ungezielten Schauens drängen. Nur aus den edelsten Motiven selbstverständlich, großzügig wollen wir dem Baby die ganze Welt zeigen, schenken, uneingeschränkt (wir sind eben keine Griechen, die die Gegenstände tüchtig und lebendig schauten, wie Goethe meint, und es fällt uns schwer uns dem Baby gegenüber in Demut zu üben, wie es derselbe Dichter zum Ausdruck bringt: dein ungetrübtes freies auge schaut / die ferne klar, die uns im nebel liegt). Der Besuch im Museum ist tatsächlich hilfreich, wollen wir uns selbst verstehen. Mein Sohn und ich bei Cy Twombly. (Das Museum Brandhorst ist ein Tempel, aber es fällt schwer zu sagen, welche Heiligkeit dort angebetet und verehrt wird. Oberflächlich betrachtet ist es die Kunst, moderne Kunst, Gegenwartskunst, die die Heiligkeit zusätzlich steigert. Die Besucher an diesem Vormittag flüstern, aus Ehrfurcht und Angst, als könnte etwas Schreckliches aufgescheucht werden, das mit schwerster Strafe droht. Die Aufpasser walten ihres Amtes. Glücklich, einen besucherleeren Raum betreten zu haben, springen sie uns sofort hinterher, um dann unbeteiligt, unschuldig wieder abzudrehen. Mein Sohn immerhin erntet ein paarmal wohlwollendes Augenzwinkern und freundliches Zunicken – würde sich darin nur nicht die Mahnung verbergen, sich bloß ordentlich zu benehmen. Jeder weiß, wie Babys sind, respektlos würden sie jedes Kunstwerk zerstören, mit Stift und schmutzigen Händen oder der scharfen Kante des Zippers des Reißverschlusses ihrer blauen Jacke. Wollte jemand unbedingt paranoid werden, sollte er ins Museum gehen. Möglich aber auch, im Museum wieder zum rechten Glauben zu finden.Zu diesem stillen, inneren Glauben, am besten wortlos.) Betrachte ich einen Cy Twombly, kann ich mich fragen, was sehe ich? (Kann es aber genauso gut sein lassen.) Eine sonderbare Frage, eine Frage, die doch alles Sehen betrifft! Immer und überall, können wir das, was wir sehen befragen (lassen wir uns nicht täuschen vom Vogel, dem Eichhörnchen, dem im Wind schaukelnden Ast). Was sehen wir? Kein Wunder also, dass die beklemmende, geduckte Stille im Museum plötzlich von einem Schau mal! durchbrochen wird, das sich von den Schrifttafeln, die die Bilder des Künstlers begleiten, machtvoll erhebt und uns mit einem gewaltig gestreckten Zeigefinger anspringt. Hören wir einen Moment hin: Wir sind eingeladen, mit dem Auge die einzelnen Linienverläufe abzutasten und nachzuvollziehen: wo sie beginnen, auslaufen und wie sich sich überlagern – jede Nuance der malerischen Spuren möchte als Formereignis wahrgenommen und genossen werden … Man glaubt, der lustvollen Ausgelassenheit sich selbst überlassener gestischer Malspuren zuzuschauen, einen rauschhaft regressiven Taumel… Fast kommt es uns vor, als würde sich ein Kreis, dessen Anfang auf dem Spielplatz, am See, im Zoo begonnen hat, hier im Museum schließen. Wir sollen sehen, was wir sehen sollen! Sogar das Gefühl (die lustvolle Ausgelassenheit) wird uns vorgefühlt. Auch hier begegnet uns wieder die Überzeugung, das es das richtige Sehen gäbe, dass die Welt, um geschaut zu werden, eines Weckrufes bedarf, der unser Auge zu lenken und leiten versteht. (Vielleicht besteht die ganze Welt im Grunde aus einem einzigen großen pädagogischen Auftrag – nur zu was genau möchte er uns erziehen?) Dachten wir, im Museum einen Ort des freien Blicks gefunden zu haben, sind wir jetzt eines Besseren belehrt worden. Das Schau mal! ist allwaltend, allgegenwärtig und zügellos. Und doch ist sein Kampf um unsere Aufmerksamkeit umsonst. Solange wir unserem Baby, unserem Meister im Schauen folgen, uns nicht ablenken lassen von unserem eigenen Blick… (doch: da schaukelt unser Baby plötzlich wild auf meinen Schultern, als ich gerade mein Lieblingsgekritzel, kunstvoll dilettantisch, blicksaugstark, eine ernste und freche Schau zugleich, ein Bild – ist es eins? -, einen überzeugenden Wirbel aus bunten Fäden, der ein bißchen herumspinnt, ein Bild, viel zu schade für einen Rahmen, ein gefangenes Bild, ein schlankes Durcheinander, das gerne zunehmen, sich verdichten würde, aber sich viel zu ungelenk anstellt dabei – als ich also gerade mein Lieblingsgekritzel betrachte, da beugt sich unser Baby nach vorne, weit nach vorne, ins Zentrum des Gekritzels: es wird doch nicht das Bild küssen wollen, den Twombly küssen wollen, dieses Künstlerwerk, das uns ebenso babyfreundlich wie babyunfreundlich vorkommt! Irrtum: unser Baby biegt sich ganz nah zu meinem Gesicht, bis es mein Auge findet und ihm bedeutet, dass es Zeit wird zu gehen. Warum geht man ins Museum? Doch nur, um bald wieder erlöst in die Freiheit heraustreten zu können! – Aber das hat jetzt nicht unser Baby gesagt. Irgendjemand hat es gesagt. Irgendwann).

Look! A thousandfold parental wakeup call that resounds day after day over babies and no-longer-babies, coaxing, chirping serviceably, seeking to influence and guide, submitting an offer, wanting to rip the world open for them as well as open and widen their clueless little eyes, teach them to see the world, by all means. Look! The call is well meant, the result of an innocent impulse. We are already there, have been here for a long time, the parents think (and aunts and uncles, grandparents, and already the brothers and  sisters, in fact all the big people think this), we know the world and know how to recognize it quickly (that bird there, that squirrel, that branch swaying in the wind), faster than our baby can recognize the world, and so we call out to him and point with our index finger (our whole hand, our head, our eyes) to whatever there is something to be seen (and of course never to where there is nothing to be seen. Oh you babies, sometimes you simply look where there is nothing to be seen! Why do you do that?). Full of pleasure at one’s own recognition, one’s own knowledge, indeed only now, at this moment of combined pointing and calling, does one become conscious of one’s own knowledge, which one so very much wants to pass on to the children. This great knowledge of one’s own that is now being put within reach of the ignorant little creature that is our child, definitely with a certain hurry and the wish that he not miss anything (not miss a bird, a squirrel, a branch swaying in the wind). (Look! That cry comes flying out of our own mouth too, faster than we can think, it’s already out before our first thought. Could it be that we are calling for the Absolute? That we are not at all concerned with the bird, the squirrel, the branch swaying in the wind? Don’t we want to show our baby Everything? The Whole? The great totality? Which we have long since – we notice it as our cry finds a many-voiced echo that dances like a swarm of bees, like the swaying cloud over the playground; look! – lost touch with.  It is an odd sort of twist we are performing with our call, odd because we are doing it without intention, it happens to us as if it were, no, not our fate, but almost. Do we really want to teach our baby how to see? But that is what babies are best at, seeing; that is what they have been doing from the beginning; they see just as we cannot see, we’re almost tempted to say, have not ever been able to see. Not for the first time we think: two beings inhabit us, the first one being the baby, the seeing one, and the other the person that we are, the blind one who is constantly on the lookout.) Yes, this “Look!” must be about something more than the bird, the squirrel, the branch swaying in the wind. It’s about the Whole, the Truth, the Invisible. When we seek to divert the baby from where there is nothing to see to where there is something to see, that wish betrays us, shows us our condition. Just as we have given up looking to where the baby abides with his entire gaze, we for our part want to urge him to give up this unguided, imprecise, undirected seeing. Only with the noblest of motives, of course, generously we want to show, indeed give, the baby the whole world, without restriction (the truth is, we are not like the Greeks, who saw objects ably and vitally, as Goethe said, and we find it hard to practice ourselves in humility with regard to the baby, as the same poet puts it: dein ungetrübtes freies auge schaut / die ferne klar, die uns im nebel liegt – your undimmed free eye clearly sees/ the distance that for us is swathed in mist). A visit to the museum is truly helpful if we want to understand ourselves. My son and I with Cy Twombly. (The Brandhorst Museum is a temple, but it is difficult to say what is the holiness that is being worshipped and revered here. On the face of it it is art, modern art, the art of the present, that further amplifies the holy. The visitors this morning are whispering, out of awe and fear, as if something terrible might be scared up that holds the threat of the most severe punishment. The guards are exercising their duty. Pleased at having entered a room that is empty of visitors, we find them immediately at our heels, after which they turn away with an indifferent innocent air. Still, my son garners a few benevolent winks and friendly nods – if only they did not conceal the reminder to make sure he behaves well. Everyone knows how babies are, they would destroy every work of art without respect, with a pencil and dirty hands or the sharp edge of the zipper on their blue jacket. If someone really wants to become paranoid, he should go to a museum. Though conceivably he might find the way back to true faith there. To this silent, inner faith, preferably without words.) When I look at a Cy Twombly, I can ask myself, what am I seeing? (And can just as well not do so.) An odd question, a question that really concerns all seeing! Always and everywhere we can consult what we are seeing (let us not be deceived by the bird, the squirrel, the branch swaying in the wind). What are we seeing? No wonder the oppressive, cowering silence in the museum is suddenly punctured by a Look! that powerfully rises from the descriptive placards next to the artist’s paintings and leaps at us with a mightily outstretched index finger. Let us listen for a moment: We are invited to touch the individual lines with our eyes, follow them in their course: where they begin, where they expire, and where they overlap – every nuance of the painterly traces wants to be perceived and enjoyed as an event in the world of forms . . . It feels as if one were watching the joyfully exuberant traces of gestures performed in paint, an ecstatically regressive delirium . . . It almost seems as if a circle whose beginning began on the playground, by the lake, in the zoo, were closing here in the museum. We want to see what we are supposed to see! Even our feeling (the joyful exuberance) is being felt for us. Once again we encounter the conviction that there is such a thing as true seeing, That in order for the world to be seen, a wakeup call is needed that knows how to steer and guide our eyes. (Maybe the whole world basically consists of a single great pedagogic assignment – but what exactly does it want to educate us toward?) Where earlier we thought that in the museum we had found a place for free seeing, we are now disabused of that notion. The Look! is omnipotent, omnipresent, and unrestrained. And yet its struggle for our attention is in vain. As long as we follow our baby, our master in seeing, and don’t allow ourselves to be distracted by our own gaze . . . (but: suddenly our baby rocks wildly on top of my shoulders, just when, faced with my favorite scribblings, their artful dilettantism, the powerful draw they exert on the eye, a seeing that is at once serious and impudent, a picture – is it a picture? –, a convincing whirl of many-colored threads that is spinning around a little, a picture, much too good to be framed, a captive picture, a lean hodgepodge that would like to get thicker, consolidate, but goes about it much too awkwardly – so just as I am looking at my favorite scribblings, our baby leans forward, far forward, into the center of the scribbling: he can’t possibly be trying to kiss the picture, kiss the Twombly, this work of art that strikes us as being equally baby-friendly and baby-unfriendly! Wrong: our baby is bending very close to my face, until he finds my eye and lets it know that it is time to leave. Why does one go to a museum? Surely only to be released from it and step back out into freedom! – But that is not something our baby said. Someone else said it. At some time).

 

 

 

 

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