Das zweite Jahr – 15

15

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Kein Grund zur Bescheidenheit. Das Baby muss keinen Vergleich scheuen mit den Größten und Besten. Unser Genie! Unser genialer Meister! Natürlich vergleichen wir uns, natürlich vergleichen wir unser Baby, uns mit den anderen, unser Baby mit den anderen Babys. Wie könnten wir nicht! Wollen wir wissen, wie wir sind, bemühen wir gerne den Vergleich, andersherum: wer wissen will, wie wir sind, wird als erstes bemerken, wir sind welche, die gerne vergleichen, die gerne und gerade auch dann vergleichen, wenn sie vorgeben, nicht zu vergleichen. Es ist nicht wirklich schicklich, zu vergleichen und die Moral zählt den Vergleich meist zu den Sünden der Eigenliebe, die selbst eine Sünde ist, wenn auch eine lässliche. Der Vergleich wird vielleicht deswegen ebenso gut wie schlecht angesehen, weil er so ungeheuer resultatversessen ist. Wer vergleicht, erhält ein Resultat, fast augenblicklich fällt das Urteil und zeitigt im positiven Fall Zufriedenheit, im negativen Unzufriedenheit. Also: ganz unbescheiden vergleichen wir uns (das Baby, du, ich), unsere Familie, aber nicht etwa mit einer anderen Familie, oder nur indirekt mit einer anderen Familie, über den Umweg der Musik vergleichen wir uns, über eine sinfonische Dichtung, die den Titel trägt Symphonia domestica, ein Werk des letzten großen sinfonischen Meisters,  Richard Strauss. Im Bunde mit unserem Baby fallen die Schranken, die Hemmungen, die Schüchternheit, solche Vergleiche anzustellen. Wo sonst sollte ein sinnvoller Vergleich angesiedelt sein, als dort, wo das Beste geschieht, das Beste sich unserem Gehör andient und es gerade nicht überwältigt. Der Arbeitstitel der Symphonia domestica lautete: Mein Heim. Ein sinfonisches Selbst- und Familienporträt. (Hier halten wir inne. Mein Heim: ein Ausdruck, der zu schweben beginnt, auf Herzhöhe zu schweben beginnt, dem seine Schwerelosigkeit aber nicht anzusehen ist. Was nur bedeuten kann: er hat Gewicht. Gewicht, wie Musik Gewicht hat, obwohl sie zu den unwiegbaren Dingen gerechnet werden muss. Wie könnte man besser etwas Autobiographisches, das sich ganz der Familie zuwendet, erzählen als sinfonisch? Strauss erzählt wuchtig und lyrisch (und ein wenig grob) aus dem familiären Innenleben, das sich im Moment des Erzählens zum Außenleben wandelt. Familie ist sichtbar und unsichtbar. Und am besten sichtbar ist sie, wenn sie hörbar ist. Als Begriff ist Familie zu schwerfällig, zu ambivalent, zu historisch, zu stark dem Augenblick entzogen. Als Musik ist Familie durchtönender Genuß, dem keine Mißtöne untergemischt sind, nicht ein einziger, auch wenn es nicht an schrägen, krummen, gemeinen Tönen mangelt. Harmonie spielt keine Rolle oder nur eine Nebenrolle, wenn es um die musikalische Gestaltung geht, um das Tonwerk, das treu seinem kompositorischen Konzept folgt, blindbewusst  – blindbewusst wie wir, die wir so gestimmt der Tagessinfonie unseres Babys folgen. Die Harmonie, die uns beglückt, ist eine andere. Sie entsteht im inneren Hören, in diesem großen Raum gegen den ein Konzertsaal wie eine Puppenstube wirkt. Die Musik tritt das innere Hören gleichsam los, indem es uns von uns selbst befreit für diese Dreiviertelstunde: anders als Gedanken fliehen uns Töne; wollten wir sie festhalten, würden wir das Ganze verpassen. So ist die Familie, denken wir, genau so, während wir uns die Schmeicheleien der Oboe d´amore gefallen lassen. Meiner lieben Frau und unserem Jungen gewidmet. So steht es über der Partitur, unverwandt süßer lässt sich eine Widmung wohl kaum ausdrücken, kaum unschuldiger, freier, einfacher. Wie leicht fällt uns in diesem Moment der Vergleich, wie zärtlich schmiegt er sich uns an, wie unser Baby neuerdings seine Stirn an unserer Stirn rasten lässt, wann immer es ihm gefällt.) Vergleichen wir die Musik mit dem Leben, fällt auf: sie lässt sich nicht vergleichen. Es verhält sich viel schlimmer als mit Äpfel und Birnen. Irgendetwas aus der Musik ins Leben zu übertragen ist unmöglich. Deswegen lieben wir die Musik. Wegen ihrer Unvergleichbarkeit. Umso mehr wollen wir ihr dankbar sein, dass sie uns über das wahre Wesen der Familie aufklärt (in dieser genußvollen Dreiviertelstunde, die sich als solche mit Leichtigkeit verbirgt). Die Familie wie sie ist: träumerisch, feurig, frisch, gemächlich, gefühlvoll, zornig, ruhig, singend, sehr behaglich. Eine Familie ohne Kind gibt es nicht, weshalb sich bald, naturgemäß, der nächste Vergleich aufdrängt (was die Musik so unvergleichlich unvergleichlich macht: sie lässt sich jeden Vergleich aufdrängen, Musik wehrt sich nie). Mögen die sordinierten Trompeten und die Klarinetten das Baby ganz nach dem Papa kommend behaupten, während Posaunen, Hörner und Oboen die Ähnlichkeit der Mama zuschreiben wollen, bedeutet das im sinfonischen Gesamtklang nichts als einen kleinen Witz, an dem sich die Musik vergeblich versucht. Genug verglichen, denken wir. Unser Baby ähnelt dir und unser Baby ähnelt mir. Eine Ähnlichkeit jenseits aller Arithmetik. Sagen wir einfach, die Ähnlichkeit ist musikalischer Natur. Vergleichen wir unser familiäres Wesen unbedingt mit der Musik, die wir beim nächsten Mal hören wahrscheinlich nicht wiedererkennen werden. Und dann kommt sie uns plötzlich ganz vertraut vor. Ganz neu. Rätselhaft. Blindbewusst. (Was für ein Verhau Musik doch ist! Was für ein Genuß! Die Generalprobe ist zu Ende. Ich – bloßer Zuhörer – atme durch. Der Dirigent beginnt zu korrigieren. Wer in dieser ganzen musikalischen Geschichte ist eigentlich der Dirigent? Hier und dort, noch einmal, schneller, langsamer, früher, leiser … zusammen, zusammen, immer zusammen! Aber bloß keine Eile! Unser letzter Vergleich: Die Familie ist eine zufallsfreie Komposition, unbedingt sinfonisch, mehr laut als leise, und immer ein bißchen heroisch, ist ihre Einstimmigkeit Vielstimmigkeit, und sie ist Vielmehrstimmigkeit als Dreistimmigkeit, aber wer zum Teufel ist ihr Dirigent?)(Am Ende war das jetzt gar kein richtiger Vergleich, und der allerletzte ist es ebenfalls nicht: Das Dirigat unseres Babys, dem wir so leidenschaftlich gehorchen, gehorcht seinerseits dem Zufälligen. Kein Wunder, dass auf diese Weise die schönste Musik entsteht. Hören wir sie, will uns selbst mit größter Anstrengung dann kein Vergleich mehr gelingen.)

No reason to be modest. The baby bears comparison with the greatest and the best. Our genius! Our brilliant master! Of course we compare ourselves, of course we compare our baby, us with the others, our baby with the other babies. How could we not! If we want to know what we are like, we resort to comparisons, and inversely: Anyone wanting to know what we are like will notice immediately that we are the kind of people who like to compare, and who particularly like to compare when they pretend not to compare. It’s not really good manners to compare, and morality usually reckons comparison among the sins of self-love, which is itself a sin, albeit a venial one. Perhaps the reason comparison is regarded as both good and bad is that it is so enormously intent on results. He who compares, receives a result, the judgment falls almost instantaneously, resulting in contentment if the judgment is positive, and in discontent if it is negative. And so: without undue modesty we compare ourselves (the baby, you, I), our family, but not with some other family, or only indirectly with another family; we compare ourselves by way of music, through a symphonic poem that bears the title “Symphonia domestica,” a work by the last great symphonic master, Richard Strauss. In concert with our baby the barriers fall, the inhibitions, the shyness at making such comparisons. Where else could a meaningful comparison be established if not where the best is happening, where the best comes to offer its services to our hearing in order, precisely, not to overwhelm it. The working title of the Symphonia domestica was: My home. A symphonic self- and family portrait. (Here we pause. My home: an expression that begins to hover, begins to hover at the level of the heart, but whose weightlessness is imperceptible. Which can only mean: it has weight. Weight, in the way music has weight, even though it must be counted among the imponderable things. What better way could there be to tell an autobiographical story that completely addresses the family, than symphonically? Strauss tells the story, massively and lyrically (and somewhat coarsely), of his familial inner life, which at the moment of being told turns into outer life. Family is visible and invisible. And its best way of being visible is by being audible. As a concept, family is too unwieldy, too ambivalent, too historical, too strongly separated from the moment. As music, family is a resounding pleasure without any dissonances mixed in, not a single one, even though there is no lack of skewed, crooked, common tones. Harmony plays no role or only a subsidiary role in matters of musical creation, of sounds arranged in faithful obedience to a compositional concept, blindly conscious – blindly conscious as we are when we attune ourselves to follow our baby’s day-symphony. The harmony that delights us is of a different kind. It arises by inner hearing, in this great space compared to which a concert hall seems like a doll’s house. Music sets off the inner hearing by liberating us from ourselves for these forty-five minutes: sounds escape us differently from the way thoughts do; if we tried to hold on to them, we would miss the whole. That is what the family is like, we think, exactly like that, happily listening to the blandishments of the oboe d’amore. Dedicated to my wife and our boy. Those are the words above the score. Could there be a dedication more steadfastly sweet in its formulation, more innocent, more free, more simple? How easily comparison occurs to us at this moment, how tenderly it nestles close to us, like our baby’s recent way of resting his forehead against our forehead whenever he feels like it.) If we compare music with life, we notice: it can’t be compared. It’s much worse than it is with apples and oranges. Transferring something from music into life is impossible. That is why we love music. Because of its incomparability. And we want all the more to be grateful to music for enlightening us as to the true nature of the family (in these luscious three quarters of an hour that hide themselves as such with ease). The family is as it is: dreamy, fiery, fresh, leisurely, sensitive, angry, calm, singing, very comfortable. A family without a child does not exist, which is why pretty soon, naturally, the next comparison suggests itself (what makes music so incomparably incomparable: it allows itself to be compared with anything, music never objects). When the muted trumpets and clarinets want to assert that the baby is just like the father, while the trombones, horns, and oboes insist on ascribing similarity to the mother, in the symphonic whole it amounts to no more than the music’s little attempt at a joke. Enough comparisons, we think. Our baby resembles you and our baby resembles me. A similarity beyond arithmetic. Let’s just say the similarity is of a musical kind. Let us by all means compare our family’s nature with music, which we will probably not recognize the next time we hear it. And then suddenly it seems completely familiar. Utterly new. Mysterious. Blindly conscious. (What a tangled mess music is! What a pleasure! The dress rehearsal is over. I – a mere listener – take a deep breath. The conductor begins to make corrections. Who in this whole musical history is the conductor? Here and there, a capo, faster, slower, softer . . . together, together, always together! But above all, no hurry! Our last comparison: The family is an accident-free composition, absolutely symphonic, more loud than soft, and always somewhat heroic, its single voice is many-voiced, and it is many-more-voiced than three voices in unison, but who the hell is the director?)(Ultimately that was not a real comparison, and it is not the ultimate comparison either: Our baby’s conductorship, which we so passionately obey, belongs for its part to the sphere of chance and accident. No wonder this is what gives rise to the most beautiful music. When we hear it,

 

 

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