Das zweite Jahr

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Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Kinder sind Wunderkinder, heißt es bei August Strindberg (Das Buch der Liebe), und es ist fast so, als würde diese Überschrift zu einem kurzen Text ausreichen, sich in der wohligen Sicherheit einer warmen Gewissheit zu wiegen. Ja, Kinder sind Wunderkinder! Ein Ausruf, der sich genügt, keiner Erläuterung bedarf, denn jede Erläuterung würde nur seiner Wahrheit Kratzer zufügen, seinen Glanz beschädigen und am Ende ruinieren. Am besten wird es sein, so lange wie möglich in der reinen Anschauung zu verbleiben, die die Gewissheit des Ausrufs garantiert (eine schwierige Übung, die unser Baby aber nachdrücklich von uns fordert. Oft genug zeigt es uns, was wir am schlechtesten können: einfach nur schauen, nur schauen, schauen. Und mag ein Gedanke zu diesem Schauen sich einstellen, der uns klar und wahr vorkommt, ihn in Ruhe lassen! Still sein. Ein Satz, ein Ausruf genügt. Unser Baby praktiziert es. Langsames Herumstreunen, ein Blatt finden, ein Stöckchen, einen Kronkorken – irgendetwas finden -, es in die Hand nehmen, hochhalten, und ein artikulierter Ruf der Freude. Vielleicht ein paar Mal hintereinander. Dann anschauen. Im Schauen bleiben. Auch deshalb sind Kinder Wunderkinder, weil sie etwas können, das uns sofort Kopfzerbrechen bereitet. Finden wir die Wahrheit einmal – und es geschieht häufiger, als wir es bemerken – können wir uns kaum daran hindern, sie zu zerlegen, zerschlagen, zerstören. Innehalten fällt uns unendlich schwer, wie alles dem Nichttun ähnliche – Innehalten, eine Tugend, die unserem Baby in die Wiege gelegt wurde und die es seitdem stets bei sich trägt, auf seinem Kopf trägt, eine Krone, glänzender noch als die Wahrheit selbst). Alle Kinder sind, trotz allem Geschwätz, Wunderkinder. Bis sie schweigen gelernt haben. Kleine Kinder sagen ja oft Dinge, dass man verblüfft ist. Sie verstehen alles, was man spricht, auch wenn man es ihnen zu verbergen sucht. Sie scheinen Gedankenleser zu sein, verraten unsere geheimsten Absichten, bestrafen uns im voraus, heißt es weiter bei August Strindberg. (Wir bringen den Kindern nicht das Sprechen bei, sondern das Schweigen. Von Anfang an sprechen sie, sprechen alles aus, weil sie gar nicht anders können, nicht anders wollen. Allwissende, die sie sind, Allesbemerker, die sie sind, Furchtlose und Mutige, die sie sind. Unser Schweigen ist unsere Mutlosigkeit und Furcht. Ihr zukünftiges Schweigen ist ihre Treue zu uns, ihr Mitleiden an unserer Furcht und Mutlosigkeit. Und irgendwann wird ihr Schweigen wie unser Schweigen sein – das also, können wir dann sagen, haben wir unseren Kinder gründlich beigebracht: Das Schweigen. Ein naheliegender Verdacht: das große Reden und Großreden, die Bedeutung der großen Redner vertuscht das Schweigen, das die große Rede, jedes Großreden in Wahrheit ist. Und wenn es keinen Grund für das Daseins der Babys gäbe, wenn sich kein einziger finden ließe, gäbe es immer noch den, dass unsere Babys uns erinnern, dass sich das mit dem Reden und Schweigen irgendwann verkehrt hat, dass aus dem Reden das Schweigen wurde und aus dem Schweigen das Reden. Und das wäre der Grund, warum die Menschheit ihr Ende finden würde, gäbe es keine Babys mehr – und nicht der Mangel an Nachkommen. Babys sind mehr Erinnerung als Zukunft und ohne diese Erinnerung, ohne das, woran sie uns erinnern, gäbe es keine Zukunft. Es ist so, sagen die Babys, wir sind mit Strindberg einer Meinung und mit Platon sowieso. Strindberg hat ganz recht, wenn er auf Platon verweist, alles, was das Kind lernt, gewinnt es nur zurück aus einem Vorhergehenden. Wir, sagen die Babys, sind Strindberg und wir sind Platon, Strindberg ist ein bißchen verrückt, aber das sind wir ja auch. Und Platon ist auch ein bißchen verrückt, auf eine andere Art, auf eine weniger hitzige Art, aber das sind wir manchmal auch, weniger hitzig, oder wie man heute und nicht zu Strindbergs und Platons Zeiten sagt: cool.) Das Wundersame an Babys ist, dass sie nicht leer sind und auch nicht voll sind. Sie tragen die Zeitalter der Menschheit in sich, wenn sie zu uns kommen, aber nicht als Ballast, Rucksack, Traurigkeit. Sie wissen alles, aber nicht auf diese Weise, wie wir uns alles wissen vorstellen. Sie finden das Wissen, Forschen, Anschauen amüsant. Genau das scheint ihre Haltung zu sein, mit der sie auf die Welt kommen: diese Welt ist Amüsement. Das ist die Babyart, die Welt wertzuschätzen. Eine Wertschätzung, die so radikal ist, dass sie nichts als nicht Wert zu schätzend ausschließt. Aber dann heißt es bei Strindberg: „Tu das nicht!“, sagte mein zweijähriges Kind, ehe meine Absicht noch halb gereift war. Auch so sind die Babys. Da kugeln sie gerade noch in totaler Wertschätzung durch unsere Welt und im nächsten Augenblick ermahnen sie uns. Wie soll man diese Ermahnung verstehen? Müssten wir, wenn wir bei Sinnen sind, nicht eine Ermahnung durch unser Baby, nein, allein die Idee einer solchen, rüde ablehnen und ins Reich der sogenannten Hirngespinste verweisen? Andererseits ist es schwer, diesen Gedanken, einmal gefasst, wieder loszuwerden. Vielleicht möchte uns unser Baby bloß vor jeder Unaufrichtigkeit bewahren, deren Verführungen wir kaum widerstehen können. Will unser Baby doch in jedem Augenblick (wirklich in jedem, nicht nur ab und zu, oder in jedem zweiten Augenblick oder zehnten), dass wir nichts tun, ohne es ganz zu tun, und Ganzes zu tun, muss bedeuten, nie die Verbindung zu dem, woraus wir etwas tun, zu verlieren, und Verbindung soll heißen, dass wir wie unser Baby eine Rückverbundenheit beachten, aus der heraus wir nicht länger Handelnde sind. So klug ist unser Baby. Und wenn wir noch weitere Fragen haben oder uns etwas unklar geblieben ist, wird uns unser Baby auf Nachfrage wie bei August Strindberg schelmisch und überlegen anlächeln und antworten: „Das weißt du schon selber.“ (Da kommst du vorbei mit unserem Baby auf dem Rücken und berichtest, du glaubst, es hätte heute sein erstes richtiges Wort gesprochen, Decke, beim Herumtragen der kleinen, weißen Wolldecke und dabei hätte sein Gesicht einen scheuen Ausdruck angenommen. Und du sagst weiter, ich hätte gerade ganz und gar keinen scheuen Ausdruck im Gesicht, ganz im Gegenteil, auch wenn du nicht zu sagen wüsstest, was genau das Gegenteil von scheu wäre, treulich womöglich. Als ich dir berichte, worüber ich eben, bevor du kamst, nachgedacht haben, sagst du, aha! Lange sinne ich darüber nach, was dieses aha! bedeuten mag, während ich Kartoffeln und Zucchini in kleine Stücke schneide, denke ich darüber nach, auch während ich später die Küche aufräume und auch, während du unser Baby ins Bett bringst und überhaupt den ganzen Abend, bis wir uns schlafen legen. Beim Einschlafen schließlich komme ich darauf, was dieses aha! bedeutet. Kaum liest man ein bißchen Strindberg, bedeutet es, wird man schon wie Strindberg und nicht nur ein bißchen, man ist dann Strindberg, wie eigentlich nur Babys Strindberg sein können. Strindberg, denke ich beim Einschlafen, ist ein echter Babyautor, seine Wahrheitsart ist wie die Wahrheitsart der Babys, das ist so, weil er selbst ein Wunderkind ist, wie wir alle, wie wir alle).

Children are wonder-children, it says in August Strindberg (The Book of Love), and it is almost as if this brief title would suffice for a brief text in which to lull oneself in the comforting assurance of a warm certainty. Yes, children are wonder-children! An exclamation that is sufficient to itself, does not require explanation, for any explanation would only mar its truth, damage its luster, and ruin it in the end. It will be best to abide as long as possible in the pure contemplation that the certainty of this exclamation guarantees (a difficult practice, but one which our baby emphatically demands of us. Often enough he shows us what we are least able to do: just seeing, just seeing, just seeing. And if a thought about this seeing should arise — a thought that strikes us as clear and true – let it be! Just be still. One statement, one cry is enough. Such is our baby’s practice. Slowly roaming about, finding a leaf, a stick, anything – taking it into his hand, holding it up, and an articulate cry of joy. Perhaps a few times in a row. Then look at it. Stay with the seeing. This is one more reason why children are wonder-children: that they can do something that immediately turns into a headache for us. If we stumble on the truth – and it happens more frequently than we notice – we can hardly prevent ourselves from taking it apart, smashing it, ruining it. Stopping is infinitely difficult for us, like anything that resembles non-action – stopping, a virtue our baby seems to have been born with and which he always carries with him, on top of his head, a crown, more radiant than truth itself. All children are, in spite of idle talk, wonder-children. Until they have learned not to talk. Little children often say things which astound one. They understand all that we say even when we hide it from them. They seem to be thought-readers, divine our secret purposes, and rebuke us beforehand, it says further in August Strindberg. (We don’t teach children how to speak, we only teach how not to speak. They speak from the beginning, and say everything out loud, because they can’t do otherwise. All-knowing ones that they are, all-noticing ones that they are, fearless and courageous ones that they are. Our not-talking is our discouragement and our fear. Their future not-talking is their way of being faithful to us, is their compassion with our fear and discouragement. And at some point their silence will be our silence – so this, we can say then, is something we thoroughly taught our children: how not to speak. An obvious assumption suggests itself: great speeches as well grandiloquent talk, the importance of the great orators camouflages the not-saying that every great speech and all grandiloquence actually are. And if there were no reason for our baby’s existence, because no such reason could be found, there would still be the fact if which our babies remind us, that the business of speech and silence at some point reversed itself, that speech became silence and silence speech. And that would be the reason why humanity would come to an end if there were no more babies – and not the lack of offspring. Babies are more memory than future and without this memory, without that of which they remind us, there would be no future. That is so, the babies say, we are in agreement with Strindberg, and with Plato too, that goes without saying. Strindberg is completely right when he refers to Plato, everything the child learns is merely a recovery of something that existed before. We, the babies say, are Strindberg and Plato, Strindberg is a little crazy, but so are we. And Plato is a little crazy too, but in a different way, in a less heated way, but that is something we are too, sometimes, or, as people say nowadays and didn’t say when Strindberg and Plato were alive: cool.) The strange thing about babies is that they are not empty and not full either. They carry the ages of humanity within themselves when they come to us, but not as a burden, a backpack, sadness. They know everything, but not in the way we imagine knowing everything would be. They find knowing, exploring, examining amusing. Just that seems to be the attitude with which they come into the world: this world is amusement. That is the babies’ way of appreciating the world. An appreciation that is so radical that they find nothing not worthy of appreciation. But then it says further in Strindberg: “Don’t do that, said my two-year-old child before my plan was half formed” — that too is how babies are. One moment they are rolling through our world in total appreciation, and the very next moment they rebuke us. How should we respond to this rebuke? Should we not, if we are in our right mind, brusquely reject a rebuke from our baby, even the very idea of such a rebuke, and relegate it to the realm of so-called chimeras? On the other hand it is difficult to dismiss this thought once once has formed it. Maybe out baby only wants to protect us against insincerity, which tempts us almost irresistibly at every turn. That what our baby wants of us at every moment (truly at every moment, not just now and then, or at every other moment or every tenth) is that we do nothing without wholly doing it, that we act wholeheartedly, must mean never losing the connection with what we act out of, and connection means that, like our baby, we do not ignore a connection with a source out of which we are no longer the agents of our deeds. That is how smart our baby is. And if we have any further questions or something is still not clear, our baby will respond to our queries, as the child does in August Strindberg, roguishly and with a knowing smile: “You already know that yourself.” (Just now you come in with our baby on your back to tell me you think he said his first real word today, blanket, while carrying the little white woolen blanket, and that his face took on a shy expression. And you say further that I at the moment don’t have a shy expression on my face, quite the opposite, even though you can’t say what exactly the opposite of shy might be, confiding perhaps. When I tell you what I was thinking about just before you came, you say, Aha! For a long time, I wonder what this Aha! might mean, while cutting potatoes and zucchini into small pieces I’m still thinking about it, and later while cleaning up in the kitchen and also while you put our baby to bed and actually throughout the evening until we lie down to sleep. While falling asleep I finally realize what this “Aha!” means. The moment one reads Strindberg just a little, it means, one is already Strindberg and not just a little, one is Strindberg, just as, in truth, only babies can be Strindberg. Strindberg, I think, as I fall asleep, is a true baby author, his kind of truth is the babies’ kind of truth, and this is so because he himself is a wonder-child, just as we all are, all of us.

 

 

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