Das zweite Jahr

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Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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So im weit ausholenden Garten sitzend, auf Augenhöhe mit der Landschaft des Burgunds, der sanften, satten, grünen Hügelung, unter der gewölbten, blass blauen Kuppel des Himmels , der Arena des unaufhörlichen Gesangs der Vögel, durchsichtiger Klang in der durchsichtigen, frisch gewaschenen Luft (in der Nacht hat es geregnet, aber schon jetzt am Morgen haben Wind und Sonne die Wiesen wieder getrocknet): so befinden wir uns in unserem Element. Kinder sind gerne draußen, im Freien, wo alle Grenzen sich im unerreichbaren Horizont verlieren. Draußen: viel auf dem Boden herumliegen, klettern, krabbeln, rollen, und dann loslaufen, die gemütliche graue Decke verlassend, wieder zurückkehrend, verlassend, zurückkehrend. Draußen: Grashalme ausrupfen und zerreißen, keinem Menschen, keinem Baby würde sein Leben ausreichen, jeden Halm dieser Wiese auszureißen und zu zerkleinern. Gras wächst zu schnell für uns Menschen, daher wahrscheinlich seine Geduld und Schmerzlosigkeit. Und Gänseblümchen köpfen, das lernt man früh, ohne dass es einem jemand beigebracht hätte. Winzige Spiegeleier, kreisrund, die sich Zeit lassen mit dem Welken und Schrumpfen, als hätten sie noch nicht gemerkt, was ihnen angetan wurde. Dottergelb und Reinweiß, abgerissen oder nicht, die Köpfchen bleiben appetitlich, lebendig oder tot (aber Pflanzen sterben ja nie: die magere Clematis im Beet an der geziegelten Wand des westlichen Anbaus an unserem Haus, eingefasst von einem kleinen geflochtenen Weidenzaun, weiß, wovon wir reden. Sie selbst kümmert – wir haben immerhin schon Mitte Mai – dahin, aber ihre Einzäunung hat plötzlich einen starken Trieb entwickelt, der jetzt im stumpfen Winkel deutlich nach Osten zeigt und erste grüne Blätter entfaltet hat.) Das Baby und die Natur: ganz anders als wir kennt es keine Sorge um sie, noch Ehrfurcht. Es denkt nicht über sie nach. Es liegt an den Größenverhältnissen, alles liegt an den Größenverhältnissen. Im Freien verschieben sich die Dimensionen, alles wirkt größer und dann verschwindet der Eindruck als würde die Größe selbst ihn einsaugen und alles wird klein. Die Ferne ist groß und weit, und passt doch in ein, zwei Hände, ist zum Greifen nah. Eine Miniaturwelt, das ist die wahre Welt (die Welt der Geräusche ist eine andere: das Quietschen der Gartentür in ihren Angeln, was für ein unfassbar zeitloser Ton, der nur zwei, drei Höhen kennt und dessen Intervalle nie vorhersagbar sind. Immer, wenn man vermutet, jetzt gibt es wieder ein Quietschen zu hören, bleibt die Tür stumm. Um das Ohr sogleich neuerlich zu überraschen. Wundersame Verwandtschaft mit den Gelbbauchunken, die mit Beginn der Abenddämmerung ihren hohlen runden Ruf hören lassen, mit der gleichen Unvorhörbarkeit wie das Quietschen der Gartentür. Tags wie nachts gibt es keinen Rhythmus, keinen Takt, nichts Berechenbares, dem das Leben folgen würde, darin bestärken uns Gartentür und Unke einstimmig). Eine Miniaturwelt, gerade recht für Insekten, die bodennah über uns hinweg und durch uns hindurch fliegen, wie winzige Gedanken, zu klein für uns, um sie zu ergreifen (unser Baby deutet auf die hübschen Feuerwanzen, die sich auf der rissigen Beeteinfassung aus Stein versammelt haben, übereinander klettern, manchmal dabei abstürzen, aber für eine Feuerwanze ist ein Absturz kein Absturz. Es zeigt mit seinem leicht gebogenen Zeigefinger auf sie, ein dichtes Deuten kurz vor der Berührung, sieht fragend zu uns auf, aber wir wissen keine Antwort auf diese geblickte Antwort, als nickend zurückzublicken). Miniaturwelt: romanische Bildhauerei verstand sich gut darauf. Im Musée Rolin in Autun befindet sich die Eva des Meister Gislebertus. Sie ist viel schöner, viel zarter und zugleich viel größer als gedacht. Ausgestreckt käme die Figur fast auf die Maße einer zierlichen Frau. Sie besitzt also Dreiviertelsgröße, die Verkleinerungsform der Zärtlichkeit. (So steht es in Helmut Domkes Buch über das Burgund, 1963 erschienen, also vor unvordenklichen Zeiten, geschrieben im Stil kenntnisreicher Begeisterung, der an sich vielleicht schon eine Art Miniatur aus den Dingen macht, weil er sie so nah ans Auge holt, wie das Kind, das auf dem Bauch liegend durchs Gras blickt, jeden Grashalm einzeln erkennen kann, was dem Blick von oben nicht möglich ist; er sieht nur Wiese). Die Verkleinerung der Welt gebiert Zärtlichkeit! Daher also die Zärtlichkeit, die wir für unser Baby (und all die anderen Babys) empfinden, schießt es uns in den Sinn, eine Erkenntnis gegen die wir nicht den geringsten Widerstand verspüren, noch aufbringen könnten, die Erkenntnis des heutigen Tages, gerade richtig groß, uns nicht übermütig werden zu lassen. (Die Verkleinerung nicht zu beachten und zu achten – was für eine Barbarei. Begangen von den Banausen der französischen Revolution, die den ehemaligen Türsturz über dem Nordportal der Kathedrale von Autun ohne Bedenken fortgerissen haben. Das machen sie gern die Jüngeren: im Namen des Fortschritts das Alte ohne Ansehen und Respekt zu vernichten – mit einem Seitenblick auf unseren Sohn gedacht, wie viel Revolution mag in ihm stecken?) Und den ganzen Tag ruft der Kuckuck, eine Art Bassist im Vogelorchester, nicht die anspruchvollste Stimme, aber er spielt fast immer mit, so dass man seinen Beitrag gern vergisst, bis man plötzlich wieder an ihn erinnert wird, wenn für einen Augenblick die anderen Stimmen innehalten. Wir können in und über die Hecke am unteren Rand des Grundstück blicken, ein überwältigend schönes Geflecht aus Buche und Flieder und Röschen, Brennnesseln und hellviolett blühenden Ranken, ein bisschen Efeu, er sich dazugeschlichen hat und hohen eleganten Gräsern. Da drin wohnen die Vögel, in gemütlichen, kleinen Höhlen, die sie schützen und verbergen, von dort können sie herausblicken, hinüber auf den Hügel auf der anderen Seite der Senke, auf ein Haus mit neu gedecktem Dach, einem Bagger, einem Lastwagen und einem Betonmischer vor dem eingerüsteten Scheunentor, aber keinen Arbeitern. Als würde dieses niedliche Arrangement auf eine aus dem Himmel greifende Kinderhand warten, die Lust hat, Baustelle zu spielen. Miniatureffekt: eine Einstellung an unserer Kamera, ein Spezialeffekt, der aus dem gewählten Bildausschnitt eine Modelleisenbahnwelt erzeugt, übertrieben in den Farben und zu den Rändern hin in Unschärfe verschwimmend. Aber unser eigener Miniatureffekt, unser Blick und seine eigene Verkleinerungsform der Zärtlichkeit kommt uns stärker vor, weil absichtslos und unberechnet. In Autun fanden wir am frühen Vormittag unseres Besuchs direkt vor der Kathedrale einen Parkplatz auf dem kleinen ummauerten Geviert, mit viel Raum zum Öffnen der Türen nach links und rechts, dank der in ungeschicktem (oder geschicktem) Abstand gepflanzten Platanen, zu eng für zwei Autos nebeneinander. Ein fast unwirklich kleiner Parkplatz (für vielleicht dreißig Wagen) in der großen Autowelt, der uns glauben macht, man könnte aus der großen Welt bisweilen unmerklich in die kleine Welt überwechseln, hineinrutzschen, in der alles so einfach und beherrscht abläuft und sich fügt wie in den Miniaturwelten der Kinderzeit. Auf den Stufen der Freitreppe zur Kathedrale aber finden wir eine aus dem Nest gestürzte Taube, in der sich nur noch wenig Leben regt, das ihr Köpfchen nach vorne zucken lässt. Wieso das gerade beginnende, noch flaumige Leben schon wieder endet, ist rätselhaft und tief in uns gibt es eine Erschütterung, dort wo wir nichts kontrollieren können, dort an einem Ort, den wir normalerweise nicht spüren, wo nichts, was uns an Mitteln zur Verfügung steht (kein Gefühl, kein Verstand, keine Logik, auch nicht unser Herz), hinreicht. Nur unser eineinhalbjähriger Sohn ist nicht erschüttert. Er steht auf der selben Stufe wie der sterbende Vogel und streckt seinen leicht gebogenen Zeigefinger nach ihm aus. (Auf der Heimreise in einer Raststätte: Unser Baby steht leicht schwankend vor einem Drehständer mit Karabinern in durchsichtigen Plastikverpackungen und zieht langsam einen roten, danach einen blauen vom Haken. Eine Variante des Miniaturweltgedankens. Eine Umkehrung. Der Blick und Griff des Babys in die große Welt, die Welt der Karabiner in Raststätten, der Welt der Übertreibung.)

Sitting like this in an ample, far-stretched garden, at eye level with the landscape of Burgundy, with the mild, saturated green of the hills, beneath the pale blue vault of the sky, the arena of the birds’ ceaseless singing, transparent sound in the transparent, freshly washed air (it rained during the night, but already this morning wind and sun have dried the meadows): this is how we feel ourselves to be in our element. Children like to be outdoors, in a landscape where all limits are lost in the unreachable horizon. Outside: lying on the ground a lot, climbing, crawling, rolling, and then running off, leaving the comfortable gray blanket behind, coming back, leaving, coming back. Outside: pulling out and tearing blades of grass, no human being, no baby could live long enough to pull out and diminish each blade of grass on this meadow. Grass grows too fast for us humans, hence probably its patience and painlessness. And decapitating daisies, that is something one learns early without having to be taught. Tiny fried eggs, perfectly circular, taking their time to wither and shrink, as if they had not yet noticed what was done to them. Yolk-yellow and pure white, torn off or not, the little heads remain appetizing to look at, whether living or dead (but plants never die: the lean Clematis in the flower bed by the tiled wall of the western annex of our house, surrounded by a small wicker fence, knows what we are talking about. The flower itself is withering away – we’re in the middle of May, after all – but its fence has suddenly developed a strong shoot that is now clearly pointing East at an obtuse angle and has unfolded its first green leaves.) The baby, completely unlike us, knows neither fear nor awe of nature. He does not think about it. It’s all due to relative size; everything is due to relative size. Outdoors, dimensions shift, everything seems bigger and then that impression disappears as if bigness itself were sucking it in and everything becomes small. Distance is great and wide, and yet it fits into one or two hands, is palpably close, within reach. A miniature world, that is the true world (the world of sounds is different: the squeaking of the garden gate in its hinges, what an unfathomably timeless sound, which knows only two or three pitches and whose intervals are never predictable. Always when one expects to hear another squeak, the gate remains silent. Only to surprise the ear all over again. Wondrous relationship to the yellow-bellied toads, whose hollow, round call begins to sound out at the start of dusk, baffling one’s ears’ anticipation exactly like the squeaking of the garden gate. Neither by day nor by night is there any rhythm or beat or calculable pattern for life to follow: of this the toad and the garden gate assure us in unison). A miniature world, made to order for insects that fly close to the ground above us or through us, like minuscule thoughts, too small for us to grasp (our baby points at the pretty firebugs that have gathered on the cracked stone frame of the flower bed, climbing over each other, sometimes tumbling to the ground, no big comedown for a firebug. He points at them with a slightly curved index finger, a close pointing near the edge of touch, looks up at us with a questioning look, but we have no other answer to this ocular answer than to look back at him, nodding). A miniature world: Romanesque sculpture had a good grasp of this. In the Musée Rolin in Autun one can see Master Gislebertus’s Eve. She is much more beautiful, more delicate, and at the same time much bigger than we had thought. Stretched out, the figure would almost have the proportions of a petite woman. So she is three quarter size, the diminutive of tenderness. (That is what it says in Helmut Domke’s book about Burgundy, published in 1963, an immemoriably long time ago, written in the style of enthusiastic connoisseurship, which perhaps is inherently prone to make miniatures out of things, because it brings them as close to the eye as the child does when it lies on its belly peering through the grass, where it can see every individual leaf of grass, which is impossible for the view from above, which only sees meadow). The diminishment of the world gives birth to tenderness! Hence the tenderness we feel for our baby (and all the other babies), an insight that shoots through our mind without provoking the slightest resistance, nor could we bring ourselves voluntarily to object to this day’s insight, just the right size to prevent us from getting too cocky. (Not to show consideration and respect for the art of diminishment – what barbarism. Committed by the philistines of the French Revolution, who tore down the former lintel over the Northern portal of the Cathedral of Autun without compunction. This is something the younger ones like to do: tear down the old without credit or respect – a thought accompanied by a side glance at our son, wondering how much revolution may be lurking inside him.) And all day long the cuckoo calls, a sort of bassist in the birds’ orchestra, not the most sophisticated voice, but he toots along with the others, so that one is happy to forget his contribution until at some point one is reminded of it when the other voices fall silent. We can gaze into and over the hedgerow at the bottom end of the garden plot, an overwhelmingly beautiful network of beech and lilac and little roses, stinging nettles and mauve blooming vines, a little ivy that has sneaked in, and high elegant grasses. That is where the birds live, in comfortable little caves that protect and hide them, and from where they can look out at the hill on the other side of the incline, at a house with a newly shingled roof, a bagger, a truck, and a cement mixer in front of the scaffolded barn gate, but no workers. As if this sweet little arrangement were waiting for a child’s hand to reach down from the sky and play construction site. Miniature effect: a setting on our camera, a special effect that turns a selected detail into a model train world, with exaggerated colors that blur into haziness toward the edges. But our own miniature effect, our view and its own diminutive of tenderness, seems stronger to us, because it is unplanned and uncalculated. In Autun, in the early morning of our visit, directly in front of the Cathedral, we found a parking spot on the small walled-in square, with plenty of room for opening the doors right and left, thanks to the plane trees planted at an awkward (or clever) distance from each other, too close for two cars side by side. An almost surreally small parking area (for maybe thirty cars) in the great automobile world, which makes us believe that one could occasionally slip unnoticed from the big world into the small world, where everything unfolds and fits together as it did in the miniature worlds of childhood. But on the steps of the Cathedral’s main flight of stairs we find a pigeon that fell from its nest, with just a remnant of life still stirring, making its little head twitch toward the front. Why this life, still downy and barely begun, should already be ending, is mysterious, and deep inside us there is a shock and a tremor, there where we cannot control anything, there in a place we normally do not feel, where none of the means at our disposal (no feeling, no understanding, no logic, nor even our heart) can reach. Only our one-and-a-half-year-old son is not shaken. He stands on the same step as the dying bird and stretches his slightly bent index finger toward it. (On the trip home at a service station: our baby stands slightly swaying in front of a revolving stand with karabiner clips in transparent plastic wrappers and slowly pulls a red one and then a blue one of the hook. A variant of the miniature world idea. An inversion. The baby’s view of and grasping reach into the big world, the world of karabiners in service stations, the world of exaggeration.)

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