Das zweite Jahr

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Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Einer der großen Meister, der größte vielleicht, ein wahrer Meister in jedem Fall (und nicht so ein kleiner betrügerischer Meister wie unser Baby, der gerade dabei ist, seiner eigenen Meisterschaft zu entwachsen oder aus der Einfachheit seiner anfänglichen Existenz hinüberzutreten ins komplexe Dasein aus Vorlieben und Abneigungen, das wir schon seit sovielen Jahren unsere Heimat nennen), dieser Meister also (aber das ist ungerecht unserem Baby gegenüber, denn ihm ist doch jede Form des Betrugs fremd, und wenn wir glauben, es täuscht uns, dann geht es dabei weniger um ein Kommunikationsproblem als um unsere großen Schwierigkeiten, das Wahre zu erkennen, ja, dabei fehlt es uns ebenso am Willen wie an der Fähigkeit, unseren Mund an die Wand zu hängen, wir können das ruhig gestehen, außer unserem Baby kann uns ja niemand hören), Meister Dogen also (der unserem Baby nur sehr entfernt ähnlich sieht, doch ein bißchen: die vollen Lippen, die alle möglichen Frauen in Kusslaune versetzen und das wenige, dünne Haupthaar, das die Schönheit des Schädels zur Geltung bringt und die Augen, die Augen, die sich nicht so leicht vom einmal Erfassten ablenken lassen, mondtreue Augen), dieser große Meister, der kein Thema nicht sein Thema werden lässt, sich also  auch der Familie zuwendet (Familie!: kein erschütterndes, aber ein erschüttertes Wort. Ein Beben ist durch dieses Wort gerollt, nicht einmal, nicht zweimal, hunderte Male, besonders in jüngerer Zeit, und mancher unterirdische Hohlraum, der plötzlich sichtbar wurde und schon drohte, das ganze Gebilde zum Einsturz zu bringen, schien berechtigte Gründe zu liefern, die Familie in ein schlechtes Licht zu rücken. Nun aber zeigte und zeigt die Familie ihre Stärke, zeigt sich getragen von einer besonderen Kraft, gleichsam immun gegen Hohlräume oder vielmehr gestärkt durch die Entdeckung eigener Tiefe und Hintergründigkeit, dass man aus dem Staunen nicht wieder herausfindet. So geht es uns: wir staunen über die Energie, die der Familiengeist aus sich herausfördert mit nicht absehbarem Ende, wundersames Sprudeln!), Meister Dogen, was spricht er von der Familie? (Meister Dogen: schon mit zwölf Jahren ist er in ein Kloster eingetreten, ein Kind, das Mönch wird, regt unsere Spekulation an. Müsste nicht eigentlich jedes Kloster nicht nur von einem Kind, vielmehr von einem Baby geführt werden? Kann uns nicht ein Zwölfjähriger und erst ein Baby viel besser belehren, als ein Erwachsener es je könnte? Steht nicht das Kind, das Baby an der Spitze der Familie, läuft es – selbst, wenn es noch nicht laufen kann – gewissermaßen vorneweg, dorthin, wo wir alle hin wollen, müssen, sollen?) Meister Dogen (wir wollen uns erinnern, wer Meister Dogen war, ist. Ein Mann des Zazen, der Mann des Zazen, ein Ursprungsmann, dessen Erläuterungen des Dharma, der juwelischen buddhistischen Lehre, höchst komplex und schillernd sind, niemals ins Leere laufen und dessen Worte sich gleichsam in unseren Körper versenken, in dem Sinne, wie wir die Laute unseres Babys nicht bloß hören, sondern spüren, wie sie in uns schwingen und Schwung in uns bringen). Meister Dogen über Buddhas Lehre, den achtfachen edlen Pfad, Nummer vier, rechtes Handeln (um Eines klar zu stellen: wir befinden uns alle auf einem Weg, dem Weg, egal, ob wir von uns glauben, die radikalsten Atheisten zu sein oder die fanatischten Gotteskrieger, ob wir gewissenhafte Wissenschaftler sind oder lustvolle Schwätzer, skeptische Künstler oder gierige Finanzjongleure, ob unglückliche Mörder oder glückliche Stars, Tierpfleger, Marathonläufer – wir alle sind auf dem Weg, wir alle hören Meister Dogen, auch, wenn wir etwas ganz Anderes hören und etwas ganz Anderes hören wollen. Natürlicherweise befinden wir uns auf dem Weg zur Wahrheit, ob wir dabei vor Anstrengung schwitzen, in Gold baden oder den Kopf gegen die Wand schlagen, wohin sonst sollten wir unterwegs sein? Es ist eine Frage herzlicher Logik, deren Existenz man abstreiten kann und nicht abstreiten kann. Wir bezweifeln das Tun, unser Tun, unser tägliches Tun. Wir bezweifeln die Tat nicht nur, wir glauben nicht an die Tat. An unsere Tat. (Wahrscheinlich gab es nie eine Zeit, in der das Handeln, das eigene Handeln so sehr in den Mittelpunkt des Lebens gerückt ist wie in unserer Gegenwart, die aus dem eigenen Tun einen Fetisch der Anbetung gemacht hat und weiterhin macht. Sehen wir dabei ruhig auf unser Baby, auf seinen herrlichen Aktionismus, seinem Puls, der in der ganzen Welt schlagen will.) So spricht Meister Dogen: „Rechtes Handeln“ als ein Glied des achtfachen Pfades ist, Haus und Familie zu verlassen, um die Wahrheit zu erlernen … Wollen wir zur Wahrheit kommen, sollen wir unsere Familie verlassen? Was?! Die Familie als ein Hindernis auf unserem Weg der Erkenntnis und Selbsterkenntnis betrachtet, verurteilt, verachtet? Meister Dogen schränkt ein: nur die, die Nachfolger im Rang eines Buddhas werden wollen, müssen fähig sein, ihre Familien zu verlassen. Und wir wollen doch keine Buddhas werden! Und wir wollen doch Buddhas werden!! Warum sonst folgen wir unserem kleinen Babybuddha (sandverklebter Nasenrotz hängt auf seiner Oberlippe, wir brauchen ein Tempo), warum sonst unsere tägliche Übung, wenn wir nichts damit erreichen wollten? Meister Dogen spricht uns Laien die Fähigkeit, die Wahrheit zu erforschen, ab, nur der, der seine Familie verlässt und Mönch wird oder Eremit, ihm allein soll vorbehalten und möglich sein, was doch nichts anderes ist als innerste, oberste Ziel eines jeden Menschen. Kein Wunder, dass die Wahrheit sich das irgendwann nicht mehr hat gefallen lassen und ihre familiäre Seite wenn auch noch nicht offenbart, so doch mehr und mehr offenlegt. (Da juckt uns eine Polemik, all die Kinder, oft noch Babys, fallen uns ein, die, in verschiedenen Einrichtungen früh verbracht, ja, von früh bis spät, weil die Eltern ihren Dienst an der Arbeit verrichten müssen und wollen – elterliches Verlassen der Familie, das eigenartig rührt und aufrührt, verkehrt herum angewandter Meister Dogen?) Stelle dir nur vor, sage ich zu dir, sagst du zu mir, du verlässt deine Familie. Stelle es dir vor, du gehts, von heute auf morgen, weil du dich auf die Suche machen willst nach etwas Größerem, etwas, das so groß ist, dass selbst deine kleine Familie bei der Suche danach nur stören würde. Wir stellen es uns vor, du stellst es dir vor, ich stelle es mir vor: wir verlassen die Familie, um die Wahrheit zu finden (oder das Glück, den Reichtum, den Erfolg – sind nicht alle drei ihre irdischen Stellvertreter?). Es fällt nicht leicht, einem großem Meister zu widersprechen, Meister Dogens gelehrter Reichtum ist so beeindruckend, dass uns unser Widerspruch wie Frevel erscheint, nicht, weil wir uns dadurch kleiner machen, als wir sind, nicht, weil wir uns dadurch größer machen, als wir sind, nein, weil wir dadurch ganz genau sind, wer wir sind. Also, ehrwürdiger Meister Dogen, wir glauben, wissen, denken, fühlen, dass sich uns die Wahrheit nur nähert und wir uns unsererseits der Wahrheit nur nähern, wenn wir nicht nur in der Familie bleiben, sondern tiefer und weiter in sie hineinwachsen, wir glauben, dass der wahre Mensch nur der Familienmensch sein kann (aber wir glauben nicht, müssen wir hinzufügen, dass der, der kein Familienmensch ist etwa der unwahre Mensch wäre), aus dem einfachen Grund, dass unser kleiner großer Meister, unser Baby nur in der Familie wirkt und wirken kann, dass er uns täglich zeigt, was du in der heiligen Zazenhalle mit vielleicht der gleichen Mühe zu üben lehrst, ja auch wir leben in einer Halle der Stille, auch wenn es sich oft anhört, als würden wir in einer Halle des Lärms leben. Rechtes Denken, sagst du, ist nichts anderes als ein verschlissenes Zazenkissen. Rechtes Denken, sagen wir, ist nichts anderes als ein zerschlissener Body (oder eine verschissene Windel). Übrigens ist die Familie nichts, das wir besitzen und umgekehrt sind wir auch nicht Besitz der Familie. Die Struktur, die sie unserem Leben gibt, kann sie ihm noch mit dem gleichen Atemzug wieder nehmen. Das Band, das uns verbindet, bindet uns nicht etwa, wie man glauben könnte, sondern seine Verbindung löst die Lebensknoten – ein bißchen paradox denken auch wir. Du merkst, wir geraten gerade in die reinste Familienschwärmerei, die wir leichtsinnig zu dir hin, über die achthundert Jahre, die uns trennen, hinüberschicken, weil es uns eine Freude ist, uns den alten Meistern zuzuwenden, wie es uns eine Freude ist, uns den jungen Meistern zuzuwenden: hörst du ihn rufen? Unser Baby ruft. Es ruft nach dir: Do-gen, Do-gen, Do-gen.

One of the great Masters, the greatest perhaps, a true Master in any case (and not a little fraud of a Master like our baby who is right now in the process of outgrowing his mastery or stepping out of the simplicity of his original being into that complex existence made of likes and dislikes which we have been calling home for so many years); this Master, then (but that is unfair to our baby, for he does not know any kind of deceit, and when we think he is misleading us, it’s usually not due to miscommunication so much as it is to our own great difficulties in recognizing what is true: this is something for which we lack the will and also the ability to hang our mouth on the wall, we might as well admit it, no one can hear us except for our baby); Master Dogen, then (who bears only a very remote resemblance to our baby, but still a resemblance: the full lips that put all sorts of women in a kissing mood, and the sparse hair on his head, which enhances the beauty of the skull, and the eyes, the eyes, which are not so easy to distract from whatever they may have settled on, moon-drawn eyes), this great master who permits no subject not to become his subject, and who consequently also gave thought to the family (family!: not a shocking word, but a shocked one, shaken. A rumbling quake has rolled through this word, not once, not twice, hundreds of times, especially in recent times, and many a subterranean hollow space that suddenly became visible and was already threatening to cause the whole edifice to collapse seemed to offer sound reasons for moving the family into an unfavorable light. But now the family showed and shows its vigor, shows itself to be sustained by a very special strength, immune, as it were, to hollow spaces, or rather, fortified by its own newly realized depth and subtleness, and this is so astonishing that one never ceases to be amazed. That is how it is with us: we are amazed by the energy that the family spirit manages to produce from itself, with no end in sight, this wondrous bubbling effervescence!); Master Dogen, what does he say about the family? (Master Dogen: he joined a monastery at the age of twelve; a child who becomes a monk – here is something to speculate about. Should not every monastery be led by a child, or rather by a baby? Can a twelve-year-old, and even more so a baby, not teach us much better than any adult possibly could? Is the child, the baby, not at the head of the family, is this infant not walking – even if it cannot walk yet – ahead, so to speak, going where we all want to, must, should go?) Master Dogen (let us remember who Master Dogen was, is. A man of Zazen, the man of Zazen, a man of origin, whose explanations of the Dharma, the jewel-like teaching of Buddhism, are highly complex and dazzling and never strike a dead note, whose words take root in our body, as it were, just as we not only hear our baby’s sounds but feel them vibrating within us and enlivening us). Master Dogen about Buddha’s teaching, the noble eightfold path, Number Four, right action (to clarify one thing: we are all on a path, the path, no matter whether we consider ourselves to be the most radical atheists or the most fanatical holy warriors, whether we are conscientious scientists or sensuous gasbags, skeptical artists or greedy finance jugglers, unhappy murderers or happy stars, animal caretakers, marathon runners – we are all on the path, we are all hearing Master Dogen, even when we are hearing and wanting to hear something quite different. Naturally we are on the path to truth, no matter if we are sweating from the exertion of being on our path, or if we are bathing in gold or knocking our head against the wall, where else would we be going? It is a matter of heartfelt logic, whose existence can be denied and not denied. We have doubts about action, our own action, our daily activities. We not only doubt action, we don’t believe in it. In our action. (Probably there has never been a time when action, one’s own action, has played such a central part in life as it does in our time, which has made and continues to make one’s own act a fetish-like object of blind adoration. Let us consider our baby, his glorious actionism, his pulse that wants to beat in the whole world.) Thus speaks Master Dogen: “RIght action” as part of the eightfold path means to leave home and family in order to learn the truth . . . Do we want to arrive at truth? Should we leave ur family? What?! The family regarded, judged, despised as an obstacle on the path of realization and self-realization? Master Dogen qualifies: only those who want to be followers of a Buddha’s rank must be capable of leaving their families. And we don’t want to become Buddhas! And yet we do want to become Buddhas!! Why else would we follow our little Babybuddha (a mix of snot and sand hanging off his upper lip, we need a tissue), why else our daily practice, if we don’t want to achieve anything with it? Master Dogen disputes the capacity of us lay people to study the Truth, only one who leaves his family and becomes a monk or a hermit, only such a person is granted the possibility of attaining what surely cannot be anything but the inmost and supreme goal of every human being. No wonder the Truth at some point took objection and is now, if not revealing its familial side, at least laying it open to view. (And here a tempting polemic occurs to us, we’re thinking of all those children, often still babies, who are taken to various institutions early in the day, indeed from the early to the late hours, because their parents have to and want to work – parents leaving the family, a strangely touching and upsetting thought, Master Dogen applied the wrong way around?) Just imagine, I say to you, you say to me, imagine leaving your family. Imagine leaving, from one day to the next, because you want to set out in search of something greater, something that is so great that even your little family would only get in the way of your search. We imagine it, you imagine it, I imagine it: we leave the family in order to find the Truth (or happiness, wealth, success – are not all three of them Truth’s representatives on earth?). It is not easy to contradict  a great Master, Master Dogen’s wealth of erudition is so impressive that our contradicting him seems like  sacrilege, not because the act makes us smaller than we are, not because it makes us bigger than we are, no, because, in doing so, we are precisely who we are. So, honorable Master Dogen, we believe, know, think, feel that Truth is only approaching us and that we for our part are only approaching Truth when we not only remain in the family but grow deeper and further into the family; we believe that the true human being can only be a family man or woman (but we do not believe, we must add, that one who is not a family man or woman is for that reason not the true human being), for the simple reason that our little great Master, our baby, is only active and can only be active within the family, that he shows us each day what you in the holy Zazen hall are trying to teach with a zeal that is no doubt equal to his; yes, we too live in a hall of silence, even though it often sounds as if we were living in a hall of noise. Right thought, you say, is nothing other than a frayed Zazen cushion. Right thought, we say, is nothing other than a frayed bodysuit (or a shit-covered diaper). By the way, the family is not something we own, and inversely, we are not in the family’s possession. The structure that the family gives to our life, it can also take way from us with the same breath. The ties that bind us are not ties of bondage, as one might think, but rather, these bonds loosen the knots of life – a bit paradoxical, in our view as well. You notice us going into raptures about the family and thoughtlessly sending them over to you, across the eight hundred years that separate us, because it is a joy for us to turn to the ancient Masters, just as it is a joy to turn to the young Masters: do you hear him calling? Our baby is calling. He’s calling you: Do-gen, Do-gen, Do-gen.

 

 

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