Das zweite Jahr

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Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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„Denken wir etwa an die ersten selbständigen Laufschritte des Kindes, bei denen es erstmals die haltende Hand der Mutter loslassen und die Angst vor dem Alleingehen, vor dem Alleingelassenwerden im freien Raum überwinden muß.“ Die kleinen Fehler kommen mir nicht wie eine Kleinigkeit vor. Die kleinen Fehler sind aber auch nicht die großen Fehler. Am Anfang, in der Einleitung zu Fritz Riemanns berühmtem Buch Grundformen der Angst steckt so ein kleiner Fehler, der nicht nur ein Detail betrifft, keine Nachlässigkeit ist, nichts Zufälliges, sondern etwas Grundsätzliches verrät, etwas durchaus übliches Grundsätzliches, was durchaus als Übel bezeichnet werden kann, ein Übel, das geschieht, in der Welt ist, schon lange, immer wieder, ständig auftaucht und selbst von den redlichsten Vorsätzen übersehen wird. Das ist die Trennscheide: Sehen oder Denken. Riemann lässt uns an die ersten Schritte des Kindes denken, er spricht nicht davon hinzusehen, wie das Baby zu den ersten Schritten findet, gönnt uns und sich nicht die Betrachtung, die gespannte, mitfreudige, faszinierte Beobachtung eines ebenso natürlichen wie wundersamen Vorgangs, der sich tage- und wochenlang vorbereitet und dann doch unvermutet geschieht. Das Gehen ist so sehr Teil der Menschwerdung (keinen kriechenden, auf allen Vieren laufenden Menschen, er könnte noch so begabt und klug sein, würden wir vollends respektieren und ernst nehmen. Wer das Tier – das, was wir für ein Tier halten – nicht ablegt, überwindet, sich aus ihm heraus in die Vertikale erhebt, der gehört nicht zu uns und würde uns auf alle Zeiten verdächtig bleiben), dass es deshalb so sehr gewünscht und meist forciert wird. Dem Baby wird eine Unterstützung angeboten, um die es nie gebeten hat. Beginnt es zu laufen, atmen die Eltern durch und um so eher es laufen kann, desto schneller, besser scheint seine Entwicklung voranzugehen. Die größte Angst gilt der Vorstellung, das eigene Kind würde zu spät laufen, oder am Ende überhaupt nicht laufen, also werden ihm erwachsene Hände gereicht und es wird hochgezogen und dann läuft es unter motivierenden Worten mit nach oben gestreckten Armen als wären das die Fäden, an denen es hängt, hängen muss. Die Erwachsenen tarnen ihre Angst gerne als Hilfe, als Förderung und Unterstützung. So gewinnt eine denkwürdige Verdrehung Raum, sich auszubreiten. Ein Baby wird sich selbst aufrichten, sich selbst in Schritten versuchen, bar jeder Hilfe seiner Eltern, auch deshalb, weil es keine Angst mitbringt, seiner eigenen Entwicklung im Weg zu stehen. Es fördert und unterstützt sich selbst am allerbesten, denn nur das Baby allein weiß um den richtigen Zeitpunkt (und macht sich keine Sorgen, falls der richtige Zeitpunkt der falsche sein sollte, dann sinkt es eben wieder auf die Knie und rutscht und krabbelt weiter herum, bis es den nächsten richtigen Zeitpunkt spürt und ihm folgt). Riemann scheint keine Zeit gefunden zu haben, diesen Vorgang des Sichaufrichtens und Losgehens ausführlich zu studieren. Höchstens wie ein aus einem nebenbei geblickt entstanden wirkt sein Gedankengang, mehr noch, als käme er gänzlich ohne Blick aus und das bei einer Angelegenheit, die nur und ausschließlich im Sichtbaren stattfindet, – wie lässt sich dies übersehen? So ein Kind also stellt Riemann seinen Lesern vor: ein Kind, das an der Hand seiner Mutter seine ersten Schritte unternimmt, an ihrer Hand zu laufen beginnt. Und dann lässt es die Hand dieser Mutter los, ja, muss sie loslassen, muss seine Angst vor dem Alleingehen überwinden, und gleich noch muss es die Angst vor dem Alleingelassenwerden im freien Raum mit überwinden. Aus dem wunderbaren, wiederholten Ereignis des selbständigen Gehens wird in Riemans Worten eine durch und durch angsterfüllte Sache und das Baby (das wir kennengelernt haben als ein Wesen, das alles Neue aus Lust und Vergnügen und mit Lust und Vergnügen beginnt), sieht sich vor eine fast titanische Aufgabe gestellt, will es zu laufen beginnen: es muss sich in seiner Angst überwinden! Aber das Kind sucht nicht die Hand der Mutter (oder des Vaters oder sonst jemandes Hand), diese helfende Hand ist von Riemann dazugedacht, herbeifantasiert und fast möchte man glauben, herbeifantasiert aus einer ängstlichen Unruhe heraus, die der Selbständigkeit des Babys, seinem unabhängigen Wesen, das alles weiß über die Eigengesetzlichkeit seiner Entwicklung entgegengebracht wird, einer Skepsis, die waltet, wo sorgsam teilnahmsloses Schauen genügen würde. Noch deutlicher: das Denken („Denken wir etwa an die ersten Laufschritte des Kindes …“) bringt die Angst mit, bringt sie erst ins Spiel, wo keine Angst ist, wird Angst unterschoben, zu einer fürchterlichen Grundlage des Lebens und seiner Beweglichkeit, jetzt, schon zu Beginn, da das Baby doch das angstloseste Wesen überhaupt ist, wie sonst hätte es sich in die Welt trauen, sich auf die Welt bringen lassen können? So verkehrt sich die (schon nicht ganz unzwielichtige) Absicht der Hand in ihr Gegenteil. Gut, dass einiger Grund zur Hoffnung besteht, dass das Baby seine ganze Schlauheit ins Spiel bringt, was diese Hand betrifft, auch wenn es sie ergreift, eine Schlauheit, die es davor bewahrt, etwas zu spüren, das es nicht spürt, das nicht sein eigenes Spüren ist. Schlecht, dass die Hand oft genug Wirkung zeigen wird. Vielleicht haben zu Riemanns Zeit alle Kinder an der mütterlichen Hand das Laufen gelernt, aber hätte er nicht gerade dann stutzig werden müssen? Kann doch das Allgemeine niemals das Natürliche sein, das, was alle tun ist ja das Fragwürdige schlechthin; aber es scheint mir eher wahrscheinlich, dass zu Riemanns Zeit die wenigsten Kinder an der mütterlichen Hand das Laufen gelernt haben, dass weder Zeit noch Muße dazu vorhanden war, genauso wie sich keine Zeit und Muße fand, die Kinder in ihrem Ansinnen, laufen zu wollen, einfach nur zu betrachten. Spätestens nun hätte auffallen können, dass selbst das Kind, das die mütterliche Hand loslässt, dies mit einem alles andere als entsetzten Ausdruck im Gesicht tut, dass kein Entsetzensschrei über seine Lippen fliegt, sondern mindestens ein Jubelschrei. Das Rätsel des kleinen Fehlers ist deshalb auch ein Mysterium. Wie kann das Naheliegende, Offenbare übersehen werden? Das Sichtbare ist alles andere als gehemmt, es zeigt sich, wenn es sich zeigen mag. Unser Baby findet mühelos oder mühevoll seinen eigenen Weg zum laufen, unsere Hilfe dabei ist wahrlich überflüssig, allein es davor zu bewahren, in einen Abgrund zu stürzen, ist unsere Sache. Das Sichtbare ist unaufdringlich, macht kein Geschrei, deutet nicht auf sich selbst, geschieht. Will unsere Hand Hilfe leisten, wo sie keine Hilfe leisten soll, wischt sie gleichsam das Sichtbare weg. Und schafft Platz für die unsichtbare Angst, deren Auftauchen umso gruseliger ist, da sie kein Gesicht trägt, an dem sie erkannt werden könnte. Das ist der Grusel der Abstraktion (die doch so gern genau von diesen Eindrücken frei sein möchte). Schon jeder aufmerksame Blick in die Welt theoretisiert, heißt es bei Goethe im Vorwort zur Farbenlehre: „Dieses [Theoretisieren] aber mit Bewußtsein, mit Selbstkenntnis, mit Freiheit und, um uns eines gewagten Wortes zu bedienen, mit Ironie zu tun und vorzunehmen, eine solche Gewandtheit ist nötig, wenn die Abstraktion, vor der wir uns fürchten, unschädlich und das Erfahrungsresultat, das wir hoffen, recht lebendig und nützlich werden soll.“ (Zweifellos ist Fritz Riemanns  Grundformen der Angst ein gutes, nützliches Buch für uns Spätere, wenn sich die Angst längst ins Leben eingefressen hat, sie schon unser Lebenspartner und eine innige Gewohnheit geworden ist. Ein Buch, das uns gut bei ihrer vierfachen Austreibung helfen kann, vielleicht aber auch nicht im geringsten, weil die Angst und das beginnende Laufen des Kindes sich in einem anderen Sinn wenig unterscheiden. Die eine wie das andere entsteht, wenn und wann es will, aber das Laufen bietet der Angst keine Hand, keinen Halt, umgekehrt jedoch kann es der Angst nur nützlich sein, wenn sie zu laufen lernt.) (Unserem Baby gefällt dieses Thema nicht so gut, warum sonst versucht es sich gerade, stehend, sich im Kreis zu drehen? Überdeutlich sehen wir: es sieht uns zu, wie wir ihm dabei zusehen. Es will unbedingt, dass wir sehen, was es da auf dem roten Teppich treibt.)

“Let us think, for example, about the first independent steps a child takes. It must let go of its mother’s supporting hand, must face the fear of walking alone, of being left alone in wide open space.” The little mistakes don’t strike me as trivial. But the little mistakes aren’t the big mistakes either. In the beginning, the introduction of Fritz Riemann’s famous book, The Basic Forms of Fear, there is one of these little mistakes, which does not merely consist of a detail, is not due to carelessness or an accident, but reveals something fundamental that unquestionably deserves to be called bad, an evil that is happening, that exists and has existed in the world for a long time, that constantly crops up and is overlooked even by the most honest intentions. This is the razor’s edge: Seeing or thinking. Riemann invites us to think the first steps of a child. He does not talk about looking at a baby as it finds its first steps, he begrudges us and himself the curious, delighted, fascinated observation of a process that is as natural as it is wondrous, that prepares itself for days and weeks and then happens unexpectedly nonetheless. Walking is such an essential part of becoming human (we could never completely respect and take seriously a human being, no matter how gifted or smart, who crawled or walked on all fours. Whoever does not shed the animal – that which we consider an animal – who does not overcome, rise from and above the animal vertically, is not one of us and would forever remain suspect in our eyes) that it is for that very reason intensely desired and usually enforced. The baby is offered support it has never asked for. Once it starts walking, its parents breathe a sigh of relief, and the sooner it can walk, the faster and the better its development seems to be progressing. The greatest fear is aroused by the thought that one’s own child might be late in walking, or ultimately not walk at all; so adult hands are held out to the child, it is pulled up to its feet, and then it walks among encouraging words with its arms stretched upward, as if those words were the threads by which he hangs, and must hang. Adults like to disguise their fear as help, as encouragement and support. In this way, a remarkable distortion is given space in which to spread. A baby will sit and stand up by itself, will attempt its own steps without help from its parents, not least because it does not come with fear of standing in the way of its own development. It encourages and supports itself better than anyone else can, for the baby alone knows the right moment (and is not worried, for if the right moment turns out to be the wrong one, it will sink to its knees again and slide and crawl, until it senses the next right moment and follows it). Riemann seems not to have found time to thoroughly study this process of rising to one’s feet and beginning to walk. His line of thought sounds at best as if it arose from an incidental glance; but actually it sounds more as if it managed to get by without any direct seeing whatsoever, and this in a matter that only and exclusively takes place in plain view – how could it possibly be overlooked? So this is the kind of child Riemann introduces to his readers: a child that is led by its mother’s hand as it takes its first steps and learns how to walk. And then the child lets go of its mother’s hand, must indeed let her hand go, must overcome its fear of walking by itself, and in addition it must overcome its fear of being abandoned in wide open space. Out of the wonderful, repeated event of autonomous walking, Riemann’s words create a thoroughly fear-filled scenario, and the baby (whom we have gotten to know as a being who approaches everything new out of pleasure and joy and begins everything new in the same spirit) sees itself faced with a nearly titanic task, if it wants to start walking: it must subdue its own terror! But the child does not seek its mother’s hand (or its father’s or anyone else’s hand); this helping hand is an invention, a fantasy added by Riemann, and one is tempted to say it is a fantasy that springs from an anxiety that an adult brings to the baby, to its independent nature, which knows everything about the autonomy of its own development; a skepticism that prevails where caring and empathetic observation would be sufficient. Even more clearly put: Thinking (“Let us think, for example, of the first independent steps a child takes . . .”) comes with fear, it is thinking that introduces fear in the first place; where there is no fear, fear is imputed, insinuated as a dreadful foundation of life and its mobility, now, right at the start, when a baby is actually the most fearless creature imaginable. Otherwise, how could it have dared to come into the world, to allow itself to be brought into the world? Thus the (already not entirely unimpeachable) intention of the hand turns into its opposite. How good that there is reason for hope that the baby will bring its shrewdness to bear, as far as this hand is concerned, even as it holds on to the hand, a shrewdness that protects it from sensing something it doesn’t sense, that is not its own sensing. Too bad that the hand will show its effect often enough. Perhaps at the time when Riemann lived and wrote, all children learned how to walk at their mother’s hand, but should that not have aroused his suspicion? Because the general rule can never be the way of nature; what everyone does is dubiousness itself; but it strikes me as more likely that only very few children in Riemann’s time learned how to walk at their mother’s hand, that mothers had neither time nor leisure to do more than watch their children as they made their first attempts at walking. But granted all that, surely it should have been obvious that even a child who lets go of its mother’s hand does not do this with a terrified facial expression, that no cry of terror escapes the child’s lips, but rather, at least, a cry of delight. So the riddle of the little mistake is also a mystery. How can the obvious be overlooked? The visible is anything but inhibited, it shows itself when it will. Our baby finds his own way to walk, with and without effort, our assistance in this is truly superfluous, our only job is to prevent him from falling into an abyss. The visible is undemonstrative, doesn’t make a hue and cry, doesn’t point to itself, it happens. If our hand wants to help where no help is needed, it sweeps the visible away, as it were. And opens a space for the invisible fear whose arising is all the more eerie as it wears no face by which it could be recognized. That is the fearsomeness of abstraction (which aims precisely to be free of such impressions). Every attentive gaze into the world is already a theorizing, according to Goethe in the Foreword to his Color Theory: “But to do this [theorizing], to carry it out with awareness, with self-knowledge, with freedom and – dare we say! – with irony: great skillfuness is needed if the abstraction that we fear is to be made harmless, and if the experiential result that we hope for is to become alive and useful.” (No doubt Fritz Riemann’s The Basic Forms of Fear is a good and useful book for us later ones, after fear has long since eaten its way into our lives and has become our intimate partner and a familiar habit. A book that may help us achieve the fourfold expulsion of fear, or may on the contrary not help us at all, because there is another sense in which fear and the child’s first steps are hardly different from each other. Each comes into being if and when it will, but walking does not hold out a hand to fear, does not offer it support, but inversely, fear may very well be aided if it learns to run.) (Our baby does not like this theme very much, otherwise why would he just now, while standing, try to turn in a circle? We see with extreme clarity: he is watching us watch him as he does this. He absolutely wants us to see what he is doing on the red rug.)

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