Das zweite Jahr

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Manchmal taucht der Gedanke, ein Unglück könnte unserem Baby widerfahren so plötzlich, so unvermittelt auf, dass er uns weniger wegen seines Inhalts, als vielmehr auf Grund dieser Plötzlichkeit und Unvermitteltheit zu erschrecken versteht. Dann erst, gleichsam durch diesen Umweg, entfaltet sich die Vorstellung des schlimmen Geschehens, öffnen sich dem inneren Blick Details und Umstände, bis schließlich die Folgen und die Zeit nach dem Unglück greifbar nah zu liegen scheinen, als wäre das Danach die eigentliche Katastrophe. Es kann genügen, sich kurz zu schütteln und schon verfliegt die Fantasie, die unserem Baby das Unheil andichtet, aber es kann auch sein, dass die Fantasie einige Zeit bleibt oder in ähnlicher Ausgestaltung bald wiederkehrt. Solche Fantasien zu entwickeln, ist an sich schon sonderbar, wenn sie uns selbst betreffen geht ihr Auftauchen aber auch mit einer gewissen Vertrautheit einher (wir kennen sie aus unserer Teilnahme am Straßenverkehr, es ist der vorgestellte Fahrradunfall, der uns durch die Luft schleudert und gnadenlos hart auf den Ausphalt wirft oder wir sehen uns auf einer Bergwanderung beim Übertreten des Pfadrandes zu, woraufhin wir mehrere hundert Meter in einen Abgrund hinabstürzen mit unausweichlich tödlichem Ausgang – derart sind unsere Fantasien, wenig spektakulär, aber deshalb nicht weniger wirksam, was ihren Schrecken angeht). Sonderbarer kommt uns die Entwicklung der Unglücksfantasien aber vor, wenn sie jemanden im Auge haben, der uns nahe steht, der uns ganz besonders nahe steht wie es bei unserem Baby der Fall ist. Wie kommen wir dazu? Fantasieren über uns selbst ist uns durchaus verständlich in all seinen Spielarten, da ja alles, was fantasiert wird, unser Leben betrifft, wir also wissen, worüber wir uns schreckliche Vorstellungen machen: über unser in allen Schattierungen erfahrungsreiches Leben, das durchaus mit Lust über seinen eigenen Tod spekulieren mag und sich gewiß ist, dass der nächste Moment, der nächste Tag alles Gewohnte und Sichere in sein Gegenteil verkehren kann, auch wenn wir ungern wirklich daran glauben wollen. Aber unser Baby? Unser junges, frisches, kleines Kind? Was für eine Angst greift da nach uns und versucht uns, die wir doch gar nicht ängstlich sind, aus unserem glücklichen Flow zu schubsen und uns zu einer durch und durch düsteren Vorstellung zu verführen? Es genügt mit dem Kinderwagen an der ampellosen Kreuzung nahe unserer Wohnung zu stehen, gerade die ersten Schritte auf die Fahrbahn zu treten und plötzlich sehen wir, wie uns von dem aus dem Nichts heranrasenden Kleinlaster eines Paketdienstes unser Baby, das eben noch vergnügt irgendetwas gerufen hat, in seinem Kinderwagen aus den Händen gerissen und zermalmt wird. Oder einfacher, weniger technisch, wir haben vergessen die Fenster im Wohnzimmer zu schließen und nicht bemerkt, dass unser Baby schon so geschickt ist einen Hocker vors Fensterbrett zu schieben, hinaufzuklettern, weiter zu klettern und dann, weil es doch noch nicht so geschickt ist, aus dem Fenster stürzt, die Stockwerke nach unten saust und dort wo die Fahrräder vor dem Haus abgestellt werden, unweigerlich und ungebremst aufschlägt. Grauenhafte Vorstellungen, die wir gar nicht richtig ansehen wollen, die aber auf irgendeine rätselhafte Weise in der Lage sind, unseren Blick dorthin zu lenken, wo wir auf keinen Fall hinblicken wollen, um so mehr nicht hinblicken wollen, weil uns eine giftige Mischung aus Lust und Neugier andererseits ermuntert, genau dorthin zu blicken. Die Folge ist, dass das, was wir fantasieren in dem merkwürdigen Zwischenreich zwischen Realität und Fiktion angesiedelt ist, zugleich unscharf wie überdeutlich sich darstellt, uns tiefsten Schrecken einjagt, ebenso aber wie aus einer anderen Welt zu uns herüber gefunden zu haben scheint. Und bisweilen sehen wir uns sogar selbst als die Verursacher des Unglücks, grausame Eltern, die in aller Schändlichkeit ihr entzückendes Baby über die Begrenzung des Damms am Grasbrookhafen, im übermächtigen Schatten der Elbphilharmonie, halten und unbegreiflicherweise hinab fallen lassen und hinein in kaltes Elbwasser, wo es augenblicklich verschwindet (halt, sagst du, so eine Fantasie hast du noch nie gespürt und du siehst mich entsetzt an, wie du mich noch nie entsetzt angesehen hast, wie ich dich meinerseits ungläubig anblicke, wie ich dich noch nie ungläubig angeblickt habe). Schwindelerregende Macht liegt in unseren Händen, denken wir (jetzt denkst du wieder mit mir), die Macht über die kleinen Wesen, die uns am nächsten stehen, denen unsere ganze Fürsorge gilt, ist im Grunde auch eine Macht über Leben und Tod und welche Macht, an der wir auch nur geschnuppert hätten, könnte uns mehr bedrohen, erschrecken und zum Fürchten bringen? Besitzen unsere Fantasien nicht (all)gemeinsame Vorfahren, vermuten wir, nachdem wir in Büchern geblättert und gelesen haben. Widerfährt nicht den Kindern, den Kleinsten oft das Allergemeinste, verfängt sich nicht ihr Leben von Anfang an in einem düsteren Geflecht aus Mitleidlosigkeit, Härte, dem Urteil zu stören, nutzlos und mangelhaft zu sein? Die Geschichte der Maslow war höchst alltäglich. Sie war das natürliche Kind einer Bäuerin, die ihrer Mutter in einem Schlosse beim Viehhüten half. Die Bäuerin, die nicht verheiratet war, brachte jedes Jahr ein Kind zur Welt; und wie es in solchem Falle oft passiert, wurden die Kinder sofort nach der Geburt getauft; ihre Mutter nährte sie nicht, weil sie unerwünscht zur Welt gekommen war und ihr bei ihrer Arbeit nur lästig fielen; deshalb starben die armen Kleinen auch bald vor Hunger. Fünf Kinder waren schon auf diese Weise dahingegangen. Alle waren gleich nach der Geburt getauft worden, die Mutter nährte sie nicht, und sie waren gestorben. So etwas lesen wir in Tolstois Roman Auferstehung und gleich erinnern wir uns noch einmal an Rousseaus Bekenntnisse, an die kurze Geschichte seines – sieben Jahre älteren – Bruders darin, der aufgrund einer Liderlichkeit vom Vater verprügelt wird und bald vollständig aus dem Leben der Familie verschwindet und nie wiederkehrt (und Rousseaus Beschreibung seines Dazwischengehens und brüderlichen Umarmens und Schützens im Augenblick größter väterlicher Wut und Erregung, kommt uns diesmal in seiner heldenhaften Verbundenheit zum Bruder seltsam schal und unvollständig vor, als würde der Autor, der alles wahrhaftig bekennen will, etwas verschweigen, etwas, das er mit seinem Vater teilt, auch wenn das Sichtbare seines Berichts etwas ganz anderes zeigt). Brauchen wir überhaupt in der Literatur zu suchen, genügt es nicht die Gegenwart zu beobachten (gab es nicht gerade einen Artikel in der Zeitung zu lesen über ein afrikanisches Land oder ein asiatisches Land, in dem berichtet wurde, dass unerwünschte Kinder getötet werden wie unerwünschte frisch geschlüpfte männliche Küken hierzulande)? Ergreift uns jetzt die Wut, ist sie es, die uns abdriften lässt? Waren nicht auch wir, als wir selbst Kinder waren, manchen Ungerechtigkeiten ausgesetzt, deren Nachhall (mögen sie auch noch so klein gewesen sein) wir ohne Störgeräusche bis in unsere Gegenwart hinein zu hören in der Lage sind? (Unser Baby ist gerade zu einer Eisdiele halb gerobbt, halb wackelnd gelaufen. In Sonne und kühlem Wind sitzen ein paar Touristen dort auf einer Bank, blicken auf die Hafenanlagen und schlecken ihr Eis. Im Blicken und Schlecken wirken sie zufrieden und zuversichtlich. Neben diesen Eisfreunden steht eine übergroße Eistüte, die unser Baby jetzt inniglich umarmt. Immer inniglicher, bis die Eistüte umstürzt und unser Baby über sie rollt. Eine drollige Situation, alle lachen, nach einem winzigen Schreckmoment, den wir vielleicht schnell dazu erfunden haben, zuerst das Baby, dann die Eisleute, die Schlecker, wir zuletzt. Die Eistüte hat eine Delle bekommen, aber niemand regt sich auf. Und dann sagt jemand: Fantasien heilen, deshalb haben wir sie. Aber vielleicht haben wir auch diesen Spruch gerade dazuerfunden, wie uns all die Erwiderungen auf ihn, die uns aus der Zukunft entgegenschleudern, erfunden, ganz und gar frei erfunden vorkommen.)

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