Das zweite Jahr

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Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Es ist ein Junge! Unser Baby ist ein Junge. Federleichte, unfragwürdige Erkenntnis. Wie war das? Wie gab sich diese Erkenntnis beim ersten Mal? Unschuldig und unsichtbar. Vier Monate waren vergangen (vier reifende Monate), als ein Bild etwas verriet, ein Bild, das sich dem Ultraschall verdankte; es war so: aus dem nicht eigenen Hören wurde ein Sehen und dann wieder aus dem Sehen ein eigenes Hören. Tatsächlich sahen wir den berühmten kleinen Unterschied (wie ein frommer Wink kam er uns vor), den der Schall sichtbar, aber im weiteren viel stärker hörbar machte. Denn das, was wir sahen, war viel weniger überzeugend, als das, was wir (und die Dritte, die Frau mit dem Ultraschall) uns deutlich hörbar gegenseitig versicherten, mitteilten, zuriefen: Es ist ein Junge! Es ist ein Junge – schön klang das, überzeugend, einleuchtend. Wir nahmen es mit Freude auf, machten aber nicht mehr daraus als es war. Es ist ein Junge bedeutet: es ist ein Junge. Seltsam zurückhaltend gibt sich das Geschlecht, wenn es das erste Mal benannt wird, folgenlos kommt es daher und doch gewichtig. Dann haben wir es wieder vergessen. In diesem Sinn: wie man eine Gewissheit vergisst und vergessen kann, weil sie mit dem Vergessen bleibt, weil sie durch das Erinnern nicht mehr wird, nichts dazu gewinnt. Aber natürlich konnten wir jetzt unserem Baby einen Namen geben und fingen an, ihm Namen zu geben, Namen zu suchen, Namen klingen zu lassen, männliche Namen, aber auch diese männlichen Namen machten aus dem Es-ist-ein-Junge nicht mehr als: Es ist ein Junge. Die Welt nimmt die Frage nach dem Geschlecht als eine wichtige Information, als die wichtigste vielleicht, wie auch anders, lässt sich doch nicht viel mehr über das werdende Baby sagen. Verborgen beult es sich in die Welt, es lässt den Mutterbauch wachsen und schwellen, ist da und ist nicht da, wohnt allem bei, dem die Mutter beiwohnt, schweigsamer Zeuge eines jeden Wortes, das gesprochen wird aus für ihn unsichtbarem Mund. Als Nebenprodukt der medizinischen Vorsorge fällt dann eines Untersuchungstages das Geschlecht ab, ein heiterer Moment, da das Geschlecht, so oder so, jenseits der Bedeutsamkeit aller anderen Ergebnisse und Daten steht, die all  der Bestimmung eines – hoffentlich – guten Schwangerschaftsverlaufs dienen – so ist die Bestimmung des Geschlechts ein überflüssiges Vergnügen im ernsten Rahmen der ärztlichen Praxis. Ein Vergnügen, das bleibt. Und bleibt. (Ein Vergnügen, dem alle anderen Vergnügen entstammen, glauben wir, ein unaufhebbares Vergnügen, das manche Wirrnisse und Läuterungen erfahren mag, aber können beide nicht auch vergnüglich sein? Unser Baby zerrt an seinem Geschlecht, zieht es quer und lang, grob ist das, was seinem Vergnügen aber keinen Abbruch tut. Sehen wir hin zu ihm, fragend, sieht es fragend zurück: warum sehen wir fragend auf das, genau das, an dem es gerade zieht und zerrt?) Tatsächlich ändert das Geschlecht nicht das Geringste an der Vollkommenheit unseres Babys. Es gibt zwei davon, zwei Geschlechter, aber nie denken wir an das andere (doch, wenn wir draußen sind, mit anderen sind, wenn wir glauben, etwas vergleichen zu müssen, von dem wir wiederum, sind wir drinnen, ohne die anderen, glauben, dass es unvergleichbar ist oder wir auch niemals auf die Idee kämen, einen Vergleich heranzuziehen). Zwei Geschlechter und das eine Geschlecht ist nicht das andere Geschlecht, zwei ganz und gar unterschiedene und unterschiedliche und wollte man anfangen, sie zu vergleichen, könnte man es genauso gut mit Äpfeln und Birnen versuchen. Zwei Geschlechter? Groß überkommt uns die Lust, den Mythos an unserem Baby zu überprüfen, zu messen, zu befragen. Diesen Mythos, den ausgerechnet ein Komödiendichter, Aristophanes, erzählt, als er (in Platons Symposion) an der Reihe ist, seine Lobrede über den Eros zu halten. (Nein, er ist zwar an der Reihe, muss aber dann doch noch dem Arzt Eryximachos den Vortritt lassen, da ihn ein Schluckauf plagt, der seine Rede verhindert. Auf dessen Rat hin scheint Aristophanes den Schluckauf mit Kitzeln seiner Nase behandelt zu haben und schließlich durch heftiges Niesen losgeworden zu sein, aber erst als Eryximachos mit seiner Rede zu Ende gekommen war. Dies sind, fällt uns auf, zwei häufige regelmäßigen Körperäußerungen unseres Babys: der Schluckauf und das Niesen. Sein Schluckauf lässt seinen ganzen Oberkörper zucken, als würde er an Fäden gezogen plötzlich nach oben gerissen, während sein Niesen so klein ist wie es selbst, ein feines Sprühen, das sich kaum vorankündigt und gern in unser Gesicht entlädt, wenn wir unser Baby gerade auf dem Arm tragen. Der Schluckauf löst mehr Heiterkeit aus, als das Niesen, das von einem Ausdruck ernster Konzentration begleitet wird. Tatsächlich wechselt Aristophanes nach Schluckauf und heilendem Niesen und nach kurzer alberner Plänkelei über den heilenden Kitzel an der Nase, über in einen märchenhaft tiefen Ernst, der ab nun seine Rede nicht mehr verlässt.) Es sind die anfänglichen Kugelmenschen, lange vor unserer Zeit, von denen berichtet wird, Doppelmenschen, die unserer ursprünglichen menschlichen Natur entsprechen. Sie sind von dreierlei Geschlecht. Zwei männliche, zwei weibliche oder ein männliches und ein weibliches Wesen bilden jeweils so einen Kugelmenschen mit gemeinsamen Kopf, der zwei sich entgegengesetzte, jedoch gleiche Gesichter trägt. Sonst ist alles doppelt, also vierfach vorhanden, Hände, Füße, Ohren, Geschlechtsteile und alles andere, was man sich selbst leicht vorstellen kann (das einzig überlieferte Porträt des Aristophanes ist eine Doppelbüste, deren Rückseite, die genauso gut Vorderseite ist, das Gesicht eines anderen Komödiendichters, Menander, trägt. Das sagt soviel wie: zu einem guten Dichter gehören immer zwei). Diese Doppelmenschen sind starke Menschen mit einem hohen Selbstgefühl versehen, nahezu vollkommen, und nur eines scheint ihnen zu ihrem größten Glück zu fehlen, die Göttlichkeit. Sie versuchten, sich einen Weg zum Himmel zu bahnen, um die Götter anzugreifen, erzählt Aristophanes und lässt uns stutzig werden. Um so mehr, als wir von der Lösung des Zeus erfahren, diesem Drang der Menschen Einhalt zu gebieten, die daraus besteht, die Doppelmenschen zum Einfachmenschen zu zerschneiden. So als halbe Menschen (die die ganzen sind, die wir kennen, die wir selbst sind) bleibt ihnen nur der Weg der Liebe ihr Unglück der eigenen Halbheit zu überwinden. Die Überwindung der Halbheit hängt nicht ab vom Geschlecht, sie hängt ab von der richtigen Gottesfürchtigkeit und ihrer Bereitschaft Eros zu folgen und ihn als Führer anzuerkennen. Denn nur dann kann der Mensch den ihm entsprechenden Geliebten finden und mit ihm in schönster, wunderbarster Freundschaft und Vertrautheit und Liebe sein künftiges Leben verbringen. Ja, wir stutzen, auch weil wir eine Bereitschaft in uns bemerken, die sich gerne diesen Mythos zu eigen machen möchte und unserem eigenen Leben Halbheit und Unvollkommenheit zuordnet, mehr noch dem Leben unseres Babys, das doch ganz offensichtlich seine andere Hälfte so sehr verloren hat, dass es noch nicht einmal etwas darüber weiß: was für eine titanische Aufgabe wartet auf es, bis der Eros in ihm erwacht und ihn auf die Suche schicken wird! Mehr noch aber stutzen wir, dass wir in der Lage sind die augenfällige Vollkommenheit unseres Babys (auch unsere eigene) zu übersehen, um den Verlockungen des Mythos hinterher zu trotten, durchaus beglückt von seiner poetischen Kraft, aber auch deprimiert von seinem zerschneidenden Fatalismus, der Stückwerk aus dem Menschen macht, Halbheiten und Ganzlosigkeiten. Wir geben zu: das trifft uns und wirft einen Schatten auf unser Baby (es liegt nackt auf dem Wickeltisch und hat sich gerade auf den Bauch gedreht, ein Vergnügen, das es sich gerne macht, um uns das Anlegen der Windel zu erschweren, und wir blicken auf den kleinen Po, auf zwei Pobacken, zwei entzückende Halbheiten, deren Doppelung uns Empfindsamen trotz unseres Entzückens einen kleinen Seufzer der Besorgnis entlockt). Es ist ein Junge! rufen wir (ja, auch in Bauchlage des Babys erkennen wir das, an den Hüften, den Schultern oder sonst woran; wir erkennen es!). Lassen wir uns von Aristophanes trösten, am Geschlecht jedenfalls wird das Glück unseres Kindes nicht scheitern, so gewinnen wir wenigstens ein wenig der Vollkommenheit zurück, die uns der Mythos geraubt hat. Und schon sind wir entschieden, die Sache umzudrehen. Gerade das Geschlecht ist es, das eine bestimmte Geschlecht (wir bleiben lieber bei zwei Geschlechtern, das liegt uns mehr, da wir im dritten gar kein drittes erkennen können), das die Vollkommenheit nicht widerlegt, sondern ganz im Gegenteil offenbart, erst seine Einseitigkeit und Einzigartigkeit lässt uns dorthin blicken, wo nichts fehlt, kein Mangel herrscht und woran und worin jeder Gott seine Freude findet. Aber es ist auch so: betrachten wir unser Baby, so können wir keine Halbheit erkennen, wir können nur seine Ganzheit erkennen, nur, sagen wir, die Ganzheit ist, die Halbheit ist nur ausgedacht. Es ist ein Junge: es wird uns weiter beschäftigen!

It’s a boy! Our baby is a boy. A feather-light, indubitable realization. What was that like? How did this realization present itself the first time? Innocently and invisibly. Four months had passed (four ripening months), when an image revealed something, an image owing its appearance to ultrasound; it was like this: from a hearing that was not our own, there emerged a seeing, and then from the seeing a hearing that was ours. Indeed, we saw the famous little difference (it seemed to us like a sign from on high), which sound had made visible and subsequently, to a much stronger degree, audible. For what we saw was a good deal less convincing than what we (and the third person, the woman running the ultrasound) assured, communicated, and called out to each other: It’s a boy! It’s a boy – that sounded lovely, convincing, thoroughly plausible. We received it with joy, but did not make more of it than it was. It’s a boy means: it’s a boy. Sex, when it is first named, assumes a strangely reticent manner, it makes no waves and yet it’s momentous. And then we forget it again. In this sense: the way one forgets a certainty and is able to forget it because it remains with the forgetting, because it does not become more, does not increase, through remembering. But of course we could now give our baby a name and proceeded to give him names, seek names for him, sound out names, male names, but even these male names did not turn it’s-a-boy into anything more than: it’s a boy. The world takes the question of gender as an important piece of information, as the most important perhaps, which stands to reason, since very little else can be said about the developing baby. Hidden before it is born, it bulges outward into the world, makes its mother’s womb grow and swell, is there and not there, partakes in everything the mother partakes in, taciturn witness of every word that is spoken from a mouth that it cannot see. Then comes a day of examination when, as a byproduct of medical preparedness, the baby’s sex falls by the wayside, a humorous moment, since gender, this one or that one, is an irrelevant bystander to the significance of all the other results and data that are there to serve the purpose of a – hopefully – positive course of pregnancy. And so the determination of the baby’s sex is a trivial pleasure in the serious context of medical practice. A pleasure that stays. And stays. (A pleasure from which, we believe, all other pleasures spring, an irrevocable pleasure that may undergo many confusions and purifications, but can these two not be pleasurable as well? Our baby tugs at his sex, pulls it sideways and lengthwise, rough treatment, which doesn’t detract from his pleasure. When we look at him with a questioning gaze, he looks back with his own question: why are we questioning this, precisely this that he’s tugging and pulling at?) As a matter of fact, sex has no bearing whatsoever on the baby’s perfection. There are two of them, two sexes, but we never think of the other one (yes, we do, when we are outside, with others, when we think we have to compare something about which, when we are inside, without the others, we believe that it is incomparable or would never even think of drawing a comparison). Two sexes, and one sex is not the other sex, two utterly distinct and different sexes, and if one were to begin comparing them, one might as well try it with apples and oranges. Two sexes? We are seized by a strong desire to test the myth on our baby, measure it, interrogate it. This myth, which happens to be told by a comedian, Aristophanes, when it is his turn (in Plato’s Symposium) to deliver a panegyric to Eros. (Not exactly: it is his turn, but he is forced to give precedence to the physician Eryximachos, because an attack of hiccups prevents him from giving his speech. On the doctor’s advice, Aristophanes seems to have gotten rid of his hiccups by tickling his nose, followed by intense sneezing, but not before Eryximachos has come to the end of his own speech. These two, we note, hiccups and sneezing, are frequent and regular physical expressions on the part of our baby. His hiccups convulse his entire upper body, as though he were suddenly being yanked up by a string, while his sneezing is as small as he himself is, a fine spray that comes virtually unannounced and likes to discharge itself in our face when we happen to be carrying our baby in our arms. The hiccups trigger more amusement than the sneezing, which is accompanied by an expression of earnest concentration. And in fact Aristophanes, after the hiccups and the healing sneezing fit and after a brief silly skirmish concerning the healing tickle in his nose, shifts to a fabulously deep seriousness which from now on does not depart from his speech.) It is the primordial spherical creatures, long before our time, of whom we hear, double beings who correspond to our original human nature. They come in three sexes. Each spherical human is made up of either two males, two females, or a male and a female; each pair has one head in common, with two identical faces that are turned away from one another. All other body parts are doubled, which is to say, quadrupled – hands, feet, ears, sexual organs, and the rest, which anyone can easily imagine for themselves (the only extant portrait of Aristophanes is a double bust whose reverse side, which can just as well serve as the front, bears the face of another author of dramatic comedies, Menander. That suggests that good poets always come in twos). These double humans are strong, almost perfect human beings endowed with great self-esteem. The only thing that seems to be missing for their complete felicity is divinity. They tried to forge a path to heaven in order to attack the gods, Aristophanes reports, at which point we may feel ourselves curiously alerted. All the more so when we learn of Zeus’s method of putting a halt to this human urge. It consists of cutting the double humans into single humans. These half-humans then (which are the whole humans we know and which we ourselves are) have only the single recourse of love to overcome the misfortune of their own halfness. The overcoming of halfness does not depend on one’s sex, it depends on one’s piety toward the gods and one’s willingness to follow Eros and recognize him as one’s guide. For only then can a human being find his or her corresponding beloved, so that they can spend their future lives in a beautiful communion of friendship, intimacy, and love. Yes, something in us is alerted, also because we notice a disposition in ourselves to make this myth our own and assign the notions of halfness and imperfection to our own life, and even more to the life of our baby, who has quite evidently lost his other half to such an extent that he doesn’t even know anything about it: what a titanic task awaits him before Eros awakens within him and sends him out on his quest! But our alerted attention is sharpened even further in view of the fact that we are in the position to overlook the self-evident perfection of our baby (and also our own) for the sheer pleasure of trotting after the temptations of the myth, delighted by its poetic power, but also depressed by its lacerating fatalism that turns man into a ruinous heap of parts, all halfness and incompletion. We admit: this affects us and casts a shadow on our baby (who is lying naked on the changing table and has just turned over on his belly in order to make it hard for us to put on his diaper, a favorite game of his, and we are gazing at the little behind, the two little rear cheeks, two delightful halves, whose doubling elicits a small sigh of unease from us, his sensitive parents, despite our delight). It’s a boy! we exclaim (yes, we recognize it in our baby even when he’s in a prone position, we can tell by his hips, his shoulders, who knows what else; we recognize it!). Let us be comforted by Aristophanes, our baby’s sex at least will not be a stumbling-block to him. In this way we recover at least a portion of the perfection the myth took away from us. And already we are determined to turn the thing around. It is precisely the sex, the one particular sex (we prefer to leave it at two sexes, that holds more appeal to us, since in the third variant we can’t discern any third kind at all), that does not refute perfection but on the contrary reveals it, for it is precisely its one-sidedness and singularity that allows us to turn our attention to that which knows no lack, no deficiency, and in which all and every divinity finds its pleasure. But it is also like this: when we look at our baby, we cannot see his halfness, we can only see his wholeness, only, we say: wholeness alone exists, halfness is only a conception. It’s a boy: we will have more occasion to think about this!

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