Das vierte Jahr

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Der Nerv, der wir sind

Einen Bogen nerven, das bedeutet ihn mit einer Sehne zu bespannen. Sind wir nicht starre Bögen, die sich erst biegen und unter Spannung bringen lassen, wenn die Sehne unsere Enden miteinander verbindet? Oder sind wir (ursprünglich tonloser) Resonanzkörper, in den ein Nerv, eine Saite eingespannt wird, oder mehrere Nerven, mehrere Saiten, die uns zum klingen bringen? Der erzeugte Ton kann durchaus schmerzhaft sein, ein besonderer Ton ist das, weil er uns lebendig macht, was wir begrüßen, andererseits aber so sehr in das Lebendige hineinzieht, das wir uns manchmal überspannt vorkommen und den Wunsch verspüren, in den tonlosen Raum zurückzukehren. Unser Kind ist jetzt ein fleißiger Bogenbieger und Saiteneinspanner geworden, kaum zu glauben, wieviel Kraft in ihm steckt (oder sind wir so schwach? Gerne schwach?) Auch mit einem Pullover lässt sich randalieren. Umso mehr, wenn unser Kind den Schwung ohne die geringste Rücksicht ausführt. Ein ums andere Mal, wieder und wieder wirbelt der Pullover durch die Wohnung, bis er eine Stehlampe so zu Boden wirft, dass ein Gelenk bricht (irreperabel, ganze Arbeit). Genausogut kann unser Kind den Spiegel im Flur mit dem Schuhlöffel malträtieren oder den Küchentisch mit Messer und Gabel. Mit dem selben Messer, mit dem man sich doch auch das Essen in den Mund schieben oder es von der Klinge abschlecken kann. Überhaupt klopfen, alles lässt sich mit allem beklopfen, aber nicht allem bekommt das gut. Manchmal geschieht es aus dem wissenschaftlichen Impuls heraus, die Reaktion der Dinge zu untersuchen, manchmal ist es aggressive Lust (oh ja, unser Kind ist kein Lämmchen), manchmal steckt der Wunsch dahinter, auf die gerade lähmende Langeweile hinzuweisen, manchmal ist es Provokation, die sich dem Studium unseres Gleichmutes und unseres Neins widmet. In jedem Fall steigert sich unsere Erregung (glücklicherweise anders und zu anderem Zeitpunkt in dir als in mir), bringt uns heftig in Schwingung, lässt uns durchaus laut werden. Entfährt uns ein Schrei, zucken wir selbst zusammen; häßlich ist der Ton des Schreis, die Saite schwingt zu heftig, schlägt an den Körper, der sie trägt, biegt den Bogen nahe bis ans Brechen; der Schrei ist ein Ungeschick, in dem wir uns verlieren. Aber der Schrei ist auch interessant für alle Beteiligten. Denn wir können uns in ihm durchaus wiederfinden, wenn wir ihn ohne schlechtes Gewissen, volltönend, in klarem Bewußtsein hervorbringen. Wenn wir uns von einem bösen Dämon nicht zum schreien verführen lassen, sondern bei dem einen Schrei bleiben, bei dem einen deutlichen Wort, das sich rasch ausdeht, platzt und als kurzer, kräftiger Regenguss über den Angeschrienen niedergeht. Es kommt selten vor, auch wenn uns öfter danach zumute ist. Wir könnten den Eindruck gewinnen, dass unser Meister urplötzlich mit gesteigerter Kraft uns auf die nächste Stufe der Belehrung führt. Alles, was bisher geschah, war ein Kinderspiel (oder Babyspiel; es ist nichts ganz Neues, wir kennen die sich steigernde Anforderung unseres Meisters schon, wir wissen, er geht so sorgsam mit uns um, will uns nicht überfordern, trotzdem überraschen uns die Sprünge jedesmal wieder und wir denken, wie können wir diese Aufgabe lösen?). Die erworbene Sprache stärkt unser Kind zusätzlich. Jetzt steht es vor uns da und wirft uns einen Gegenstand vor die Füße, das Telefon. Beim ersten Mal landet es noch weich auf dem Teppich, beim zweiten Mal – mittlerweile haben wir unseren Unmut über diesen Telefonwurf geäußert – verteilt es sich auf dem Parkett. Der hintere Deckel fliegt durchs Zimmer und die beiden Akkus hinterher. Das Funkeln in den Augen unseres Sohnes beim zweiten Wurf ist voller Erwartung. Es ist überaus spannend, Eltern zu haben, was werden sie tun, was werden sie sagen, wie finden sie es, wenn ich dem, was sie sagen, nicht zustimme? scheint unser Kind zu denken. Ja, es fordert unseren tieferen pädagogischen Sinn heraus, der uns ersteinmal auf unseren Atem achten lässt. Wir sind keine Automaten, die sofort (ohne zuvor zu atmen) reagieren müssen. Überdehnt unser Kind unseren Nerv, schaffen wir mit unserem Atem einen geweiteten Raum, in dem dieser Nerv seine ganze Amplitude nutzen darf. So lassen uns nicht von unseren eigenen Nerven auspeitschen. Unser Kind mag einen Nutzen daraus ziehen, wie klug und deutlich wir uns verhalten. Wie wir unsere Stimme mäßigen und ihr dadurch Klarheit verschaffen, wie wir das, was unser Kind tut, nicht persönlich nehmen (wir sind Schüler! wir sind Schüler! rufen wir uns dabei zu), wie wir bekannt geben, was erlaubt und was nicht erlaubt ist, ohne uns als Götter aufzuspielen. Ja, unser Kind wird einen Nutzen aus unserem Verhalten ziehen, wenn wir selbst aus unserem Verhalten das Nützliche filtrieren. Die richtigen Regeln des Tuns, die notwendige Moral locken uns nur zu gern in die Falle, uns in ihnen und in ihr zu verlieren. Erst in dem Moment, in dem wir die Erregung, die uns angesichts einer ungeheuren Provokation eines winzigen Menschleins packt, ins Weite, Leere schwingen lassen, können wir zu uns selbst zurückkehren. (Das kommt uns noch besser vor als der bewußte Schrei.) Unser großer Nutzen dieser Übung ist, zum richtigen Sprechen zurückzufinden. Dazu treibt unser Meister uns an. Immer wieder und wieder und wieder. Mit ungeheurer Energie und Kraft stößt er uns in die gleichen, nervigen Situationen. Es ist, als müssten wir die Vielfalt der Zumutungen erst ertragen, dann abschütteln, um zu unserer heilige Einfalt zurückkehren zu können. Ein Telefon ist dann nicht mehr als ein Telefon. Ein zu Boden geworfenes Telefon ist nicht mehr als ein zu Boden geworfenes Telefon. Ein vor meine, deine Füße geworfenes Telefon ist nicht mehr als ein vor meine, deine Füße geworfenes Telefon. Und dann sprechen wir ganz einfach, den Ton, den wir anschlagen, halten wir schlicht, gut hörbar, unüberhörbar, glauben nicht an seine Einzigartigkeit, wissen, wir müssen ihn oftmals, vielmals in uns bilden, finden in der Wiederholung nicht Schwächung, sondern Kraft, bis uns endlich die Augen aufgehen, und wir sehen, weshalb wir sagen und tun, was wir sagen und tun: es ist der Kontakt zu unserem Kind, die Verbindung zu ihm, die Begegnung mit ihm (wir dachten, dies sei selbstverständlich, hätte natürlicherweise schon immer stattgefunden, jetzt erkennen wir, der Kontakt, die Verbindung, die Begegnung ist Arbeit des Schülers, so schwer, wie die richtige Stimmung einer Saite das beste Gehör erfordert; wir dürfen nicht vergessen: wir besitzen kein Stimmgerät, auch würde es uns nichts nützen. Unser Eigenklang, denken wir, kleben den angebrochenen Deckel des Telefons mit Tesafilm fest und tragen es zurück auf seine Ladeschale, während unser Kind uns bei alldem aufmerksam zusieht).

 

The nerve that we are

In German, the phrase “to string a bow” — “einen Bogen nerven” — acquires an odd ambiguity, allowing the “string” to double as a “nerve.” Are we not rigid bows that can only be bent and brought into pliant tension when a taut string connects our ends to each other? Or are we an (originally toneless) soundbox, into which a nerve, a string, is strung, or several nerves, several strings, that cause us to resonate? The tone that is produced may very well be painful, a special tone in that it makes us alive, an effect which we welcome, even as, on the other hand, it draws us into aliveness to such an extent that we sometimes feel stretched beyond comfort and wish we could return to toneless space. Our child has now become a busy bender and stringer of bows, hard to believe how much strength there is in him (or are we so weak? Liking to be weak?) Even a sweater can serve for a rampage. All the more when our child swings the garment without the slightest consideration. Time and again, over and over, the sweater whirls through the apartment, until it topples a standing lamp so effectively that a joint breaks (irreparably, god job). Our child can just as well abuse the hallway mirror with a shoe horn or the kitchen table with a knife and a fork. With the same knife one can use to shove food into one’s mouth or to lick it off the blade. Knocking is the general procedure, everything can be knocked against anything, but not everything fares well in the process. Sometimes the act springs from the scientific impulse to explore the way things react, sometimes it is an act of aggressive pleasure (yes, our child is not a little lamb), sometimes what’s behind it is the desire to point out the paralyzing boredom that may be prevailing at a given moment, sometimes it’s a provocation dedicated to the study of our equanimity and our No. Each time, our excitation increases (fortunately in a different manner and at different times in you than in me), setting off intense vibrations within us, which in turn incite us to become quite loud. Whenever a shout escapes us, we cringe, the sound of a shout is ugly, the string is vibrating too intensely, it springs back against the body that holds it, bends the bow close to the breaking point; the shout is a mishap, an awkwardness we get lost in. But the shout is also interesting for all participants. For we can definitely rediscover ourselves in such a shout if we produce it without a bad conscience, sonorously, in clear awareness. If we don’t permit ourselves to be lured into ranting by some evil demon but remain with the single shout, the one clear word, which expands quickly, bursts, and descends upon the one shouted at as a brief, energetic downpour. It happens rarely, even though we often feel like doing it. This could lead us to suppose that all of a sudden our master is taking us to the next level of instruction with increased vigor. Everything that happened until now was child’s play (or baby’s play; it’s not something completely new, we are already familiar with our master’s increasing demands, we know he is treating us with such solicitous care and does not want to expect too much of us, but nevertheless these transitionless leaps surprise us every time, and we think: how can we solve this task?). The acquisition of language fortifies our child additionally. Now he stands in front of us and throws an object at our feet, the telephone. The first time, it still lands softly on the rug; the second time – by now we have voiced our displeasure at this tossing of the phone – its constituent parts scatter across the parquet floor. The back cover flies through the room, followed by the two batteries. The gleam in our son’s eyes at the second throw is full of expectation. It’s quite exciting to have parents, our chuld seems to be thinking, what will they do, what will they say, how do they respond when I don’t agree with what they say? Yes, he is calling upon our deeper pedagogic instincts, which have us attend to our breathing before anything else. We are not robots who must react instantly (without breathing first). If our child strikes a nerve with what seems undue stress, we use our breath to create an expanded space in which this nerve can find its full amplitude. In this way we don’t allow ourselves to be whipped by our own nerves. Our child may derive some benefit from the clear and intelligent way we comport ourselves. The way in which we moderate our voice and thereby endow it with clarity, the way we don’t take what our child does personally (we are pupils! we are pupils! We call out to each other), the way we disclose what is permitted and what is not permitted without pretending to be gods. Yes, our child will derive benefit from our comportment if we ourselves distil what is useful in our comportment. The right rules of behavior, the necessary morality all too gladly lure us into the trap of losing ourselves in them and in it. Only at the moment when, in the grip of an agitation that has seized hold of us in view of an enormous provocation on the part of a tiny human being, we let that arousal vibrate out into vast empty space, can we return to ourselves. (This seems even better to us that the conscious shout.) The great benefit of this exercise for us is that it guides us back to true speech. That is what our master is impelling us to do, again and again and again. With tremendous strength and energy he pushes us into the same nerve-wracking situations. It’s as if we had to first endure and then shake off tall the varieties of annoyance in order to return to our own holy simplicity. Then a telephone is no more than a telephone. A telephone thrown to the ground is no more than telephone thrown to the ground. A telephone thrown at my, your feet is no more than a telephone thrown at my, your feet. And then we speak very simply, and the tone we strike is level, audible, unmistakable, we don’t believe in its unique significance, we know we must form this tone often, many times, within ourselves, finding in its repetition not a weakening but strength, until finally our eyes open and we see why we are saying and doing what we say and do: it is our contact with our child, our connection with him, our engagement with him (we thought this was obvious, that it had been happening all along in a natural course, but now we realize that contact, connection, engagement are the pupil’s work, as difficult as tuning the string of an instrument requires the most acute sense of hearing; we must not forget: we do not posses a tuner, nor would it help us if we did. Our own innermost sound, we think, pasting together the cracked back of the telephone with scotch tape and carrying it back to its charging tray, while our child watches us attentively).

 

 

 

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