Das zweite & dritte Jahr 44

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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44

Alles ernst nehmen. Alles: jede Regung, jede Äußerung, jeden Wunsch, jeden Widerstand, jedes Nein, jedes Ja, jede Fügung, jeden Gedanken und jeden Witz. Alles nehmen als das, was es ist. Den Wunsch als Wunsch, den Widerstand als Widerstand, das Nein als Nein … Nichts übergehen, indem wir es zu etwas Anderem machen. Oder zu Nichts, es ignorieren. Das Sensorium unseres Babys ist fein.Wir dürfen nicht davon ausgehen, es könnte irgendetwas nicht spüren. All unser Tun wirkt (das lässt uns nicht unser Größenwahn glauben, sind wir selber doch nur Folgen von Wirkungen). Wir könnten nicht verhindern, dass unser Tun wirkt. Unser Tun ist sofort Wirkung. Unser Tun: Worte, Taten, Gesten, das unendliche Reich unserer heimlichen Gedanken, Wünsche, Gefühle. So bringt uns unser Baby dazu, in Allem zu uns selbst zurückzukehren, uns fortwährend zu beobachten, uns niemals aus dem Auge (das weiter blickt als wir) zu verlieren. Es geht um unser Baby und es geht um uns. (Immer noch nennen wir unser Kind unser Baby, obwohl es uns dazu nur noch wenig Anlaß gibt. Dieses Benennen werden wir wohl nie aufgeben, nur nach innen verschieben. Unser Baby: wir nennen es auch so, um unserem Meister weiterhin habhaft werden zu können; denn die Meisterschaft begann mit dem Baby, und würden wir diesen Anfang aufgeben und nur noch von unserem Kind sprechen, glauben wir, würden wir die Tiefe unseres Meisters verlieren. Tief ist unser Meister, weil er unter unseren Blicken und deinen Schmerzen, die auch – wenn auch nur vermittelt durch dich – meine waren, geboren wurde.) Wir nehmen also ernst, was uns widerfährt, auch das kleinste Geschehen schütteln wir nicht ab, würde es uns auch leicht fallen. Unser Kind zieht seine Schuhe nicht an, will sie nicht anziehen, oder alleine, oder verkehrt , den rechten Schuh an den linken Fuß und den linken Schuh an den rechten Fuß und dann reißt unsere Geduld und ein Zorn überkommt uns (ein heiliger Zorn zweifellos, weil er uns, wenn wir auch ihn ernst nehmen, auf uns zurücklenkt), der uns zum Beben bringt und ins voreilige, eingreifende, entschiedene Handeln treiben will, als könnten wir auf diese Weise unseren Zorn besänftigen und zum Verglühen bringen. Aber es ist so: unser Kind zieht seine Schuhe nicht an! Das bedeutet: es will seine Schuhe nicht anziehen. Nichts sonst bedeutet es. Es ist kein Widerstand gegen uns und selbst wenn es einer wäre, wäre es eben nichts als ein Widerstand gegen uns. Lassen wir unser Kind seine Schuhe nicht anziehen. Solange es will. Lassen wir uns von unserem Zorn nicht dazu bringen, den Unwillen unseres Kindes nicht ernst zu nehmen. Einen Unwillen, der sein Wille ist. Unser Zorn lässt uns nur die Stimme erheben, ungeduldig etwas rufen, ungerecht werden, sogar überheblich. Lassen wir unseren Zorn bei uns, werfen wir ihn nicht über unser Kind, was immer wir uns einreden mögen, warum wir zu unserem Zorn berechtigt sind. Nie ist unser Zorn etwas anderes als unser Zorn! Er führt uns fort von uns, fort von unserem Kind, wirft uns aus der Welt in ein kleines, enges, hartes Universum, das nicht als diesen Zorn kennt.  Unser Baby, unser Kind, unser Meister bringt uns immer wieder dazu, zornig zu werden, oder wütend, oder enttäuscht, oder beleidigt, immer wieder entstehen diese kleinen, engen, harten Universen, eine Entstehung mit der sich unser Leben augenblicklich in Gefangenschaft, Selbstgefangenschaft verwandelt. Unser Baby, unser Kind, unser Meister lässt uns nicht in Ruhe. Denn wir müssen viel üben. Und so macht unser Sohn immer wieder das Gegenteil von dem, was wir als richtig erachten, sagt unser Sohn Nein, wenn wir gerne ein Ja hätten, läuft davon, wenn wir wollen, dass er bei uns bleibt, wirft zu Boden, was auf den Tisch gehört, zerreißt, was wir noch lesen wollten … Klug sind wir erst, wenn wir nicht mehr für unser Kind wollen, an seiner Statt wollen. Selig, die arm an Geist, denn ihnen gehört das Himmelreich lautet einer dieser biblischen Wundersprüche. In Meister Eckharts Deutung: Denn nur das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts verlangt. Wollen wir, wollen wir für unser Kind, gegen unser Kind, so gelangen wir schnell in die Hölle (auch sie ist ein kleines, enges Universum, wenn auch durchaus angenehm gewärmt, nicht unvertraut, ein leichter Ort, leicht zu erreichen, leichter als das Himmelreich allemal). Wollen wir nichts, wollen wir nichts für unser Kind, gegen unser Kind, so spannt sich rasch der Himmel über uns auf. Tatsächlich der Himmel: wir staunen. So einfach? Ist nicht einfach. Aber es gelingt, indem wir alles: jede Regung, jede Äußerung, jeden Wunsch, jeden Widerstand, jedes Nein, jedes Ja, jede Fügung, jeden Gedanken und jeden Witz ernst nehmen. Dann verliert sich unser Wille. Dann braucht es ihn nicht. Dann verliert sich der Zorn (Noch einmal Meister Eckhart: Die liebende Seele wird zornig von ihrer Selbsterkenntnis. So erweist sich unser Zorn doch wesentlich als unser Widerstand gegen die geringe Reichweite, die Ohnmacht unseres Willens. Einen Willen, den wir sogar bereit sind mit Gewalt durchzusetzen und zu erfüllen. So sind wir. Und so sind wir auch: wir lassen den Zorn zu Hause und sehen ab von uns und unser Kind zieht seine Schuhe an, den linken Schuh an den linken Fuß und den rechten Schuh an den rechten Fuß, unser Kind wirft nur den Löffel vom Tisch, aber schon nicht mehr die Gabel, unser Kind will dorthin gehen, wo wir hingehen wollen, und will es nicht dorthin gehen, wo wir hingehen wollen oder müssen oder sollen, dann sind wir nicht beleidigt, zornig, schlechtlaunig … weil unser Baby, unser Kind, unser Meister unsere Selbsterkenntnis vorantreibt und nicht müde wird sie zu wiederholen: wir sind nicht unser Kind und unser Kind ist nicht wir.)

Take everything seriously. Every impulse, every utterance, every wish, every resistance, every no, every yes, every fortunate acident, every thought, and every joke. Take everything as it is. The wish as a wish, resistance as resistance, the no as a no . . . Not bypassing anything by turning it into something else. Or into nothing, ignoring it. Our baby’s sensory apparatus is acute and subtle. We must not assume that he might not be aware of something. Every one of our actions has an effect (this is not a megalomaniacal notion, for we ourselves are no more than results and effects). We cannot prevent our actions from having an effect. Words, actions, gestures, the infinite realm of our secret thoughts, wishes, feelings. Thus our baby leads us to come back to ourselves in all things, observing us constantly, never letting us out his sight (which sees farther than we do). It’s all about our baby and it’s all about us. (We still call our child our baby, even though he no longer gives us much reason to do so. This is probably a name we will never give up but only displace inwards.  Our baby: one reason we call him this is to continue to have our teacher, our master at hand, for our mastery began with the baby, and we believe that if we gave up this beginning and only spoke of our child, we would lose our master’s depth. Our master is deep, because he was born among our gazes and in your pains, which were also – albeit only through your intermediation – my own.) So we take everything that happens to us seriously, refusing to shake off even the smallest event, however easy it might be for us to do so. Our child is not putting on his shoes, doesn’t want to put them on, or not by himself, or does it the wrong way, the right shoe on the left foot and the left shoe on the right foot, and then our patience wears thin and anger overcomes us (a holy wrath, no doubt, because, if we take it seriously too, it brings us back to ourselves), making us shake, trying to drive us into premature, intervening, decisive action, as if in this way we could pacify our anger, stifle its heat. But this is how it is: our child is not putting on his shoes! That means: he does not want to put on his shoes. It means nothing more than that. It’s not resistance against us, and even if it were his resistance against us, it would be nothing more than his resistance against us. Let us let our child not put on his shoes. As long as he wants. Let us not let our anger lead us to not take our child’s unwillingness seriously. An unwillingness that is his will. Our anger only moves us to raise our voice, to call out impatiently, to become a little unjust, even arrogant. Let us keep our anger to ourselves, let us not throw it at our child, no matter how convinced we may be that our anger is justified. Never is our anger anything other than our anger! It leads us away from ourselves, casts us out of our world into a small, narrow, hard universe that knows nothing but this anger. Our baby, our child, our little master makes us angry again and again, or furious, or disappointed, or offended; again and again these small, narrow, hard universes come into being, an emergence that immediately transforms our life into an imprisonment, a self-imprisonment. Our baby, our child, our master does not leave us in peace. For we need to practice a lot. And so our son keeps doing the opposite of what we consider to be the right thing; again and again our son says no when we would have like to hear yes, runs off when we want him to stay near us, throws to the ground what belongs on the table, tears up what we still wanted to read . . . We don’t wise up until we no longer want anything for our child, want anything in his stead. Blessed are the poor in  spirit, for theirs is the kingdom of heaven, it says in the Bible. In Master Eckhard’s interpretation: For only that man is poor who wants nothing and asks for nothing. When we want anything, want anything for our child, against our child, we swiftly go to hell (for hell, too, is a small, narrow universe, equipped though it is with a rather pleasant temperature, not unfamiliar, an easy place, easy accessible, certainly more accessible than the kingdom of heaven). If we want nothing, want nothing for our child, against our child, the expanse of heaven quickly spreads above us: the sky. Truly, there it is. We are amazed. Is it that simple? It is not simple. But it can be done if we take every impulse, every utterance, every wish, every resistance, every no, every yes, every fortunate accident and every joke seriously. Then our will dissipates. Then it is not needed. Then anger dissipates (once again Master Eckhart: The loving soul grows angry at her knowledge of herself. Thus our anger turns out to be mainly our resistance against the limited reach, the impotence of our will. A will we are prepared to assert and fulfill by force. This is how we are. And we are like this as well: we leave our anger at home and set ourselves aside and our child puts on his shoes, his right shoe on his right foot, his left shoe on his left foot, our child only throws a spoon from the table and already no longer the fork, our child wants to go where we want to go, and if he does not want to go where we want to or must or should go, then we are not offended, angry, ill-humored . . . because our baby, our child, our master is advancing our self-knowledge and never tires of repeating himself: we are not our child and our child is not us.)

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