Das vierte Jahr

Das erste Jahr Babybuddha jetzt auf:

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Von oben nach unten und zurück

Das Kind. Über den Dächern von Paris. Es steht vor der getönten Scheibe der obersten Etage des Centre George Pompidou und blickt still nach unten. Sein Kopf sinkt langsam nach vorne, bis die Stirn am Glas lehnt. Die Hände, die bisher noch in den Hosentaschen der gestreiften Latzhose steckten, kommen hervor, öffnen sich und legen sich links und rechts seitlich des Kopfes an die Scheibe. Jetzt sagt das Kind leise etwas zu sich, aber wir können es nicht verstehen. Langsam wandern wir durch die Ausstellung, entfernen uns mal mehr, mal weniger von unserem Kind, ohne uns je zu sorgen, wir könnten es verlieren. Wie auch könnte ein kleines Kind inmitten von Bildern verschwinden? Unser Kind? Ein Bild von einem Kind? Es gibt diese Momente, da wir weniger das reale Kind sehen, als vielmehr das Bild eines Kindes, das dadurch aufhört, zu jemandem zu gehören. Aber so genau wissen wir nicht, was ein Bild ist, nein, wir wissen es überhaupt nicht, können es nicht wissen, da kommt uns diese große Ausstellung mit Bildern von Cy Twombly hier oben ganz recht. (Wir könnten uns auf der Stelle widersprechen und behaupten, wir wissen ganz genau, was ein Bild ist, es ist das, was wir am allerbesten wissen, doch wir heben uns unseren Widerspruch für später auf.) „Es ist ein auffallendes Paradoxon in allen Kindermythen, dass einerseits das »Kind« übermächtigen Feinden ohnmächtig ausgeliefert und von beständiger Auslöschungsgefahr bedroht ist, andererseits aber über Kräfte verfügt, welche menschliches Maß weit übersteigen.“ schreibt C. G. Jung in Zur Psychologie des Kinderarchetypus. Ein Kinderarchetypus ist nichts anderes als ein Bild, das alle Menschen in sich tragen. Gerade kommt uns vor, als hätte dieses Bild konkrete Form angenommen, als könnten wir es außerhalb unserer selbst betrachten, wodurch unser Kind – obwohl es dort drüben steht – gleichsam verschwindet. So wird unser Kind, unser echtes, eigenes Kind zu etwas Inwendigem, das sich dort drüben vor den tausend sandfarbenen Schornsteinen (eigenartig kantige Gewächse, die aus dem dächernen Urgrund der Stadt emporwachsen) materialisiert hat: es kommt uns wie ein Fremder vor. Wie jemand, dem wir noch nie begegnet sind, ein ganz und gar Fremder. Weniger noch als ein Fremder, oder weit mehr als ein Fremder: Bilder sind viel weniger stabil, als es scheint, sogar diesem konkreten Bild eines Kindes droht seine Unfassbarkeit, wenn wir es anschauen. Andererseits sind Bilder viel stabiler, viel hartnäckiger, wetterbeständiger, unübertrefflicher, konkreter als konkret, als alles, was nicht Bild ist. Das Kind ist unsere Schwäche, die verletzbarste aller menschlichen Entwicklungsstufen, es ist unsagbar klein, aber dann ist es Supermensch, kann fliegen und durch Wände laufen, dank eines unbesiegbaren Willens, gegen den unser eigener nur ein Willchen ist. Im Bild des Kindes, das wir innen wie außen betrachten können, finden wir uns wieder: „kleiner als klein und größer als groß“. Sehen wir allerdings wieder hinüber zu unserem Kind, hat es sich schon wieder verwandelt. Es ist die Tücke (und durchaus gütige Heimtücke) des Bildes, dass es nur zu gerne seine Festigkeit vorgaukelt, um uns im nächsten Augenblick mit vollständiger Wandlung zu überraschen. (Wir haben Lust zu behaupten, Cy Twombly malt Archetypen, oder anders, so wie er malt, zeigt er uns, dass auch der Kindarchetypus etwas ist, das unter unserem Blick schmilzt, dass Bilder immer irgendetwas erkennen lassen, dass das Bildhafte die wundersamsten Verwandlungen durchläuft und sich doch immer gleich bleibt. Es wird uns besonders deutlich in Nine Discourses on Commodus, vor allem im sechsten Bild. Ist es nicht bezaubernd, dass unser Kind nichts einbüßt, wenn wir es als wenig gefüllte graue Leinwand betrachten, auf der es gerade explodiert ohne dabei seine Gestalt einzubüßen?) Unser Kind: wir rutschen von dem einen Bild ins andere, vom Konkreten ins Gefühlte, Geglaubte, Gedachte. Die Dächer von Paris: hier oben sein ist wie auf den Dächern leben; vielleicht ist gar nichts unter den Dächern. Zurück bei unserem Kind (es ist nicht durch die große Scheibe hinausgetreten, um nach einem kleinen Rundflug in einen der tausend Schornsteine hinaubzutauchen), beschließen wir, im Café etwas zu trinken, Wasser und Kindercappuccino. Erst kleckert es mit dem Milchschaum, dann verschüttet es Wasser, als es nach dem Glas greift. Eine kurze harmlose Auflösung eines ordentlichen Cafébesuchs ist das, was uns sofort glücklich macht. Es ist die Fortsetzung eines guten, gelungenen Ausstellungsbesuchs. In diesem Augenblick kommt das Allgemeine unseres Kindes mit seinem Besonderen zur Deckung. Wußten wir nicht schon immer, dass Kinder gefährlich sind? (Weil sie über allen Dächern stehen?)

 

From top to bottom and back again

The child over the roofs of Paris. Standing in front of the tinted plate glass window on the top floor of the Centre George Pompidou and gazing down silently. His head sinks slowly forward until his forehead is leaning against the glass. His hands, which a moment ago were still stuck inside the pockets of his striped overalls, come out, spread and lay themselves to the left and right of his head against the glass. Now the child softly says something to himself, but we cannot make it out. Slowly we walk through the exhibition, moving away from our child at times, then moving closer to him again, without worrying that we might lose him. How could a little child get lost in the midst of pictures? Our child? A picture of a child? There are moments when we don’t see our child so much as an image of a child, which thereby ceases to belong to anyone. But we’re not all that certain as to what is an image, in fact we don’t know it at all, cannot know it, and so this large exhibition of pictures by Cy Twombly seems well-timed indeed. (We could immediately contradict ourselves and assert that we know very well what an image is, it’s precisely what we know better than anything else, but we set our objection aside for later.) “It is a striking paradox in all the myths of childhood that on one hand the ‘child’ is helplessly at the mercy of all-powerful foes and constantly threatened with extinction, while on the other hand he possesses powers that far exceed all human capacity,” writes C. G. Jung in The Psychology of the Child Archetype. A child archetype is nothing other than an image that all human beings carry within themselves. Just now it seems to us as if this image had assumed concrete form, as if we could observe it outside ourselves; consequently our child — though he is standing over there – disappears, as it were. Thus our child, our genuine, own child, becomes something inner that has materialized out there in front of the thousand sand-colored chimneys (oddly hard-edged plants that have grown from the roofy ground of the city): he seems like a stranger. Like someone we have never met before, or far more than a stranger: images are much less stable than they appear to be, even this concrete image of a child is threatened by its incomprehensibility when we look at it. On the other hand, images are much more stable, much more stubborn, weather-resistant, unsurpassable, more concrete than concrete, than anything that is not an image. The child is our weakness, the most vulnerable of all human stages of development; it can fly and walk through walls, thanks to an unconquerable will, compared to which our will is a tiny thing. In the image of a child, which we can consider from outside and inside, we find ourselves again: “smaller than small and greater than great.” If we now look back at our child, however, he has already changed. It is the guile (and the thoroughly kindly insidiousness) of the image, that it loves to tease us with its apparent solidity only to surprise us at the next moment with a complete transformation. (We are tempted to assert that Cy Twombly paints archetypes, or, to put it differently, that the way he paints shows us that the child archetype, too, is something that melts beneath our gaze, that images always indicate something, that imagery undergoes the most wondrous transformations and yet never ceases to be itself. This becomes particularly obvious to is in Nine discourses on Commodus, especially in the sixth painting. Is it not marvelous that our child loses nothing if we regard him as a sparsely filled gray canvas on which, just now, he is exploding without thereby losing his likeness?) Our child: we slide from one configuration to the next, from the concrete, to the felt, the believed, the imagined. The roofs of Paris: to be up here is to be living on the roofs; maybe there is nothing beneath the roofs. Back with our child (he did not step through the great window to sail around and dive into one of the chimneys), we decide to drink something in the café, water and a children’s cappuccino. First he makes a small mess with the foamed milk, then he spills the water as he reaches for the glass — a brief harmless dissolution of our well-mannered café visit, which immediately makes us happy. It is the continuation of a good, successful visit of an exhibition. At this moment the universality and the particularity of our child become one and the same. Didn’t we always know that children are dangerous? (Because they stand above all roofs?)

 

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